Arthur Machen | Der geheime Glanz

Der nächste Band der Semi-Werkausgabe Arthur Machens, Der geheime Glanz, ist der frustrierendste Teil der neuen Machen-Edition.
Die Machen-Forschung ist schon seit Jahrzehnten soweit zu wissen, dass Der geheime Glanz ursprünglich sechs Kapitel umfasste anstatt der vier der Originalausgabe, der die Piper-Ausgabe und jetzt sklavisch auch die des Elfenbein Verlags folgt. Arthur Machen hatte die beiden letzten Kapitel kurzfristig einfach brutal herausgerissen und durch eine zweiseitige Zusammenfassung ersetzt, ein Vorhaben, das den gesamten Roman in seiner verstümmelten Fassung inkonsistent und unvollständig erscheinen lässt.
Jetzt könnte man die Auffassung vertreten, dass der Wille des Autors Gesetz ist, basta, aber würde man das immer so sehen, hätten wir heute zum Beispiel einiges von Franz Kafka nie gesehen.
Die deutsche Neuausgabe von Arthur Machens Romans hat die Chance vertan – wie es etwa heutige englischsprachige Ausgaben von Der geheime Glanz handhaben – den Roman in voller Länge zu bringen. Ich habe die beiden herausgeschmissenen Kapitel im Original gelesen und kann hier nur vermitteln, dass sie zum Teil zum sprachlich Schönsten gehören, was Machen je geschrieben hat. Die Handlung lässt Meyrick sich erneut in eine Frau verlieben, mit der er auch zusammenkommt, um dann mit ihr gemeinsam den Hüter der heiligen Schale aufzusuchen und sein Erbe anzutreten. Dass deutsche Leser das nicht lesen dürfen, ist sehr sehr schade.
Aber wie schon im Falle von Die drei Häscher möchte ich die Neuausgabe keinesfalls schlechtreden, denn dafür ist die gesamte Edition einfach zu verdienstreich. Es macht halt nur traurig, dass man mit relativ geringem Aufwand einen sehr viel höheren Wirkungsgrad hätte erreichen können.
Der geheime Glanz wurde von Arthur Machen bereits ca. 1907 geschrieben (erschien also mit gut fünzehnjähriger Verspätung zum ersten Mal) und gehört damit zu seiner spirituellen Schreibphase, der auch die Meisterwerke Der Berg der Träume, Ornaments in Jade (nicht auf Deutsch erschienen), „Die weißen Gestalten“ und A Fragment of Life (nicht auf Deutsch erschienen) angehören. Entgegen der Werke seiner früheren Schauer-Schreibphase („Der große Pan“, Die drei Häscher etc.) überwiegen in diesen Geschichten das Streben der Protagonisten nach einem höheren, verborgenen Sinn des Lebens und die Schilderungen der unvergesslichen Schönheit der walisischen Heimat, die meist mit Wehmut und Heimweh aus der Fremde beschworen wird. So auch in Der geheime Glanz, einer verrückten Mischung aus Internatsroman und Gralssuche. Der junge Schüler und Vollwaise Ambrose Meyrick übersteht die Repressalien des englischen Privatschulsystems nur, indem er nach außen hin die Rolle des „männlichen“ Musterschülers spielt, in Wahrheit aber mit seinem sensiblen, grenzenlosen Geist nur in Warteposition steht, um in seine walisische Heimat zurückzukehren und eine ekstatische Reise jenseits der bekannten Realität in die Tat umzusetzen.
Machen neigt in diesem Werk streckenweise zum Lamentieren, was einige langatmige Sequenzen zur Folge hat. Daneben hat der Roman aber große Momente, insbesondere in seinen rauschhaften Landschaftsbeschwörungen und den zarten Liebesanfängen, die Joachim Kalka in ein sinnliches und teilweise wunderbar delirierendes Deutsch übertragen hat.
Als Bonus-Material enthält der Band die beiden kurzen Episoden „Die heiligen Dinge“ und „Psychologie“ aus dem Band Ornaments in Jade, die so, ohne den Zusammenhalt des gesamten Bandes von Prosagedichten doch arg in der Luft hängen, obwohl man natürlich für jeden neuübersetzten Text Machens einfach nur dankbar sein muss.

Originalausgabe: The Secret Glory (1922)
Deutsche Übersetzung: Joachim Kalka
Berlin: Elfenbein Verlag, 2019

Arthur Machen | Die drei Häscher

Die Piper-Semi-Werkausgabe des erzählerischen Werkes Arthur Machens aus den 1990er Jahren ist heute unter Kennern legendär, war sie doch die einzige Möglichkeit ein breiteres Spektrum des beinahe unbekannten Arthur Machen zu ergründen. Diese sechsbändige Ausgabe wieder auf den Markt zu bringen wie es der Elfenbein Verlag jetzt tut, ist eine noble Geste, der man nicht genug Dank entgegen bringen kann, zumal sie jetzt anstatt wie früher im Taschenbuch in gediegenen Hardcovern ohne Schutzumschlag erscheint. Die neue Edition ist der alten auch in anderen Punkten überlegen (beispielsweise auch durch die sehr viel besser lesbare Schrifttype), aber – so ungern ich das angesichts des hohen Verdienstes dieser Verlegertat tue – es gilt auch von Kritikpunkten zu berichten.
Wie mir scheint, liegt die textliche Gestaltung der neuen Ausgabe allein in den Händen des Übersetzers Joachim Kalka, was einige deutliche Nachteile mit sich bringt. Kalka kennt durch seine Arbeit ohne Zweifel einen großen Teil des erzählenden Werkes Machens, aber für mich deutet nichts darauf hin, dass er darüber hinaus in die Materie eingetaucht ist. Dass man ihn beim Elfenbein Verlag offenbar ohne eine kritische Kontrolle tun lässt, was er will, lässt sich beispielsweise daran festmachen, dass in Kalkas Vorwort zum ersten Band der „Werkausgabe“, Die drei Häscher, durchgängig von dem Roman The Hill of Trouble die Rede ist und niemand merkt, dass besagter Roman The Hill of Dreams heißt. Auch präsentiert man auf dem inneren Titelblatt stolz „Mit der erstmals übersetzten Erzählung ‚Der verlorene Club‘“ den Bonus des ersten Bandes. Nur ist die Kurzgeschichte „The Lost Club“ bereits auf Deutsch erschienen, und zwar als „Der Club, den es nicht gibt“ in der Anthologie Als ich tot war. So etwas ist irgendwie peinlich und unprofessionell.
Die drei Häscher ist ein Episodenroman, der tatsächlich auf der einen Seite sehr viel besser arrangiert ist als man zunächst glaubt, auf der anderen Seite manchmal aber konzeptionell wirkt, wie eine Maschinerie, die durch Panzerklebeband zusammen gehalten wird. Man muss schon bei der Sache sein, um zu verstehen, wo der Zusammenhang der drei Häscher des Prologs und dem Haupttext besteht. Das hat Machen wirklich gut gemacht, aber wie schon in seiner berühmten Erzählung „Der große Pan“ sind die Zufälle so extrem zufällig, dass man manchmal lachen möchte, so an den Haaren herbeigezogen sind die Begegnungen der Charaktere. Es geht letztlich um einen jungen Mann, der von Mitgliedern einer okkulten Geheimgesellschaft verfolgt wird. Mitten in dieses Szenario stolpern die distinguierten Herren Dyson und Phillips, die eigentlich sonst auch nichts machen außer in seltsame Situationen zu stolpern. Man bedenke, dass wir uns in der nicht so kleinen Stadt London befinden, was aber kein Grund ist, dass die beiden immer wieder Leute treffen, die an der ganzen Affäre beteiligt sind und den beiden bei allen Gelegenheiten unheimliche Geschichten erzählen, die manchmal mit ihren Andeutungen des „kleinen Volkes“ bereits auf Machens Meisterwerk „Die weißen Gestalten“ verweisen. Denkwürdig ist insbesondere das Tentakelgewimmel der Kurzgeschichte „Roman vom schwarzen Siegel“, das wohl das Samenkorn für H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos sein dürfte, der später dann Generationen von Schriftstellern und Lesern lenken sollte.
Angesichts vieler schaurig-schöner Momente dunkler Phantastik, kann man die albernen Zufälle des Romans mit Milde betrachten. Identifikationsfiguren sowie zwischenmenschliche Interaktionen wird man in Die drei Häscher nicht finden. Aber man hat nach schockstarrer Beendigung des Buches das Gefühl, eine bedrohliche Welt, nicht ohne Schönheit, gesehen zu haben, die der Realität erschreckend nahe ist. Trotz Mängel eines der elementaren Bücher der dunklen Phantastik.

Originalausgabe: The Three Impostors (1895)
Deutsche Übersetzung: Joachim Kalka
Berlin: Elfenbein Verlag, 2019

Arthur Machen | Die weißen Gestalten

Originalveröffentlichung:
The White People (1904, geschrieben 1899)

Arthur Machen - Die weißen Gestalten

Das Grauen wohnt im Verborgenen. In dieser richtungsweisenden Novelle lauert es hinter den naiv klingenden Sätzen im Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens. Die Schönheit der Worte täuschen beinahe darüber hinweg, dass hier in Wirklichkeit Unfassbares geschieht.

Kennt jemand das Gefühl? Man ist seit Jahren auf der Suche nach etwas Rarem, und völlig unerwartet, auf irgendeinem Flohmarkt, sieht man es plötzlich und kann es gar nicht fassen. Ähnlich geht es mir immer beim Lesen von Romanen oder Erzählungen, die so einmalig sind, so pur, dass man noch nie vorher etwas Derartiges gelesen hat und sofort merkt, dass eine ganz besondere Leseerfahrung folgen wird.
Der Waliser Arthur Machen ist so ein Autor, dem das bei mir bereits zweimal gelungen ist. Einmal mit seiner grauenerregenden, aber noch zeitweise recht trivialen Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der große Pan“] und zum zweiten Mal mit seinem dekadenten, eskapistischen Künstlerroman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume]
Mit der Novelle “The White People“ [“Die weißen Gestalten“] gelingt es Arthur Machen zum dritten Mal, mich mit etwas völlig Neuem, nie zuvor auch nur annähernd ähnlichem Gelesenen zu konfrontieren. Dabei könnte man “The White People“ vorschnell auf eine Zusammenführung der beiden genannten Texte reduzieren. Denn aus “The Great God Pan“ zieht sich “The White People“ das abgrundtief Böse und aus The Hill of Dreams die Schönheit und Natur des alten Wales mitsamt seiner römischen Artefakte. Aber, es wäre viel zu einfach, “The White People“ als eine geschickte Promenadenmischung aus “The Great God Pan“ und The Hill of Dreams anzusehen.
S. T. Joshi, der große aber auch polarisierende Literaturwissenschaftler beklagt in seinen Schriften immer wieder, dass das übersinnliche Element in vielen Werken der Phantastik nur zusätzlich aufgesetzt wird, ohne dass diese Art Literatur maßgeblich davon gelenkt wird. “The White People“ (wie auch vielen anderen Erzählungen Arthur Machens) kann man diesen Vorwurf beileibe nicht machen. Diese Novelle wird durchströmt vom Anderweltlichen. Das Unbegreifliche, das Unirdische, tränkt die Geschichte förmlich, und doch hat man beim Lesen überhaupt nicht das Gefühl, hier etwas Unrealistisches zu lesen. Das hin zu bekommen bedarf eines außergewöhnlichen schriftstellerischen Talents, aber auch kreativen Mutes.
“The White People“ beginnt bewusst steif mit einem philosophischen Altherrendialog über die Natur des abgrundtiefen Bösen. Was der Gelehrte Ambrose seinem Besucher Cotgrave zu erklären versucht, bleibt zwar schwammig, aber das macht nichts, denn Machen hat nicht im Sinn, uns eine einfache, leicht zu verstehende Geschichte zu liefern.
Was Ambrose dann zur Untermauerung seiner Thesen hervorzaubert – ein Notizbuch mit dem Titel Das grüne Buch –, hat es in sich. Das grüne Buch ist das Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens, dessen Name nicht genannt wird. Keine alltäglichen privaten Bekenntnisse eines heranwachsenden Mädchens werden vor uns ausgebreitet, sondern die Einführung in eine Phantasiewelt, die möglicherweise auch nur im Kopf des Mädchens stattfindet. Sie (so nenne ich sie jetzt mal in Ermangelung eines Namens und, um sie nicht “es“ nennen zu müssen) plappert in fröhlichem und unbeschwerten Ton über ihre Geheimwelt, die sie ausschließlich ihrem Tagebuch anvertraut. Schon mit drei Jahren spricht sie in “Xu-Sprache“ und erinnert sich später an “die kleinen weißen Gesichter […], die mich anschauten, wenn ich in meinem Bettchen lag.“ Wenn sie so in Schriftform redet, fragt man sich, was oder wer ihr den Zugang zu einer Welt verschafft hat, in der es wie selbstverständlich “Aklo-Buchstaben“, die“Chian-Sprache“, “Mao-Spiele“, “Dôls und Jeelo“ und das “Königreich Voor“ gibt. Sowie weiße, grüne und rote Zeremonien, aber: „Die roten Zeremonien sind die besten […]“.
Bereits in diesem frühen Alter ist es das Kindermädchen, “schön und weiß mit langen schwarzen Haaren und dunklen Augen“, die die Gedanken des Kindes in eine geheimnisvolle Traumwelt lenkt. Es ist eine Welt voller Wunder und Mysterien, die einem phantasiebegabten Mädchen sehr entgegen kommen muss. Das Kindermädchen, selbst von ihrer Urgroßmutter in diese Art der Folklore eingeführt, weiht sie in Tänze und Gesänge ein, die geheim sind und nicht weitergesagt werden dürfen. Das wird immer wieder betont.
Arthur Machen bietet uns durchaus eine psychologische Erklärung für all das an, indem er sparsam einige Hinweise streut. Denn das Mädchen hat mit zwölf ihre Mutter verloren. Ihr Vater, Rechtsanwalt, vernachlässigt sie. Mögliche Gründe genug für ein einsames Mädchen, sich mit voller eskapistischer Wucht in eine merkwürdige Traumwelt zu stürzen. Doch ist es das, was wir Leser glauben sollen? Wohl kaum.
Daher schauen wir einfach weiter, wohin uns die Tagebuchschreiberin führt. Eines Tages macht sie eine Wanderung in den Wald. Ein kleiner Bach führt sie durch Gestrüpp und einen Tunnel in eine wahrlich andere Welt. Eine unendlich scheinende kahle Ebene voller außergewöhnlich großer “hässliche[r] Steine“ und Erdhügel. Sie verweilt dort und versinkt in fremdartige Visionen. Als letzte Station ihrer fast schon epischen Reise findet sie “einen besonderen Wald, der zu geheim ist, um beschrieben werden zu dürfen.“ Ambivalente Gefühle beschleichen sie: “[…] ich rannte und rannte so schnell ich konnte, denn ich fürchtete mich, weil das, was ich gesehen hatte, so wunderbar und so seltsam und so schön gewesen war.“
Hier liegt wohl der Kern von “The White People“. Das Mädchen ist sechzehn. Ihr sexuelles Erwachen ist unübersehbar, wenn man genau hinschaut. Denn immer mal wieder wandelt sich der naive Erzählton des Tagebuchs in eine erotisierte Sprache: “Ich fieberte, und mein ganzer Leib zitterte, und mein Herz pochte.“ Abends wieder allein in ihrem Zimmer, versucht sie sich vorzustellen “all die Dinge [zu] tun, die ich getan hätte, wäre ich nicht so furchtsam gewesen.“ Später, als sie noch einmal darüber nachdenkt, zittert sie, und es wird ihr “heiß und kalt zur gleichen Zeit.“
Doch was hat sie gesehen? Haben die Hexensabbate der folkloristischen, in den Tagebuchtext eingewebten Märchen und Überlieferungen sowie die Andeutungen zügelloser Orgien etwas damit zu tun? Und welche Rolle spielt die Tagebuchschreiberin dabei? Ich mag nicht darüber nachdenken.
Aber bereits als Achtjährige wird das Mädchen von ihrem Kindermädchen mit deutlich sexuellen Andeutungen konfrontiert – hier in phallischer Symbolik dargestellt. Das Kindermädchen zeigt ihr, wie man aus Lehm ein Götzenbild macht. Mit rituellem Gesang knetet sie “die seltsamste Puppe, die ich je gesehen habe […].“ Das Gesicht des Kindermädchens wird immer röter bei dem Ritual. Einige Tage später gehen sie wieder zu der Stelle, “wo der kleine Lehmmann verborgen lag“, inzwischen “hart“. „Der Himmel leuchtete in einem tiefen, violetten Blau […]“
Was ist nun das Besonderes an dieser meisterhaften Novelle?
Am außergewöhnlichsten finde ich die völlige Gegensätzlichkeit, von dem, was (und wie es) erzählt wird und dem, was hinter den Sätzen lauert. “The White People“ ist zunächst einmal die farbenfrohe Flucht eines einsamen, vernachlässigten Mädchens in eine spannende Welt der Mysterien, geschrieben in einem naiven und kindreinen Ton. Was sie aber in Wirklichkeit erzählen will, aber nicht darf, befindet sich ebenfalls in dem Tagebuch, aber man muss es suchen und entkodieren.
“The White People“ ist geprägt von diesem positiv strahlenden Erzählton und spektakulären Beschreibungen britannischer Naturidylle, dunkler Wälder und Teiche aber auch unirdischer Traumlandschaften von grandioser kunstvoller Pracht.
Dieser Schönheit zum Trotz klingen immer wieder kleine Misstöne im Tagebuch auf, die Unbehagen auslösen. Diesen Effekt hat Arthur Machen in Perfektion ausgeschöpft.
Man will und kann kaum glauben, dass irgendwo unter den schillernden Sätzen grenzenlose Perversionen lauern. Die Frage, die alles überlagert, lautet: Was nur wurde diesem Mädchen angetan?

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Die weißen Gestalten“, übersetzt von Sigrid Langhaeuser, in: Frank Festa (Hrsg.), Das rote Zimmer – Lovecrafts dunkle Idole II (Leipzig: Festa, 2010)

Anmerkung: Eine weitere gut zu lesende Übersetzung, von Joachim Kalka, erschien ebenfalls unter dem Titel “Die weißen Gestalten“ in: Arthur Machen, Die weißen Gestalten (München: Piper, 1993). Im direkten Vergleich scheint mir die Übersetzung von Sigrid Langhaeuser werkgetreuer und weniger umständlich. Der Machen-Kenner Marco Frenschkowski bemängelte in seinem Essay “Arthur Machens The White People – eine magische und erotische Initiation“ (erschienen in Das schwarze Geheimnis Nr. 1/1994) die “problematische, da in den mythologischen Anspielungen sehr freie“ Übersetzung von Joachim Kalka.

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Arthur Machen | Der Berg der Träume

Arthur Machen | Der Berg der Träume

Originalveröffentlichung:
The Hill of Dreams (1904, geschrieben 1897)
[früherer Titel: The Garden of Avallaunius]

Arthur Machen - Der Berg der Träume

In diesem Triumph der Imagination, einem majestätischen Meisterwerk von betörender Schönheit, hält sich ein introvertierter Träumer lieber in den prachtvollen Provinzen seiner Phantasiewelt auf als in der grauen Realität. Eine innere Pilgerreise, wie man sie noch nie gelesen hat, beginnt.  

Von Anfang an stand Arthur Machens Roman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume] unter keinem guten Stern. Bereits 1897 verfasst, lehnte Machens Verlag das Manuskript strikt ab, obwohl der Autor nach seiner furchterregenden Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der Große Pan“] wahrlich kein Unbekannter mehr war. Es dauerte bis 1904, dass das Manuskript als Fortsetzungsroman in einem Magazin gedruckt wurde. Erst 1907 erfolgte dann die Buchveröffentlichung.
In seinen bis dahin erschienen unheimlichen Geschichten (insbesondere dem Episodenroman The Three Impostors [Botschafter des Bösen]) erkundete Machen die hauchdünne Grenzlinie zwischen der Realität und einer okkulten, aus der fernen heidnischen Vergangenheit überdauerten Wirklichkeit. In The Hill of Dreams gelingt ihm der Transfer zwischen einer uralten, aus den walisischen Wäldern und Hügeln geborenen Privatmythologie und der reizlosen, jegliche magischen Elemente  unterschlagenden Gegenwart. Und gerade das macht den Roman so groß. Obwohl der Protagonist Lucian Taylor geographisch lediglich die Distanz zwischen seiner walisischen Heimat und London zurücklegt, beginnt er als 12-jähriger eine monumentale Odyssee des Geistes.
Lucian lebt mit seinen Eltern in einem Pfarrhaus im walisischen Umland der Stadt Caermaen. Sein Vater ist Pastor, seine Mutter stirbt schon bald. Lucian ist schon als Kind anders als die Gleichaltrigen. Er geht nicht gern in die Schule, durchstreift stattdessen lieber die umliegende, von gewaltigen Wetterumschwüngen begleitete unberührte Natur mit all ihren Wäldern, Quellen und Hügeln und bewundert die Artefakte der alten Römerlager, die noch aus der römischen Besatzung Britanniens stammen.
Die Schulzeit passiert Lucian als wunderlicher Einzelgänger, der sich lieber in das alte Britannien und den keltischen Zauber der noch “wilden Hügel“ und “schwarzen Tiefen des Waldes“ verliert. Der einzige Mensch, dem Lucian offenbar kein Misstrauen entgegenbringt, ist das drei Jahre ältere Landmädchen Annie Morgan. Ihm fällt auf, dass Annie “erschreckend groß geworden“ ist, ein Ausspruch, der erstmalig sein späteres angstbegleitetes sexuelle Erwachen andeutet.
Drei Jahre danach, als etwa 15-jähriger, kommt Lucian in den Schulferien nach Hause und ist sofort wieder gefangen von seiner geliebten Heimat. In einer Schlüsselszene erklettert Lucian den Berg der Träume, bei dem es sich um eine römische Festung handelt; ein wild bewachsener Wall rund um den Berggipfel, hinter dem sich, einer riesigen Schale gleich, eine unberührte grüne Grasfläche befindet. Hier, absolut abgeschottet von der Welt, schläft er ein und erwacht nach einiger Zeit nackt und ist wie paralysiert zwischen Irritation und Angst. Er hat geträumt, dass ihn im Schlaf eine Frau geküsst hat. Man kann hier nur spekulieren, ob er es wirklich nur geträumt hat. Machen lässt auch die Deutung zu, dass der Kuss real gewesen sein könnte, und es Annie war, die Lucian geküsst hat, denn Annies Lippen und Augen werden später exakt so beschrieben wie die der Frau im Traum.
Als 17-jähriger muss Lucian die verhasste Schule verlassen. Seine Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben, und sein Vater kann sich die Zusatzkosten nicht mehr leisten. Die kirchlich geprägte Gesellschaft schneidet Lucian und seinen Vater immer häufiger aufgrund ihres Freidenkertums und ihrer Armut und drängt Lucian tiefer in die Isolation, in der er sich sowieso am glücklichsten fühlt. Hier führt er seine Studien längst vergessenen Wissens durch: “Bücher, die Gedanken an Bücher, die ersten Regungen der Einbildungskraft, sie alle verschmolzen durch den Zauber der entlegenen Landschaft zu einer einzigen Phantasmagorie.“ Wie ein biblischer Gläubiger wird Lucian zum Asketen, magert zusehends ab und geißelt sich auf seinem Zimmer heimlich mit Dornenbüschen.
Nachdem er, inzwischen 23-jährig, seinen ersten Roman bei einem Londoner Verlag abgeliefert hat, erhält er die nächste Bestätigung, dass es besser ist, die Gesellschaft der “Barbaren“ zu meiden, denn das Manuskript wird abgelehnt, und Lucian muss feststellen, dass Teile daraus von einem Bestsellerautor aus eben jenem Verlag geklaut wurden.
Einen weiteren Wendepunkt bringt eine Begegnung mit Annie. Weinend bricht er an ihrer Brust zusammen und lässt sich von ihr – Mutterersatz und sexuelle Erweckerin in einem – trösten. Dieser eine Moment scheint Lucian zu genügen, um ihn für immer in Bernstein einzuschließen und bei sich zu tragen. Lucian, der notorische Eskapist, käme niemals auf die Idee, die Mühen einer Beziehung auf sich zu nehmen.
Er widmet Annie sein folgendes literarisches Werk und geht den nächsten endgültigen Schritt. Er entflieht der verhassten Realität so nachhaltig, dass es ihm schließlich gelingt, sich mental vollends in die “herrliche, goldene Stadt Siluriens“ zu versetzen, die einst an dieser Stelle gewesen sein mag. Er träumt sich in die prachtvolle römische Welt der Antike hinein, die er derart detailliert wahrnimmt, dass er jede freie Minute nutzt, um in den Garten des Avallaunius zurückzukehren, einer vollständig imaginierten Welt, in der er Gespräche mit lateinisch sprechenden Frauen der Antike führt und fasziniert der heidnischen Sagenwelt aus Nymphen, Faunen und Satyrn lauscht. Diese Welt der Mamorvillen, Tavernen, Tempel und Weinberge ist eine Welt von unermesslicher Pracht, aber auch maßloser Dekadenz.
Arthur Machen spielt hier mit allen Konsequenzen mit der Faszination, die die unerreichbar ferne Vergangenheit und die Landschaften unserer Imagination auf uns ausüben. Die Beschreibungen der altrömischen Phantasiewelt, aber auch der walisischen Landschaft gehören sicherlich zum Glanzvollsten, was bis heute zu Papier gebracht worden ist. Arthur Machen beschwört mit seiner Sprache eine Schönheit, die ihresgleichen im  Literaturkanon sucht. Einen vergleichbaren Roman von solcher Pracht noch einmal zu finden, dürfte schwer sein, denn Machen hat in The Hill of Dreams seine Fähigkeit, eine bizarre Traumlandschaft zu erschaffen, bis an die Grenzen des Machbaren getrieben.
Inzwischen ist Lucian als angehender Schriftsteller in London gelandet. Als er erfährt, dass Annie inzwischen einen anderen geheiratet hat, ist er der Realität bereits zu sehr entrückt, um davon noch gekränkt zu sein. Er richtet seine ganze Existenz auf das Leben als freier Schriftsteller aus – und ist zum Scheitern verurteilt. The Hill of Dreams ist auch das Statement des von Selbstzweifeln zerrissenen Schriftstellers.
Erstmals empfindet Lucian Einsamkeit und wird depressiv. Auch in London verliert er sich in imaginären Landschaften, jedoch vermischen sich diese jetzt mit der schmutzigen Gegenwart der verruchten Großstadt. Den Garten des Avallaunius hat er längst hinter sich gelassen. Im dunstigen, nebligen Gewirr der regennassen Straßen Londons verliert sich Lucians Lebensfaden.
Und genauso klanglos, wie Lucian vom Antlitz der Welt verschwindet, so vergessen ist heute der Roman The Hill of Dreams.

Deutsche Übersetzung: Der Berg der Träume, übersetzt von Joachim Kalka (München: Piper 1994)

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