Vernon Lee | Amour dure

Originaltitel: Amour dure (1887)

Vernon Lee - Amour Dure

Ein junger Historiker entwickelt eine obsessive Liebe für eine seit Jahrhunderten tote femme fatale. Und er weiß sehr wohl, was er da tut, wenn er die zarte Spur ihres einstigen Lebens aufnimmt. In beeindruckend stimmunsvollen Bildern beschwört Vernon Lee in dieser Erzählung eine längst vergessene Epoche herauf.

Spiridon Trepkas Ausspruch “Ich habe mich der Geschichte verlobt, der Vergangenheit“ könnte wahrscheinlich stellvertretend für alle Texte Vernon Lees stehen, denn Zeit ihres Lebens war sie von der Vergangenheit fasziniert und erlaubte ihren Charakteren das, was ihr selbst im realen Leben (natürlich) versagt blieb: die Schemen der Vergangenheit mit ihnen in eine empathische Kommunikation treten zu lassen.
Wie fragil diese Kommunikation ausfallen kann, zeigt sich in Vernon Lees “Amour dure“ [“Amour dure“], einer ihrer gleichzeitig schön-schauerlichsten und folgenreichsten Erzählungen.
“Amour dure“, in Tagebuchform angelegt, belegt Spiridon Trepkas Reise in die italienische Gemeinde Urbania, jener von alten Kirchen, Steinpalästen und verwinkelten Gassen geprägter Region. Beginnend im Herbst 1885 stellt uns der Text einen mehr als galligen Erzähler vor. Gerade mal 24 Jahre alt und schon renommierter Geschichtsforscher, ist er seiner Wahlheimat Berlin, “diesem hassenswerten Babylon“, entflohen – einem Reisestipendium sei Dank. Seine Meinung über sich selbst ist nicht sehr hoch, sieht er sich doch als Pole, “der es dahin gebracht hat, einem pedantischen Deutschen zu gleichen, Doktor der Philosophie, ja sogar Professor, gekrönter Autor eines Essays über die Tyrannen des fünfzehnten Jahrhunderts“.
In der Folge konkretisiert sich das Objekt seiner Forschungen, denn schon “bevor ich hierher kam, fühlte ich mich durch eine sonderbare Frauengestalt angezogen, die mir in den ziemlich trockenen Blättern über diese Stadt […] begegnet war.“
Trepkas von giftendem Humor durchzogenes Tagebuch zentriert sich zunehmend auf Medea da Carpi, einer Dame höheren Standes, die vor rund 300 Jahren lebte und wegen ihrer “Schuld am Tod von fünfen ihrer Liebhaber“ im Dezember 1582 mit nur 27 Jahren unschädlich gemacht wurde.
Wie Trepka uns an Hand seiner Recherchen darlegt, war Medea eine Frau von gefährlicher Schönheit, deren Hinwendung keiner ihrer liebeskranken Anbeter überlebte. “Sie hat die magnetische Kraft, sich alle Männer dienstbar zu machen, die ihr in den Weg kommen“, schreibt Trepka.
Vernon Lee war ein viel zu unabhängiger Geist in einer Zeit, als Frauen praktisch entrechtet waren, dem modrigen Gesetzbuch des Patriarchats unterworfen, als dass sie Medea nur als eindimensionales femme fatale angelegt hätte. So ist Medea nicht nur abgrundtief verderbt; indem Vernon Lee die Geschlechterrollen vertauscht, ist sie auch Lees Medium einer kodierten feministischen Sprache. Medea folgt ihrer eigenen Gesetzgebung. Ihre Antwort auf Zwangsheirat und lebenslange Unterwerfung ist eine blutige Spur ihrer ausschließlich männlichen Opfer.
Wie schon Alice Okehurst aus “A Phantom Lover“ [“Oke von Okehurst“] dient auch Medea Vernon Lees leidenschaftlicher Anbetung des weiblichen Körpers. Wenn Trepka über Medea schreibt: “Der Teint ist blendend weiß, von der Durchsichtigkeit rosig angehauchter Lilien, wie er Rothaarigen eigen ist“, ist das vermutlich nicht nur die Beschreibung eines rein literarischen Charakters.
Es ist außerordentlich spannend mitzuverfolgen, wie Trepka sich an Medeas fast verblichenen Schatten heftet und sich immer tiefer in den Sog der Leidenschaft ziehen lässt. Verbunden mit den begnadeten Landschafts- und Gebäudebeschreibungen sowie traumhaften Stimmungsbildern einer antiken, unter der Stille fallenden Schnees geschmückten Landschaft, gehört Trepkas Fall in die obsessive Liebe zum Makellosesten, was die phantastische Literatur zu bieten hat.
Trepka, “ich melancholischer, armer Teufel, eine Figur wie Hamlet“, daran herrscht bald kein Zweifel mehr, verfällt Medea, die er bis dahin lediglich von gemalten Porträts kennt, zusehends. Seine Lebensbeichte macht ihn zu einer tragischen Figur: “Wo ist heutzutage eine zweite Medea da Carpi zu finden? (Denn ich bekenne, dass sie mich verfolgt.) Wenn es nur möglich wäre, einer Frau von dieser außerordentlichen, von dieser erhabenen Schönheit, zu begegnen, einer Frau mit dieser entsetzlichen Natur.“ Er verzweifelt daran, wegen seiner hohen Erwartungen sein Leben lang allein geblieben zu sein. Zunehmend seines Lebenswillens beraubt, ist er bereit, sich Medea als Opfer anzubieten, denn die “Dame meines Herzens“ materialisiert zunehmend für ihn. Erst sind es “Briefe von ihrer Hand“, denen “ein unbestimmter Duft wie von weiblichem Haar“ zu entströmen scheint, dann häufen sich die Zeichen, dass Medeas Epiphanie sehr bald bevorzustehen scheint.
Und dann ist endlich der Vorabend zu Heiligabend. Es schneit. Eisige Stille bedeckt das Land. Und Trepka schreibt in sein Tagebuch: “Die Liebe einer solchen Frau genügt, aber es ist eine verhängnisvolle Liebe. […] Auch ich werde sterben. Und warum auch nicht? Wäre es möglich, weiter zu leben, um eine andere Frau zu lieben? Wäre es möglich, ein elendes Dasein wie dieses länger zu ertragen, nach einem Glück, wie es der morgige Tag bringen wird?“

Deutsche Übersetzung: „Amour dure“, übersetzt von Susanne Tschirner auf Basis einer klassischen Übersetzung von M. von Berthoff, in: Vernon Lee, Amour dure (Köln: DuMont, 1990)

Anmerkung: Als Vernon Lees Inspirationsquelle für die äußerliche Beschreibung der Medea di Carpi wurde Agnolo Bronzinos Porträt der Lucrezia di Panciatichi ausgemacht. Man achte in vergrößerter Ansicht auf ihre Kette.

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Vernon Lee | Winthrops Abenteuer

Originaltitel: A Culture-Ghost; or, Winthrop’s Adventure (1881)

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Ein junger, introvertierter Künstler fühlt sich in dieser elegant erzählten Schauergeschichte weitaus mehr zu dem Porträtgemälde eines lange toten Sängers hingezogen als er selbst wahrhaben will, da es sein homosexuelles Erwachen auslöst.

Es ist ein großer Glücksfall, wenn eine Gelehrte wie die unter dem Pseudonym Vernon Lee publizierte Violet Paget neben ihren Fachgebieten auch noch das Handwerk des fiktiven Schreibens beherrscht und beides zu einer faszinierenden literarischen Melange zu verschmelzen weiß. Schon in jungen Jahren autodidaktisch zu einer Ehrfurcht gebietenden Kapazität und Pionierin in Bereichen wie Kunst, Reise und Ästhetik herangewachsen, schrieb sie auch Romane, die jedoch heute vergessen sind. Nicht vergessen wurden um die zwanzig ihrer  Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen, die die Synthese von Kunstwissen, Psychologie und dem Übernatürlichen zu beeindruckenden Resultaten führen. Vernon Lees imaginäre Chroniken flirten zumeist mit der Vergangenheit und bergen eine dunkle und gefährliche Schönheit, die nach der Gegenwart greift. Was Lees Geschichten von denen vieler ihrer in ähnlichen Gewässern navigierenden Zeitgenossen abhebt, ist die enorme Kraft ihrer Sprache und ihr ironischer, bisweilen giftiger Humor. Noch heute wirken ihre Texte außergewöhnlich alterslos, ja, geradezu modern.
Eine der frühesten ihrer Schauergeschichten ist “A Culture-Ghost; or, Winthrop’s Adventure“ [“Winthrops Abenteuer“], die bereits über alle Attribute verfügt, die Vernon Lees erzählerisches Phantastik-Werk so unwiderstehlich machen.
Der Engländer Julian Winthrop ist ein sprunghafter, in sich gekehrter junger Künstler, der sich weitgehend mit Nichtstun mehr als auskömmlich über Wasser hält und als respektabler Gast der feinen Gesellschaft wegen seiner Verschrobenheit gern gesehen ist. Während eines Aufenthaltes in Florenz trägt die Gastgeberin einer Abendgesellschaft ihre neue Errungenschaft vor, ein bislang völlig unbekanntes Lied eines vergessenen Komponisten aus der Zeit um 1780, das Winthrop schlagartig erbleichen lässt. Überstürzt verlässt er die Gesellschaft, kehrt aber später zurück, um sein Verhalten dann doch noch zu erklären.
So erzählt er, wie er während eines Streifzugs mit Verwandten durch die Lombardei einem kauzigen Sammler musikalischer Memorabilia begegnet, in dessen, einem Museum ähnelnden verfallenden Palast, sich ein Zimmer befindet, in dem ein altes Gemälde hängt – das Halbfigurenbild eines Mannes im Kostüm des 18. Jahrhunderts, das einen Sänger zeigt, der ein Notenblatt in der Hand hält; identisch mit dem, von dem später Winthrops Gastgeberin während ihres Gesangs ablesen wird.
Das Bild schlägt Winthrop in seinen Bann. Wie der kauzige Besitzer ihm erzählt, handelt es sich um den einst renommierten Sänger Ferdinando Rinaldi, der hundert Jahre zuvor lebte und eines gewaltsamen Todes starb.
Winthrop schöpft fortan jede Möglichkeit aus, einen Blick auf das Bild zu werfen, und Vernon Lee nutzt das Gemälde als Katalysator für die nun erwachende unterdrückte Sexualität Winthrops. So schwärmt Winthrop in homoerotisierter Sprache von den “üppigen roten“ und “wohlgeformten Lippen“ Rinaldis und preist seine “wunderschöne, rundliche, weiße, von blauen Äderchen durchzogene Hand“ sowie zwei “wundervolle Augen“.
Lauscht man den Biographen, dürfte unbestritten sein, dass Vernon Lee Frauen liebte. Zeit ihres Lebens litt sie demnach unter ihrer zwangsreduzierten Sexualität, und genau das fließt in die meisten ihrer Erzählungen ein – nie deutlich offen, immer der jeweiligen fiktiven Situation angeglichen. Auch Winthrops Sexualität liegt außerhalb der gesellschaftlichen Normskala. Allein die Beschreibungen des gemalten Rinaldi weisen ausgesprochen deutlich in Richtung einer gleichgeschlechtlichen Leidenschaft, aber noch demonstrativer wird Vernon Lee, wenn Winthrop sich allein in den Raum schleicht, um das Gemälde zu betrachten. Diese Begegnungen Winthrops mit dem Konterfei Rinaldis besitzen eine derartige Intimität, als handele es sich um Rendezvous. Die Andersartigkeit dieser Verbindung wird zusätzlich noch in eine andere Richtung gelenkt, indem Vernon Lee den Hinweis streut, Rinaldis Antlitz habe etwas “Unmännliches“. Dies und der Verweis auf seine “süße, sanfte Stimme“ legen nahe, dass Rinaldi ein Kastrat war.
Als sich Winthrops Aufenthalt in der Lombardei seinem Ende zuneigt, wird es wohl oder übel Zeit für ihn, sich von Rinaldis Präsenz zu lösen. Monate später jedoch kehrt Winthrop zurück und nimmt die Spur zu einer verfallenen Villa auf, in der Rinaldi gelebt hat und ermordet wurde.
Diese Suche Winthrops, die eine Suche nach seinem Selbst ist, veredelt Vernon Lee durch wunderbare Landschaftseindrücke. Auch Lees Wahrnehmungen der Landbevölkerung müssen aus erster Hand stammen. Denn voller Zuneigung beschreibt sie die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft, die Winthrop dort erfährt und nutzt die passende Gelegenheit, sich über die Überbewertung von Kunst lustig zu machen, was wirklich witzig ist. So wie hier: “Ich händigte den Frauen mein Skizzenbuch aus; sie […] hielten alle Pferde für Ochsen und alle Männer für Frauen, riefen durcheinander und gaben spitze kleine Entzückensschreie von sich.“
Das effektvolle Finale von “A Culture-Ghost; or, Winthrop’s Adventure” führt letztendlich dahin, wohin Winthrop bereits die ganze Zeit driftete. Die spektrale Anwesenheit Rinaldis konfrontiert Winthrop mit seinen tiefsten Begierden und lässt ihn letztlich entsetzt davor fliehen.
Und damit befinden wir uns wieder am Anfang der Geschichte, als Winthrop die Gastgeberin Rinaldis Lied singen hört und ihm damit unwissentlich vor Augen führt, dass es in Wirklichkeit kein Entrinnen vor dem gibt, was so gewichtig und tief in seinem Inneren ruht.

Deutsche Übersetzung: “Winthrops Abenteuer“, übersetzt von Susanne Tschirner, in: Vernon Lee, Amour dure (Köln: DuMont, 1990)

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Amelia B. Edwards | Salome

Originaltitel: The Story of Salome (1867)

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Eine Liebesgeschichte, die erst im Tod beginnt. Wunderschöne Landschaftsbeschreibungen und Melancholie bestimmen den Klang dieses traurigen kleinen Juwels.

Die Geister in der Masse der klassischen Geistergeschichten des viktorianischen Englands scheinen das einzige erklärte moralische Ziel zu haben, Rache zu üben, das Fürchten zu lehren. Amelia B. Edwards, die eine Reihe von realistischen Romanen und eine Handvoll Geistergeschichten schrieb, geht einen anderen Weg. Der weibliche Geist in ihrer atmosphärischen, sehr einnehmend geschriebenen Kurzgeschichte “The Story of Salome“ [“Salome“] ist da schon eher eine Ausdrucksform für Melancholie, für unendliche Traurigkeit. Dem Ich-Erzähler Harcourt Blunt, Maler aus England auf Europareise, droht zu keinem Zeitpunkt Gefahr – außer der, sein Leben lang unglücklich zu sein, wie der letzte Satz der Geschichte impliziert.
Eigentlich ist es ja Blunts Kindheitsfreund und Reisegefährte Coventry Turnour, der sich ständig neu verliebt. Diesmal hat es ihn in Venedig erwischt. Voller Enthusiasmus schleppt er Blunt zu einem Händler orientalischer Waren und zeigt ihm Salome, die Tochter des Händlers, ohne bisher überhaupt ein Wort mit der wunderschönen Jüdin gewechselt zu haben. Auch Blunt ist gefangen von ihren “melancholisch glänzenden Augen“, von der “durchscheinenden Blässe ihres Teints und der makellosen Feinheit ihrer Züge“. Als Turnour sich interessiert an einem Schmuckstück zeigt, fühlt sich Blunt “wie von einer jungen Kaiserin bedient.“
Nur wenige Tage später ist auch diese Liebesepisode für Turnour vorbei, denn offensichtlich ist er bei der “schönen Salome“ abgeblitzt.
Nach fast einem Jahr führen seine Wege Blunt wieder nach Venedig. Wie er sich eingestehen muss, nimmt Salome sehr viel mehr Raum in seinen Gedanken ein, als er uns zuvor preisgegeben hat. Als er feststellen muss, dass der Platz des orientalischen Händlers inzwischen verwaist ist, weiß er, dass er Salome finden muss.
“The Story of Salome“ ist die Geschichte einer Liebe, die in der Geschichte nicht stattfindet. Sie ist auch die Geschichte einer religiösen Suche. Um die gerade wiedergefundene Salome nicht sofort wieder zu verlieren, ist Blunt bereit, ein Sakrileg zu begehen. Sein gesamtes Leben lang wird die Traurigkeit sein Begleiter sein. Sein gesamtes Leben auf Erden.

Deutsche Übersetzung: “Salome“, übersetzt von Anne Rademacher, in: Anne Rademacher (Hrsg.), Gespenstische Frauen (München: dtv, 2004)

George Eliot | Der Schleier hebt sich

Originaltitel: The Lifted Veil (1859)

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In geradezu modern zu lesender Wortgewalt zerschmettert die große George Eliot in dieser kaum bekannten metaphysischen und psycholgischen Schauergeschichte die Obsession eines hochsensiblen Mannes für eine begehrenswerte, dämonische Frau.

Ihrem Verleger passte es überhaupt nicht, dass George Eliot (Pseudonym von Mary Ann Evans auf Lebenszeit) ihm nach Veröffentlichung ihres ersten Romans Adam Bede [Adam Bede] das Manuskript der finsteren Schauernovelle “The Lifted Veil“ [“Der Vorhang hebt sich“] auf den Tisch legte, ist der Text doch eher in der Nähe Edgar Allan Poes angesiedelt als in der ihrer bisherigen realistischen Prosa. Er lehnte die Geschichte ab und verfrachtete sie in ein Literaturmagazin – anonym, damit ja nichts den guten Ruf seiner erfolgsversprechenden Autorin befleckte.
Es ist eigentlich müßig zu spekulieren, was passiert wäre, hätte Eliots Verleger die Autorenschaft ausgewiesen. Aber solche Fragen sind faszinierend und stellen sich immer wieder in der Literaturgeschichte. Wäre Patricia Highsmith anstatt einer Thriller-Autorin eine Autorin sensibler lesbischer Beziehungsromane geworden, hätte ihr zweiter Roman The Price of Salt [Salz und sein Preis] seine Erstveröffentlichung nicht unter Pseudonym erfahren? Hätte George Eliot anstatt ihrer späteren großen Gesellschaftsromane vielleicht eher metaphysische, philosophische Phantastik geschrieben, wäre “The Lifted Veil“ unter ihrem Autorenpseudonym erschienen? Das entsprechende Umfeld einer am Okkultismus interessierten Literaturgemeinde und eine wahre Modewelle Geistergeschichten schreibender, vom Patriarchat in den Haushalt verbannter Frauen hätten die optimale Umrahmung dafür sein können.
Aber, wie auch immer, “The Lifted Veil“ blieb Eliots einzige phantastische Prosa. Ein Bastard in ihrem realistischen Gesamtwerk einerseits und andererseits selbst von ausgewiesenen Kennern der phantastischen Literatur übersehen.*
Im September 1850 eröffnet uns Latimer in erster Person, dass er bald an seiner Angina pectoris sterben werde. Das ist an sich noch nichts Außergewöhnliches, wäre da nicht die erstaunliche Ruhe, mit der er diese als Faktum dastehende Aussage äußert und die Tatsache, dass er offenbar sogar die Uhrzeit seines bevorstehenden Todes kennt.
Rückblende. Latimer erzählt uns von seiner ersten Lebenstragödie, dem frühen Tod seiner liebevollen Mutter. In der Kommerzwelt seines Vaters, des erfolgreichen Bankers, ist er ein Versager. Er ist einer, der sich “nach Mondstrahlen sehnte“, der blasse Künstler, der nicht in die Gesellschaft passt. Dass er kein ganzer Kerl ist, wie es ihm sein Vater und sein Bruder ständig vor Augen führen, denkt er bald selbst: “Ich glaube, man fand mich damals auf weibisch-geisterhafte Art schön.“ Er ist der weltabgewandte Grübler, “kaum empfänglich […] für Vergnügungen.“
Mit Anfang zwanzig stellt er fest, dass er extrem sensible, geradezu empathische Fühler hat, durch die er spürt, was die Menschen in seiner Nähe denken und empfinden. Daneben hat er von einer Minute auf die andere, Visionen, die ihm kurze Einblicke in die Zukunft gewähren. So überfällt ihn eine Szene, in der sein Vater und sein Bruder mit einer auffallend schönen Frau bei ihm auftauchen. Die Szene wird Realität. Latimer lernt Bertha kennen.
Bertha Grant ist eine dieser literarischen Frauengestalten, die nicht erklärbar sind. Flüchtig wie ein angsteinflößender Geist und doch das gesamte Denken und Fühlen im männlichen Protagonisten überlagernd. Solche, nicht ganz realistisch charakterisierten, sehr idealisierten Frauen sagt man gern männlichen Autoren nach, aber George Eliot beweist hier mit größer Könnerschaft, dass diese Aussage kein Axiom ist.
Latimer verfällt Bertha auf der Stelle. Seine gesamte geistige Existenz wird überflutet von dieser Frau, die ihm als Erstes durch “eine große, gertenschlanke Figur mit herrlichem blonden Haar“ auffällt. Alles an ihr verhext ihn. Gerade ihr furchteinjagendes Wesen verstärkt seine Obsession noch: “Die Züge waren scharf, der Blick der blassgrauen Augen stechend, ruhelos und sarkastisch zugleich.“
Latimer merkt selbst, was mit ihm geschieht, weiß, dass “diese blasse Frauengestalt mit dem unheimlichen Blick“ sein Schicksal sein wird. Und gerade ihre Widersprüchlichkeit aus Ablehnung aber auch durch Zeichen der Zustimmung, machen ihn “mehr und mehr von ihrem Lächeln abhängig.“ Er sieht sie, “gewisse Blicke […] – ein Nichts an femininer Gestik“, die ihn durchhalten lassen. Bertha ist zudem der einzige Mensch, dessen Gedanken- und Emotionswelt ihm verschlossen bleiben.
Aber, was geschieht mit einer derartigen Idealisierung, wenn sie realer Alltag wird? Nach sieben Jahren Ehe mit Bertha weiß Latimer: “Vor der Heirat hatte sie ganz und gar meine Phantasie beschäftigt, da sie mir ein Geheimnis war.“
George Eliot lenkt nun ihre Novelle in einen lichtlosen Abzweig. Latimer verliert seine empathischen Fähigkeiten, und seine Visionen werden zunehmend fremdartiger, “Visionen fremder Städte, sandiger Ebenen, gigantischer Ruinen, mitternachtsblauer Himmel mit eigenartig hellen Sternbildern, von Bergpässen und grasbewachsenen Lichtungen.“ (Man könnte fast denken, dass Eliot mit diesem Satz die Saat für die Werke späterer Autoren wie Lord Dunsany, H. P. Lovecraft und Arthur Machen gelegt hat)
In virtuosen Satzserpentinen lässt sie jetzt “The Lifted Veil“ um das Mensch- und Totsein kreisen und um die Einfachheit, mit der das Leben in ausweglose Bereiche treibt. Hier entblättert sich die Größe der Autorin. Jeder Satz ist ein Genuss an Formvollendung, kein Wort verschwendet. Eliots Gedanken über die Mechanismen, die sich in uns Menschen in bestimmten Situationen in Gang setzen, sind weise und tiefgehend. Schon so frühzeitig in ihrem erzählenden Werk glänzt sie durch ihre klaren, psychologischen Einsichten.
“Es gibt […] keine vollkommenere Tyrannei als jene einer negativen, selbstsüchtigen Person über eine morbid-sensible, die sich ständig nach Sympathie und Unterstützung sehnt.“ Obwohl Latimer das weiß, empfängt er die Tyrannei des Geistes und des Herzens mit offenen Armen.

Deutsche Übersetzung: “Der Schleier hebt sich“, übersetzt von Inge Wiskott, in: Peter Haining (Hrsg.), Die Damen des Bösen (Stuttgart: Goverts, 1969)

* Beispielsweise findet die Novelle weder in H. P. Lovecrafts Standard-Essay zum Thema, The Supernatural Horror in Literature [Das übernatürliche Grauen in der Literatur], noch Rein A. Zondergelds Lexikon der phantastischen Literatur sowie John Clutes und John Grants The Encyclopedia of Fantasy Erwähnung.

[Rezension] Elizabeth Hand – In der Nähe von Zennor

Originaltitel: Near Zennor (2011)

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Elizabeth Hand erinnert mich manchmal an diese sehr selten gewordenen Menschen, die noch die Fertigkeiten längst vergessener Berufe beherrschen. Mit Ihrer komplexen Novelle “Near Zennor“ [“In der Nähe von Zennor“] eifert sie den Meistern der Vergangenheit nicht nur nach, sondern stellt sich auch direkt neben sie. “Near Zennor“ lebt von Atmosphäre und Stimmungsaufbau, und Elizabeth Hand versteht es hier virtuos, sich insbesondere die Natur und die heidnische Vergangenheit Britanniens zu eigen und zum Hauptcharakter ihrer Geschichte zu machen. Algernon Blackwood praktizierte das Beschreiben einer berauschend schönen und doch feindseligen Natur in Formvollendung in seiner Novelle “The Willows“ [“Die Weiden“] (1907), aber, mehr noch zollt “Near Zennor“ Robert Aickman Tribut, dessen Erzählung “The Trains“ [“Die Züge“] (1951) mit ihrer rätselhaften Imagination einer trostlosen, vom Rest der Welt abgetrennten Natur, mir da als erstes in den Sinn kommt. Wie Aickman versteht Elizabeth Hand es, ein intensives metaphysisches Fluidum aufzubauen und mit einer realistischen Gegenwartskomponente zu verknüpfen, was in eine sehr reizvolle Synthese mündet.
Der Amerikaner Jeffrey Kearin, vermutlich Mittfünfziger und angesehener Architekt, trauert um seine Frau, der Engländerin Anthea, die völlig überraschend durch einen Gehirnschlag ums Leben kam. Bei der Auflösung des gemeinsamen Haushaltes findet Jeffrey in einer Blechdose fünf alte Briefe, die seine Frau als 13-jährige an den britischen Fantasy-Schriftsteller Robert Bennington schrieb. Alle Briefe waren ungelesen zurück an Anthea gegangen. Wie Jeffrey herausfindet, beendete ein Pädophilie-Skandal später Benningtons Karriere. Jeffrey ist umso beunruhigter, da aus den Briefen hervorgeht, dass Anthea und zwei Freundinnen damals Bennington tatsächlich zu Hause besucht hatten.
Da Jeffrey noch mit einer der Freundinnen, Evelyn, in Kontakt steht, fliegt er – in seiner Trauer sowieso zu nichts anderem in der Lage – auf der Stelle nach England und besucht Evelyn, von der er Hintergründe zu dem Besuch der Mädchen bei Bennington erfährt. Hintergründe, die einhergehen mit einem mysteriösen, rational nicht artikulierbaren Ereignis, das den Mädchen damals widerfuhr.
Interessant für Leserinnen und Leser, die sich auch für das weitere Werk Elizabeth Hands interessieren, ist, dass “Near Zennor“ nach dem Roman Generation Loss [Dem Tod so nah] (2007) ein weiteres Schlüsselwerk im Œuvre Hands ist. Wie die Autorin in Interviews preisgab, hatte sie als Mädchen zusammen mit zwei Freundinnen das gleiche unerklärliche Erlebnis wie Anthea und ihre Freundinnen. Mit “Near Zennor“ schrieb sie sich davon frei, denn bis heute hat Hand für das Erlebte keine schlüssige Auslegung.
Jeffrey setzt sich in den Zug und fährt nach Cornwall, in die Nähe der Küstenstadt Zennor, wo alles seinen Ursprung zu haben scheint.
Jetzt ist Elizabeth Hand da, wo sie hin wollte. In einer realen Welt, die so fremdartig wird, dass sie sich zu einer imaginären Landschaft voller Schönheit und Schrecken wandelt. Einer Landschaft aus Weiden und Mooren, mit einer manchmal krankhaft verdörrten Fauna, aber auch den Überbleibseln vorzeitlicher Kulturen. Uralte Steinmauern segmentieren die Landschaft in geometrisch scheinende Abschnitte, und Findlinge und Menhire weisen Jeffrey den Weg, der versucht, dieses unwirkliche Stück Land zu bezwingen. Sein Ziel ist die Golovenna-Farm, in der Robert Bennington vor vier Jahrzehnten die drei Mädchen empfangen hatte. Lebt Bennington noch? Niemand scheint es zu wissen, und als Jeffrey sein Ziel erreicht, ist er so einsam wie nur möglich und doch nicht allein.
Nicht viel passiert in “Near Zenna“, aber es wird ein Urinstinkt geweckt, dass da etwas ist, etwas, das nicht in diese Welt gehört. Die Stille und Langsamkeit, die Hands alternatives, magisches Cornwall ausstrahlt, schenkt uns ein traumartiges Empfinden, so als versinke man ganz langsam unter Wasser, wehre sich aber nicht hysterisch dagegen, sondern lasse sich mit aller Bereitschaft weiter sinken, um die Schönheit des Gesichteten und die absolute Lautlosigkeit zu genießen. Als wisse man gleichzeitig aber auch, dass man schnellstmöglich wieder auftauchen muss, um zu überleben.

Deutsche Übersetzung: In der Nähe von Zennor, übersetzt von Bernhard Reicher, in: Dr. Nachtstrom (Hrsg.) / Bernhard Reicher (Chefredakteur) / Rudolf Stark (Redaktion), Visionarium 7: Schlüssel und Tore (Graz: Edition Gwydion, 2016)

[Novelle] Richard Lorenz – SO DUNKEL DIE NACHT, illustriert von Alexandra F.

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Titel_Weihnachtsgeschichte

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1.

Babette hatte den Wetterbericht verfolgt, hatte sogar zuletzt den netten Mann am Hauptbahnhof nach den neuesten Unwetterwarnungen gefragt und weiterhin das Beste gehofft. Die Hoffnung stirbt zuletzt, hatte ihre Tante zu jedem Anlass von sich gegeben, selbst als sie mit Hirnmetastasen im Bett gelegen hatte. Aber es würde weiter schneien, so viel stand fest. Die ganze Nacht hindurch schneien, bis man die Welt nicht mehr finden würde. Sogar von einem Jahrhundertwinter war die Rede, mit sibirischen Temperaturen von 30 Grad minus. Natürlich hatte ihr Nele von dem Besuch abgeraten. In Prag lag schon seit einer Woche meterhoch Schnee und in manchen Straßen war der Strom seit Tagen ausgefallen. Zwei Obdachlose waren in einem Park erfroren aufgefunden worden, zwei Eisskulpturen mit geplatzten Augen, und, wie es hieß, sollte es noch kälter werden.
Babette seufzte und beobachtete weiter die Lichtpunkte der dunklen Nacht. Sich im Sturm wiegende Straßenlaternen, flackernde Fensterschemen von weit entfernten Häusern. Und träumte ein wenig von ihrem Leben. Von den langen Sommernächten, den starken Herbststürmen und auch von vergangenen Wintertagen. So dunkel die Nacht dort draußen, so hell das Licht zwischen den Herzschlagpausen. Gütig und warm. Auch, weil sie an ihre Tochter denken konnte, ihr das Glück vergönnt war, ein Kind zu haben. Wunderschöne Nele. Die schon als kleines Mädchen ein Herzwunder gewesen war.
Der Mann neben ihr schlief bereits seit der Zug-Abfahrt und schnarchte leise wie Herr Ulysses in ihrer Reisetasche schnarchte. Eher ein zufriedenes Knurren, tief aus dem Bauch heraus, und sie musste lächeln. Ein Toupet, schon ziemlich alt und ausgefranst, rutschte bei jeder Gleis-Unebenheit hin und her, obwohl er noch viel zu jung war für ein Toupet. Vielleicht Ende dreißig, kaum älter. Diesen Mann hatte Babette gleich beim Einsteigen bemerkt, und vielleicht hatte sie sich deshalb auch neben ihn gesetzt, ohne nachzudenken und obwohl noch genügend andere Plätze frei gewesen waren. Um die Geschichte darüber zu hören, als Zeitvertreib für die lange Reise, über dieses Ding auf seinem Kopf. Babette wusste zwar vage, weshalb er das hässliche Toupet trug (seiner Mutter zuliebe), dennoch wollte sie es aus seinem Munde hören. Auch, weil seine Aura geheimnisvoll war, weder dunkel noch hell. Jede Geschichte, ob wahrhaftig oder erfunden, färbt sich mit jenen Menschen, die sie erzählen, und der Ton zwischen Wahrheit und Lüge erweckt alle Gespenster zum Leben. Aber kaum hatte der Express die ersten ruckenden Bewegungen gemacht, war der Fremde in einen tiefen und seligen Schlaf gefallen. Jene Sorte Mensch, die in Bussen und Zügen sofort einschläft, den Kopf auf die Brust gesenkt. Babette war da ganz anders, und schlafen konnte sie nur in ihrem eigenen Bett mit dem Kater auf den Füßen. Wie schon ein Leben lang.
Draußen ein verlassener und schneeverwehter Bahnhof ohne Namen mit einem schiefen Unterstand. Der Zug verlangsamte sich, als würde er stehen bleiben wollen, um sicher zu gehen, keinen Reisenden zu vergessen. 02 Aquarell Aber es war nur eine Atempause, vielleicht auch nur, um den Blick auf das Verlassene, das Einsame zu offenbaren. Wie eine Fotografie, die einen traurig macht. Eine tief verwurzelte Weihnachtstraurigkeit, die jenes inne hatte: Irgendwann wird jeder Mensch sein letztes Weihnachten erleben, und dann kommt die Dunkelheit. Nur noch Allerheiligen tief unter der Erde, und Hände so kalt wie frische Schneeflocken.
“Kaffee? Tee? Kaffee? Tee?” Ulysses hob seinen Kopf aus der Tasche, gähnte und verschwand wieder. Der Mann mit dem kleinen Rollwagen war seit der Abfahrt schon dreimal durch den Mittelgang gekommen, und er schien jedes Mal ein wenig betrunkener oder trauriger oder gar beides zu sein. Was daran lag, dass seine Frau zu Hause auf ihn wartete und er sie unendlich liebte und das Warten und die Liebe zu einer Melange von Sehnsucht und Stille wurde. Babette konnte sogar den Weihnachtsbaum (einen Engel als Spitze, bei dem ein Arm fehlte) hinter ihren Augen sehen, den seine Frau kurz nach Mitternacht geschmückt hatte, damit er ihn noch bewundern konnte, bevor er zur Arbeit gehen musste. Und das alles nur, weil ihn sein Vorgesetzter nicht sonderlich gut ausstehen konnte und der den Dienstplan deshalb kurzfristig umgeändert hatte.
Babette bestellte sich eine weitere Tasse Milchkaffee, obwohl sie eigentlich gar keinen Kaffee mehr wollte und beobachtete dabei den Zugangestellten. Die zittrigen Hände, das stumme Formen von Buchstaben, die wässrigen Augen. Eine unglaubliche Traurigkeit. Sein silbriges Namensschild, auf dem in geschwungenen Buchstaben Melchior zu lesen war. Was für ein wunderbarer Name. Melchior lächelte mechanisch und zählte das Wechselgeld in ihre Handfläche. Er roch nach billigem Schnaps und nach Zigaretten, die er in der Zug-Toilette heimlich rauchte. Vielleicht würde Babette den Kaffee tatsächlich trinken und Melchior später auf dem Rückweg von der Toilette nach seinen Träumen fragen. Sie lächelte, und er nickte, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Blickte ihm nach, wankender Gang, beinahe taumelnd, und sah ihn verschwinden in dem nächsten Abteil, das vollkommen leer war. Wer in aller Welt verreiste auch schon in der Nacht des Heiligen Abends? In der Nacht der Geschenke und der Wünsche, der himmelhohen Kinderträume. Während draußen die Schneezungen nach den Bäumen schnappten, saßen bestimmt jetzt gerade Menschen in den Schattenschlägen von Kerzen und gedämpftem Licht, atmeten den Geruch von frischem Harz und von den Resten des Essens in der Küche ein. Die ersten schlafenden Kinder in den Mulden des Lebens, träumend von den Abenteuern der Nacht und vom nächsten Tag mit den neuen Errungenschaften, an denen noch der Rest vom Geschenkpapier klebte.
Babette nippte am Kaffee, der so alt war, dass er bitter geworden war. Durch den Fensterritz strömte kalte Luft herein, und sie fröstelte trotz Schal und Mütze, trotz zwei Paar Socken in ihren guten Schuhen. Aber, wenn sie eines wusste, dann das: Mit 72 Jahren fröstelte man sogar im Hochsommer. Da konnte der gute alte Dr. Berender noch so viele Hormontabletten verschreiben wie er wollte. Ihre Füße waren immerzu Eisklumpen.
Abermals verlangsamte sich der Zug, blieb beinahe stehen, obwohl weit und breit kein Bahnhof, kein Haus, nicht einmal eine Laterne zu sehen war. Alleine eine gespenstische Dunkelheit, als wäre die Welt von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Babette schaute auf ihre Uhr, sie waren kaum eine Stunde unterwegs gewesen. Die junge Frau, die scheinbar ein wenig Probleme mit ihrem Gewicht hatte, blickte zwei Sitze weiter von ihrem Buch auf und schüttelte müde den Kopf. Ihre Aura war am stärksten, und ihr Name ein lieblicher Klang: Magdalena. Magdalena hatte allen zu Hause erzählt, vor allem ihrer dummen Schwester, sie würde zu ihrem Freund fahren, um ihn zu überraschen. Ihrer großen Liebe. Aber diesen Freund gab es gar nicht, hatte es auch nie gegeben. Nur eine Imagination, eine billige Schimäre schlafloser Nächte, weil sie mit 37 Jahren keine alte Jungfrau sein wollte, die keinen abbekommen würde.
03 Aquarell
In dem Weihnachtspaket auf ihrem Schoß, rotes Geschenkpapier mit blauem Band, ein Rosinenbrot (kein Mobiltelefon, wie sie ihrer Schwester erzählt hatte), das sie auf dem Nachhauseweg essen wollte. Mit dem ersten Zug am frühen Morgen wollte sie wieder zurück nach München fahren, sich versteckend über die Feiertage in ihrer kleinen Wohnung mit der Gasheizung, die nie richtig funktionierte und alte Billy-Wilder-Filme im Fernsehen ansehend. Mit tonnenweise Schokolade. Das war ihr Vorhaben, ihr großer Weihnachtsplan. Dazu hatte Babette die Frau nicht einmal berühren müssen, um das alles zu sehen. Die Mutlosigkeit in ihrem Bauch war wie ein Feuer, das alles erhellte.
Herr Ulysses blickte aus der Reisetasche zwischen Babettes Beinen und sah sie hungrig an. Ihn allein zu Hause zu lassen, hatte sie nicht gekonnt, niemals. Wortlos suchte sie in ihrer Jackentasche nach einem Stück Brot und brach ein wenig davon ab. Die wundersame Speisung um Mitternacht, dachte sie sich und fütterte damit den schwarzen Kater mit dem weißen Fleck auf dem Rücken. Und dachte wieder an Nele. Musste an sie denken, weil die Angst so groß war, Nele würde vielleicht doch sterben müssen. Einfach so. Raumforderung war ein zu hässliches Wort. Kein Wort, um die Weihnachtsfeiertage glücklich verbringen zu können. Raumforderung klang wie ein Monstrum, ein Ungeheuer mit Tentakeln und Krebshänden.
Babette musste aber auch an Nele denken, weil sie heute vor vierzig Jahren zur Welt gekommen war. Um neun Minuten nach Mitternacht, das Geistermädchen mit den hellen Augen. Musste an die flackernde Weihnachtsbeleuchtung des Krankenhauses denken und an die Weihnachtslieder, die aus einem Radiogerät im Schwesternzimmer zu hören gewesen waren, als würden die zurückgebliebenen Toten unter den Betten singen. Und auch daran, dass plötzlich Herr Ulysses durch das Krankenhaus-Fenster geschaut hatte, mit weit geöffneten Augen und sie fast zu Tode erschreckt hatte. Mit frischem kalten Schnee auf dem Fell und kleinen Atemwolken vor dem aufgerissenen Maul.
Vielleicht, und das musste sich Babette eingestehen, hatte der Kater es damals schon geahnt, mit Nele. Blickte hinunter und betrachtete ihren Mitreisenden, wie sie es schon tausendfach getan hatte. In schlaflosen Nächten wie an scheinbar nie endend wollenden Sommertagen im kleinen Vorgarten. Als würde es möglich sein, etwas in seinen Augen sehen zu können.
Elf Kilometer waren es damals von ihrer Hinterhofwohnung zum Krankenhaus gewesen, und der damalige Winter beinahe so kalt und schneeverweht wie der jetzige. Babettes Mann Karl, der vor neun Jahren an einem Magengeschwür gestorben war, hatte damals zu Hause auf den Kater aufpassen sollen. Doch während Karl Bier im Keller geholt hatte, war Herr Ulysses einfach verschwunden, trotz verschlossener Türen und Fenster. Vielleicht durch ein Mäuseloch, hatten sie sich später gedacht, hinaus in die finstere Nacht. Daran konnte sich Babette noch gut erinnern. Auch, weil sich Karl und Herr Ulysses nie sonderlich gut hatten leiden können. Das war immer schon so gewesen, schon beim ersten Kuss an einem Frühjahrstag zwischen hohen Bäumen und den ersten warmen Strömen von Süden her, war der Kater plötzlich auf den Rücken von Karl gesprungen und hatte ihn ins Ohr gebissen. Nicht liebkost und auch nicht gespielt. Sondern so fest zugebissen, dass man die Narbe ein Leben lang hatte sehen können. Herr Ulysses wollte Babette immer nur für sich und immer nur ganz alleine haben, setzte sich auf den schlafenden Karl und biss ihn in die Nase. Überraschte ihn auf der Toilette oder legte sich auf die dunklen Kellerstufen, um ihn dann plötzlich böse anzufauchen. Dass Karl deshalb Magengeschwüre bekam, die immer wieder mal aufbrachen, grämte sie sehr. Aber was hätte sie tun sollen? Die Katze kam immer wieder zurück. Selbst nachdem ihn Karl ohne Babettes Wissen bis zu seiner Schwester hundert Kilometer weiter gebracht und tatsächlich geglaubt hatte, er wäre ihn für alle Zeit los. Zwei Wochen später hatte Herr Ulysses auf dem Fensterbrett der Küche gesessen, und Karl hatte es mit der Angst zu tun bekommen. Babette war sicher, dass Karl danach mehrmals versucht hatte, den Kater umzubringen, wie es vermutlich schon zahlreiche Menschen zuvor versucht hatten. Doch richtig böse konnte sie dem Kater nicht sein, schließlich hatte er Karl einen letzten guten Tag vor seinem Sterben beschert, hatte ihn befreit von allen Magenkrämpfen.
Der Zug verlangsamte sich abermals und blieb schließlich erneut stehen. Babette sah nach draußen, sah in den Trichter ihrer Hände. Am Horizont ein verlassenes Haus mit einem einzig erleuchteten Fenster, das verschwand und wieder auftauchte, eine optische Illusion. 04 AquarellÜber das trostlose Land tobte ein Schneesturm. Der Zug knurrte und ächzte und fuhr schließlich doch wieder weiter in die dunkle Nacht hinein.
Der Weihnachtsbaum-Mann vom letzten Sitz des Abteils erhob sich, lehnte vorsichtig die Fichte an die Seite und schniefte. Herr Ulysses hob seinen Kopf aus der Tasche und schaute ihn verwundert an.
“Wer in die Herzen sieht, der erblickt die Finsternis.” Der Weihnachtsbaum-Mann lächelte kurz und unbeholfen. So wie Kinder lächeln, bevor sie zu weinen beginnen.
Babette war er schon beim Einsteigen aufgefallen, aber nicht nur wegen des Baums, an dem an zwei Stellen sonderbarerweise Lametta-Streifen hingen wie silbrige Zungen, sondern vielmehr wegen eines unguten und sehr vagen Gefühls in ihrem Bauch. Als hätte sie etwas Schlechtes gegessen. Meistens konnte sie wenigstens etwas bei den Menschen sehen oder vermuten. Bruchstücke, verschwommene Dinge aus der Vergangenheit, gegenwärtige Gedanken. Aber bei ihm war nur abgrundtiefe Schwärze, die sie frieren ließ. Mehr erschaudern als es der kälteste Wintereinbruch der Geschichte hätte tun können. In seinem Herzen ist ein Loch und in diesem Loch verendende Träume. Hatte sich Babette gedacht und sich von ihm abgewandt.
“He! Geht das heute noch weiter?” Vor dem Weihnachtsbaum-Mann ein älteres Ehepaar, das sich zu Beginn der Reise gestritten und sich dann nur noch angeschwiegen hatte. Wie Babette waren sie auf dem Weg zu ihrem Kind. Er hielt es jedoch für völlig übertrieben, extra an Weihnachten nach Prag zu fahren, mit vorgezogenem Feiertags-Aufschlag der Bahn, nur um ihn zu überraschen. Vermutlich, aber das hätte er nie laut ausgesprochen, hing er sowieso irgendwo rum, rauchte Pot und verprasste sein Geld, anstatt zu lernen. Sie jedoch wäre um die ganze Welt gereist, so groß war die Sehnsucht und das Heimweh nach seinen Herzschlägen. Manche Menschen, und das wusste Babette nur zu gut, kann man schon nach einer Sekunde durchschauen. Bis zum Grund der Seele, dem meeresblauen Himmel dort unten und noch weiter. Bei manchen Menschen war das keine große Kunst. Andere hingegen musste Babette berühren, um etwas fühlen zu können, aber das funktionierte manchmal auch nur halbwegs. Früher war das anders gewesen. Alles hell, jede Vision ein Blitzeinschlag. Vielleicht lag es an ihrem Alter, aber vielleicht, und davon war sie immer mehr überzeugt, lag es auch am Alter des Katers.
Melchior wankte herein und gähnte. Vermutlich war er eingenickt gewesen. Seine Augen waren vom Schnaps und den schlechten Träumen glasig. Dieses Mal kam er ohne seinen Rollwagen mit den Getränkekannen und den Snacks herein, weshalb er irgendwie nackt und unbeholfen aussah. Babette lächelte ihm zu, aber er bemerkte es nicht.
“Sturmschaden. Bäume auf dem Gleis, das kann dauern”, sagte er, ohne jemanden anzusehen.
“Das darf doch nicht wahr sein, verdammt noch mal! Immer nur Ärger, wären wir nur zu Hause geblieben. Hab ich es dir nicht gesagt? Hab ich doch!”
“Paul! Bitte! Reiß dich zusammen! Und gib Ruhe, du fällst ja auf. Die Leute schauen schon.” Die Frau rügte ihren Mann, ohne ihren Blick vom beinahe hypnotischen Schneesturm abzuwenden, mit einer Stimme, die leise und laut zugleich war. Sie fragte sich vielmehr, ob es ihrem Jungen gut ging oder er gerade unterwegs und vielleicht in das Unwetter gekommen war. Ihre Hände zitterten. Paul schmollte und blickte umher.
“Sturmschaden? Das kann dauern. Hat vielleicht jemand Lust auf ein Kartenspiel? An Weihnachten spielen wir alle um die Herzen!” Der Weihnachtsbaum-Mann setzte sich wieder und winkte unbeholfen dem Mädchen zu, das mit ihrer Mutter einige Sitze weiter saß. Wie ein Zauberer holte er aus seiner Jackentasche einige Karten heraus und ließ sie in seiner Hand verschwinden. 05 AquarellDas Mädchen blickte nur kurz hin und drückte sich ängstlich an ihre Mutter. Der Zug ruckelte, fuhr aber nicht weiter. Draußen ein knarrendes Geräusch, erst leise, dann lauter werdend. Ein Ast kratzte an das Dach des Wagons, das Mädchen schrie hell auf.
“Sara, Sara, keine Angst. Alles gut”, flüsterte die Mutter und umschloss sie mit ihren Armen. Um sich herum eine Unmenge von Taschen und Tüten, von Koffern und Schachteln. Ein wackelnder Reiseberg. In Prag wartet ein Onkel und eine Tante und eine Überraschung auf Sara, dachte sich Babette.
“Das sind die Weihnachts-Ungeheuer, die kommen zu den bösen Leuten.” Der Weihnachtsbaum-Mann zog eine Herz-Dame hinter seinem Ohr hervor.
“Seien Sie still!” Babette hatte es gesagt, ohne ihn anzusehen. Herr Ulysses sprang auf ihren Schoß, die Augen weit aufgerissen.
“Bald sind wir alle ganz still.” Der Weihnachtsbaum-Mann ließ die Karten fallen, eine rutschte aus seinem Jackenärmel und flatterte durch die Luft. Pik Sieben, die neben seinem kleinen Koffer neben der Fichte liegen blieb. Eine Sturmböe schüttelte den Wagon und Herr Ulysses krallte sich am Kleid fest. Babette blickte aus dem Fenster, ein wildes Schneetreiben. Der Himmel riss auf und offenbarte einen bleichen vollen Mond. Die Beleuchtung flackerte kurz, und für einen Augenblick war es finster. Jetzt schrie auch Magdalena auf, ihr Buch fiel zu Boden. Die Notbeleuchtung sprang klackernd an und malte Schatten auf die Gesichter der Wartenden.
“Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja weiß wie Schnee”, fragte Magdalena, aber Babette konnte nicht antworten. Für eine Sekunde war ihr so gewesen als würde bald in diesem Zug jemand sterben. Sie blickte besorgt zu dem Mädchen.

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2.

“Ich würde sagen, wir setzen uns erst mal um. Dann ist es auch gemütlicher.” Magdalena deutete auf die zwei Vierer-Bänke, die sich gegenüber lagen. Das Reservierungs-Schild aus Pappe war längst umgefallen. Melchior hatte keine sonderlich guten Nachrichten gebracht. Der unfreiwillige Aufenthalt im Schneetreiben konnte noch eine ganze Weile andauern.
Der Weihnachtsbaum-Mann schaute still aus dem Fenster und atmete die Scheibe blind. Und da war es wieder, dieses eigenartige Gefühl in Babettes Magengrube. Zwar war die unselige Vision ein wenig verblichen, dennoch spürte sie die Angst noch immer in ihren Knochen vibrieren. Doch sie hatte sich schon öfters getäuscht und hoffte es auch für dieses Mal. Vor allem wenn sie müde war, spielte ihr Kopf und ihre Seele verrückt, und müde war sie schon seit der Abfahrt in München gewesen. Die Nacht zuvor war sie schlaflos geblieben, immer wieder aufhorchend, ob Nele anrufen würde, die versprochen hatte, sich nach dem Arzttermin und dem CT sofort zu melden. Stattdessen hatte sie erst am Morgen danach von sich hören lassen. Ja, Verdacht auf eine Raumforderung. Nein, noch keine weiteren Test-Ergebnisse. Aber geglaubt hatte ihr das Babette nicht wirklich. Einmal im Monat arbeitete Babette für die örtliche Hospiz-Gruppe und kannte nur zu gut das verzweifelte Herumreden um Dinge, die eigentlich niemand aussprechen wollte. Und genauso hatte Nele geklungen. Verhalten, leise, als hätte sie geweint. Zudem war Herr Ulysses bei dem Telefonat ziemlich unruhig geworden, hatte sie sogar gekratzt bei dem Versuch, ihn zu beruhigen. Da hatte sie gar nicht anders gekonnt, als den nächsten Zug nach Prag zu nehmen.
“Das ist eine hervorragende Idee. Sie haben Erfahrungen damit, nicht wahr? Mit Menschen, die ein wenig Angst haben.” Babette setzte sich ans Fenster.
Magdalena lachte ein herzliches Lachen. “Als Krankenschwester hat man oft selbst genügend Angst. Und Sie haben eine gute Menschenkenntnis.”
“Wer hat denn Angst? Nur wegen dem bisschen Sturm? Dass ich nicht lache. Das ist doch nur ein lausiger Wind, mehr nicht.” Der Mann mit dem Toupet war aufgewacht und schob das Haarteil ungeschickt zurecht, so dass es jetzt wie eine Kindermütze mit hellem Futteral aussah. Mit einem Plumps ließ er sich neben Babette in den Sitz fallen und stöhnte.
“Also mir ist das unheimlich, das ist kein gutes Zeichen. Vollmond und Schneesturm, das ist nicht gut.” Die beiden setzten sich auf die gegenüberliegenden Plätze und stellten sich vor: “Mein Name ist Tereza, und das ist Sara.”
“Felix Tollkühn. Heiß‘ ich nur, bin ich nicht.” Der Mann mit Toupet lachte ein lautes brummiges Lachen, das man ihm gar nicht zugetraut hätte. Herr Ulysses zuckte erschrocken zusammen. Gegenüber nahm zögerlich das Ehepaar Platz. Er schmollte noch immer und blätterte in einer Illustrierten herum.
“Ich bin die Anne. Das ist Paul, mein Mann. Wir wollen unseren Sohn besuchen. Er studiert in Prag. Medizin studiert er. Ein guter Junge.”
“Studieren? Herumlungern trifft es wohl besser. Auf meine Kosten!”
Anne stieß mit ihrer Stiefelspitze gegen Pauls Bein, und er zuckte so stark zusammen, wie Herr Ulysses zusammengezuckt war.
“Das erinnert mich an meine Kindheit, ob Sie es glauben oder nicht. Die ganze Tollkühn-Sippe war da, das ganze Haus war voll. Gibt nichts Besseres als ein Haus voller Menschen. Zu Weihnachten sollte niemand alleine sein. Niemand. Deshalb fahre ich jetzt auch zu meinem Bruder. Hockt in Prag und wartet auf ein Wunder. Und wissen Sie, was das Beste war, damals? Ich sage es Ihnen. Jedes Jahr erzählte jemand eine Geschichte. Kennen Sie eine Geschichte? Sie sehen so aus.”
Magdalena schüttelte den Kopf und wurde rot.
“Jammerschade, ich hätte wetten können, Sie kennen eine Menge Geschichten. Ich würde ja selbst eine erzählen, aber immer wenn ich eine Geschichte erzähle, schlafen die Leute ein. Liegt an der Stimme, sagt meine Mutter. Vetter Alfred konnte Sachen erzählen, da konnte man eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen. Kann nicht jeder, kann nicht jeder.”
Er schob sein Toupet erneut zurecht, flüsterte: “Ich wette, der hat bestimmt eine Geschichte auf Lager”, und hob seinen Kopf zum Weihnachtsbaum-Mann, der an die Scheibe ein krummes Herz gemalt hatte und mit sich selbst flüsterte.
Vielleicht, dachte sich Babette, ist es mit ihm so wie es damals mit dem alten Prohaska vom Waschsalon gewesen war. In dessen Nähe sie eine unglaublich dunkle und hässliche Eingebung gehabt hatte, die wiederum alle anderen Seelenbilder verfärbt, beinahe unkenntlich gemacht hatte. Einen Tag später hatte sich Prohaska im Hinterhof in eine laufende Kreissäge gestürzt, den Abschiedsbrief in seiner Jackentasche. Sie fragte sich, ob dieser merkwürdige Mann ebenfalls vorhatte, sich das Leben zu nehmen und nur noch nicht sicher war, wie er es am besten anstellen sollte. In der Tat versteckte sich hinter den billigen Kartentricks eine dunkle Traurigkeit, als hätte er etwas verloren, was sein Herz veranlasst hatte, nur noch mehr zu poltern wie Leichengräberschuhe auf gefrorener Friedhofserde.
“Oder?” Felix Tollkühn sah sie verwundert an. Magdalena ertappte sich währenddessen dabei, Diagnosen aus dem Augenwinkel heraus zu stellen, wie es Krankenschwestern immer tun. Babette hatte Wasser in den Beinen, nicht viel, aber immerhin. Und Paul, dem sie gegenübersaß, begann zu zittern. Vermutlich ein starker Raucher, dachte sie sich, oder ein Trinker, vielleicht sogar beides. Die Stirn von Tollkühn war tief rot verfärbt, als hätte er sich aufgekratzt. Ein Kontakt-Exanthem von dem albernen Haar-Ersatz, aber sie verschluckte die Frage danach und blickte wie Tollkühn zu Babette.
“Entschuldigen Sie, ich war mit meinen Gedanken wieder mal woanders. Was haben Sie gesagt?” Sie beobachtete den Weihnachtsbaum-Mann das Herz von der Scheibe wischen.
“Das geht mir auch so, ständig. Meine Mutter treibt das zum Wahnsinn, das kann ich ihnen sagen. Meine Mutter treibt ja vieles in den Wahnsinn. Ich habe gefragt, ob Sie nicht vielleicht eine gute Geschichte kennen. So wie es aussieht, dauert das hier noch eine Weile, und weshalb sollen wir uns nicht die Zeit mit einer guten Geschichte vertreiben, oder?”
Ein Windstoß rüttelte erneut an dem Wagon und ein weiterer hörte sich an wie der jammernde Schrei eines schmerzerfüllten Wesens, so hell, so hässlich, so fremd. Sara drückte ihr Gesicht in die Bauchmulde ihrer Mutter.
“Das ist nur der Wind, keine Angst”, flüsterte Magdalena, aber Babette sah, dass sie das Geschenk so fest umklammerte, dass ihre Knöchel ganz weiß geworden waren.
“Es holt einen von uns. Da draußen ist es. Das Weihnachts-Ungeheuer”, murmelte der Weihnachtsbaum-Mann, die Nase an der Scheibe platt gedrückt.
Vielleicht ist er aber auch völlig verrückt, dachte sich Babette. Jeder Gedanke und jeglicher Traum in ihm wie ein wild flatternder Sperling. Wir müssen auf ihn aufpassen, auch das war in ihrem Kopf, während sie versuchte, etwas in dem Fremden zu erkennen. Einen Gedanken, ein loses Bild, irgendetwas, aber eine Dunkelheit überspannte jegliches Bemühen. Als Kind war ihr das alles leichter gefallen, war es für Babette sogar selbstverständlich gewesen. Bis zur Schule hatte sie geglaubt, jeder Mensch könnte das, so leicht wie man auf einem Bein hüpfen kann. In jedem Menschen sei etwas verborgen, die sonderbare Gabe Unausgesprochenes hörbar zu machen, so wie in jedem Menschen etwas Unaussprechliches steckt. Damals war Herr Ulysses noch viel jünger gewesen, natürlich, wie sie ja auch. Ein wilder Kater, der in den Nächten nach den Fledermäusen Ausschau hielt und den geheimen Pfaden zu noch geheimeren Orten folgte. Der aber immer zu ihren Füßen lag, sobald sie am Morgen aufwachte. 06 AquarellManchmal war sein Fell voller Blut gewesen, als hätte er ein anderes Tier tot gebissen, und sie musste ihn vor der Schule waschen, damit er nicht zu stinken anfing.
An die erste deutliche Wahrnehmung konnte sich Babette noch sehr gut erinnern. Vermutlich war es nicht tatsächlich die erste Vision, denn der Kater war ja immer schon da gewesen. Sie war mit ihm geboren worden, aber doch die erste, die stark genug gewesen war, um sie nicht wieder vergessen zu können. Ende der vierziger Jahre, in dem kleinen Dorf unweit von Dachau. Der Krieg noch nicht lange zu Ende. Vater war nach Hause gekommen, viel später als gewöhnlich, von seiner Arbeit im Rathaus. Und plötzlich hatte sie ihn gesehen, wie man eine Wochenschau im kleinen Kino sehen konnte. Im niedrigen Hinterzimmer über unzählige Aktenordner gebeugt, mit tausenden Namen darin von Deportationen. Wenngleich Babette damals das Wort noch nicht verstanden hatte, hatte sie dennoch gefühlt, dass es ein schmerzliches Wort war. Ein Wort wie ein Schuss aus dem Hinterhalt. In einem viel zu kleinen Holzofen hatte ihr Vater Papierfetzen für Papierfetzen verbrannt, Fotografie für Fotografie, obwohl es Sommer gewesen war und er von der Hitze und dem abseitigen Tun schwitzte. Und obwohl er zu Hause Mutter immer erzählt hatte, dass er es immer noch nicht glauben konnte, was die Amerikaner dort in Dachau gefunden hatten.
Babette war aber bereits klug genug gewesen ihren Mund zu halten, die offenbarte Lüge bestehen zu lassen. Auch wenn sie das als Kind noch nicht gewusst hatte, hatte sie es vielleicht bereits gespürt: Manchmal brauchen Menschen eine lange Zeit, um die Wahrheit aus einer Sache herauszuschälen. Sie freizulegen mit allen Schmerzen und aller Not, wie man eine Zwiebel schält über Jahre hinweg. Um eine Wahrheit zu gebären, die erträglicher war als die tatsächliche.
“Du hast es immer gewusst, nicht wahr?” hatte ihr Vater schließlich Babette zugeflüstert, nachdem der Priester bereits zum zweiten Mal zu ihnen nach Hause gekommen war und es überall nach Weihrauch und dem Sterben gerochen hatte. Einundzwanzig Jahre war sie damals gewesen und Vater nur noch ein kleines Etwas im Bett mit Knochenzeichnungen unter dem Laken. Sie hatte genickt, und er war gestorben, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, an einem regnerischen Herbsttag mit Rauchfahnen von den Schornsteinen der Häuser.
Leuten, die behaupteten in die Zukunft schauen zu können, glaubte deshalb Babette kein Wort. Das zweite Gesicht war nur ein Aberglaube, mehr nicht. Kirmeszauber und Folklore des fahrenden Volkes, um die dunklen Nächte aufzuhellen, oder bestimmten Menschen Angst einzuflößen. Für die Zukunft muss man die Vergangenheit kennen, und für die Gegenwart ein schlagendes Herz. Das war ihre Meinung und ihre Erfahrung. Vielleicht, aber das war nur eine Vermutung, hatte sie immer schon die Gabe gehabt, und der Kater hatte sie nur verstärkt. Deshalb saß sie in diesem Zug. Sie würde nahe bei Nele sein müssen, um alles sehen, alles spüren zu können. Vielleicht würde sie sogar versuchen, Herrn Ulysses in ihren Schoß zu setzen, aber dessen war sie nicht sicher. Ganz und gar nicht sicher.
Natürlich musste Babette sofort an ihren Onkel Kaspar denken, dessen Namen sie als Kind furchtbar lustig gefunden hatte. Ihr Lieblingsonkel, der im Gegensatz zu Onkel Anton immer noch ein Kind geblieben war und keiner dieser schrecklichen Erwachsenen, die scheinbar alles über Kinder und deren geheimes Leben vergessen haben. Onkel Kaspar hatte immer etwas in einer seiner Taschen für sie versteckt gehalten, hatte seine eigenen Geheimnisse. Ein Kaleidoskop, eine geheimnisvolle Flaschenpost, eine meeresblaue Murmel. Die meisten Dinge waren längst verloren gegangen, waren in alle Winde verstreut durch Umzüge und der Eigenart der Zeit, Dinge aus Kindheitstagen in einem unsichtbaren Walbauch zu verschlucken. Wenn er zu Besuch kam, hat er sie zuerst in den Himmel gehoben, mit beiden Händen ganz weit hinauf, als würde er sie den Engeln zeigen wollen. Daran konnte sich Babette noch gut erinnern, an das Achterbahn-Gefühl im Bauch und an seine Bartstoppeln, wenn er ihr Gesicht daran rieb. In seiner Seelenvergangenheit waren keine dunklen Stellen, keine offenen Särge, keine verdorrten Narben und keine Hässlichkeiten zu finden gewesen, und das hatte ihr als Kind Mut gemacht. Hatte sie hoffen und träumen lassen, auch so ein Erwachsener werden zu können.
An einem Oktobertag war dann Herr Ulysses plötzlich auf seinen Schoß gesprungen, was er noch nie getan hatte, nicht einmal bei ihr selbst. Er hat sich streicheln lassen, das wohl, aber bei dem Versuch ihn hochzuheben war er immer ärgerlich geworden. Doch damals, bei Onkel Kaspar, schien er verändert, als wäre es ein fremder Kater, der nur zufällig genauso aussah wie Herr Ulysses. Mutter, die in der Küche Spätäpfel geschält hatte, erschrak so sehr, dass sie sich in den Finger schnitt. Und obwohl sie stark blutete, rannte sie zu dem Kater, nahm ihn und warf ihn hinunter. Dabei biss Herr Ulysses ihr in die andere Hand, machte ein Geräusch, als würde ein Kind laut schreien und hüpfte schließlich zurück auf Onkel Kaspars Schoß.
Hätte Babette damals schon geahnt, was sie danach wusste, hätte sie Onkel Kaspar nicht mehr gehen lassen. Niemals. Hätte ihn für alle Ewigkeit umarmt und Herrn Ulysses verflucht für alle Zeit.
Zwei Tage später war Babette aufgewacht und hatte sich gewundert, weshalb ihre Mutter am Bettrand saß und weinte. Für einen Augenblick hatte sie geglaubt, es sei etwas mit Herrn Ulysses geschehen, und ihre Mutter würde gleich so etwas sagen wie: „Es gibt auch einen Himmel für Tiere, weißt du?“ Aber dann erfuhr Babette es und verstand gleichzeitig den Zusammenhang, auf eine Art, die nur Kindern eigen ist. Trotz, oder vielleicht vor allem, weil sie erst acht Jahre alt gewesen war.
Onkel Kaspar hatte zu Hause das defekte Stromkabel des Radiogerätes in die Steckdose gesteckt, das er schon hundertmal selbst repariert hatte, um ein wenig Jazz aus Amerika zu hören. Onkel Kaspar war sofort tot gewesen.
Aber war das wirklich möglich? Hatte Herr Ulysses seinen Tod gerochen? Bis zur Beerdigung an einem Sturmtag glaubte Babette das tatsächlich, aber dann wurde der Glauben auf eine eigenartige Art und Weise weniger. Wie Halsschmerzen weniger werden, oder ein Schnupfen, und man danach niemals glauben kann, dass es wirklich so schlimm gewesen ist. Im Dezember war dann Babette davon überzeugt, dass es nur ein Zufall gewesen war, mehr nicht. Ein Zufall gewesen sein musste.
Um sich das selbst zu beweisen versuchte Babette zuerst, den Kater bei sich selbst auf den Schoß zu nehmen. Aber egal wie sie es auch anstellte, es ging schief. Letztendlich verpasste ihr Herr Ulysses einen tiefen Kratzer quer über die Wange, dessen Narbe man immer noch sehen konnte, wenn das Licht darauf fiel, und versteckte sich fauchend unter dem Bett. Herr Ulysses hüpfte niemandem mehr auf den Schoß, und bis zum Frühjahr vergaß Babette die Sache schließlich wieder. Bis zweierlei Dinge geschahen.
An einem viel zu warmen Frühsommertag, der Schnee war kaum geschmolzen gewesen, folgte ihr wieder einmal Herr Ulysses zur Schule. Das machte er nicht immer, aber doch manchmal. Meistens setzte er sich bei den Wiesenrändern nieder, um auf die schlaftrunkenen Mäuse zu warten. Doch dieses Mal strich er mit ihr in das Schulgebäude. Und da musste Babette wieder an Onkel Kaspar denken. Denn es war ein Wunder, dass ihre Lehrerin Frau Simmler immer noch lebte, so alt wie sie war. Mindestens hundert Jahre alt, wenn nicht sogar älter. In dem eisigen Winter hatte sie sich zudem einen Husten zugezogen, der sie wie eine Dampflok rasseln ließ. Babette war überzeugt, wenn jemand bald sterben würde, dann wohl Frau Simmler. Herr Ulysses blinzelte sie an und für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde er zum Sprung ansetzen. Und Babette dachte sich: Morgen bist du tot, du alte Hexe. Aber der Kater streckte sich nur, grummelte und ließ von ihr ab. Stattdessen schlich er durch die Bänke, streifte an Kinderbeinen vorbei, miaute laut und hüpfte schließlich empor in die Arme von Afra Kreider, die erst entsetzt aufschrie, aber dann die Hitze des Katers fühlte und sich an ihn wärmte, weil ihr so unendlich kalt war.
Afra starb nicht einen Tag später sondern erst nach zwei Monaten, in einer kalten Vollmondnacht. An Leukämie, die unentdeckt geblieben war, weil niemand mit ihr zum Arzt gegangen war. Während draußen fremde Katzen geschrien hatten wie Kinder, deren Herzen aus dem Leib gerissen werden.

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3.

Babette nippte an dem frisch gebrühten Tee, den Melchior zusammen mit belegten Broten aus dem Bord-Restaurant gebracht hatte, ohne dass jemand dafür etwas bezahlen musste. Sein Chef würde ihm dafür zwar die Hölle heiß machen, und vielleicht würde er Melchior deshalb sogar hinauswerfen, aber das war ihm ziemlich egal. Helfe den Menschen, wenn sie Hilfe brauchen, und wenn es auch nur ein gutes Wort ist, hatte seine Mutter ihm beigebracht, obwohl sie selbst nichts gehabt hatten. Babette hatte ihn gebeten, hierzubleiben, und er hatte dankend angenommen. Der Schneesturm hatte zugenommen, und die Geräusche, die er draußen gehört hatte, unweit der Türen, hatten ihm Angst gemacht. Katzengeheule, obwohl das gar nicht sein konnte.
“Ihrer Frau geht’s gut, glauben Sie mir”, hatte Babette zu ihm gesagt, so leise, dass nur er es hatte verstehen können. Und während er noch überlegte, wann er der alten Dame von seiner Frau erzählt hatte, hatte Babette noch etwas in sein Ohr geflüstert. Mo Cuishle. Das hatte er ihr auf keinen Fall erzählt – dessen war er sich sicher. So angetrunken hatte er gar nicht sein können, um den Kosenamen zu verraten, den er in manchen Nächten seiner Frau zuflüsterte, wenn die Wölfe draußen heulten. Mo Cuishle, so nannte er sie seitdem sie sich im Kino beim Film One Million Dollar Baby zum ersten Mal geküsst hatten.
Die Frage, woher sie das wusste, kam nicht aus seinem Mund, denn Babette blinzelte ihm zu, und das Blinzeln machte jedes Wort überflüssig. Er nickte und war tatsächlich beruhigt. Alles würde gut werden, das konnte er fühlen.
“Ich habe ja Kerzen dabei, das hätte ich ja fast vergessen. Was ist ein Heiliger Abend ohne Kerzen?” Anne kramte in ihrer Tasche und fand schließlich einen Satz Adventskerzen.
“Hast du dir gedacht, der Junge hat seine Stromrechnung nicht bezahlt?” Paul schüttelte den Kopf, aber Anne beachtete ihn gar nicht. Er würde sich schon wieder beruhigen.
“Die darf man doch anzünden, oder? Wegen Feuergefahr und so.” Magdalena sah zu Melchior, und der zuckte mit seinen Schultern. “Wenn Sie nichts dagegen haben, dass ich ab und zu eine Zigarette hier rauche, haben Sie meinen Segen.”
“Das hört sich gut an, sehr gut sogar.” Paul lächelte zum ersten Mal seit der Zugfahrt. Zwar hatte er vor einer Stunde heimlich eine Zigarette auf der Toilette geraucht, trotzdem hatte er das Gefühl, völlig auf Entzug zu sein. Melchior zündete ihm eine Lucky Strike ohne Filter an, und Paul paffte den Rauch empor als würde er Winterwolken zeichnen wollen.
“Mein Vetter hat auch immer geraucht als gäbe es kein Morgen. Gott habe ihn selig. War kein schöner Tod, so ganz und gar nicht”, erzählte Felix Tollkühn und lachte erneut laut auf.
Der Weihnachtsbaum-Mann hob den kleinen Koffer auf die Oberschenkel und öffnete ihn. Eine Sekunde lang glaubte Babette ein großes blitzendes Messer zu sehen, ein Schlachtermesser, aber ihre Augen hatten ihr einen Streich gespielt, und erst jetzt merkte sie, wie müde sie doch war. Der Mann blickte lediglich hinein, so eigenartig ängstlich, als würde ein anderes Auge herausblicken. Dann sagte er tonlos: “So dunkel wie um Mitternacht, lichtlos, so werden wir sein, wenn wir nicht achtgeben auf die Herzen, die wir lieben.” Er verschloss den Koffer wieder und legte seine Hände darauf, schniefte. Die Stimmung drohte zu kippen, Paul wollte etwas sagen, vielleicht so etwas wie: “Was bist denn du für ein Spinner?” Babette konnte es fühlen, konnte es in ihrem Magen spüren, und sie bekam Angst. Hier drinnen im Zugabteil wären sie verloren, und wenngleich der merkwürdige Mann kein Messer aus dem Koffer gezogen hatte, konnte es doch sein, dass er eines besaß. Vielleicht sogar ein noch größeres, als sie sich vorstellen konnte. Unter dem Mantel versteckt, an dessen Rändern Streusalz getrocknet war und dem Mantelaufschlägen ein Aussehen von dreckigem Papier verlieh.
“Doch, doch, ich kenne eine Geschichte”, sagte sie deshalb hastig und lauter als gewollt, obwohl sie gar keine erzählen wollte.
“Hab‘ ich es doch gewusst. Verrückte und alte Damen kennen immer eine Geschichte. Sagt jedenfalls meine Mutter, und die ist beides.” Felix klatschte sich auf den Oberschenkel, was sich wie ein fleischiger Schuss anhörte und lachte abermals.
“Sie müssen es nicht erzählen, wenn es ihnen unangenehm ist”, flüsterte Melchior, weil er es gefühlt hatte, diese Unsicherheit, und berührte für eine kurzen Moment ihren Arm. Zuckte zurück. Einen Lichtblitz lang hatte er gequälte Stimmen singen hören können, bis ganz tief hinein in seinen Kopf singen hören, und das hatte sich angefühlt wie damals, als er als kleiner Junge einen Weidezaun angefasst und einen Stromschlag verpasst bekommen hatte.
“Das geht schon in Ordnung, denke ich. Es ist aber keine Weihnachtsgeschichte, o nein. Es ist schlichtweg die Geschichte meiner Katze. Einem wunderlichen Kater, das muss ich wohl dazusagen. Dem wunderlichsten Kater, von dem Sie je gehört haben werden.”
Herr Ulysses schaute kurz aus der Tasche heraus, leckte sich über den grinsenden Mund, blinzelte müde, und während draußen die Gespenster Schneespuren malten, begann Babette zu erzählen.

Die Geschichte einer Katze

Allerheiligen war lange vorbei, und der erste Schnee an einem frühen Tauwetter-Tag, bevor der richtige Winter kommen sollte, schon wieder geschmolzen, als es passierte. Babettes Mutter Frida stürzte vom Küchenstuhl und brach sich das Becken. Ende der siebziger Jahre, vielleicht auch ein wenig später. Da lag sie nun in dem Krankenhausbett mit den schneeweißen Bezügen und dem schneeweißen Gesicht. Und sah klein aus, viel kleiner als sie wirklich war. Damit fing es an. Damit, dass Frida vom Küchenstuhl gefallen war, weil sie die Gardinen hatte waschen wollen, obwohl sowieso niemand mehr im Haus rauchte. Als Kind kann man sich nicht vorstellen, dass die eigenen Eltern überhaupt sterben, aber dann wird man älter, und die Nächte werden eigenartigerweise länger und kürzer zugleich, und das Leben nimmt merkwürdige Wendungen. Damit beginnt eigentlich die ganze Geschichte. Denn manchmal müssen im Leben Dinge laut ausgesprochen werden, um sie gänzlich zu verstehen, sie zu befreien vom Taumellicht der eigenen Wahrnehmung.
Nachdem Babettes Vater gestorben war, war sie von zu Hause ausgezogen. Ihre Freundin Hanne wohnte damals in Schwabing, eine ganz kleine Wohnung mit Balkon, und Babette nahm eines der Zimmer, in dem es nach Räucherstäbchen roch und ein wenig nach Gras. Zusammen mit Herrn Ulysses, natürlich. Wo hätte sie ihn auch lassen sollen? Hanne sorgte dafür, dass Babette eine Arbeit bekam. Erst in der Drogerie unter der Wohnung, die ihr nicht sonderlich gut gefiel, später dann bei der Friedhofs-Gärtnerei. Zusammen mit dem Totengräber Brenner kümmerten sie sich vor allem um den Ostfriedhof. Gelernt hatte das Babette nie, aber vielleicht kann jeder Mensch tatsächlich etwas besonders gut. Sie konnte sich jedenfalls besonders gut um Gräber kümmern, um frisch ausgehobene und längst vergessene, und um die dürren Bäume, manchmal auch um die Leichenhalle mit den Wachsflecken auf dem Beton. Das war eine gute Zeit, und Babette dachte gerne an sie zurück. Dann lernte sie ihren Mann kennen, und sie bekamen eine Tochter. Das Mädchen mit den Mitternachtsaugen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Die Wahrheit des Katers begann für Babette erst an jenem Tag, als sie bei ihrer Mutter am Krankenhausbett saß und Mutter nach Herrn Ulysses fragte, was sie sonst nie getan hatte. Der Arzt, mit dem Babette vor dem Zimmer gesprochen, eher geflüstert hatte, war guter Dinge gewesen. Zwar musste ihre Mutter eine Zeit lang das Bett hüten, aber ansonsten war sie bei bester Gesundheit. Vielleicht ein wenig traurig, das sicherlich, aber die Traurigkeit war keine Krankheit, die man mit einem Gipsverband oder einem Streckbett hätte behandeln können. Zu dieser Zeit nannte man das auch noch nicht Depression, außer die Leute wollten sich umbringen. Aber das wollte Babettes Mutter gar nicht. Sie wollte nur sterben, aber das ist etwas ganz anderes.
“Er hat noch zwei Leben, nur noch zwei Leben. Und um eines möchte ich dich bitten. Heute und jetzt”, flüsterte Babettes Mutter und weinte. Und Babette weinte mit, weil sie glaubte, ihre Mutter hätte sich nicht nur das Becken gebrochen, sondern wäre auch irgendwie eigenartig im Kopf geworden. Doch dann erfuhr Babette die ganze dunkelgraue Wahrheit über Herrn Ulysses, und sie wünschte sich, ihre Mutter wäre krank im Kopf.

Mit Babette schwanger ging Frida in der Nacht zu Allerheiligen spazieren, runter zu den Bachläufen. Dort, wo seit zwei Wochen der Herbst-Zirkus sein großes, vom Wind zerschundenes Zelt aufgestellt hatte. Schon von weitem konnte man den Elefanten hören und einen sehr alten Löwen, der mehr gähnte als brüllte. Ihr Arzt hatte Frida geraten, viel und lange spazieren zu gehen, und das tat sie auch. Tatsächlich waren die Rückenschmerzen besser geworden, und die kühle Herbstluft tat ihr gut. Plötzlich aber hatte sie einen Schatten bemerkt und zuerst geglaubt, es wäre eine von diesen großen Ratten, die immer wieder mal aus den Kanälen kamen. Vor zwei, drei Jahren hatte eine davon die Köchin des Pfarrers im Bett tot gebissen, jedenfalls hatten sich das die Leute erzählt. Aber die Leute erzählten sich auch, dass mit dem Zirkus das Schlechte, wenn nicht gar das Böse in die Stadt gekommen war. 09 AquarellAber es war gar keine Ratte, sondern nur eine streunende Katze. Katzen hatte Frida immer schon gern gemocht, und sie bückte sich mühsam hinunter, um sie zu streicheln. Die Katze schmiegte sich an ihre Beine und schnurrte. Neben dem Jahrmarktswagen mit flirrenden Lichtern hinter den Fenstern. Jemand spielte auf einer verstimmten Gitarre, eine Frau lachte. Ein Hund bellte heiser, und der Wind war merkwürdig. Als wollte er zu einem Sturm werden.
Plötzlich fühlte sich Frida unwohl, und sie fror, obwohl sie sich extra den Wintermantel angezogen hatte. Das sind die Hormone, dachte sie sich und strich über den Bauch. Spürte die Gänsehaut über ihren ganzen Körper wandern. Lange unheimliche Schatten von den Bäumen, und auf einmal hatte sie das Bedürfnis nach Hause zu gehen. Ganz schnell von hier zu verschwinden und alle Türen hinter sich fest zu verschließen. Sie rannte nicht, aber doch beinahe. Und sah die Gespenster auf den Bäumen hocken, sah die Geister aus den Abflussrohren steigen, das Jaulen des Herbstwindes laut in ihren Ohren.
Zu Hause angekommen wunderte sich Frida über sich selbst. Wie hatte sie sich von der Dunkelheit nur ins Bockshorn jagen lassen können. War sie doch sonst nicht so ängstlich. Im warmen Küchenlicht und während des Schnarchens ihres Mannes, der am Tisch eingeschlafen war, schien alles Geschehene unwirklich und gering. Der Geburtstermin war für die Weihnachtstage angesetzt, und sie machte sich Sorgen. Nur ihrer Dummheit wegen, in Schatten hässliche Gesichter hineinzufantasieren, tat ihr jetzt der Bauch weh. Wie in aller Welt hatte ihre Einbildungskraft nur so mit ihr durchgehen können? Frida setzte sich in ihren Lieblingsstuhl am Ofen und bemerkte erst jetzt, dass sie schwer atmete, als hätte sie die ganze Zeit die Luft angehalten gehabt. Gerade mit Zwillingen im Bauch sollte sie besser auf sich achtgeben, das hatte auch der Doktor gesagt. Sie würde einfach nicht mehr runter zum Zirkus gehen, vor allem nicht mitten in der Nacht, ermahnte sich Frida. Wie dumm von mir, aber jetzt musste sie lachen und das Lachen tat ihr gut. Als kleines Kind war sie auch schon sehr schreckhaft gewesen, hatte beim Mäusetrippeln auf dem Dachboden gleich an Gespenster geglaubt, die Knochen abnagend eines Tages unter ihrem Bett liegen würden.
Aber was war das? Ein Kratzen an der Tür, so leise, dass sie sich getäuscht haben musste. Der Herbstwind riss Äste von den Bäumen und hob die Schindeln auf dem Dach empor. Das war alles. Blickte mit zusammengekniffenen Augen zu der alten Tür und horchte. Es begann zu regnen, und ganz weit weg hörte Frida Donnergrollen. Doch dann hörte sie abermals ein zartes Kratzen, und schließlich ging sie zur Tür, blickte zurück auf ihren Mann und öffnete sie zögerlich.
Die Katze musste ihr gefolgt sein, über alle verwinkelten Gassen und Wege bis hin zu ihrem Haus. Sie leckte sich die Pfoten, blickte empor und strich ins Haus als hätte sie es immer schon getan. Mit einem leisen Miauen setzte sie sich nahe des Ofens und schloss sofort die Augen.
Frida betrachtete die Katze. Wie ein Streuner sah das Tier gar nicht aus, wohlgenährt und das Fell glänzend. Keine Kampfspuren, keine blutige Nase, als wäre die Katze ganz einfach von einem Haus in ein anderes gezogen. Vielleicht, und das kam ihr natürlich in den Sinn, gehörte die Katze zum Zirkus.
“Kannst du denn was Besonderes?” fragte sie deshalb leise. Später würde sie mit Schaudern an diese Frage zurückdenken. O ja, diese Katze konnte etwas sehr Besonderes, aber davon konnte Frida noch nichts wissen.
Im fahlen Schein der Küchenlampe bemerkte Frida, dass die Katze ein Namensschild um den Hals trug, und sie war ein wenig enttäuscht. Jetzt würde sie ganz sicher den Besitzer finden können. Dabei hatten sie nie ein Haustier haben wollen, aber es fühlte sich auf eine sehr merkwürdige Art und Weise richtig an, dass die Katze hier eingerollt lag und schlief.
Den Finger unter dem Halsband, zog Frida daran, um das kleine Metallschild lesen zu können. Es klimperte ein wenig, und sie erschauerte erneut. Das Klimpern wie ein Totenglöckchen, ganz weit entfernt.
Herr Ulysses, was für ein seltsamer Name”, flüsterte Frida und da passierte zweierlei. Die Katze bewegte sich ruckartig von ihr weg und das Halsband riss entzwei, und Frida spürte gleichzeitig einen nie dagewesenen Schmerz als würde jemand ihren Bauch mit einem stumpfen Messer aufschneiden, aber die Schmerzen wichen, und eine unglaubliche Wärme erfüllte sie als sich Herr Ulysses kaum eine Stunde später auf ihren Bauch legte, um weiterzuschlafen. “Dich gebe ich nie wieder her”, flüsterte Frida und nie im Leben würde sie vergessen können, dass bei diesen Worten ein Blitz in den Baum neben ihrem Haus einschlug und ihn spaltete.
Frida gebar ihre Zwillinge am 31. Dezember, während der Kater unter dem Bett schlief – und ein Kind starb. Die Hebamme bekreuzigte sich in der Stube und verspritzte Weihwasser in alle Fugen des Hauses. Vom Tod überschattet war ein Leben gezeichnet, und das ahnte sie. Herr Ulysses, und auch das würde Frida nie im Leben vergessen können, legte sich nahe dem gesunden Kind, und sie bekam Angst. Obwohl sie die Angst noch nicht beschreiben konnte, war es wohl die größte Angst, die sie jemals gefühlt hatte, tief in ihren Eingeweiden. Doch Babette blieb am Leben, war sogar gesünder als alle anderen Kinder. Wenn sie schrie, legte sich Herr Ulysses sogleich an ihre Seite, und alles war gut, als könnte er mit ihr sprechen. Und vielleicht war es auch so. Er ist nicht mehr meine Katze, dachte sich Frida in schlaflosen Nächten. Er hat sich zuerst mich ausgesucht und jetzt das Mädchen. Daran konnte es gar keinen Zweifel geben. Wo das Mädchen war, war auch Herr Ulysses, und zweimal war es inzwischen passiert, dass Frida von Herrn Ulysses gebissen wurde, als sie Babette aus der Wiege geholt hatte.
Als es wieder Herbst wurde und der Zirkus wieder in die Stadt kam, beschloss Frida deshalb, den Kater an den Ort zu bringen, von dem er ihr gefolgt war. Während Herr Ulysses schlief, warf sie eine der alten Decken über den Kater und steckte ihn in eine der Holzkisten für Kohlebriketts. Die Geräusche, die aus der Kiste drangen, konnten unmöglich von einem Tier stammen. Frida blieb mehrmals stehen weil ihr Herz stolperte bei diesen unheimlichen, schrecklichen Lauten und sich der Himmel zu verändern schien. Dunkler wurde.
“Die Katze hat dem Messerwerfer gehört, aber der ist tot. Und dann hat sie dem Dompteur gehört, aber der ist auch tot, mausetot. Und jetzt gehört sie dir”, sagte ein kleiner Junge, der mit Äpfeln jonglierte, nahe dem flatterndem Zirkuszelt.
“Ich will ihn aber nicht mehr haben, so einfach ist das.” Frida schob die Kiste mit ihrem Fuß dem Jungen entgegen, aber der sah nicht hin.
“Das geht nicht.”
“Das geht nicht?”
“Er wird dir folgen, wohin du gehst. Außer ins Grab, da gräbt er sich heraus. Habs mit eigenen Augen gesehen. Und dann hat er wieder sieben Leben, hat er. Jetzt nicht mehr. Nur noch vier.” Der Junge lächelte ein merkwürdiges Lächeln.
“Katzen haben keine sieben Leben.” Frida hatte gar nichts sagen wollen, aber die Worte waren einfach aus ihrem Mund gekommen. Und da erzählte es ihr der Junge mit den Äpfeln zwischen den Wolken.

“Du hast doch nicht wirklich daran geglaubt, was dir der Zirkusjunge erzählt hat, oder?” Babette hielt die Hand ihrer Mutter fest in der ihrigen und fühlte Schmerzen in der Brust. Ihre Mutter, die in Babettes Kindheit unsterblich schien, war nur noch ein Schattengebilde mit Augenringen und grauen stumpfen Haaren. Frida weinte, doch selbst ihre Tränen waren nur noch trockene Staubkörner.
“Natürlich hab‘ ich das nicht geglaubt, für wie dumm hältst du mich?” Frida lächelte, und Babette lächelte mit. Niemand würde glauben können, dass eine Katze wie Herr Ulysses jemanden umbringen konnte.
“Bis ich es ausprobiert habe. An unserer Nachbarin. Hatte Darmkrebs, die Arme. Wir konnten sie schreien hören, die ganze Nacht. Über Monate lang, immer wieder diese Schreie. Kannst du dir das vorstellen? Der Krebs hat sie aufgefressen, ganz langsam, aber sterben hat er sie nicht lassen. Da bin ich eines Morgens zu ihr gegangen, und der Kater ist mir nachgelaufen. Vielleicht hat er das Verderben gerochen, und das, was ich vorhatte. Wer weiß das schon. Ich habe sie angesehen und nur noch Eines gewollt: sie erlösen. Und sie hat das gespürt, dessen bin ich sicher. Und auch der Kater hat es gespürt. Er kann alles spüren. Ich habe ihn hochgehoben, und er hat seinen Kopf an meinem Gesicht gerieben. Dann habe ich es in sein linkes Ohr geflüstert. Dieses Wort. Er hat sich auf ihre Brust gelegt und hat alles von ihr genommen. Alles. Sie sah anders aus, ganz anders. Jünger, viel jünger und gesund. Stell dir das mal vor! Ich weiß, es ist schwer. Er hat sie nicht sofort sterben lassen, und das fand ich wunderbar. Er hat ihr noch einen Tag voller Leben gegeben. Vielleicht hat er sogar den Krebs aus ihr genommen, wer kann das schon sagen. Sie ist jedenfalls ohne Schmerzen gestorben, und das war gut.”
“Das ist unrecht”, sagte Babette, ohne darüber nachzudenken.
“Krebs ist unrecht. Schmerzen sind unrecht. Alles ist unrecht.” Frida zog Babette zu ihrem Gesicht hinunter, und Babette spürte die Hitze und die Kälte gleichermaßen. Hörte jenes Wort, das vor unendlichen Jahren, der Zirkus-Junge in Fridas Ohr geflüstert hatte.
“Ich kann nicht”, flüsterte Babette. Doch Frida war eingeschlafen um von einem himmelblauen Himmel zu träumen, einem Himmel ohne Traurigkeit. Babette aber träumte von pechschwarzen Abgründen ohne zu schlafen, schlich über die Friedhöfe und flehte die Vögel um einen Ratschlag an. 10 AquarellBei ihrer Arbeit mit Brenner, dem Totengräber, hatte sie natürlich auch Selbstmörder in Särgen liegen sehen. Mit aufgeschnittenen Pulsadern und vergifteten Mägen, mit Stricken um den Hälsen und Schusslöchern im Kopf. Oder die ganz Verzweifelten, die sich frierend auf eine Eisenbahnschiene gelegt hatten, um unsichtbar zu werden für alle Zeit. Nein, das wollte sie nicht, und die Vorstellung, ihre Mutter würde zu Hause den Tod selbst herbei holen, ließ ihr den Atem stocken. Riss Babette entzwei, ließ ihr Herz pochen und stolpern, ließ die Geister ihrer Kindheit entweichen. Wann ist ein Leben erschöpft, wann ist es nur noch ein Warten auf die Dunkelheit? Ist es nur richtig, die Entscheidung der letzten Atemzüge irgendwelchen Krankheiten zu überlassen, oder darf jeder Mensch sich selbst aus der Welt stehlen? Noch vor wenigen Tagen hätte sie darauf eine Antwort gewusst, doch jetzt war alles bleiern schwer.
Letztendlich entscheiden wir immer nach dem Gefühl und nach einem Herzschlag, den wir glauben in den Träumen zu vernehmen. Und so wachte Babette drei Tage später an einem tristen wolkenverhangenen Tag auf, steckte Herrn Ulysses in die Katzenbox und fuhr zum Krankenhaus. Vielleicht sind manche Entscheidungen im Nachhinein falsch und töricht, aber dennoch offenbaren sie immer eine Seelenlandkarte. Meeresblau, blutrot und dunkelgrau, mit blinden Wegen und Geheimnissen hinter diesen Wegen. Vermutlich ist es aber auch so, dass wir Entscheidungen einatmen müssen, um sie Jahre später beurteilen zu können.
Frida starb nach einem wundervollen Tag, an dem sie völlig befreit war von jeglicher Traurigkeit, an dem sie wie früher war. Für die verbleibenden Stunden das Leben neu auslotend schob Babette ihre Mutter im Rollstuhl in den kleinen Krankenhaus-Park mit den hohen Bäumen. 11 AquarellUnd fanden dort zwischen imaginärem Tanz und wahren Tränen, zwischen Schweigen und Lachen jenes verlorene Leben wieder, das von den Strömungen der Zeit weggerissen worden war. Am späten Abend brachte Babette ihre Mutter erschöpft zu Bett und wollte noch bleiben, aber Frida schickte sie weg. Am nächsten Morgen hatte sie tot im Bett gelegen.

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4.

“Ihre Mutter ist tatsächlich gestorben?” fragte Magdalena  leise und blickte besorgt zu dem Kater in der Reisetasche. Der Sturm hatte ein wenig nachgelassen, dafür schneite es stärker als zuvor. Babette nickte und streichelte Herrn Ulysses.
“Das nenn ich mal eine Geschichte. Eine Teufelskatze! Das haben Sie sich ja schön ausgedacht, hätte mein Vetter nicht besser gekonnt.” Felix Tollkühn wischte sich über den Mund.
“Ist das der Kater?” Sara deutete auf Herrn Ulysses, zog aber ihren Finger gleich wieder zurück.
“Ja, das ist Herr Ulysses. Aber er tut dir nichts.”
“Ich wette, der ist nicht älter als zehn Jahre. Wette ich.” Felix Tollkühn schob wieder einmal sein Toupet zurück, und wollte für einen Augenblick den Kater anfassen, ließ es aber dann doch.
“Das Ungeheuer ist längst hier. Hier unter uns”, flüsterte der Weihnachtsbaum-Mann und versteckte sich hinter seiner Fichte.
Merkwürdig, Babettes Bauchgefühl hatte sich plötzlich erneut verändert. Der Weihnachtsbaum-Mann tat ihr jetzt nur noch leid. Stattdessen fühlte sie etwas Sonderbares bei Felix Tollkühn, tief zwischen seinen Eingeweiden, als hätte sich ein Nebel gelegt. Vielleicht auch, weil sich Menschen irgendwann verraten, egal welches Geheimnis tief in ihnen ruht, und auch weil manchmal Zeit vonnöten ist, um den Schrecken aus dem Schatten zu locken.
„Wetten Sie lieber nicht. Nein, Sie sollten darauf nicht wetten“, sagte Babette und spürte Angst. Etwas schien verändert zu sein, aber sie konnte es noch nicht verstehen.
“Ich habe mit meiner Mutter gewettet, dass es nicht weh tut. Gar nicht weh tut. Hat leider nicht gestimmt. Was für ein Pech, nicht wahr?” Tollkühn lachte, aber dieses Mal war sein Lachen hässlich. Sara fing an zu weinen.
“Wer wird denn weinen? Es tut doch auch gar nicht weh. Wenn man richtig schneidet, tut es nie weh.” Er nahm sein Toupet vom Kopf, und plötzlich sahen alle, was so offensichtlich gewesen war, dass es niemand sehen wollte. Das ist gar keine aufgekratzte Haut auf seinem Kopf, dachte Magdalena mit flirrendem Herzen. Das ist Blut, aber nicht seines, und das Toupet ist kein Toupet sondern abgetrennte Kopfhaut.
Dann ging alles sehr schnell, wie ein Blitzeinschlag an einem wolkenlosen Sommertag. Felix Tollkühn sprang auf und zog das Mädchen an sich heran als hätte er es schon hundert Mal in seinen Gedanken getan. Sara schrie grell auf, doch seine Hand verschloss sogleich ihren Mund. Das Toupet war auf den Boden gefallen, und sie alle sahen gelblich gewordene Kopfhaut, mit Blut verschmiert.
“Hat das der Wunderkater vielleicht auch gerochen? Sieht nicht danach aus, sieht gar nicht danach aus. Wie war das mit dem Wetten? Ich wette, das Mädchen wird schreien. O ja. Man schreit nur nicht, wenn man gut schneidet, aber dieses Mal werde ich besonders schlecht schneiden. Versprochen. Das Messer ist ja auch schon stumpf geworden, so ein Gesicht kann man nur schwer schneiden. Haben Sie das gewusst? Ich hätte wetten können, so ein Gesicht schneidet sich wie Butter!” Aus seiner Hosentasche zog er eines dieser altmodischen Rasiermesser mit Bernsteingriff und klappte es auf. Das Neonlicht der Zugbeleuchtung spiegelte sich in der zerkratzten Klinge.
“Können Sie sich vorstellen wie das ist? Weihnachten mit der alten Schachtel? Mach‘ dieses, mach‘ jenes. Der Weihnachtsbaum steht schief, Felix! Geh mal zum Friseur, Felix, dir fallen ja die Haare schon aus, Felix. Das hat sie jetzt davon!” Er äffte seine Mutter nach und seine Stimme überschlug sich dabei.
“Lassen Sie das Mädchen los!” Melchior rutschte auf dem Hautstück aus, ein Blutstrich auf dem Linoleum-Boden und strauchelte nach vorne. Zum Glück, denn so erwischte ihn das Rasiermesser nur an der Wange, anstatt an der Kehle. Blut spritzte aus einer klaffenden Wunde über Paul und Anne, die zuerst schrie, dann eigenartig lachte und schließlich ohnmächtig wurde.
“Erst kommt das Mädchen, dann der Verrückte. Und dann die Alte. Und zum Schluss der Wunderkater. Sein Fell bringe ich dann meinem Bruder mit. Dem Herrn Anwalt. Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder, Felix! Hast du gehört, wie viel Geld Balthasar verdient, Felix?” Tollkühn schnaubte, Speichelfäden hingen von seinen Lippen herab. Das Messer nahe Saras rechtem Auge, sie konnte sich selbst im Stahlschliff weinen sehen.
“Weihnachten ist das Fest der Überraschungen, o ja. Und wir schneiden, und wir schneiden. So tief hinein ins Fleisch, bis auf die Knochen. Stille Nacht, heilige Nacht! Wir schneiden bis es ganz still wird!” Jetzt schrie Felix Tollkühn, und Babette konnte für eine Sekunde alles sehen. Das viele Blut in einem Wohnzimmer, einen offenen Bauch mit Weihnachtsschmuck darin. Mit elf Jahren hatte Felix seinem Hund die Kehle durchgeschnitten, sieben Jahre später einem Obdachlosen. Sie hatte davon in der Zeitung gelesen. Von einer Blutnacht mit vier ausgeweideten Prostituierten, um Weihnachten herum.
Später würden sich alle Beteiligten nur schwer daran erinnern können, was dann passierte, während die riesigen Schneeflocken die Wagonscheiben blind machten. Während Melchior zwischen den Sitzen lag und seine Hand auf die Wunde presste und Blut zwischen seinen Fingern rann, wurde alles übertönt von einem schrecklichen unmenschlichen Schrei. Der Kater sprang plötzlich über Babettes Schulter auf die Schulter des Mädchens, und für eine Sekunde lang konnte Felix Tollkühn überrascht in die gelb gewordenen Augen des Tieres blicken als würde er in einen Spiegel sehen. Nur ganz kurz, denn dann biss ihm Herr Ulysses die Nase ab, schlug mit seiner Tatze gegen sein linkes Auge und spaltete das Augenlid mit seinen Krallen.
Das Letzte, was Felix Tollkühn sah, war roter Schneefall. So rot wie frisches Herzblut. Dann wurde es dunkel.

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5.

Ein Schneesturm in Babettes Kopf, weiterhin, auch als sie längst wohlig warm im Neles Gästebett lag und durch das schmale Fenster einen gütigen Mond über Prag betrachtete.
Vielleicht hätte sie es früher erkennen müssen, fühlen müssen. Aber die Traurigkeit des Weihnachtsbaum-Mannes hatte alles überschattet – eine solche Traurigkeit, wie sie Babette noch nie bei einem Menschen erlebt hatte. Seine Frau und seine Kinder, ein Mädchen und ein Junge, waren vor sieben Jahren am Weihnachtsabend auf der Fahrt von München nach Prag mit dem Auto verunglückt. Alle drei waren sofort tot gewesen. Drei schlagende Herzen. Drei Herzen aus Pappmaché in seinem Koffer. Manchmal braucht es einen erneuten Schrecken, um die Stille zu durchbrechen. Und sie alle hatten geschwiegen, während sie das Blut in dem Zugabteil weggewischt hatten. Auch Babette. Nur der Weihnachtsbaum-Mann hatte von seinem Leben erzählt, und sie hatte sich gedacht: Ja, jeder hat eine Geschichte, und hinter jeder Geschichte steckt eine weitere. Jene, von denen wir nur selten hören. Jedes Jahr fährt er mit einem Weihnachtsbaum nach Prag, um dann die Stelle zu suchen, wo Herzen verbrannt sind. Um wiederum seine mitgebrachten Papierherzen zu verbrennen. Nur um den Nachthimmel zu erhellen.
Ja, das hatte der eigenartige Weihnachtsbaum-Mann erzählt, während Magdalena notdürftig die Wunde von Melchior versorgt und Sara am Fenster gestanden hatte, um den leblosen Körper zu betrachten. Während die anderen alles gesäubert hatten, mit dem Versprechen, nie ein Wort darüber zu verlieren – und auch, oder vor allem nicht darüber, dass sie Felix Tollkühn aus dem Zug geworfen hatten, nachdem er ohnmächtig geworden war und sich Herr Ulysses auf seinen Bauch gesetzt hatte.
“Er bewegt sich”, hatte Sara geschrien und Babette hatte geglaubt, sie würde den Zug meinen, der sich gerade in Bewegung setzte. Aber dann blickte sie nach draußen und sah, was das Mädchen gemeint hatte. Felix Tollkühn hatte sich hochgerappelt und torkelte dem Zug hinterher. Sein Mund war offen und eine Augenhöhle leer. 12 AquarellEs fielen Schneeflocken hinein, das konnte Babette noch sehen, bevor er in der Dunkelheit verschwand.

Natürlich war Babette viel zu spät bei Nele angekommen, erst am frühen Morgen, und sie hatte das Schlimmste befürchtet. Aber als Nele dann die Tür geöffnet hatte, war plötzlich jeder Kummer und jede Sorge verflogen gewesen. Babette hatte ihre Nele umarmt und gespürt, dass sie selbst lange vor ihrem Mädchen sterben würde. Sie hatten am Küchentisch Kaffee getrunken, und Herr Ulysses war müde um Neles Beine gestrichen.
“Ist er immer noch so schlecht gelaunt?” hatte Nele gefragt und versucht ihn hochzuheben, wie sie es manchmal als Kind getan hatte. Eine kleine Narbe an ihrem Kinn erinnerte noch daran. Narben, auch das wusste Babette, erinnern uns an das Leben.
Natürlich hatte Babette Angst gehabt, aber nur eine Schrecksekunde lang, denn Herr Ulysses hatte wild gefaucht und war aus ihren Händen gesprungen.
“Ja, meistens schlecht gelaunt. Liegt am Alter”, hatte Babette gesagt und Nele auf die Stirn geküsst. Keine schlechte Aura, keine dunklen Vorahnungen. Alles war gut.
Und jetzt? Jetzt wartete Babette auf Herrn Ulysses. Der am späten Abend einfach verschwunden gewesen war. Vermutlich war er auf der Suche nach einem dunklen Herzen.
Um sich daran zu laben.

Druckfreundliches PDF im Buchdesign

Text: Copyright © 2015 by Richard Lorenz (Homepage)
Illustrationen: Copyright © 2015 by Alexandra F. (PROJEKT wort:rausch)
Lektorat: Frank Duwald und  Eric Hantsch
Layout/Satz PDF und Design Promo-Kampagne: Eric Hantsch (Edition CL)

Weitere Links:

Richard Lorenz – Das Treffen der traurigen Menschen in Franks Tabakladen während eines Schneesturms [Erzählung]
Interview mit Richard Lorenz
Interview mit Richard Lorenz – Teil 2
Interview mit Alexandra F. – Malerin, Dichterin, Fotografin

Arthur Machen | Die weißen Gestalten

Originalveröffentlichung:
The White People (1904, geschrieben 1899)

Arthur Machen - Die weißen Gestalten

Das Grauen wohnt im Verborgenen. In dieser richtungsweisenden Novelle lauert es hinter den naiv klingenden Sätzen im Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens. Die Schönheit der Worte täuschen beinahe darüber hinweg, dass hier in Wirklichkeit Unfassbares geschieht.

Kennt jemand das Gefühl? Man ist seit Jahren auf der Suche nach etwas Rarem, und völlig unerwartet, auf irgendeinem Flohmarkt, sieht man es plötzlich und kann es gar nicht fassen. Ähnlich geht es mir immer beim Lesen von Romanen oder Erzählungen, die so einmalig sind, so pur, dass man noch nie vorher etwas Derartiges gelesen hat und sofort merkt, dass eine ganz besondere Leseerfahrung folgen wird.
Der Waliser Arthur Machen ist so ein Autor, dem das bei mir bereits zweimal gelungen ist. Einmal mit seiner grauenerregenden, aber noch zeitweise recht trivialen Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der große Pan“] und zum zweiten Mal mit seinem dekadenten, eskapistischen Künstlerroman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume]
Mit der Novelle “The White People“ [“Die weißen Gestalten“] gelingt es Arthur Machen zum dritten Mal, mich mit etwas völlig Neuem, nie zuvor auch nur annähernd ähnlichem Gelesenen zu konfrontieren. Dabei könnte man “The White People“ vorschnell auf eine Zusammenführung der beiden genannten Texte reduzieren. Denn aus “The Great God Pan“ zieht sich “The White People“ das abgrundtief Böse und aus The Hill of Dreams die Schönheit und Natur des alten Wales mitsamt seiner römischen Artefakte. Aber, es wäre viel zu einfach, “The White People“ als eine geschickte Promenadenmischung aus “The Great God Pan“ und The Hill of Dreams anzusehen.
S. T. Joshi, der große aber auch polarisierende Literaturwissenschaftler beklagt in seinen Schriften immer wieder, dass das übersinnliche Element in vielen Werken der Phantastik nur zusätzlich aufgesetzt wird, ohne dass diese Art Literatur maßgeblich davon gelenkt wird. “The White People“ (wie auch vielen anderen Erzählungen Arthur Machens) kann man diesen Vorwurf beileibe nicht machen. Diese Novelle wird durchströmt vom Anderweltlichen. Das Unbegreifliche, das Unirdische, tränkt die Geschichte förmlich, und doch hat man beim Lesen überhaupt nicht das Gefühl, hier etwas Unrealistisches zu lesen. Das hin zu bekommen bedarf eines außergewöhnlichen schriftstellerischen Talents, aber auch kreativen Mutes.
“The White People“ beginnt bewusst steif mit einem philosophischen Altherrendialog über die Natur des abgrundtiefen Bösen. Was der Gelehrte Ambrose seinem Besucher Cotgrave zu erklären versucht, bleibt zwar schwammig, aber das macht nichts, denn Machen hat nicht im Sinn, uns eine einfache, leicht zu verstehende Geschichte zu liefern.
Was Ambrose dann zur Untermauerung seiner Thesen hervorzaubert – ein Notizbuch mit dem Titel Das grüne Buch –, hat es in sich. Das grüne Buch ist das Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens, dessen Name nicht genannt wird. Keine alltäglichen privaten Bekenntnisse eines heranwachsenden Mädchens werden vor uns ausgebreitet, sondern die Einführung in eine Phantasiewelt, die möglicherweise auch nur im Kopf des Mädchens stattfindet. Sie (so nenne ich sie jetzt mal in Ermangelung eines Namens und, um sie nicht “es“ nennen zu müssen) plappert in fröhlichem und unbeschwerten Ton über ihre Geheimwelt, die sie ausschließlich ihrem Tagebuch anvertraut. Schon mit drei Jahren spricht sie in “Xu-Sprache“ und erinnert sich später an “die kleinen weißen Gesichter […], die mich anschauten, wenn ich in meinem Bettchen lag.“ Wenn sie so in Schriftform redet, fragt man sich, was oder wer ihr den Zugang zu einer Welt verschafft hat, in der es wie selbstverständlich “Aklo-Buchstaben“, die“Chian-Sprache“, “Mao-Spiele“, “Dôls und Jeelo“ und das “Königreich Voor“ gibt. Sowie weiße, grüne und rote Zeremonien, aber: „Die roten Zeremonien sind die besten […]“.
Bereits in diesem frühen Alter ist es das Kindermädchen, “schön und weiß mit langen schwarzen Haaren und dunklen Augen“, die die Gedanken des Kindes in eine geheimnisvolle Traumwelt lenkt. Es ist eine Welt voller Wunder und Mysterien, die einem phantasiebegabten Mädchen sehr entgegen kommen muss. Das Kindermädchen, selbst von ihrer Urgroßmutter in diese Art der Folklore eingeführt, weiht sie in Tänze und Gesänge ein, die geheim sind und nicht weitergesagt werden dürfen. Das wird immer wieder betont.
Arthur Machen bietet uns durchaus eine psychologische Erklärung für all das an, indem er sparsam einige Hinweise streut. Denn das Mädchen hat mit zwölf ihre Mutter verloren. Ihr Vater, Rechtsanwalt, vernachlässigt sie. Mögliche Gründe genug für ein einsames Mädchen, sich mit voller eskapistischer Wucht in eine merkwürdige Traumwelt zu stürzen. Doch ist es das, was wir Leser glauben sollen? Wohl kaum.
Daher schauen wir einfach weiter, wohin uns die Tagebuchschreiberin führt. Eines Tages macht sie eine Wanderung in den Wald. Ein kleiner Bach führt sie durch Gestrüpp und einen Tunnel in eine wahrlich andere Welt. Eine unendlich scheinende kahle Ebene voller außergewöhnlich großer “hässliche[r] Steine“ und Erdhügel. Sie verweilt dort und versinkt in fremdartige Visionen. Als letzte Station ihrer fast schon epischen Reise findet sie “einen besonderen Wald, der zu geheim ist, um beschrieben werden zu dürfen.“ Ambivalente Gefühle beschleichen sie: “[…] ich rannte und rannte so schnell ich konnte, denn ich fürchtete mich, weil das, was ich gesehen hatte, so wunderbar und so seltsam und so schön gewesen war.“
Hier liegt wohl der Kern von “The White People“. Das Mädchen ist sechzehn. Ihr sexuelles Erwachen ist unübersehbar, wenn man genau hinschaut. Denn immer mal wieder wandelt sich der naive Erzählton des Tagebuchs in eine erotisierte Sprache: “Ich fieberte, und mein ganzer Leib zitterte, und mein Herz pochte.“ Abends wieder allein in ihrem Zimmer, versucht sie sich vorzustellen “all die Dinge [zu] tun, die ich getan hätte, wäre ich nicht so furchtsam gewesen.“ Später, als sie noch einmal darüber nachdenkt, zittert sie, und es wird ihr “heiß und kalt zur gleichen Zeit.“
Doch was hat sie gesehen? Haben die Hexensabbate der folkloristischen, in den Tagebuchtext eingewebten Märchen und Überlieferungen sowie die Andeutungen zügelloser Orgien etwas damit zu tun? Und welche Rolle spielt die Tagebuchschreiberin dabei? Ich mag nicht darüber nachdenken.
Aber bereits als Achtjährige wird das Mädchen von ihrem Kindermädchen mit deutlich sexuellen Andeutungen konfrontiert – hier in phallischer Symbolik dargestellt. Das Kindermädchen zeigt ihr, wie man aus Lehm ein Götzenbild macht. Mit rituellem Gesang knetet sie “die seltsamste Puppe, die ich je gesehen habe […].“ Das Gesicht des Kindermädchens wird immer röter bei dem Ritual. Einige Tage später gehen sie wieder zu der Stelle, “wo der kleine Lehmmann verborgen lag“, inzwischen “hart“. „Der Himmel leuchtete in einem tiefen, violetten Blau […]“
Was ist nun das Besonderes an dieser meisterhaften Novelle?
Am außergewöhnlichsten finde ich die völlige Gegensätzlichkeit, von dem, was (und wie es) erzählt wird und dem, was hinter den Sätzen lauert. “The White People“ ist zunächst einmal die farbenfrohe Flucht eines einsamen, vernachlässigten Mädchens in eine spannende Welt der Mysterien, geschrieben in einem naiven und kindreinen Ton. Was sie aber in Wirklichkeit erzählen will, aber nicht darf, befindet sich ebenfalls in dem Tagebuch, aber man muss es suchen und entkodieren.
“The White People“ ist geprägt von diesem positiv strahlenden Erzählton und spektakulären Beschreibungen britannischer Naturidylle, dunkler Wälder und Teiche aber auch unirdischer Traumlandschaften von grandioser kunstvoller Pracht.
Dieser Schönheit zum Trotz klingen immer wieder kleine Misstöne im Tagebuch auf, die Unbehagen auslösen. Diesen Effekt hat Arthur Machen in Perfektion ausgeschöpft.
Man will und kann kaum glauben, dass irgendwo unter den schillernden Sätzen grenzenlose Perversionen lauern. Die Frage, die alles überlagert, lautet: Was nur wurde diesem Mädchen angetan?

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Die weißen Gestalten“, übersetzt von Sigrid Langhaeuser, in: Frank Festa (Hrsg.), Das rote Zimmer – Lovecrafts dunkle Idole II (Leipzig: Festa, 2010)

Anmerkung: Eine weitere gut zu lesende Übersetzung, von Joachim Kalka, erschien ebenfalls unter dem Titel “Die weißen Gestalten“ in: Arthur Machen, Die weißen Gestalten (München: Piper, 1993). Im direkten Vergleich scheint mir die Übersetzung von Sigrid Langhaeuser werkgetreuer und weniger umständlich. Der Machen-Kenner Marco Frenschkowski bemängelte in seinem Essay “Arthur Machens The White People – eine magische und erotische Initiation“ (erschienen in Das schwarze Geheimnis Nr. 1/1994) die “problematische, da in den mythologischen Anspielungen sehr freie“ Übersetzung von Joachim Kalka.

Mehr zu Arthur Machen auf dandelion | abseitige Literatur:
Arthur Machen | Der Berg der Träume

[Rezension] Antje Wagner – Schattengesicht

Originalveröffentlichung, 2010

Schattengesicht

Als Jugendlicher las ich die Erdsee-Trilogie von Ursula K. Le Guin und hakte sie nach dem letzten Band als erledigt ab. 18 Jahre später schrieb Le Guin dann überraschend eine Fortsetzung, Tehanu, und etwas Seltsames geschah mit mir. Tehanu setzte eine Jugendbuchserie mit einem Roman für Erwachsene fort und ließ die ursprüngliche Trilogie plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die Fortsetzung schaffte es, die Ursprungsromane größer und tiefer zu machen.
Warum ich das hier erwähne? Mit Antje Wagners Roman Schattengesicht geht es mir ähnlich, nur direkt schon innerhalb des Romans. Auslöser ist die Entscheidung der Autorin, das Buch chronologisch rückwärts zu erzählen. So etwas ist sicherlich experimentell, aber es ist auch nicht neu. Schattengesicht ist aber ein seltenes Beispiel dafür, dass so etwas auch funktionieren kann. Berühmtere Schriftsteller als Antje Wagner sind mit Derartigem gescheitert, wie uns beispielsweise Sarah Waters mit The Night Watch gezeigt hat.
Anders bei Schattengesicht. Es ist kein Buch, das sich anbiedert schnell gelesen zu werden, sondern eines, dass dich zum Zweikampf auffordert, eines, dass erst besiegt werden muss, wenn das überhaupt möglich ist. Die gesamte Handlungskonstruktion schnurrt wie ein Schweizer Uhrwerk, und wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass die Hauptprotagonistin Milana Helmholz, genannt Mila, uns von ihrer aktuellen Situation ausgehend rückwärts bis in ihre Kindheit mit nimmt, ist man als Leser auf Kurs.
Und um auf meine Eingangssätze zurück zu kommen: jedes tiefer in die Vergangenheit vorstoßende Kapitel von Schattengesicht gibt im persönlichen Rückblick den jeweils schon gelesenen Kapiteln im Nachhinein neue Tiefen und Bedeutungen. Eine ungewöhnliche Leseerfahrung, die dazu reizt, das Buch nach Beendigung direkt noch einmal zu lesen.
Über Schattengesicht schwebt von Anfang an eine nicht greifbare Aura des Seltsamen und Unbegreiflichen. Mila stellt sich uns als neue Insassin eines Frauengefängnisses vor. Ihr Vergehen: Mord. Im nächsten Kapitel geht sie zurück zu den Ereignissen unmittelbar vor ihrer Inhaftierung. Sie lebt zusammen mit ihrer Freundin Polly in einer trostlosen, von Schimmel überwucherten und an ein Endzeit-Szenario erinnernde Häuserblockruine und hält sich und Polly mit einem Job als Zimmermädchen über Wasser. Hier wird sie von einer sadistischen Vorgesetzten schikaniert, eine Situation, die Mila letztlich endgültig der Bestrafung durch die Justiz anheim führt.
Mila blättert weiter zurück in ihrem Lebensbuch. Stets mit Polly auf der Flucht durch Deutschland und eine Spur des Todes hinterlassend, gelangen wir schließlich zur Ur-Quelle, aus der Schattengesicht entspringt, der Kindheit Milas. Dieses längste Kapitel fokussiert in meisterhafter Kunstfertigkeit all die vorangegangenen Erzählstationen in die ländliche Miniaturwelt des Elternhauses Milas zurück. Dieses Kapitel, fast die Hälfte des Romans, ist von einer makellosen Qualität. Nicht nur zentriert es die gesamte Handlung, sondern es lässt uns jetzt auch ganz nah an die beiden Protagonistinnen, insbesondere Mila, heran, die in den vorangegangenen Kapiteln noch Abstand verlangten und uns Leser mit einer gewissen Sprödigkeit noch nicht an sich herankommen lassen wollten.
Das ist jetzt anders. Plötzlich zoomt Antje Wagner ganz nah an Mila heran und stellt sie uns als liebenswertes neunjähriges Mädchen vor, die ein unkonventionelles, freies Leben führt und in ein anderes Mädchen verliebt ist. Von ihrem verstorbenen Vater, dem Illustrator eines Erzählbandes von Edgar Allan Poe, hat sie eine phantasievolle Ader fürs Phantastische und Makabre, und von ihrer Mutter die volle Unterstützung, ihre Freizeit lieber allein mit seltsamen Kinderritualen, wie dem Vergraben kleiner Schätze, an dem geheimnisumwitterten Dorfweiher zu verbringen und ihre Phantasien auszuleben anstatt der Gesellschaft ein angemessenes Leben mit Gleichaltrigen vorzuführen. Wie wir Mila hier erleben, das wärmt uns das Herz, lässt alle unsere Sympathien diesem eigenwilligen ungezähmten Mädchen zufliegen. Und genauso leiden wir mit ihr, als sich die Situation für sie auf einmal arg verschlechtert.
Schon zu Anfang von Schattengesicht stellt man sich die Frage, ob der Handlungsablauf realistisch zu erklären ist oder ob uns die ganze Zeit etwas Übernatürliches streift. Wie in den besten Werken der unheimlichen Phantastik mit zwischenmenschlichen Ebenen, beispielsweise denen von Oliver Onions oder Robert Aickman, jongliert Antje Wagner mit großer Virtuosität und Sicherheit mit dem Stoff und widersteht zu jeder Zeit der Versuchung, die über das gesamte Buch angehaltene Luft zum Ende hin doch noch ausströmen zu lassen. Nein, sie weiß ganz genau, wie sich das Unheimliche am wirkungsvollsten einsetzen lässt, und damit ist sie den meisten modernen Autoren, die sich an ähnlichen Thematiken versuchen, weit voraus. Antje Wagners entsprechende literarische Vorbildung (sie schätzt unter anderem Shirley Jackson) macht sich bei Schattengesicht mehr als bezahlt.
Und so dürfen wir ein Buch beschließen, vor dem man sich verneigen möchte, so perfekt und meisterlich ist es. Auf nicht einmal 200 Seiten erschafft Antje Wagner ein beeindruckend komplexes Handlungswerk, das uns in einer ungemein kraftvollen Prosa mit Mila eine der unsterblichen liebenswerten Figuren der Literatur schenkt.

Originalausgabe (Berlin: Querverlag, 2010)

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Théophile Gautier | Die liebende Untote

Originalveröffentlichung:
La Morte amoureuse (1836)

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Seine verbotene Liebe führt einen frischgeweihten Priester aus seiner tristen Enthaltsamkeit hinein in eine barocke Welt der Lust und Dekadenz. In dieser klassischen Vampir-Geschichte ist die Grenze zwischen Gut und Böse kaum auszumachen.

Die Erzählung “La Morte amoureuse“ [“Die liebende Untote“] von Théophile Gautier ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man die Realität mit den Mitteln der Phantastik überzeugender angreifen kann als es mit realistischer Nüchternheit möglich wäre. “La Morte amoureuse“ gehört zu den Prototypen ihrer Thematik, und, was die Geschichte zusätzlich so erfreulich macht, ist ihre auch für ein modernes Publikum ausgesprochen gut genießbare Lesbarkeit.
Das Kernthema der Geschichte kreist um die Frage: Wie gewichte ich die menschlichen Triebe gegenüber einem abstrakten, jegliche naturgegeben Grundlagen verneinenden Gesetzeskonstrukt?
Der 66-jährige katholische Priester Romuald weiß, wovon er spricht, wenn er einem nicht näher definierten, “Bruder“ genannten Zuhörer, das Geständnis macht: “Ja, ich habe geliebt, wie niemand zuvor […]“.
Man spürt sofort, Romuald ist alles andere als ein in sich selbst ruhender Geistlicher, der sein Amt mit Überzeugung ausübt. Seine wahre Geschichte, die er nun erzählt, bestätigt das eindrucksvoll.
Es ist nicht seine Lebensgeschichte, die er uns übermittelt, sondern die Erklärung seines Lebens. Drei besondere Jahre, die die folgenden Jahrzehnte seiner restlichen Zeit auf Erden mit eisernem Griff lenken.
Als junger Mann hat er bereits sein bisheriges bewusstes Leben Gott gewidmet. Schon immer will er Priester werden, und er hat es so weit geschafft, dass nun endlich der Tag der Priesterweihe bevorsteht. Die bevorstehende Zeremonie erwartet er mit einer beinahe ekstatischen Vorfreude. Das ist aber auch die einzige Ekstase, die er je kennengelernt hat. Über Frauen weiß er nichts, “ich hielt meine Gedanken davon fern […]“. Die einzige Frau, mit der er gelegentlichen Umgang hat, ist seine alte, gebrechliche Mutter.
Während des Zeremoniells der Ordination spricht jedoch nicht Gott zu ihm, sondern Clarimonde, eine auffällige junge Frau aus dem Publikum. Ihre Schönheit kann er kaum fassen. “Sie war hochgewachsen und hatte den Körper und die Haltung einer Göttin […]“. Weiterhin preist er ihr Haar, das von “einer weichen Blondheit“ ist, ihren “roten […] Mund“ und ihre “meergrünen Augen“. Wie wir schon an diesen Beispielen sehen, kehren mit Clarimonde die Farben ein in Romualds triste Welt der Enthaltsamkeit. Dieser Effekt wird mit jeder folgenden Erscheinung Clarimondes in der fortlaufenden Handlung noch verstärkt. Die Farben Gold (ihr Haar, “wie ein königliches Diadem“) und Silber sowie die Farbe heller Perlen (auch die Farbe ihrer Haut) induzieren eine orientalische Pracht und “höchsten Adel“.
Clarimonde flüstert Romuald ein, er solle auf die Priesterweihe verzichten und sich stattdessen für die Liebe entscheiden. Für die Liebe zu ihr. Romuald spürt, wie sich seine “bisher versperrten Sinne öffneten“.
Sein Weltbild wird innerhalb von Sekunden eingestürzt, doch er ist zu schwach, die Zeremonie in diesem letzten Stadium noch vorzeitig zu beenden. Und so wird er zum Priester geweiht.
Romualds Vorgesetzter, der Abbé Serapion, ahnt, was in seinem Schützling vorgeht und verfrachtet ihn kurzerhand für eine Priesterstelle in ein entferntes Dörfchen, freilich nicht ohne Romuald intensive Warnungen vor der Versuchung mit auf den Weg zu geben.
Ein Jahr lang führt Romuald dieses Leben. Die Gedanken stets bei Clarimonde. Und dann holt Clarimonde Romuald überraschend zu sich in ihren venezianischen Palast. Wie im Rausch eines wilden Traumes führt Romuald das dekadente Leben eines Lebemannes an der Seite von Clarimonde, die sich in Romuald verliebt hat und einem Papst und einem der Herrscher von Venedig Laufpässe gab, nur um mit Romuald glücklich zu sein.
Doch wer ist Clarimonde? Ist sie eine ständig wiedererwachende Tote, und warum reicht ein Quentchen von Romualds Blut, um sie wieder aufzuwecken?
Das Grundsätzliche an “La Morte amoureuse“ ist, dass Clarimonde alles andere ist als das Böse als das Serapion sie hinstellt. Natürlich, Clarimonde hält alle Fäden in der Hand, wirkliches Unheil bringt sie aber nicht. Stattdessen führt ihr ganzes Verhalten das Patriarchat ad absurdum. Mit einem Fingerschnipsen setzt sie die Grundpfeiler einer patriarchalischen Welt außer Kraft.
Das Ende der Geschichte ist für moderne Leser natürlich vorhersehbar, doch man sollte berücksichtigen, dass “La Morte amoureuse“ zu den frühesten Vampir-Geschichten zählt, und im Gegensatz zu zahlreichen späteren Werken dieser Thematik hat uns der Schluss dieser Geschichte wesentlich mehr zu sagen.
Am Ende ist es ein Mann, der die übersichtliche patriarchalische Ordnung wieder herstellt. Abbé Serapion handelt im Würgegriff hoffnungsloser Sex-Hysterie, wenn er Romuald zu Clarimondes Grab führt. Das Verspritzen des Weihwassers  auf die tiefschlafende Clarimonde durch Serapion wirkt wie ein abscheulicher, demütigender Abschluss des männlichen Aktes als Machtdemonstration einer völligen Unterjochung allen Weiblichen.
Der Erfolg dieser letzten Unternehmung zur Wiederherstellung der patriarchalen Ordnung darf dann aber bezweifelt werden. “Länger als drei Jahre war ich das Spielzeug einer einzigartigen und teuflischen Vorspiegelung“, sagt Romuald zu Anfang seiner Erzählung. Doch da macht er sich selbst etwas vor. “Spielzeug“ zu sein, bedeutet für Roumulus in erster Linie, die Kontrolle über seine viele Jahre selbstunterdrückte Sexualität verloren zu haben. Und insbesondere Serapion, der Hüter des Zölibats, ist Romualds personifiziertes schlechtes Gewissen.
Am Ende ist jedoch klar, dass Romuald der Priester und Romuald der Mann verschiedener nicht sein können. Für sein Leben lang wegen der Trennung von Clarimonde traumatisiert, stellt er gebrochen fest: “Die Liebe Gottes reichte nicht aus, die ihre zu ersetzen.“

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: Die liebende Untote, übersetzt von Ulrich Klappstein (Hannover: jmb, 2010)

Vernon Lee | Oke von Okehurst

Originalveröffentlichung:
A Phantom Lover (1886)
[späterer Titel: Oke of Okehurst]

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Auf einem alten englischen Landsitz stellt sich für einen Auftragsportätmaler sein Modell als eine außergewöhnlich faszinierende aber auch abgründig gespenstische Frau heraus.

Nicht oft hat mich ein literarisches Werk gleichzeitig so fasziniert und so ratlos zurückgelassen wie dieses. Es provoziert Fragen über Fragen, die sich nicht zufriedenstellend beantworten lassen; mögliche Lösungsansätze, die nur noch mehr Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu geben. Und immer dieses schreckliche Gefühl, der Lösung so nah zu sein.
Vernon Lee, die renommierte Kunstkennerin, die eigentlich Violet Paget hieß, ist in ihren phantastischen Erzählungen stets ein Garant für exquisite Prosa, stilistisch immer elegant und geschliffen. Die Novelle “A Phantom Lover“ [“Oke von Okehurst“] – zuerst als eigenes Buch erschienen, später in Sammelbänden und Anthologien nachgedruckt – gehört zum Beeindruckendsten, was sie geschrieben hat. Mit der Sicherheit eines Messerwerfers wirft sie die Elemente des klassischen Schauerromans ins Ziel und dehnt das Genre dank Psychologie erstaunlich weit auf.
Liebhaber der gothic novel werden auf ihre Kosten kommen, denn alles ist da: ein alter englischer Landsitz, ein finsteres Schlüsselereignis in der Vergangenheit, das unheimliche Gemälde einer doppelgängerischen Ahnin, Andeutungen eines Geistes und eines Familienfluchs. Und doch ist es bei Vernon Lee viel, viel mehr oder viel, viel weniger als das.
“A Phantom Lover“ lässt sich auf sehr verschiedene Arten lesen, denn Lee bietet gleich mehrere Interpretationsansätze an. Mir jedoch scheint die Nabe, um die die Geschichte kreist, in erster Linie die seltsame Beziehung des männlichen namenlosen Ich-Erzählers zu seinem Modell zu sein.
Unzuverlässige Erzähler gibt es zuhauf in der Literatur, aber unser Erzähler ist so geschickt, dass man ihm kaum etwas bezüglich seiner Unseriosität anlasten kann. Ich habe nur zwei Stellen gefunden, in denen er nicht ganz sauber berichtet. So wird Oke von Okehurst bei seinem Besuch beim Erzähler von “seinem Freund“ (Italics, auch in den nächsten beiden Zitaten, von mir) begleitet. Im gesamten späteren Text hat er aber keinen solchen Freund. Wenige Sätze später spricht der Erzähler bezüglich des Begleiters von “meinem Freund“. Dies und die vage Beschreibung lassen vermuten, dass Mr. Oke bei diesem ersten Zusammentreffen von seiner Frau in Männerkleidung begleitet wird. Auch in der zweiten etwas zweifelhaften Szene verschweigt uns der Erzähler etwas bezüglich seines Verhältnisses zu Mr. Oke: “[…] er stellte mir keine Fragen mehr bis auf eine.“ Dann lenkt er ab. Wie die Frage lautete, sagt er uns nicht. Lautete sie vielleicht: “Kann es sein, dass Sie meine Frau lieben?“ Spekulation, ich weiß.
Der schüchterne Mr. Oke erteilt dem Erzähler den Auftrag, den Sommer 1880 über, ihn und seine Frau zu porträtieren. Da sich der Erzähler gerade in einer Phase des Misserfolgs befindet (er hatte eine einflussreiche korpulente Dame “alt und vulgär“ gemalt, “was sie ja auch war.“), sagt er sofort zu.
Er reist nach Kent zu den Landedelleuten und ist vom ersten Moment an gebannt von Mr. Okes Frau Alice. Den gesamten folgenden Text reichert er mit Beschreibungen Alices an, die von einer grundsätzlichen, leidenschaftlichen Huldigungen der weiblichen Schönheit zeugen. Die Addition dieser Beschreibungen macht Alice zu einem Idealbild, ähnlich Edgar Allan Poes “Ligeia“ [“Ligeia“]. So feiert der Erzähler Alice etwa als “die anmutigste und vollkommenste Frau“, die er je gesehen habe. “Sie war sehr groß“ und “gertenschlank“ und “[w]ahrscheinlich das wunderbarste Wesen, das ich je getroffen habe“. Immer wieder hebt er “ihr schönes, blasses, durchscheinendes Gesicht“ und “die erlesene Geschmeidigkeit ihrer großgewachsenen Gestalt“ hervor.
Als der Erzähler darangeht, Mr. und Mrs. Oke zu malen, wird schnell deutlich, wem von beiden seine Prioritäten gelten. Während er Mr. Oke ohne vorherige Skizzen malt, fertigt er von Mrs. Oke wochenlang Entwurf um Entwurf an und rechtfertigt das damit, dass er noch nicht die richtige Position seiner Muse gefunden habe: “Sie hob ihre wunderschön großen, blassen Augen, wobei sie die erlesene Neigung von Schultern und Nacken und ihres delikaten bleichen Kopfes zeigte, die ich vergeblich einzufangen suchte.“ Auch eine Methode, möglichst viel Zeit mit Mrs. Oke zu verbringen.
Da er wohl selbst merkt, dass sein Verhalten ihn irgendwann verdächtig machen könnte, setzt er auf die Devise “Angriff ist die beste Verteidigung“: “Ich interessierte mich für Mrs. Oke, als wäre ich in sie verliebt, und doch war ich nicht im Geringsten in sie verliebt.“
Bedenkt man, dass er eigentlich nur ein neutraler Erzähler ist, der offiziell an den Ereignissen auf Okehurst selbst nicht aktiv Anteil hat, findet hier doch erstaunlich viel persönliche Interaktion mit den Personen statt, über die er eigentlich nur wertfrei erzählen soll.
Nach und nach ist es jedoch nicht nur die Schönheit Mrs. Okes, die den Erzähler so anzieht: “Diese Frau versetzte mich entschieden in Schrecken.“ Er findet etwas “beinahe Abstoßendes an dieser wunderschönen Frau. Plötzlich wirkte sie pervers und gefährlich auf mich.“
Was an Mrs. Oke ist pervers? In der Novelle kann ich nach heutiger Sicht nichts finden, was diese Wortwahl rechtfertigen würde. Gewinnbringend könnte es daher an dieser Stelle sein, das private Leben der Autorin heranzuzuziehen. Ja, ein literarisches Werk sollte für sich selbst stehen, auch ohne nähere Informationen zur Autorin oder zum Autor zur Verfügung zu haben. Im Fall von Vernon Lee ist es aber nicht unvorteilhaft zu wissen, dass sie ziemlich sicher lesbisch war. In vielen ihrer Erzählungen wählt sie einen männlichen Erzähler als Medium, um eine abgründige, meist unheilbringende Frau darzustellen. Natürlich kann man auch hier nur spekulieren, aber diese Erzählperspektive bot Vernon Lee grundsätzlich die Möglichkeit, leidenschaftlich über andere Frauen zu schreiben, ohne im prüden neunzehnten Jahrhundert von ihrer Leserschaft als frauenliebende Frau wahrgenommen und geächtet zu werden. Die Beschreibungen Mrs. Okes sind, wie wir gesehen haben, geprägt von der erregenden Faszination, die diese außergewöhnliche Frau auf den Erzähler ausübt. Im viktorianischen England galten lesbische Frauen als pervers. Es mag ja irregeleitet sein, hier die Erklärung zu suchen, aber Vernon Lee bietet uns zusätzlich mit dem Cross-Dressing der beiden Alice Okes einen weiteren Wink für einen solcherart möglichen Hintergrund.
Aber wie auch immer: In der vorliegenden Novelle ist alles möglich, bei weitem nicht nur meine Lesart. Vielleicht dreht sich ja wirklich alles nur um den vergeblichen Eifersuchtskampf gegen einen Phantomliebhaber. Oder, vielleicht hat die Lesart für alle die, die es sich einfach machen wollen, Vorrang: Die Okes sind schlicht und einfach wahnsinnig.

Deutsche Übersetzung: “Oke von Okehurst“, übersetzt von Josef Ehold, in: Franz Rottensteiner (Hrsg.), Viktorianische Gespenstergeschichten (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987)

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