Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 4: Birgit Böllinger

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Birgit Böllinger, 48 Jahre, lebt und arbeitet als Journalistin in Augsburg. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie Betreiberin des Blogs Sätze&Schätze. Ihr Antrieb: „Einfach die Lust am Lesen weitergeben.“

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden – der Titel eines Bandes mit Erzählungen von Raymond Carver ist für mich immer wieder ein Denkanstoß, der im Bücherregal lauert.
LIEBE – eines der großen, wenn nicht das große Thema der Literatur. Aber wovon schreiben sie, die Tolstois, Flauberts, wovon handeln Romeo und Julia und der Werther? Meistens doch von der Liebe in ihrer unglücklichen Variation. „Wovon sie schreiben, wenn sie von Liebe schreiben“ endet tödlich oder mindestens mit einem bis zwei zerbrochenen Herzen.
Gefragt wurde von Frank Duwald jedoch nach drei der schönsten Liebesromane beziehungsweise Liebesgeschichten in der Literatur. Eine Frage, die Kopfzerbrechen und Herzschmerz bei mir auslöste. Denn: „Wovon ich lese, wenn ich von Liebe lese“, dann sind es meist doch jene Geschichten, deren Ausgang höchst tragisch sind. Die glückliche Liebe, für die große Literatur ist sie offensichtlich nicht geeignet als Stoff.
Hier scheidet sich die Literatur eindeutig vom Leben: Tatsächlich verzichtet man doch gerne auf Tragik, Eifersucht und Trennungsschmerz. Und manches Mal, muss ich gestehen, wünschte ich mir als Leserin, würde ich die großen Stoffe gerne umschreiben hin zu einem Ende, das da heißt „und sie lebten glücklich und zufrieden…“. Oder wünschte mir schlicht und einfach – außerhalb der Jane Austen-Welt – mehr Liebesglück, das in den Klassikern verborgen ist.
Langer Prolog zu einer scheinbar einfachen Frage: Der nach den drei schönsten Liebesgeschichten.
Aus purem Trotz gegen die geballte Tragik in der Weltliteratur sage ich: „Ich will ein Happy End“. Und nenne daher – unabhängig von allen literarischen und sonstigen Kriterien – drei Romane mit „gutem“ Ausgang.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera (1985)
garcia-marquez-gabriel-die-liebe-in-den-zeiten-der-cholera-buchtitelGabriel García Márquez beweist es – Geduld und Ausdauer lohnen sich, wenn es sich um die eine, die große Liebe handelt. Florentino Ariza wartet mehr als ein halbes Jahrhundert auf seine Jugendliebe Fermina Daza. Als Jugendliche können die beiden nicht zueinander kommen, Fermina heiratet letztlich einen anderen. Der Tod ihres Ehemanns beschert uns als Leser nicht nur ein Happy End, sondern auch ein wunderbares Romanende:

Der Kapitän sah Fermina Daza an und entdeckte auf ihren Wimpern das erste Glitzern winterlichen Reifs. Dann schaute er Florentino Ariza an, sah seine unbezwingbare Fertigkeit, seine unbeirrbare Liebe und erschrak bei dem späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.
“Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-Und-Zurück durchhalten können?”
Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet:
“Das ganze Leben”, sagte er.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984)
KunderaMilan Kundera lässt seine Romanfiguren Tomas und Teresa nicht ganz so lange warten wie GGM, bis sie zusammen kommen. Aber leicht machen sie es sich dennoch nicht – die politischen Umstände (Prager Frühling, Exil), die persönlichen Dispositionen (die Unerträglichkeit in einer Liebe, wenn einer der beiden, sprich Tomas, zu leicht und zu viele andere liebt), sie sind die Stolpersteine auf dem Weg zur Zweisamkeit. Hier ist Teresa die Wartende, die Duldende – bis sie selbst das Heft in die Hand nimmt und geht. Unabhängig von der politischen Dimension des Romans ist Kundera mit diesem Bestseller eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die den Kampf der Geschlechter in eine späte „Waffenruhe“ einmünden lässt. Teresa und Tomas kommen wieder zusammen und finden zur Ruhe. Auch hier ein schönes Ende:

Jetzt erlebte sie dasselbe sonderbare Glück, dieselbe sonderbare Trauer. Diese Trauer bedeutete: wir sind an der Endstation angelangt. Dieses Glück bedeutete: wir sind zusammen. Die Trauer war die Form und das Glück war der Inhalt. Das Glück füllte den Raum der Trauer aus. […].
Tomas drehte den Schlüssel im Schloss und zündete den Lüster an. Sie sah zwei aneinandergeschobene Betten, neben dem einen den Nachttisch mit einer Lampe. Ein großer Nachtfalter, vom Licht angezogen, flatterte vom Schirm empor und zog seine Kreise im Zimmer. Von unten erklangen gedämpft die Melodien von Geige und Klavier.

Sommerwogen
Twain1867 sieht der 32-jährige Samuel Langhorne Clemens bei einer Fahrt auf einem Schaufelraddampfer das erste Mal ein Bild von Olivia Langdon. Fortan ist es um den etwas windigen Journalisten geschehen: Liebe auf den ersten Blick, das erste und einzige Mal in seinem Leben. Clemens fackelt nicht lange, schaut sich die Frau zum Bild an, macht ihr nach wenigen Tagen den ersten Antrag, erobert erst ihr Herz, dann ihre Hand und schreibt ihr über 30 Jahre lang leidenschaftliche, liebenswerte, sehnsuchtsvolle Briefe. Eine der schönsten Liebesgeschichten – und eine, die das „echte“ Leben schrieb. Eine Auswahl der Briefe des verliebten Mark Twains an seine Ehefrau Livy erschienen unter dem Titel Sommerwogen in deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann im Aufbau Verlag. Es ist eine lebenslange Liebe, auch über den Tod hinaus: Olivia stirbt 1904, einige Wochen später schreibt Mark Twain in seinem Tagebuch:

In diesen vierunddreißig Jahren haben wir viele Reisen zusammen gemacht, liebe Livy – und nun machen wir unsere letzte; du unter Deck und einsam, ich oben unter den Menschen und einsam.

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2 Kommentare zu “Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 4: Birgit Böllinger

  1. Pingback: Trio 20: Liebesgeschichten? Bitte, ja! Aber mit Happy End. | Sätze&Schätze

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