Interview mit Alexandra F. – Malerin, Dichterin, Fotografin

Protraitfoto Alexandra F.Alexandra F. ist dandelion-Lesern keine Unbekannte, ist sie doch die Fotografin des dandelion-Headers. Alexandra F., Jahrgang 1972 und in Wien lebend, malt, fotografiert (vorzugsweise verlassene Orte) und schreibt kraftvolle Lyrik. Der Anfrage, die Weihnachtsgeschichte “So dunkel die Nacht“ von Richard Lorenz zu illustrieren, begegnete sie erst mit spürbarer Skepsis, was sich aber schnell änderte.

FRAGE

Mir schien es als wärst du nach anfänglichen Zweifeln, ob es überhaupt das Richtige für dich sei, nach gewissen Vorgaben zu zeichnen, plötzlich hochgradig inspiriert gewesen, “So dunkel die Nacht“ von Richard Lorenz zu illustrieren. Was hat deine Zweifel letztendlich so schnell zerstreut?

ALEXANDRA F.

Grundsätzlich halte ich mich meist von Auftragsarbeiten fern. Nachdem ich mich aber auf die Geschichte eingelassen hatte, habe ich schnell erfahren, dass der Inhalt und der Stil mir sehr entgegengekommen. Die Betrachtungsweise, der Blickwinkel auf die Dinge und die melancholische düstere Stimmung darin haben mich begeistert und inspiriert.
Außerdem war die “Vorgabe“, diese Reihe in schwarz-weiß zu malen eine neue Herausforderung für mich, hatte ich ja gerade erst damit begonnen, monochrom zu aquarellieren. So hat sich dies sehr gut darin eingefügt und es war letztlich so, dass ich gar nicht aufhören wollte, den Personen und Szenen in der Geschichte Leben einzuhauchen.

FRAGE

Nimmst du von dem Projekt irgendetwas für dich mit?

ALEXANDRA F.

Sicherlich…, wie ich immer etwas mitnehme, wenn mich etwas inspiriert hat. Stimmungen, Worte, Befindlichkeiten. Und natürlich die Aquarelle, die die Geschichte begleitet und meine Begeisterung am monochromen Aquarellieren verstärkt haben.
Und vielleicht auch – um zum Beginn unseres Gesprächs zurückzukommen, auch die Gewissheit, dass Auftragsarbeit nicht gleich Auftragsarbeit ist.

FRAGE

Liest du als Lyrikerin sonst auch Prosa, sprich Romane und Erzählungen?

ALEXANDRA F.

Ja, sehr gerne und viel und breit gefächert. Meist lese ich parallel an mehreren Büchern, die sich aufteilen in Fachliteratur (am liebsten Philosophie, Psychologie, Geschichte, Kunst und vieles mehr), einen Roman und nebenbei natürlich auch immer wieder Lyrik, weil ich die Verdichtung darin sehr mag.

FRAGE

Welches sind deine Lieblingsromane?

ALEXANDRA F.

Was mir jetzt sofort einfällt und sich eingeprägt hat: Der Gott der kleinen Dinge von Arundhati Roy, Terror von Dan Simmons und Das Gedächtnis der Libellen von Marica Bodrozic.

FRAGE

Du bist eine Hälfte des Künstlerduos Projekt wort:rausch. Wer ist die andere Hälfte?

ALEXANDRA F.

Die andere Hälfte, M. Schuetze lebt in Norddeutschland. Mit diesem Projekt – der Poesie in Wort und Bild – haben wir vieles, das wir schon jeder für sich in seinem Leben künstlerisch gelebt hat, gemeinsam zusammengefasst. Im Jahr 2012 begann eine intensive Zusammenarbeit, allerdings ohne die Individualität des Einzelnen zu verlieren, was jedem von uns auch sehr wichtig war und ist.

FRAGE

Wie kann man sich eure Zusammenarbeit vorstellen?

ALEXANDRA F.

Virtuell einerseits, wenn wir Konzepte erstellen, planen und jeder an seinem jeweiligen Wohnort für sich schreibt, malt, fotografiert und Ideen sammelt. Andererseits gibt es grenzübergreifende Projekte, die verbunden sind mit gemeinsamen Fototouren…, wie zum Beispiel unser Projekt “Vergessene W.Orte“, wo wir dann auch länderübergreifend arbeiten – bis jetzt europaweit, von Nord nach Süd, von Hamburg bis Florenz.

FRAGE

Würdest du uns ein bisschen über dich erzählen? Wer bist du? Was machst du?

ALEXANDRA F.

Ich bin sicherlich zum Teil, was man in den Texten liest und in den Fotografien und Bildern sieht.
Das Projekt ist allerdings eine Möglichkeit für mich, meine Person in den Hintergrund zu stellen und die Arbeiten in den Vordergrund zu rücken und für sich sprechen zu lassen.
Kunst war für mich in jeder Form immer schon ein sehr wichtiger und intensiver Teil meines Lebens, eine Berufung vielleicht und – wie Ruskin so treffend sagte – eine Möglichkeit, mit sinnlichen Mitteln den Geist zu erheben, dem Schmerz einen Sinn abzugewinnen und den Ursprung des Schönen zu ergründen.
Für mich ist der kreative Ausdruck ein Lebensgefühl, eine Notwendigkeit, ein Bedürfnis, sicherlich aber auch eine Möglichkeit, mich immer wieder weiterzuentwickeln und neue Herausforderungen anzunehmen und auszuleben.
Abseits der Kunst habe ich einen normalen Berufsalltag. Meine Person würde ich allerdings mehr über meine kreativen Arbeiten definieren.
Wie sagte Goethe: “Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen“…, und in diesem Sinne kann ich mit meinen kreativen Arbeiten viel mehr sagen als in ein paar Worten.

Links:

Alexandra F. auf Facebook (als Alexandra Wortrausch)
Projekt wort:rausch
Projekt wort:rausch auf Facebook

 

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Interview mit Richard Lorenz – Teil 2

Im ersten Teil des Interviews ging es in erster Linie um Amerika-Plakate. Jetzt gilt es zu ergründen, was danach kommt.

RLCopyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Es ist jetzt gut ein halbes Jahr seit dem ersten Teil unseres Interviews und meiner Lektüre von Amerika-Plakate vergangen, und ich bin erstaunt, wie präsent einige der Charaktere in meinem Kopf immer noch sind. Für mich ist es insbesondere Suzanne, der ich nachtrauere. Wie ergeht es denn dir mit deinen Schöpfungen? Wendest du dich nach Beendigung eines Werkes wie Amerika-Plakate sofort neuen Charakteren zu oder begleiten dich die „alten“ auch noch länger?

RICHARD LORENZ

Die Figuren, über die ich schreibe, existieren weiter. In Traumgeästen, im Zwielicht. Amerika-Plakate verfügt über zahlreiche Menschen, die mich stets begleiten. Die mir stets neue Begebenheiten erzählen. Leibrand zum Beispiel hat ja nicht nur das erlebt, was in dem Roman beschrieben wurde – würde ich das alles schreiben, wäre es vermutlich ein Lebenswerk. Vor allem in neuen Projekten treffe ich Leute, die immer wieder Schnittstellen zu Leibrand, Brenner oder auch Suzanne aufweisen. Die sich kennen.
Vor allem geht ja das Leben für zum Beispiel Suzanne weiter. Was macht sie gerade? Das sind tatsächlich Fragen, die mich beschäftigen. So entstehen Erzählungen für mich alleine. Skizzen, aus denen ganz andere Dinge entstehen können.
Ich mag den Gedanken des Einflusses von Geschehnissen auf Menschen. Dass jeder Schritt, jedes Wort, etwas bewirkt, verändert. Vielleicht schreibe ich eines Tages Amerika-Plakate neu, aus der Sicht von Suzanne. Wer weiß, alles ist möglich.
Da ich mir bei Amerika-Plakate aus Naivität den Luxus geleistet habe, die Figuren nicht glattgestrichen oder das Setting nach möglichen Verkaufschancen ausgesucht zu haben, sind mir Ort und Personen der Erzählung sehr nahe, sehr sympathisch. So kann ich von ihnen weiter träumen. Und ob du es glaubst oder nicht, manchmal bekomme ich eine Postkarte von ihnen. Aus Amerika, Brooklyn. Letztes Haus links.

FRAGE

Heißt das konkret, dass die realistische Chance besteht, dass wir Leibrand oder Suzanne in näherer Zukunft wieder begegnen werden?

RICHARD LORENZ

Ich denke das könnte passieren. Aktuell taucht Leibrand am Rande ja auch in der Kurzgeschichte „Das Treffen der traurigen Menschen in Franks Tabakladen während eines Schneesturms“ auf. Wie eben auch jener Frank, der in dem Roman eine kleine Nebenrolle als Tabakladen-Besitzer erfüllt.
Im Grunde gibt es zahlreiche Schrankgeschichten, die als Skizzen existieren. Die ideale Vorstellung wäre eine erweiterte Ausgabe von Amerika-Plakate mit einem Extra-Band jener Nebengeschichten, sozusagen eine beiliegende Kurzgeschichten-Sammlung. Ja, das würde mir gefallen.

FRAGE

Seit unserem letzten Gespräch ist, so empfinde ich es zumindest, die allgemeine Aufmerksamkeit in der Facebook- und Literaturblogger-Szene dir gegenüber sehr stark gestiegen. Wie hast du die letzten Monate publicitymäßig empfunden?

RICHARD LORENZ

Natürlich empfinde ich es als sehr angenehm, dass der Roman Aufmerksamkeit bekommt. Es gab einige sehr nette Menschen, die das Wagnis dieses Romanes auf sich nahmen. Dafür, und das kann ich ehrlich sagen, bin ich ihnen unendlich dankbar. Solche mutigen Leser holen sich ein schwieriges Werk, und ich denke bei Amerika-Plakate kann man davon sprechen, aus dem Schatten der Merkwürdigkeit. Es folgten tatsächlich großartige wunderschöne Besprechungen.
Ich glaube auch, dass es eine Mär ist, an den dummen Leser zu glauben, der ausschließlich einfachen Handlungssträngen folgen kann. Der keine abseitigen Bücher mehr lesen kann oder will – jedenfalls keine deutschen Publikationen. Wir sehen das an dem aktuellen Erfolg von Neil Gaiman. Könnte ein deutscher unbekannter Autor so etwas publizieren? Ich persönlich habe da so meine Zweifel.

FRAGE

Amerika-Plakate wird ja immer als dein Erstlingsroman angesehen, aber Kinderland ist ja schon eher erschienen…

RICHARD LORENZ

Das ist richtig. Dennoch ist Amerika-Plakate tatsächlich der Debüt-Roman, der eigentlich ein wenig früher auf den Markt hätte kommen sollen. Kinderland war dann das Folgeprojekt, eine Fingerübung sozusagen. Ist Amerika-Plakate eher ein Kammerspiel, öffnete ich mit Kinderland die Linse auf Weitwinkel im Sinne der Absonderlichkeiten eines Tim Burton. Im Nachhinein denke ich, dass es nicht hundertprozentig funktioniert hat, weshalb ich auch eine Überarbeitung anstrebe. Erschienen ist es ja bei einem Münchner digital-first-Verlag in fünf Teilen, also nur als eBook.
Während der Arbeit an Kinderland arbeitete ich auch noch an einer kürzeren Geschichte – Charlie Parker und der letzte Schnee. Charlie Parker trifft Moondog und ein Gespenst – eine schöne Geschichte, wie ich finde.

FRAGE

Was ist aus der Geschichte geworden?

RICHARD LORENZ

Die Geschichte um Charlie Parker und seine letzten Tage liegt aktuell bei der Edition Phantasia. Wie man die kürzere Geschichte am besten umsetzt, ist noch nicht ganz geklärt. Eine angedachte Möglichkeit wäre eine limitierte illustrierte Ausgabe – was natürlich Joachim Körber entscheiden muss. Aber ich denke, es wäre eine schöne Art, der Erzählung gerecht zu werden.
Natürlich wäre es möglich, die Kurzgeschichte als eBook zu publizieren, was mir jedoch stark missfallen würde. Ich denke nach wie vor, dass sich manche Erzählungen besser im Print-Bereich gestalten lassen.

FRAGE

Dein neuer, noch nicht erschienener Roman Frost, Erna Piaf und der Heilige ist denkbar anders als Amerika-Plakate aber trotzdem sofort als ein Roman von Richard Lorenz erkennbar. War es eine bewusste Entscheidung von dir, diesen Roman direkter, weniger komplex und visionär zu schreiben?

RICHARD LORENZ

Nach Amerika-Plakate war es mir tatsächlich fast schon ein Bedürfnis, eine rasche klare Geschichte zu erzählen. Wenngleich die Erzählung vermutlich gar nicht so rasch und klar erzählt ist, wie sie mir erscheint – jedenfalls nicht im Vergleich zu anderen Autoren.
Frost, Erna Piaf und der Heilige kommt mir selbst vor wie ein Traumgebilde. Der Ansatz war ja der Umgang mit dem Tod und dem Glauben. Dem Verlust, an ein Himmelreich glauben zu können. Und letztendlich natürlich auch mit dem Thema Sterbehilfe.
Frost ist wie Leibrand eher ein zerbrochener Mensch. Ein Hoffender und Liebender. Mir gefallen vor allem die Randfiguren des Romans. Das Merkwürdige. Das Eigenartige und das Herausfallen aus einem Leben. Geschichten müssen so sein, denn Geschichten sollen ja das Leben spiegeln. Ich mag nach wie vor keine glattgeschliffenen Erzählungen, als wäre das Leben eine One-Man-Show. Das ist einfach nicht richtig. Denn das Leben ist fahrig, ungenau. Oft genug merkwürdig. Eigentlich müsste das Beschreiben einer Sterbeszene unlesbar, weil so verwirrend, sein – tausend Eindrücke. Aber oft genug habe ich solche Szenen gelesen, als hätte der Autor vom Kuchenbacken geschrieben.
Ich habe es sehr gemocht, diesen Roman zu schreiben.

FRAGE

Die erste Hälfte ist sehr dunkel. Doch dann kommt Amelie, der Engel, der die finsteren Herzen mit Licht erfüllt …

RICHARD LORENZ

Das ist richtig. Die erste Hälfte ist bewusst sehr dunkel gehalten, um den Kontrast besser darstellen zu können. Amelie entzündet Frost, könnte man sagen. In einer Zeit, in der Frost an sich selbst und der Welt zweifelt.
So stellt Frost das Sterben und Amelie das Leben dar. Gegenseitig können sie sich heilen.
Ich glaube, wir brauchen solche Menschen, die uns befreien. Uns lieben. Sterbende brauchen solche Menschen, natürlich. Aber es ist immer noch schwer, mit Sterbenden umzugehen, sie zu begleiten. Weil wir Angst vor diesem Anblick haben. Angst, den Tod am Krankenbett zu sehen, weil er uns an die eigene Sterblichkeit erinnert. Aber auch an das Glück, noch am Leben sein zu können, zu dürfen. Mit der Verdrängung des Sterbens verdrängen wir auch maßgeblich das Leben. Und damit verdrängen wir natürlich auch die Selbstbestimmung und die Frage nach aktiver Sterbehilfe.

FRAGE

Die Liebesgeschichte wird ja nur angerissen, und trotzdem überstrahlt sie alles andere. Auch die Liebesgeschichte zwischen Leibrand und Suzanne findet in Amerika-Plakate nicht statt, obwohl sie das ganze Buch zusammen hält. Ist es dir lieber, dass die Leserinnen und Leser sich selbst vorstellen, wie das Zusammensein ein Liebespaars aussehen könnte?

RICHARD LORENZ

Die Liebe entfaltet vor allem in der erste Phase zwischen zwei Menschen eine starke Magie, wie ich finde. Wenn Geheimnisse noch nicht ganz offen gelegt sind. Gerade das ist für mich als Autor interessant. Den Umstand zu beschreiben, dass alles mit einem Geheimnis kippen könnte. Oder anders gesagt, dass die Liebe beweisen muss, wie stark sie ist. Eine ausgereifte Liebesgeschichte bietet wenig Reibungspunkte. Das Unfertige reizt. Der Duft ihrer Haare, ihre Bewegungen. Sehnsüchte und Träume, der erste Kuss um Mitternacht. Alles das. Nichts ist stärker, nichts ist mächtiger. Und nichts prägt uns so sehr. Leibrand zehrte ein Leben lang davon. Und Frost? Frost wünschte sich nichts sehnlicher.

FRAGE

Leibrand beherrscht selbst noch nach seinem Tod, die Herzen und Gedanken vieler Menschen in deinen Werken. Er strahlt etwas Übermenschliches aus. Ist er eine Art Messias?

RICHARD LORENZ

Das ist eine schwierige Frage. Ich persönlich sehe ihn nicht als Messias, wenngleich natürlich Anleihen im Glauben, wie zum Beispiel die Erlösung, vorhanden sind. Ich würde mir wünschen, dass wir alle Menschen so behandeln nach ihrem Sterben. Dass niemand vergessen ist. Und die Erinnerungen und die begonnenen Taten weiterleben, zu Ende geführt werden. Lebendig gehalten werden.
Das Leben bietet eine Vielfalt an Geheimnissen. Aber auch das Sterben. Wir sollten uns an die Toten erinnern, aber nicht im Sinne von Friedhofs-Besuchen. Jeder Mensch hat eine Gabe in sich verankert, die Welt zu bewegen. Zu verändern. Leider nutzen wenige Menschen dieses Talent. Deshalb strahlen vielleicht auch Menschen, die aus der Welt fallen. Sie erschrecken und beeindrucken uns gleichzeitig, weil gerade diese Menschen uns zeigen, was ein Leben sein kann. Und ein Leben ist eben nicht nur Haus, Garten, Urlaub. Sondern vor allem die Herzschläge und die Träume. Leibrand fügt sich der Welt nicht ein, und doch ist in ihm mehr Leben als in vielen anderen Menschen. Weil er das Leben atmet und letztendlich daran zerbricht. Davor haben wir eine ausgeprägte Angst. Daran zu zerbrechen. Und deshalb sind wir meistens Gaukler des Lebens – die mit billigen Zauberkunststücken versuchen das Leben zu imitieren.

Interview mit dem Verleger Joachim Körber zu „Amerika-Plakate“ von Richard Lorenz

Joachim Körber ist eine echte Institution in der Verlagswelt. Sein Verlag Edition Phantasia existiert seit dreißig Jahren und startete zunächst ausschließlich mit wohlfeilen streng limitierten Ausgaben prominenter Autoren. Das Verlagsprogramm umfasst inzwischen aber auch zahlreiche nicht-limitierte Bücher, darunter z.B. in deutschen Erstausgaben neuere Titel von Ray Bradbury, die nicht mehr bei Diogenes erscheinen sind. Relativ neu ist der Hardcover-Imprint kuk, der uns mit Amerika-Plakate von Richard Lorenz dieses Jahr einen herausragenden Roman beschert hat.

Körber
Foto: Hannelore Körber

FRAGE

Wenn ich mir vorstelle, Verleger zu sein und eines Tages ein Manuskript wie Amerika-Plakate im Briefkasten hätte … Wie war deine erste Reaktion auf den Roman?

JOACHIM KÖRBER

Also, zuerst einmal muss ich natürlich sagen, dass ich eine Menge Manuskripte bekomme, und die meisten davon sind leider wirklich schlecht. Fairerweise lese ich meist die erste Seite, das gibt einem schon einen Überblick, ob das eingereichte Manuskript was taugt. Wenn es stilistische und grammatikalische Mindestanforderungen erfüllt, lese ich noch etwas weiter, aber bei den meisten höre ich dann doch auf Seite zwei oder drei auf. Bei Amerika-Plakate habe ich schon auf der ersten Seite gemerkt, dass ich hier etwas auf dem Tisch habe, das es wert ist, genauer in Augenschein genommen zu werden, habe also weitergelesen und irgendwann festgestellt, dass ich schon auf Seite vierzig war! Ein Manuskript wie dieses bekommt man wirklich selten. Mich hat von Anfang an die sehr zarte, melancholische Grundstimmung angesprochen, natürlich auch die Tatsache, dass viel Popmusik drin vorkommt – die ja neben der Phantastik mein zweites großes Steckenpferd ist.
Es gibt eine Menge deutschsprachige Autoren, die – so sehe ich das jedenfalls – haben gute Ideen, sind aber keine überragenden Stilisten. Und es gibt einige wirklich herausragende Stilisten, die aber in manchen Fällen einfach nichts zu sagen haben. Amerika-Plakate vereinigt beides in sich, einen guten, durchdachten Schreibstil und eine schöne Geschichte. Ich bin froh, dass ich dieses erstaunliche Debüt veröffentlichen durfte und wünsche Richard Lorenz von Herzen Erfolg. Verdient hätte er ihn.

FRAGE

Glaubst du denn, dass Richard Lorenz eine realistische Chance auf Erfolg hat? Das, was er schreibt, ist nun wirklich sehr weit vom bestsellertauglichen Mainstream entfernt. Was würdest du ihm als erfahrener Verleger und Szene-Kenner raten, um das Größtmögliche an Erfolg für das Buch herauszuholen?

JOACHIM KÖRBER

Das ist eine gute Frage. Wenn ich recht informiert bin, hat Amerika-Plakate ja eine lange Odyssee durch verschiedene literarische Verlage hinter sich, deren Lektoren das Buch zwar allen sehr gefallen hat … aber keiner wollte es publizieren, da ihm niemand das Verkaufspotenzial zugetraut hat. Da habe ich es mit der Edition Phantasia natürlich sehr viel leichter. Ich muss zwar auch versuchen, mit meinen Büchern Geld zu verdienen, aber was meine Verkaufserwartungen angeht, liegt die Messlatte längst nicht so hoch wie in den großen Literaturverlagen oder gar den großen Publikumsverlagen, wo ja heutzutage, hat man manchmal den Eindruck, nichts mehr zählt als der Mammon. Ich muss kein Büro und kein Lager finanzieren, das mich jeden Monat Zehntausende kostet, und insofern bin ich schon mit deutlich geringeren Absatzzahlen zufrieden.
Dennoch muss ich natürlich sagen, dass das Buch tatsächlich „weit vom bestsellertauglichen Mainstream entfernt“ ist. Trotzdem war und bin ich der Meinung, dass man Literatur – und Kunst allgemein – nicht unbedingt ausschließlich nach kommerziellen Kriterien bemessen sollte. Ich entsinne mich, dass im Spiegel einmal jemand – ich meine, es war Hendryk Broder, bin aber nicht mehr sicher – schrecklich gegen die großen deutschen Theater und die Milliarden an Steuersubventionen gewettert hat, die sie verschlingen. Als Gegen- und Musterbeispiel führte er eine Aufführung des Weißen Rössl am Wolfgangsee auf, die irgendwo seit Jahrzehnten läuft und sich durch die Einnahmen trägt. Ich fand das einen ausgesprochen törichten Essay, denn ohne die Theatersubventionen würden wir dann irgendwann nur noch das Weiße Rössel oder Peter Steiners Theaterstadl zu sehen bekommen … und das kann ja wohl niemand ernsthaft wollen.
Mit der Literatur verhält es sich nicht anders. Darum bemühe ich mich, Bücher zuerst einmal nach literarischen Kriterien zu bewerten, und wenn mich ein Buch so packt wie Amerika-Plakate, dann mache ich es. Und wenn, dies als abschließende Bemerkung, ein kleiner Verlag wie meiner sagen kann, dass er ein Buch macht, auch wenn er am Ende vielleicht ein wenig draufzahlt, weil sich das angesichts stabiler Backlistumsätze dennoch irgendwie rechnet, dann sollte das einem großen Verlag, der Millionen umsetzt, an sich zweimal möglich sein.

FRAGE

Wie lief die Zusammenarbeit mit Lorenz ab? Hast du einfach sein Manuskript lektoriert und veröffentlicht oder gab es Gespräche und Diskussionen bezüglich des Textes?

JOACHIM KÖRBER

Da muss ich den Autor zuerst einmal loben … das Manuskript war nahezu perfekt, wie ich es bekommen habe. Das Lektorat hat sich hier tatsächlich mehr oder weniger darauf beschränkt, ein paar Tippfehler auszubügeln und einige Wortwiederholungen und dergleichen auszumerzen. Aber natürlich habe ich alle Änderungen mit dem Autor entweder per E-Mail oder am Telefon diskutiert.

FRAGE

Habt ihr euch persönlich kennengelernt oder ist Amerika-Plakate ein reiner E-Mail-Deal?

JOACHIM KÖRBER

Persönlich kennengelernt haben wir uns bisher leider noch nicht … es war tatsächlich zuerst einmal ein reiner E-Mail-Deal. Als ich dann gesagt habe, dass ich das Buch definitiv herausbringen werde, haben Richard Lorenz und ich gelegentlich telefoniert, was wir bis heute machen – und natürlich stehen wir über Facebook in Kontakt. Persönlich kennenlernen werde ich ihn hoffentlich im Dezember, wenn er mit dem Schauspieler und Autor Gregor Weber eine Lesung in München veranstaltet, die ich besuchen möchte.

FRAGE

Können wir unter dem kuk-Imprint zukünftig mit weiteren derartigen Entdeckungen rechnen?

JOACHIM KÖRBER

Das kommt darauf an – wenn ich wieder ein ähnlich gutes Manuskript bekomme, warum nicht? Ich bekomme ja schon eine ganze Menge Manuskripte angeboten, aber das meiste davon, muss ich leider sagen, taugt herzlich wenig. Und man muss auch weiter bedenken, dass ein winziger Ein-Mann-Verlag wie ich natürlich kaum finanziellen Spielraum für Werbung usw. hat, wodurch es einigermaßen schwer ist, neue, unbekannte Autoren am Markt zu etablieren. Dennoch, wie gesagt: Wenn mich wieder einmal ein Text so packt, warum nicht?

FRAGE

Was das Etablieren unbekannter Autoren am Markt anbelangt, widerspricht das merkwürdigerweise den Erfahrungen, die ich mit meinem Blog dandelion gemacht habe. Meine Rezension zu Amerika-Plakate hatte am ersten Online-Tag ca. die vierfache Klickrate als z.B. meine Besprechung zu Das Haus mit den sieben Giebeln von Nathaniel Hawthorne, das bei Manesse erschienen ist. Wenn man das als Maßstab nimmt, müsste ja Manesse deutlich weniger verkaufen als du. Kannst du dir das erklären?

JOACHIM KÖRBER

Das rührt jetzt an eine ganz grundsätzliche Diskussion, die ich ständig mit Autoren und Kollegen führe. Meiner Meinung nach ist das mit den Internet eine zwiespältige Sache. Grundsätzlich sagt die Anzahl von Klicks natürlich nichts über den kommerziellen Erfolg von etwas aus. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen: Wenn ich für ein Buch eine Besprechung in einem großen, meinungsbildenden Printmedium bekomme, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ usw., dann gehen in den Tagen danach die Verkaufszahlen durch die Decke. Bei Besprechungen im Internet passiert meistens rein gar nichts … jedenfalls nicht unmittelbar. Manesse wird mit Sicherheit mehr Bücher verkaufen als ich, aber wir haben es hier auch mit zwei verschiedenen Dingen zu tun: Das Haus mit den sieben Giebeln ist ein Klassiker, und die ernten – das ist eine Branchenerfahrung – meist nicht dasselbe Interesse wie Neuerscheinungen. Amerika-Plakate ist natürlich im Moment durch die für mich erstaunlich große Zahl sehr überschwänglicher Rezensionen sehr viel präsenter als ein Autor wie Hawthorne. Das geht aber – wiederum aus meiner Erfahrung – vorüber … leider. Klassiker wie Hawthorne, Lovecraft usw. sind etabliert und werden immer irgendwie präsent sein, während neue Autoren, auch wenn sie vorübergehend ein hohes Maß an Aufmerksamkeit generieren, doch leider oft auch wieder verschwinden. Ich hoffe, dieses Schicksal bleibt Richard Lorenz erspart.

FRAGE

Welche Bücher aus dem Gesamtprogramm der Edition Phantasia kannst du den Lesern empfehlen, denen Amerika-Plakate gefallen hat?

JOACHIM KÖRBER

ALLE! Nein, das war natürlich ein Scherz. Aber ich würde sagen, wer Ray Bradbury schätzt, der dürfte Amerika-Plakate mögen, also kann ich die Bücher von Bradbury in meinem Programm durchaus empfehlen. Und mit den literarisch ebenfalls recht anspruchs- und gehaltvollen Titeln von Stefan Blankertz wäre man wohl auch nicht schlecht beraten, obwohl Dein Name sei Menschenfischer natürlich keine Phantastik ist.

FRAGE

Könntest du dir vorstellen, bei passenden Randbedingungen ein weiteres Buch von Richard Lorenz zu publizieren?

JOACHIM KÖRBER

Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Sein Kinderland ist ja bisher „nur“ als E-Book-Serie erschienen … und wie man weiß, sind E-Books ja keine richtigen Bücher. [lacht] Nein … ehe jetzt ein Sturm der Entrüstung losbricht, auch das war ein Scherz! Trotzdem … davon eine schöne Print-Ausgabe wäre denkbar.
So paradox es vielleicht erscheinen mag, aber an sich wünsche ich Richard Lorenz natürlich, dass er es bald gar nicht mehr nötig hat, in einem Verlag wie meinem zu veröffentlichen, sondern einen großen Verlag findet, der mehr finanzielle Power im Rücken hat und ihm und seinen zukünftigen Büchern die Publikumsaufmerksamkeit sichern kann, die sie verdient hätten!

FRAGE

In diesem Fall bestünde aber die Möglichkeit, dass Richard Lorenz von genau so einem Verlag versaut, sprich kommerzialisiert wird.

JOACHIM KÖRBER

Die Gefahr besteht natürlich. Letztendlich kommt es dabei aber in erster Linie auf den Autor an und in welchem Maße er sich kommerzialisieren lässt. Ich habe vor Jahren einmal einen Werkstattbericht gelesen, wie ein Lektor eines großen, angesehenen Literaturverlages sich das Manuskript eines deutschen Autors (ich will hier keine Namen nennen, aber er ist durchaus ein „Darling“ des Feuilletons und im Literaturbetrieb sicher kein ganz Unbekannter) vorgenommen und dem Autor diktiert hat, was er wie zu ändern und umzuschreiben hätte. Am Ende kam ein Buch heraus, das kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Manuskript zu tun hatte. Ich fand das ziemlich grässlich; es wurde unter dem Motto veröffentlicht, „wie Literatur entsteht“, und es kam so rüber, als wären die Literaten ja ohne ihre Lektoren gar nichts. Ich hätte mir so gravierende Eingriffe in meinen Text jedenfalls nicht gefallen lassen … und dann auch noch stolz Auskunft darüber gegeben. Ich weiß aus Gesprächen mit Richard Lorenz, dass er Angebote einiger Literaturverlage hatte, das Buch zu veröffentlichen … wenn er dies oder das umschreiben, das ganz rausnehmen und dafür mehr von dem da einfügen würde. Er ist stur geblieben und hat diesen Versuchungen widerstanden, und ich denke, das wird ihm auch weiterhin gelingen – hoffe ich. Natürlich muss man ab und an Kompromisse machen, und es ist sicherlich so, dass Lektoren, die einem Text distanzierter gegenüberstehen als man selbst, einem wertvolle Tipps geben können … aber ein Buch, das der ursprünglichen Absicht mehr oder weniger diametral entgegengesetzt ist, sollte dabei nicht rauskommen. [grinst]

Homepage der Edition Phantasia

Interview mit Richard Lorenz

Mit Richard Lorenz hat ein Ausnahmetalent die Buchwelt betreten. Sein erster Roman Amerika-Plakate ist im Frühjahr bei kuk, einem Imprint der legendären Edition Phantasia, erschienen und zeigt einen Autor, dessen Phantasie keine Grenzen zu kennen scheint.

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Copyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Für mich bist du mit Amerika-Plakate wie aus dem Nichts auf der Literatur-Bildfläche erschienen. Wie sieht deine Schriftsteller-Vita bis zur Veröffentlichung dieses Romans aus?

RICHARD LORENZ

Eigentlich habe ich keine klassische Autoren-Vita. Zwar habe ich immer wieder veröffentlicht, jedoch ausschließlich Short-Storys. Angefangen vor zwanzig Jahren, zu Beginn stark geprägt von Stephen King. Vor zwanzig Jahren jedoch galt King noch als Schundliteratur, die in Bahnhofskiosken verkauft wurde.
Von Zeit zu Zeit habe ich bei Printmedien, also Tageszeitungen, publiziert. 1996 dann eine Short-Story-Sammlung bei einem Druckkostenzuschuss-Verlag, da man damals noch nicht wirklich gut informiert war und das Angebot verlockend war. Diese Sammlung ist heute nicht mehr erhältlich – verkauft haben sich davon vielleicht eine Handvoll Exemplare.
Verlage waren mir eigentlich immer relativ suspekt, gerade im Zeitalter vor dem Internet, mit der geringen Möglichkeit nach kleinen Verlagen zu suchen. Jahrelange Wartezeiten auf ein belangloses und unpersönliches Antwortschreiben. Deshalb wollte ich tatsächlich auch nicht publizieren. Die Branche war mir zu merkwürdig. Also habe ich weiterhin einfach nur geschrieben und zwei-, dreimal im Jahr Lesungen veranstaltet.
Vor Amerika-Plakate habe ich ausschließlich für mich geschrieben. Kurzgeschichten und Novellen. Und natürlich Lesungsprogramme. Das letzte war schließlich Amerika-Plakate. Aber das hat natürlich auch einen Vorteil. Man lernt die eigene Sprache besser kennen, und man findet schließlich auch die ganz eigenen Themen. Unabhängig vom Literaturmarkt. Meiner Meinung einer der größten Fehler der aktuellen Literatur-Szene: Die Anpassung.

FRAGE

Hast du denn keine Bedenken, dass auch dir diese Anpassung irgendwann droht? Gerade Amerika-Plakate strahlt für mich im besten Sinne diese positive Anarchie aus, die guten Erstlingsromanen manchmal zu eigen ist. Glaubst du, du wirst noch genauso frei schreiben können, wenn du erst einen festen Verlag und eine feste Leserschaft im Nacken hast?

RICHARD LORENZ

Das ist tatsächlich eine sehr interessante Frage, die ich natürlich auch von Amerika-Plakate her kenne. Die „Glättung“ des Romans. Einige größere und große Verlage haben durchaus Interesse an dem Roman bekundet – jedoch mit Einschränkungen. Zu phantastisch, zu merkwürdig, zu unnormal, zu sprunghaft. Alles das. Vermutlich hätte man sich mit einem dieser Verlage einigen können, denke ich mal. Aber nicht nur, dass ich das nicht wollte, vielmehr konnte ich es auch gar nicht. Die Grundstimmung des Romans ist phantastisch, magischer Realismus. Was auch immer. Daraus einen Günter-Grass-Roman zu machen, wäre durchaus schwierig gewesen.
Ich bin ja kein Genre-Schreiber. Ich erzähle Geschichten und bediene mich deren Elemente. Deshalb trifft auf Amerika-Plakate der Begriff Phantastik auch nur begrenzt zu – und wenn, dann im Sinne eines Ken Keseys.
Tatsächlich glaube ich, man sollte die Geschichten schreiben, die man in sich trägt, und nicht die Geschichten, die das Publikum hören möchte. Gerade durch den neuen Boom des Self-Publishing entsteht jener Eindruck: Schreibe, was sie lesen wollen, und du bist ein gemachter Mann. So etwas ängstigt mich. Denn dann wird es keine innovativen Bücher mehr geben. Nehmen wir zum Beispiel Forellenfischen in Amerika von Richard Brautigan. Diese Texte sind so abseitig und wundervoll gleichzeitig, dass sie überstehen. Weil sie wichtig waren und immer noch sind. Heute lese ich in Bücher-Foren, dass sie Bradburys Fahrenheit 451 für langweilig halten oder nicht verstehen. Aber Literatur muss nicht immer nur anspruchsvoll sein, sondern sie muss vor allem mutig sein.
Persönlich glaube ich, dass man meine Texte zwar glätten kann, aber sie von der Grundstruktur, von der Erzählung, immer abseitig bleiben. Diesen Anspruch habe ich. Abseitige Figuren in abseitigen Situationen. Magie, kein billiger Zauber.
Außerdem bin ich kein junger Autor mehr, was vermutlich ein Vorteil ist. Würde ich etwas schreiben sollen, was mir nicht gefällt, dann würde ich es lassen und wieder nur für mich schreiben. Was soll‘s? Denn wenn man eines bei der Arbeit mit Sterbenden lernt, dann wohl, dass man Dinge nicht mehr abändern kann. Und dass man gefälligst seinen Weg gehen soll.

FRAGE

Der Tod ist ja allgegenwärtig in Amerika-Plakate. Ich habe ihn aber in deinem Roman so verstanden, dass die Grenzen zwischen Leben und Tod fließend sind und die Toten auf die ein oder andere Art – z.B. durch Träume und Erinnerungen – trotzdem fortleben. Das hat etwas Tröstliches, was auch der Roman nach meinem Empfinden eindeutig an die Leser transportierst. Du hattest beruflich mit dem Tod zu tun?

RICHARD LORENZ

Ja, und ich denke, der Tod ist nichts Endgültiges. Damit meine ich jetzt nicht einmal das Himmelreich, sondern vielmehr, dass von jedem Menschen etwas zurückbleibt. Gedanken, Erinnerungen, Träume, Pläne. Eine Melange. Der Tod ist ein zentrales Thema, weil ich glaube, dass wir danach unser Leben ausrichten. Gewollt oder ungewollt. Wir haben Angst davor, und diese Angst treibt den Menschen an. Das Sterben ist der Motor des Lebens, würde ich sagen.
Beruflich hatte ich mit dem Sterben zu tun, natürlich. In der Krankenpflege, später dann im onkologischen Bereich, ist der Tod dein Schatten, in dem Gespenster tanzen. Das Leben verliert seine Konturen, wenn man Sterbende begleitet. Nichts mehr hat Bestand, und zu Recht sagt Thomas Bernhard diesbezüglich: Alles ist lächerlich.
Sämtliche Bemühungen, ein genormtes Leben zu leben, wirken bei der Zerbrechlichkeit des Seins merkwürdig und abseitig. Ich persönlich glaube nicht an Bücher wie: Wünsche von Sterbenden. Das ist billiger Budenzauber. Ihre Wünsche sind einfach: Keine Schmerzen und ein würdevolles Sterben.
Und manchmal erzählen sie von zu Hause. Und meistens sind das bessere Geschichten, als sie jemals in einem Buch zu finden sind.

FRAGE

Du hast bereits erwähnt, dass du mit Amerika-Plakate künstlerische Differenzen mit diversen Verlagen hattest. Wie bist du vorgegangen, als du fertig mit Schreiben warst, und wie bist du letztendlich bei kuk gelandet?

RICHARD LORENZ

Man muss vermutlich wissen, dass Amerika-Plakate grundsätzlich eine Kurzgeschichte ist. Ausgelöst durch ein Erlebnis in meiner Kindheit, als ein Nachbarsjunge und gleichzeitig Freund tatsächlich aus dem Fenster gesprungen und dabei irgendwie die Zeit stehen geblieben ist. Ein Sommertag mit hellblauen Sommerhimmel. Darüber wollte ich schreiben. Auch über die Affinität zu Amerika – aber eher dem Film-Amerika. Dem Amerika, wie man es sich als Kind vorstellt, wenn die Nächte lang sind.
Es entstand also die Kurzgeschichte, und eines Abends sah ich mir Bloch an, mit Dieter Pfaff. Eine der frühen Folgen mit Katharina Wackernagel als Tochter. Plötzlich hatte ich den Wunsch, sie zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, die Short-Story als Audio-Geschichte einzusprechen. So schrieb ich ihre Agentur an, und wir wurden uns relativ schnell einig. Daraus entstand ein wundervoll eingesprochenes Projekt.
Völlig naiv dachte ich 2012, eine Literaturagentur könnte sich darum kümmern, dass diese Audio-Geschichte im Radio laufen würde. Stattdessen waren sie an einem Roman interessiert, und so versuchte ich mich an meiner ersten längeren Geschichte, basierend auf der Kurzgeschichte. Nach vier Monaten war der Roman dann fertig, und es war von vornherein klar, dass es damit schwierig werden könnte. Zeitsprünge, phantastische Elemente, all diese Sachen. Zudem konnte man Amerika-Plakate nicht so einfach einem Genre zuordnen, was ja scheinbar das Wichtigste überhaupt ist.
Dennoch waren einige Verlage daran interessiert, machten es aber dann doch nicht. Zu verkopft, zu merkwürdig, zu eigenartig. Wer soll das kaufen, wer soll das lesen? Gleichzeitig jammerten jedoch diese Verlage immer wieder, dass es an innovativer Literatur fehlen würde. Und vom Untergang des literarischen Abendlandes.
Eine Zeitlang sah es tatsächlich so aus, als würde Amerika-Plakate nicht bei einem Verlag erscheinen können. Anfang 2013 schrieb ich dann die Edition Phantasia an, da ich diesen kleinen Verlag immer schon sehr gerne mochte. Joachim Körbers Publikationen sind großartig, wenngleich ich mir nicht ganz sicher war, ob er diese Art Literatur machen würde. Nachdem ich ihm das gesamte Manuskript via email geschickt hatte, dauerte es dann nicht mehr lange. Körber war tatsächlich der erste Verleger, der gesagt hat: Das will ich machen, genau so. Für diesen Mut sollte man ihm einen Orden verleihen, finde ich. Oder ihn zum Ritter schlagen.

FRAGE

Joachim Körbers Verlag hat ja eine Jahrzehnte lange Tradition als Verlag für ausgesuchte phantastische Literatur. Wie wurde Amerika-Plakate denn bisher aufgenommen? Ich könnte mir vorstellen, dass bisher eher Leser und Rezensenten phantastischer Genres auf dich aufmerksam geworden sind – obwohl ich die Erfahrung gemacht habe, dass gerade sie zu den tolerantesten Buchkonsumenten überhaupt zählen.

RICHARD LORENZ

Pressearbeit gestaltet sich ja, wie man weiß, als sehr schwierig. Das heißt, um an Kultur-Reaktionen zu kommen, bedarf es Geduld und Mühe. Ohne großen Verlag im Rücken mit Hunderten von Freiexemplaren wird es schwierig – vor allem, wenn es sich nicht um Genre-Romane handelt. Hier helfen auch kaum Leserunden oder Facebook-Werbung. Der Markt ist völlig überschwemmt, leider.
Die Reaktionen waren bisher sehr positiv, wenn auch noch nicht sehr zahlreich. Auch hier scheint es für die Leute schwierig, da sie den Roman nicht zuordnen können. Was ist es nun? Gegenwartsliteratur, phantastische Literatur, magischer Realismus? Wer kann das schon so genau sagen? Für mich ist es einfach eine gute Erzählung. Nicht mehr, nicht weniger.
Natürlich hoffe ich weiterhin, dass der Roman auffallen wird.

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FRAGE

Welche literarischen Vorbilder hast du? Nach Lektüre von Amerika-Plakate würde ich insbesondere auf Ray Bradbury und Paul Auster tippen. Was ich dabei aber bemerkenswert finde, ist, dass du eine völlig eigene Stimme hast. Ich behaupte, aus einem Stapel Neuerscheinungen würde ich dich ohne Probleme heraushören.

RICHARD LORENZ

Hier wird es schwierig, die Frage konkret zu beantworten, denn die Vorbilder sind eigentlich vielmehr Wegweiser dafür, wie eine gute Geschichte funktionieren kann, wenn sie das Zwielicht streift. Bradbury ist natürlich für mich ein zentraler Autor. Fahrenheit 451, Die Mars-Chroniken, auch seine Short-Stories. Wie Paul Austers Geschichten sind sie immer voller Liebe und Hoffnung. Das gefällt mir. Die New-York-Bücher von Auster – wundervoll. Vor allem „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“, eine kurze Episode, die mich beeindruckt hat und es immer noch tut.
Aber auch Autoren wie Truman Capote mit seinen Beschreibungen oder Friedrich Ani, der für mich einen der besten deutschen Autoren darstellt. Stephen King natürlich, vor allem mit seinen untypischen Erzählungen. Frühling, Sommer, Herbst und Tod – für mich eines seiner besten Bücher.
Michael Chabon mit seinen Wonderboys oder T. C. Boyle. Neil Gaiman, der immer noch viel zu wenig Beachtung findet.
Ich mag Autoren und Bücher, die anders sind. Im positiven Sinne abseitig. Die mein Herz oder meine Seele berühren, die einen ganz eigenen Soundtrack inne haben. Diese Eigenschaft sollte gute Literatur immer haben – wenngleich das natürlich nicht immer die breite Masse anspricht. Vom Gefühl her gibt es in Deutschland kaum diese Nischen-Literatur, obwohl sie alle davon sprechen. Ich sehe ausschließlich Mainstream-Varianten, stapelweise auf Büchertischen. Als wäre Literatur nur noch billige Lift-Musik. Deshalb stehe ich auch dieser „Demokratisierung der Literatur“-Bewegung eher skeptisch gegenüber.
Wer schreibt, sollte meiner Meinung nach viel gelesen haben und weiterhin viel lesen. Von Büchern habe ich gelernt. Heutzutage gibt es ja überall Schreibwerkstätten und Workshops, und ich weiß tatsächlich nicht, was ich davon halten soll. Natürlich ist Schreiben ein Handwerk, so wie das Zaubern ein Handwerk ist. Aber dahinter gibt es noch etwas, und das kann man nicht erlernen.

FRAGE

Insbesondere mit Paul Auster teilst du ja eindeutig eine herzliche Zuneigung zu den Gestrauchelten…

RICHARD LORENZ

Paul Auster hat in der Tat einen wundervollen Blick auf die Gefallenen. Jene, die meist im Schatten des Lebens stehen. Ebenso wie Billy Wilder in seinen Filmen. Anti-Helden und Verlorene als Kontrast für ein Leben, das wir nicht verstehen.
Leibrand ist so angelegt. Ein Mann, der sich im Leben nicht wirklich zurecht findet, jedoch vermutlich das Leben atmet. Solche Menschen sind weitgehend Einzelgänger. Suchende. Diese Suche impliziert natürlich eine ständige Auseinandersetzung mit dem Leben. Für einen gut verdienenden Bankangestellten stellt sich selten die Frage nach dem Sein. So brauchen wir Zerbrochene, um das Leben zu verstehen. Deshalb haben wir vermutlich auch Probleme mit Obdachlosen und Bettlern, mit all den Gestrandeten. Sie zeigen uns die andere Seite des Lebens, und dass es ein schmaler Grat ist. Ein Abgrund, an dem wir alle stehen.
Solche Menschen sind so nahe am Leben, dass sie mich stark beeindrucken. Krankheiten und Tod der ständige Begleiter. Was passiert, wenn man nichts mehr zu verlieren hat? Das ist eine zentrale Frage, die wir uns stellen sollten. Und: Was bleibt, wenn wir alles verlieren?

FRAGE

Sämtliche Schrecken, die die Protagonisten in Amerika-Plakate heimsuchen, haben ihren Ursprung in der Kindheit. Der kindliche Kuss zwischen Leibrand und Suzanne stellt die Weichen für mindestens zwei Leben. Bist du ein Mensch, der die Kindheit stets mit sich herumträgt? Viele Menschen scheinen diese Zeit als Erwachsene ja völlig vergessen bzw. verdrängt zu haben.

RICHARD LORENZ

Um das Leben zu verstehen, ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, jene Dinge in Gewahrsam zu halten, die uns als Kind geängstigt haben. Oder von denen wir geträumt haben. Nur so kann eine stetige Neu-Orientierung passieren. Ich glaube, als Kind sieht man das Leben wie eine riesige Landkarte mit unzähligen Straßen und Wegen, mit geheimnisvollen Plätzen und magischen Orten. Je älter man wird, desto kleiner wird diese Landkarte und die Magie verschwindet. Für Kinder zählen andere Werte als materielle Dinge – jedenfalls die meiste Zeit. Später scheinen wir die Hoffnungslosigkeit des Seins mit Wohlstand und Sicherheit abdecken zu wollen.
Tatsächlich entspringt der Schrecken in der Kindheit, prägt uns. Sämtliche Eindrücke sind als Kind hell, beinahe grell und nahe. Der Himmel ein Baldachin, zum Greifen nahe. Alles das verlieren wir auf eine Art und Weise, von einem Tag auf den anderen, wenn wir aufwachen und erwachsen sind. Eigene Kinder bringen dieses Gefühl zurück. Die Ängste vor der Dunkelheit, die Hoffnungen eines unendlichen Sommertages.
Ich selbst bin auf dem Land aufgewachsen, die RAF-Gespenster noch an jeder Ecke stehend. Der Vater dem Alkohol zugeneigt, die anderen Kinder oftmals bösartige Figuren. Es entstehen Geschichten, die man sich selbst erzählt. Die man sich vorbetet wie ein Vater-Unser, um nicht zu ersticken.
Dennoch: Die Sommer waren nie länger und die Grillen nie lauter. Wie sollte man das je vergessen können?

FRAGE

Genauso wie man die erste Liebe ein Leben lang wie eine für niemanden sichtbare Tätowierung in sich trägt?

RICHARD LORENZ

Jene Unsichtbarkeit von Wunden, Verletzungen sind ein interessantes Thema. Jeder von uns trägt diese Dinge in sich. Manchmal sind diese Schnittstellen wie ein Leuchtfeuer. Ob es nun die erste Liebe ist oder das Sterben eines Kindes – wir tragen es mit uns. Fabrizieren ein Traumgeäst darum.
Begegnungen sind allgemein ein starkes Thema eines jeden Geschichtenerzählers. Bindungen und Schwankungen. Aus Liebe entsteht Hass, solche Dinge.
Erzählungen wachsen aus diesen Leuchtfeuern, damit wir sie verstehen können. Oder damit wir sie niemals vergessen.
Leibrand erging es mit Suzanne so. Ein Kuss auf dem Jahrmarkt und eine lebenslange Suche nach dem Mädchen. Es hat etwas Zerbrechliches an sich, aber auch etwas Mutiges. Den Spuren weiter folgen, den Atem nach den Träumen ausrichten. Das sind große zentrale Themen, die einhergehen mit Schuld, Sühne und Erlösung.

FRAGE

Vier Monate für die Erweiterung von der Kurzgeschichte zum Roman Amerika-Plakate finde ich sehr schnell angesichts des sprachlich sehr anspruchsvollen Textes. Fällt dir das Schreiben in dieser Qualität generell leicht?

RICHARD LORENZ

Sobald ich den Sound einer Geschichte gefunden habe, fällt es mir relativ leicht, zügig zu schreiben. Wobei ich mich nur vage an ein Exposé halte, wenn überhaupt. Eine Geschichte zu „plotten“ stört mich persönlich ungemein, wird meiner Meinung nach auch überschätzt. Diesbezüglich gefällt mir auch das Absurde, wenn in Raymond Chandlers Romanen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, weil sie schlichtweg vergessen wurden. So etwas ist mir sehr sympathisch, denn es zeigt den Atem eines Buches.
Heutige Bücher könnten auch von Robotern geschrieben worden sein. Nicht alle, aber viele. Gerade im Genre-Bereich – sie sind so blank gescheuert wie ARD-Sonntagsfilme.

FRAGE

Obwohl ich bei Amerika-Plakate schon den Eindruck habe, dass du die Handlung bereits von Anfang an im Kopf hattest. Bereits auf den ersten Seiten finden sich Echos späterer Ereignisse.

RICHARD LORENZ

Das stimmt. Da ich Erzählungen oft überarbeite, achte ich auf diese Dinge. Kleinigkeiten, die sich dann letztendlich einfügen und eine Geschichte abrunden. Für mich ist es natürlich schon wichtig, dass ein Roman schlüssig bleibt – egal wie abseitig oder absurd er auch sein mag.
Bei Amerika-Plakate wusste ich natürlich bereits den Schluss, jedenfalls Leibrands Ende der Geschichte. Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn man bereits eine Vorahnung über den Schluss hat. Vieles in Amerika-Plakate wurde aber auch nur angerissen, vage gezeichnet. Phantastische Elemente können ganz schnell entzaubert werden, sobald man versucht sie zu erklären. Letztendlich gilt das vermutlich für die meisten Elemente eines Romans. Natürlich sollte man wissen, wovon man schreibt – aber man sollte nicht versuchen, alles zu erklären.
Vieles jedoch ist erst beim Schreiben entstanden, was ich eigentlich sehr gerne mag. Den Überraschungsmoment, wenn Dinge geschehen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ich denke, als Leser merkt man sehr schnell, was geplant wurde und was nicht. Bei Stephen King zum Beispiel merkt man es sehr stark.
Ich mag dieses Jazz-Gefühl, wenn eine Erzählung kurz aus dem Ruder läuft und sich dann aber wieder zusammenfindet. Sicherlich keine sehr einfache Angelegenheit, denn natürlich kann so eine Tagesarbeit in einer Sackgasse enden. Aber sie kann eben auch zurückführen zur Hauptstraße oder wenn man sehr viel Glück hat auf einen unbefahrenen Weg voller Löwenzahn.

FRAGE

Wie können wir uns einen typischen Tag im Leben des Schriftstellers Richard Lorenz vorstellen?

RICHARD LORENZ

Hoffen und beten, sozusagen.
Ich arbeite an neuen Projekten, also schreibe ich natürlich jeden Tag. Meistens am Nachmittag bis zum frühen Abend.
Letztendlich habe ich es mir zwar sehr beschwerlich vorgestellt, jedoch nicht so steinig. Nicht das Schreiben an sich, sondern vielmehr die Literatur-Welt. Nach wie vor ist diese Parallelwelt befremdlich für mich. Lesungen zu organisieren wird immer mehr zu einem Schattenboxen.
Wenn ich mir anschaue, welche Autoren heute bei großen Verlagen literarische Erzählungen publizieren, sehe ich kaum eine Möglichkeit für mich. Das soll kein Vorwurf sein, es sind bestimmt sehr gute Bücher. Aber ihre Biographien unterscheiden sich doch gewaltig von meiner eigenen. Die Zeiten eines Bukowskis, der aus der Gosse heraus wunderbare Gedichte publizierte, sind vorbei. Einen Überraschungs-Erfolg zu platzieren scheint fast unmöglich.
So sieht mein Tag aus: Nach einem Mausloch zu suchen, dahinter die Möglichkeit, bescheiden das tun zu dürfen, was man möchte. Aber wer kann das schon?

FRAGE

Was können wir neben Amerika-Plakate noch von dir lesen? Gibt es noch veröffentlichte Kurzgeschichten?

RICHARD LORENZ

Es gibt zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte. Versteckt in Telefonbüchern der Städte, vergraben auf Friedhöfen, mit Kreide an Häuserwänden geschrieben. Unter der Tapete meines Arbeitszimmers geklebt warten 47 Kurzgeschichten.
Die Gespenster kennen sie alle.

FRAGE

Es gibt da die elektronische Fortsetzungsgeschichte Kinderland. Kannst du uns bitte etwas darüber erzählen?

RICHARD LORENZ

Kinderland wurde als Serial-Novel konzipiert, die bei einem Münchner ebook-label herausgekommen ist. Fortsetzungs-Romane haben mir immer sehr imponiert.
Letztendlich ist Kinderland eine Erzählung um das Aufwachsen in einer kleinen Stadt, in der Kinder verloren gehen, vergessen werden. Es hat mich gereizt, etwas zu erzählen was im direkten Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Dachau steht. Und dem Vergessen von Träumen und Traum-Episoden.
Kinderland ist im Gegensatz zu Amerika-Plakate eher eine Weitwinkel-Aufnahme mit vielen Figuren mit Anleihen einer Tim-Burton- Erzählstruktur. Natürlich wird so etwas sofort kategorisiert, in diesem Fall: Mystery. Damit kann ich mich aber bis heute nicht wirklich anfreunden.

FRAGE

Du hast nach Amerika-Plakate bereits einen neuen Roman, Frost, Erna Piaf und der Heilige geschrieben. Wie ist der aktuelle Status dieses Werkes?

RICHARD LORENZ

Zum aktuellen Status kann ich mich nicht äußern, weil noch alles in der Schwebe ist. Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn das Buch seinen Weg finden würde. Denn ich glaube, es ist eine schöne Geschichte vom Leben und vom Sterben. Und von einer Suche, die in Paris endet.

FRAGE

Woran arbeitest du zur Zeit?

RICHARD LORENZ

Zur Zeit arbeite ich an einer weiteren literarischen Erzählung über einen Schriftsteller, der auch Salinger hätte sein können. Also verschroben, aus dem Leben gefallen. Salinger ist ja eine hochinteressante Persönlichkeit, und die Weigerung zu publizieren, finde ich äußerst sympathisch. Solche Figuren fehlen heute sehr, wie ich finde.
Wer weiß, vielleicht wird das sogar mein letzter Roman – also jedenfalls der letzte, der den Weg nach außen sucht. Weiß Gott, vielleicht tue ich es dann dem Protagonisten des aktuellen Romans gleich und schreibe nur noch für die Gespenster, die nachts an mein Bett kommen. Denn wir müssen alle unsere Wege gehen, und manche Wege sind mit der Zeit unpassierbar geworden.

Homepage von Richard Lorenz

Interview mit Andrea Krug zu Sarah Waters (und anderem)

Andrea Krug ist eine Hälfte des Verlags Krug & Schadenberg, der sich ausschließlich der Literatur für Frauen, insbesondere lesbischer Literatur widmet. Im Programm des Verlags enthalten sind die beiden Romane Die Muschelöffnerin und Solange du lügst von Sarah Waters, einer britischen Autorin, die es aufgrund der Qualität ihrer Romane in ihrer englischen Heimat geschafft hat, aus dem eingezäunten Gebiet der lesbischen Literatur herauszutreten und von einem großen Publikum als ernstzunehmende Autorin wahrgenommen zu werden. Die Nominierungen für den renommierten Man Booker Prize sind sicherlich ein Signal in die richtige Richtung.
Andrea Krug, die sich in ihrer Verlagstätigkeit weitgehend auf das Lektorat und die Übersetzungen konzentriert, hat sich sofort bereit erklärt, einige Fragen zu Krug & Schadenberg und Sarah Waters zu beantworten.

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v.l.n.r. Andrea Krug und Dagmar Schadenberg
Copyright © by Chr. Böder

FRAGE

Zwei Romane von Sarah Waters sind bei Krug & Schadenberg erschienen. Was hat dich insbesondere dazu bewegt, sie in eurem Verlag zu veröffentlichen?

ANDREA KRUG

Kurz gesagt: die literarische Qualität. Sarah Waters gelingt es in beiden Romanen, eine dichte, teils sehr sinnenfreudige Atmosphäre zu erzeugen, atemberaubend dramatische Szenen und Wendungen zu entwickeln und Heldinnen zu schaffen, die keineswegs durchweg sympathisch, aber in jedem Fall faszinierend und fesselnd sind, so dass wir bei der Entwicklung ihrer Geschichte(n) mitfiebern und uns nicht von ihnen lösen können. Wobei der Roman Die Muschelöffnerin, Sarah Waters’ Debüt, erst auf Umwegen zu uns gelangt ist. Er wurde zunächst von unserer inzwischen leider verstorbenen Kollegin Susanne Amrain im Daphne Verlag verlegt, und wir haben sie immer ein wenig um dieses wundervolle Buch beneidet. Der Daphne Verlag ist damals ökonomisch in der Lage gewesen, dieses für einen kleinen Verlag sehr große Übersetzungsprojekt zu stemmen. Wir hingegen hatten um die Zeit mit Leslie Feinbergs ebenfalls recht umfangreichem Roman Stone Butch Blues zu tun – inzwischen auch ein Klassiker, der damals die Genderdebatte angestoßen hat. Letztlich wunderbar, dass beide so wichtigen Bücher dann sozusagen in gemeinsamer Anstrengung veröffentlicht werden konnten.
Als wir einige Jahre nach dem Tod der Verlegerin die Bestände des Daphne Verlags übernommen haben, um die Bücher weiterhin zugänglich zu halten, war Die Muschelöffnerin vergriffen, und wir haben beschlossen, den Roman erneut zu verlegen. Die Nachfrage hat uns recht gegeben, und auch wenn sich das Buch heute eher maßvoll, dafür aber stetig verkauft, freuen wir uns doch, diesen Klassiker im Programm zu haben.
Der Roman Solange du lügst, der ja vieles ist, unter anderem einer der faszinierendsten, atemberaubendsten historischen Kriminalromane, die ich je gelesen habe, war ebenfalls lange Zeit vergriffen, und da der ursprüngliche Verlag keine Anstalten machte, ihn neu aufzulegen, haben wir uns darum gekümmert. Es gibt einfach Bücher, die zugänglich sein müssen. Diese beiden Romane von Sarah Waters gehören für uns dazu.

FRAGE

Sarah Waters ist so ziemlich der einzige wirkliche big name in eurem Programm. Macht das für dich persönlich einen Unterschied bei der Einschätzung eurer Autorinnen?

ANDREA KRUG

Was ein big name ist, müssten wir erst mal definieren. Wenn wir vom literarischen Establishment reden, stimmt das vielleicht. Obwohl mir daneben auch sofort die Irin Emma Donoghue einfällt, die mit Raum hierzulande großen Erfolg hatte und deren Roman Zarte Landung wir kürzlich veröffentlich haben – eine zauberhafte transatlantische Liebesgeschichte. Doch was die Resonanz in der lesbischen Lesegemeinschaft angeht, gibt es noch einige andere Namen, die very big sind: Leslie Feinberg habe ich schon genannt; dann war Manuela Kuck über viele Jahre ein großer Name bei uns, ehe sie sich ganz dem Krimigenre zugewandt hat. Sie besaß eine riesige Fangemeinde, weil sie das bundesdeutsche Lesbenleben – gerade auch in der Provinz – so schön lebendig beschrieben hat – ähnlich wie Karin Kallmaker, die „Queen of Lesbian Romance“ in den USA, von der wir im kommenden Herbst wieder einen Roman veröffentlichen.
Zu den literarisch herausragenden Autorinnen bei uns im Programm, die es von der breiteren Öffentlichkeit noch zu entdecken gilt, würde ich auf jeden Fall Claudia Breitsprecher zählen, eine feine Stilistin und kluge Beobachterin, oder auch die Britin Shamim Sarif, deren Romane mit großem Erfolg verfilmt werden – genau wie die von Sarah Waters.

FRAGE

Sarah Waters ist wohl ohne Zweifel eine Autorin, die man eine große Erzählerin im Sinne von beispielsweise Charles Dickens oder Charlotte Brontë nennen könnte. Meiner Meinung nach sind nicht viele moderne Autoren dazu in der Lage, so liebenswerte und verletzliche Charaktere zu erschaffen und eine derartige, schon fast klassisch anmutende Dramatik aufzubauen wie Waters. Kennst du Autorinnen, die ihr in diesen Punkten das Wasser reichen können?

ANDREA KRUG

Ich finde ja, wie gesagt, die Charaktere von Sarah Waters keineswegs uneingeschränkt liebenswert und oftmals auch gar nicht so verletzlich. Für beide Eigenschaften fielen mir aus unserem Programm ganz andere Autorinnen ein, z.B. Ann Wadsworth, in deren Roman Mrs. Medina – mittlerweile der Late-Bloomer-Roman schlechthin – die gleichnamige Protagonistin mit dem Abschied von ihrem langjährigen Ehemann umgehen muss, dessen Leben sich dem Ende neigt, und gleichzeitig der Faszination nachgibt, die eine junge Blumenverkäuferin auf sie ausübt. Oder auch der Roman Die verborgene Welt von Shamim Sarif, in der sich zwei Protagonistinnen mit sehr verschiedenen Lebensentwürfen begegnen und sich eine zarte Annäherung anbahnt – das alles vor dem Hintergrund des Apartheid-Regimes in den sechziger Jahren in Südafrika. In punkto dramatische Spannung können diese beiden Romane problemlos mit denen von Sarah Waters mithalten, meine ich.

FRAGE

Sarah Waters hat sich in England ja einen riesigen Markt aufgebaut und erreicht, dass sie auch von Heteros und Männern gelesen und geschätzt wird. Glaubst du, dass sie die Sache der lesbischen Frauen sowohl im literarischen als auch gesellschaftlichen Sinne voran gebracht hat?

ANDREA KRUG

Ich denke schon. Leserinnen und Leser, die ihre Bücher entdecken und sie als Literatin zu schätzen wissen, werden ja quasi en passant mit lesbischen Inhalten konfrontiert – zumindest wenn sie sich auch mit den ersten Romanen der Autorin befassen. Schade, dass der lesbische Gehalt im Laufe der Zeit immer geringer zu werden scheint.

FRAGE

Hast du eine Ahnung, ob Sarah Waters‘ Publikum in Deutschland inzwischen ähnlich gemischt ist wie in England? Oder ist sie hierzulande immer noch eher eine Nischenautorin?

ANDREA KRUG

Als Nischenautorin würde ich sie keinesfalls bezeichnen – dazu wurde und wird sie viel zu breit rezipiert. Doch dass sie in England bei einem breiteren gemischten Publikum ankommt, hängt sicher auch damit zusammen, dass sie sich dort besser für ihre Bücher einsetzen kann, z.B. indem sie öffentlich auftritt. Das ist ja für sie ein Heimspiel; sie nach Deutschland zu holen ist sehr viel aufwändiger und kostenintensiver. Da müsste sich der Verlag, der ihre neueren Bücher herausbringt, stärker engagieren.

FRAGE

Die Cover der beiden Bücher mit sexy Fotos aus den jeweiligen Verfilmungen scheinen mir nicht unbedingt mit den Zielen lesbischer Frauen zu korrespondieren, nämlich dem Kampf nach Anerkennung und Gleichstellung sowie der Eindämmung von Homophobie und Diskriminierung. Ist das der Preis, den man als unabhängiger Verlag zu zahlen hat, wenn man auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen muss?

ANDREA KRUG

Die Sichtweise, dass die Cover kontraproduktiv in dem von dir genanntem Sinn sein könnten, finde ich ein wenig befremdlich und gar nicht nachvollziehbar. Vielleicht sollten wir das an anderer Stelle diskutieren? Wir wollten mit den Fotos an die erfolgreichen Verfilmungen anknüpfen und damit eine breitere Aufmerksamkeit gewinnen, und zwar vor allem aus inhaltlichen Gründen: Für uns kommt nämlich in beiden Fotos sehr schön das lesbische Begehren in vergangenen Zeiten – 19. Jahrhundert – zum Ausdruck. Das gefällt uns, wurde lesbisches Begehren doch sehr lange Zeit verschwiegen, geleugnet, unterdrückt, unsichtbar gemacht – und für andere gar nicht so ferne Gegenden der Welt gilt das ja bis heute. Also von daher: gar kein Kompromiss nötig.

FRAGE

Wie ich von dir weiß, hast du die Übersetzungen von Die Muschelöffnerin und Solange du lügst, die ja beide zuvor schon in anderen Verlagen erschienen sind, anhand des englischen Originaltextes revidiert. Musstest du viel an den Übersetzungen überarbeiten?

ANDREA KRUG

Die Übersetzung von Susanne Amrain, die Die Muschelöffnerin ins Deutsche übertragen hat, war sehr gelungen. Da gab es letztlich wenig Überarbeitungsbedarf, und dennoch war die genaue Durchsicht allein schon wegen des Umfangs natürlich aufwändig. Bei Solange du lügst sah das anders aus – das hatte möglicherweise mit divergierenden Vorstellungen seitens der Übersetzerin und des deutschen Originalverlags zu tun. Doch ich denke, dass die nun vorliegende deutsche Fassung Sarah Waters gerecht wird.

FRAGE

In England erscheint dieses Jahr Sarah Waters‘ sechster Roman The Paying Guests. Gibt es eine Chance, dass der Titel bei euch erscheint?

ANDREA KRUG

Wenn wir uns im Wettbewerb mit einem Konzernverlag oder überhaupt einem großen deutschen Verlag befinden, haben wir naturgemäß geringe Chancen, vorausgesetzt der Roman gefiele uns (ich kenne ihn noch nicht) und käme für eine Veröffentlichung bei uns in Frage. Letzteres erfordert doch immer auch einen gewissen lesbischen Inhalt, wobei die Grenzen da jedes Mal neu gefunden werden müssen. Das kann verlagsintern, also bei Programmdiskussionen zu durchaus kontroversen Einschätzungen führen. Sehr spannend!

FRAGE

Hast du in der 21-jährigen Geschichte von Krug & Schadenberg schon einmal diesen magischen Moment gehabt, dass du ein Manuskript zu lesen begonnen hast und sofort wusstest, dass du dieses Buch ankaufen musst?

ANDREA KRUG

Ja! Auf jeden Fall. Mehr als einmal. Und gerade eben war es wieder soweit. Wir haben einen hinreißenden Roman entdeckt, in dem es um einen Jungen von 16 Jahren geht, Chris heißt er, der sich als Emily fühlt. Ich muss gestehen, dass ich anfangs skeptisch war, aber kaum hatte ich 15, 20 Seiten gelesen, wusste ich, das Buch will ich! Und da Dagmar genauso enthusiastisch war, war schnell klar: Das Buch machen wir! Das müssen wir machen! Erscheint im nächsten Frühjahr.

FRAGE

Welche Romane aus eurem Programm würdest du am ehesten heterosexuellen Leserinnen und Lesern ans Herz legen?

ANDREA KRUG

Oh, da gibt es ein sehr breites Spektrum. Zum Beispiel Claudia Breitsprechers Roman Auszeit, in dem eine Politikerin in den besten Jahren nach einem einschneidenden Erlebnis innehält und ihr Leben reflektiert. Gern auch Ivan E. Coyotes Roman Als das Cello vom Himmel fiel, in dem der Protagonist Joey versucht, damit klarzukommen, dass seine Frau ihn wegen einer anderen Frau verlassen hat. Oder den eben erschienenen Debütroman der Schwedin Sara Lövestam, der allerlei Denkmuster in Schwingungen versetzt – übrigens ähnlich wie Sarah Waters mit ProtagonistInnen, die keineswegs durchweg „liebenswert“ sind, aber nichtsdestotrotz oder gerade deswegen faszinieren.
Und ganz sicher rate ich auch zu den Büchern von Astrid Wenke, die sich immer um ein Politikum drehen: In Eine Milliarde für Süderlenau geht es um das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen, in dem in Kürze erscheinenden Roman Windmühlen auf dem Wedding um die brisante Entwicklung in Sachen Gentrifizierung.
Und schließlich empfehle ich gern noch einen persönlichen Liebling von mir, einen sogenannten Spannungsroman, der vielen Leserinnen leider nicht lesbisch genug ist und der deswegen auch schon heftige Debatten ausgelöst hat: Turbulenzen von Leslie Larson. Eine grandiose Autorin! Turbulenzen ist eines der Bücher, die inzwischen ausschließlich als E-Book verfügbar sind – wie momentan auch Die verborgene Welt und Mrs. Medina, die ich ebenfalls einem gemischten Publikum ans Herz legen möchte. All unsere E-Books kann man sich seit einiger Zeit übrigens direkt aus unserem Webshop herunterladen, der auf unserer Website zu finden ist.

FRAGE

Andrea, ich danke dir für das Gespräch.