Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 3: Uwe Voehl

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Uwe Voehl, geboren 1959. Es ist mir kaum möglich, Uwe Voehl ohne ein paar persönliche Worte vorzustellen, denn er begleitet meine schreibende Seite fast von Beginn an. Immer wieder, jetzt seit mehreren Jahrzehnten, kreuzen sich unsere Wege, damit wir jeweils wieder in irgendeiner Form zusammenzuarbeiten. So ist Uwe Voehl auch Lektor der Hauptkategorie  von dandelion | abseitige Literatur, was mir einige wohltuende Freiheiten beschert. In letzter Zeit ist er hauptsächlich als Herausgeber der E-Book-Reihe Horror Factory bei Bastei-Lübbe und beim selben Verlag als Autor einer Krimi-Serie hervorgetreten, die bisher die Bände Blut und Rüben (2011), Tod und Schinken (2012) und Dinner mit Mord (2014) umfasst. Uwe ist auch zu finden auf seiner Seite uwevoehl – Lieben, leiden, sterben

Liebe ist für mich etwas Vergängliches. Das Haltbarkeitsdatum ist schnell überschritten. Schneller, als es so manches Liebespaar in der Realität wahrhaben will.
Lieben kann ich nur im Hier und Jetzt. Nicht in der Schwärmerei verflossener Liebschaften mich verlieren. Daher glaube ich, dass sich Liebe nur in der Kunst konservieren lässt: Auf der Bühne, in Filmen und Büchern zum Beispiel: Angelique, Doktor Schiwago, Vom Winde verweht, Jenseits von Afrika, Romeo und Julia sind zeitlose Beispiele.
Bei mir kommt hinzu: Wie bei der Liebe, so ergeht es mir mit Büchern. Sie werden mir fremder, je länger es her ist, dass ich sie gelesen habe. Ein paar sind zu guten Freunden geworden, zu verlässlichen Partnern, aber Liebe? Selbst die ergreifendsten Liebesgeschichten verblassen in der zeitlichen Entfernung.
Daher habe ich drei Romane gewählt, in denen einerseits das Thema Liebe eine Rolle spielt und die mir andererseits noch gegenwärtig genug sind, dass ich sie mir zu eigen machen kann. Eines davon, lese ich gerade eben:

Die Frau auf der Treppe von Bernhard Schlink
buecher-schlink-hermannDas titelgebende Bild zeigt eine Frau, die eine Treppe herabkommt: „Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts. Nackt, blass und blond – vor einem graugrünen Hintergrund verschwommener Treppenstufen und –wände kommt die Frau dem Betrachter mit schwebender Leichtigkeit entgegen. Zugleich hat sie mit ihren langen Beinen, runden, vollen Hüften und festen Brüsten sinnliche Gewichtigkeit“.
Um dieses Bild streiten sich zunächst der Maler als auch der schwerreiche Ehemann. Hinzugezogen, diesen Streit zu schlichten, wird ein junger Rechtsanwalt. Spröde und wenig erfahren im Umgang mit Frauen, verliebt er sich zunächst in das Bild und dann in die Frau. Was zunächst als zarte Liebesgeschichte brüsk endet, findet vierzig Jahre später seine Fortsetzung: Der Rechtsanwalt ist längst im Herbst seines Lebens angekommen, erfolgreich und welterfahren stößt er zufällig in Sydney auf das verschollen geglaubte Bild.
Und augenblicklich erfassen ihn abermals die Leidenschaft und Tollkühnheit der Jugend: „… legte ich mich ins Gras. In meinem Anzug – die Vorstellung, später in einem knittrigen, vielleicht fleckigen Anzug herumzulaufen, die mich sonst geschreckt hätte, schreckte mich nicht … Bei allem, was vor mir lag, war ich ersetzbar. Nicht ersetzbar war ich nur bei dem, was hinter mir lag.“
Bevor er sich jedoch auf die Suche nach der Frau macht, die mittlerweile ebenfalls in Australien lebt, geschieht etwas mit ihm, was allein die Kraft der Liebe bewirken kann: Er verbummelt den Tag, gibt sich allein dem Augenblick hin: „… einfach sitzen und schauen und in die Sonne blinzeln und träumen, Stunde um Stunde … und wieder einen Platz zum Sitzen und Schauen und Blinzeln und Träumen finden – ich habe es damals gemacht und danach erst wieder in Sydney.“ Dazwischen liegen, wie gesagt, vierzig Jahre. Vierzig Jahre, in denen er ein normales bürgerliches Leben gelebt, eine Familie gegründet und als erfolgreicher Rechtsanwalt seine Pflicht, so sagt man wohl, erfüllt hat.
Der Umschwung, das zweimalige Erwachen bedingungsloser Leidenschaft, wirkt, wenngleich dazwischen besagte vierzig Jahren, nachvollziehbar und glaubwürdig.
Gibt es so etwas in Wirklichkeit? Ich glaube nicht. Und selbst der Autor, im wirklichen Leben ebenfalls Jurist, sagt, Die Frau auf der Treppe, die übrigens Irene heißt, zwar geschaffen zu haben, aber begegnet ist er ihr noch nicht. Obwohl er zugibt: „Irene könnte mir gefallen.“
Soll man das einem Autor abnehmen, der behauptet, keine Leidenschaften zu haben? Wo noch nicht einmal das Schreiben selbst ihm Leidenschaft abringt: „Ich mag die Schönheit der Klarheit. Im Schreiben, im Denken, im Raum, den ich um mich habe und der eher zu leer als zu voll sein muss.“
Nein, ich glaube ihm nicht, dem Herrn Autor. Wer Die Frau auf der Treppe liest, erkennt darin die Handschrift eines Träumenden, der die Liebe und die Leidenschaft perfekt zwischen zwei Buchdeckel zu bannen versteht.

Die Vollidioten von Eckhard Henscheid
g-Henscheid-Eckard-die-VollidiotenIm Untertitel als „ein historischer Roman aus dem Jahr 1972“ beschrieben, ist das Werk dieses Jahr in einer sehr schönen, von F. K. Wächter illustrierten Neuausgabe bei Schöffling & Co erschienen. Während bei Bernhard Schlink die unbedingte Liebe beschrieben wird, ist es bei Eckhard Henscheid eher die Schwärmerei für wechselnde Frauen, insbesondere für ein Frl. Czernatzke („eine kleine und sehr adrette Frauensperson, die stets zugleich kampflustig und hingebungsvoll dreinschaut und ihr reizendes Stupsnäschen keck und erwartungsvoll in die Luft hält, ganz so, als ob der Bräutigam schon im Anzug wäre“), die von den Männern eigentlich nur einem Ziel dient: „Flachlegen.“
Der Ich-Erzähler (dem man übrigens zu keiner Zeit Glauben schenken und auf den Leim gehen darf), bezeichnet sich in der hauptsächlichen Liebesaffaire als „eine Art Bote, Berater, ein Postillon d’amour“, ist aber genau wie all die anderen Kerle nur auf das eine aus (siehe oben). Zwar ist viel von „heftigem Flattern und Herzflimmern“, „Zuneigung“ und sogar „Liebe“ die Rede, aber das Ziel bleibt immer nur das eine: „Ich wollte die Czernatzke flachlegen. Ich habe gedacht, bis 8 Uhr wäre alles durchgezogen.“
Auf die verschwurbelte Sprache muss man sich einlassen: Sie ist dem Umstand geschuldet, dass der Autor zuvor mit Bernd Eilert mehrere Dostojewki-Essays verfasste und auf die Idee kam, einen Roman in diesem „komisch sehr ergiebigen halbnärrischen bzw. durchtrieben kunstvoll aufgeregten Dostojewskischen Plapperton von angetäuschter Désinvolture“ zu schreiben. Aber keine Angst, der Roman spielt ja nun in einem Jahr, das mit zu den politisch aufregendsten gehört. Von RAF und dergleichen ist zwar nicht die Rede, der Roman beschreibt, so des Autors Wille, eher die Alltagsbanalitäten in Frankfurter Kulturkrauterkreisen, und so begegnen uns nicht nur genannter F. K. Wächter, sondern viele andere auch heute noch bekannte Namen aus der damaligen Schreiber-, Künstler- und Publizistenszene. Und wann liest man heutzutage noch so schöne Worte wie „Schnauzbart“, „Pep“, „verknallt“ und „Flippergeräte“? Insofern ist der Roman voll und ganz seiner Zeit verhaftet, man trinkt Jasmin-Tee, besucht „Fußballplätze“ und verbringt ansonsten den Tag damit, zu überlegen, Frauen flachzulegen (wozu es jedoch so gut wie gar nicht kommt. Insofern ist es kein sexistisches Buch: Die Männer entlarven sich selbst, während es wie meistens die Frauen sind, die letztlich bestimmen, mit wem sie Herz und Bett teilen).

Joyland von Stephen King
melokhiderking100_v-TeaserAufmacherJoyland hat mich nach einem viertel Jahrhundert wieder mit Stephen King versöhnt. Ob es sich dabei um einen Horror- oder einen Serienkiller-Roman handelt, ist dabei unerheblich. Denn Joyland ist in erster Linie ein Liebesroman. Er spielt um das Jahr 1973, aber das Zeitkolorit spielt eine eher untergeordnete Rolle. Erzählt wird die Geschichte des 21-jährigen Collegestudenten Devin Jones, der sich in den Sommerferien im Vergnügungspark Joyland das Geld fürs Studium verdient. Soeben hat seine Freundin Wendy mit ihm Schluss gemacht. Da lernt er auf dem Weg zum täglichen Arbeitsplatz zunächst einen Jungen im Rollstuhl kennen und als Nächstes dessen Mutter. Ich will es kurz machen: Die Liebesnacht (die einzige) zwischen den beiden, die Stephen King auf knapp neun Seiten schildert, ist die großartigste, schönste und gänsehauterzeugenste Coming-of-Age-Szene, die ich kenne. Hier zeigt sich die gereifte Handschrift eines inzwischen begnadeten Meisters.
Bei mir hat er damit das alte Feuer wieder entfacht.

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