[Rezension] Elizabeth A. Lynn – Die Frau, die den Mond liebte

Originalveröffentlichung:
The Woman Who Loved the Moon (1979)

Lynn Mond

Das Größte, was Literatur meiner Meinung nach erreichen kann, ist die Transformation des Alltäglichen in etwas Besonderes. Wenn man durch die Lektüre einer fiktiven Geschichte etwas Gewöhnliches plötzlich durch die Augen des Staunens sieht, scheint mir die Königsklasse der Literatur erreicht zu sein.
Die Erzählung „The Woman Who Loved the Moon“ von Elizabeth A. Lynn beschwört genau solch einen kostbaren Moment herauf. Hat man sie gelesen, scheint es unmöglich, den Vollmond noch wahrzunehmen, ohne in Gedanken seine Verwandlung in die Personifizierung der schönen Sedi vor Augen zu haben.
Die Idee, dass sich das fahle Licht des Mondes in dem menschlich scheinenden Antlitz einer launischen Mondgöttin wiederfindet, benötigt einen eigenen Rahmen, um als Literatur zu funktionieren. Der Rahmen, den Elizabeth A. Lynn gewählt hat, ist der des allegorischen Märchens, aufgesetzt auf einem Fundament aus zunächst klassisch anmutender Helden-Fantasy.
Die drei schönen, rabenschwarzhaarigen Talvela-Schwestern sind auf Grund ihrer Unbesiegbarkeit bekannt als die „drei kriegerischen Jungfrauen.“ Sie stehen sich sehr nahe, und während ihr Vater sich bemüht, in diversen Scharmützeln die Grenzen seiner Grafschaft auszudehnen, reiten sie jeden Tag ihren Grundbesitz ab, um nach dem Rechten zu sehen. So auch an dem schicksalhaften Vollmondabend, als ihnen die geheimnisvolle Kriegerin Sedi begegnet: „Ihr Haar war weiß wie der Schnee und ihre Augen grau wie Asche.“ In dieser und der folgenden Begegnung fordern die hitzigen jüngeren Schwestern nacheinander Sedi zum Kampf heraus; beide Male mit verheerenden Folgen.
Die älteste Schwester Kai, nun allein und einsam, zieht aus, um Sedi zu suchen und im Kampf mit ihr zu sterben.
Es dauert lang, bis sie Sedi erreicht, und der anschließende Kampf endet nicht so wie erwartet, denn Kai und Sedi haben sich längst ineinander verliebt. Sedi, die Personifizierung des Mondes, nimmt Kai mit auf eine magische Reise unter den Hügel, wo die Zeit wesentlich langsamer vergeht als in der Außenwelt. Das Zusammensein der beiden Frauen ist eine Phase der Glückseligkeit. Aber Sedi ist kein Mensch. Ihre Vorstellungen von Liebe, Konsequenz und Standhaftigkeit sind andere als wir sie kennen.
In einem Ende, geschrieben in einer Prosa voller Schönheit und Melancholie, das kein wirkliches Ende ist, trennen sich zwar die Wege von Kai und Sedi, aber verbunden bleiben sie für immer, wenn auch nicht in dem Sinne, wie zwei Menschen verbunden bleiben würden.
Auch wenn die literarische Form eine völlig andere ist, ist das Kernthema von „The Woman Who Loved the Moon“ das gleiche wie das in J. Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“, nämlich die nach unseren Maßstäben letztlich unerfüllbare lesbische Liebe einer menschlichen Frau zu einer nichthumanen, aus konzentriert weiblichen Attributen materialisierten Lebensform, wobei letztere die Unerreichbarkeit symbolisieren mag. Die Besonderheit an „The Woman Who Loved the Moon“ ist das konsequente Ausklammern lesbischer Liebe als etwas irgendwie besonders Geartetes. Dass Kai und Sedi sich lieben, wird als genauso selbstverständlich dargestellt, wie der Mond rund ist.
Auch wenn „The Woman Who Loved the Moon“ nach der letzten Seite ihre Leser traurig wieder loslässt, spendet uns ab jetzt jeder Vollmond Trost, denn irgendwo hinter seinem silbernen, kalten Licht verbirgt sich Kai, die immerhin zeitweise ihr höchstes Glück gefunden hat.

Deutsche Übersetzung: „Die Frau, die den Mond liebte“, übersetzt von Roland Fleissner, in: Elizabeth A. Lynn, Die Frau, die den Mond liebte (München: Heyne, 1984)

Lektorat: Uwe Voehl

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