[Rezension] Antje Wagner – Das Fenster hinter den Flamingos

Originalveröffentlichung, 2004

BisseundKuesse3

Ein Anspruch, den Antje Wagner stets an sich selbst zu stellen scheint, besteht darin, ein Thema niemals so anzugehen wie es jeder tun würde. Immer wieder überrascht sie uns mit außergewöhnlichen Blickwinkeln, formalen Kniffen und innovativen Erzählmanipulationen. Das ist sicherlich auch der glücklichen Tatsache geschuldet, dass sie über einen sehr weit gefächerten Lektürehorizont zu verfügen scheint, der ihr das Handwerkszeug dafür an die Hand gibt, sich als Schriftstellerin so wohltuend abzuheben wie sie es tut. Auf beeindruckende Weise gelingt es ihr immer wieder, mit den Mitteln der Phantastik und der Phantasie die Realität größer und facettenreicher erscheinen zu lassen.
Die Erzählung „Das Fenster hinter den Flamingos“ ist ein treffendes Beispiel dafür. Als Auftragsarbeit für eine Anthologie zum Thema „Lesbischer Sex“ entstanden, überstrahlt sie die Masse und präsentiert sich in einer anmutigen Grazie, die uns am Ende daran zweifeln lässt, ob wir soeben tatsächlich genau diese derartig dekadente, verruchte, lasterhafte und unmoralische Geschichte gelesen haben.
Schon nach dem ersten Abschnitt lockt Antje Wagner uns in eine falsche Abzweigung und lässt uns das erste Mal straucheln, indem sie beginnt, die Wirklichkeiten zu verschieben.
Die Grundprämisse reicht zurück zu Anaïs Nin, die in den 1940er Jahren für einen anonymen Sammler gegen Bezahlung sehr deutliche Sexgeschichten schrieb. Genau das geschieht auch der in Geldnot gefangenen Schriftstellerin Sylvie, doch ihr Auftraggeber ist eine Frau, die geheimnisvolle Tania Richard. Man braucht schon seine Zeit, um sich zurecht zu finden, zu wissen, was Realität ist und was entlohnte, sich zunehmend steigernde erotische Fiktion.
„Sie strahlte die einschüchternde Schönheit französischer Parkanlagen aus, deren Strenge und Exaktheit das Auge weniger entzückte als verstörte.“ Derartig unnahbar tritt die fiktive Tania ins Geschehen, und schon bald wirkt sie lebensechter als ihr flüchtiges Real-Pendant. Das ist die Methodik, mit der Antje Wagner in diesem kleinen Juwel spielt. Auch Antje Wagner schrieb ihre Geschichte auf Bestellung gegen Bezahlung (nehme ich mal an) und nahm das Thema direkt mit hinein in die Metaebene ihres Textes.
Antje Wagner hat das ihr vorgegebene Thema bei aller literarischen Virtuosität letztlich mit sehr irdischen Freuden befüllt. Sie scheut sich nicht, das Thema ohne Zaudern anzugehen. Ihre direkte Art, lesbischen Sex zu dritt en détail zu beschreiben, stellt ein großes Wagnis dar, denn explizite sexuelle Darstellungen in der Literatur sind nicht selten der Prüfstein, der über Sieg oder Scheitern eines literarischen Textes entscheidet. „Das Fenster hinter den Flamingos“ gehört daher unzweifelhaft in die kleine, elegante Gesellschaft hochwertiger erotischer Literatur, der beispielsweise auch Thérèse et Isabelle von Violette Leduc angehört.
Vermutlich hätte Antje Wagners Auftraggebern eine einfachere, mehr auf die sexuellen Anteile ausgeweitete Version der Geschichte gereicht, doch das ist nicht das, was Antje Wagner anstrebt. Ihr geht es um literarische Kunst, und genau deswegen ist „Das Fenster hinter den Flamingos“ ein so leuchtendes komplexes kleines Meisterwerk geworden.
Wie wir zum Ende der Geschichte hin feststellen, geht es sowieso um sehr viel mehr als allein um sexuelle Erfüllung, denn für Sylvie führt der Weg auch in die tieferen Regionen ihres Herzens. Doch hier zögert sie; hadert damit, sich der Liebe zu öffnen: „Man war ungesichert wie ein Haus, bei dem Türen und Fenster offenstehen.“

Originalausgabe, in: Lisa Kuppler (Hrsg.), Bisse und Küsse 3 (Berlin: Querverlag, 2004)

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[Rezension] Antje Wagner – Schattengesicht

Originalveröffentlichung, 2010

Schattengesicht

Als Jugendlicher las ich die Erdsee-Trilogie von Ursula K. Le Guin und hakte sie nach dem letzten Band als erledigt ab. 18 Jahre später schrieb Le Guin dann überraschend eine Fortsetzung, Tehanu, und etwas Seltsames geschah mit mir. Tehanu setzte eine Jugendbuchserie mit einem Roman für Erwachsene fort und ließ die ursprüngliche Trilogie plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die Fortsetzung schaffte es, die Ursprungsromane größer und tiefer zu machen.
Warum ich das hier erwähne? Mit Antje Wagners Roman Schattengesicht geht es mir ähnlich, nur direkt schon innerhalb des Romans. Auslöser ist die Entscheidung der Autorin, das Buch chronologisch rückwärts zu erzählen. So etwas ist sicherlich experimentell, aber es ist auch nicht neu. Schattengesicht ist aber ein seltenes Beispiel dafür, dass so etwas auch funktionieren kann. Berühmtere Schriftsteller als Antje Wagner sind mit Derartigem gescheitert, wie uns beispielsweise Sarah Waters mit The Night Watch gezeigt hat.
Anders bei Schattengesicht. Es ist kein Buch, das sich anbiedert schnell gelesen zu werden, sondern eines, dass dich zum Zweikampf auffordert, eines, dass erst besiegt werden muss, wenn das überhaupt möglich ist. Die gesamte Handlungskonstruktion schnurrt wie ein Schweizer Uhrwerk, und wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass die Hauptprotagonistin Milana Helmholz, genannt Mila, uns von ihrer aktuellen Situation ausgehend rückwärts bis in ihre Kindheit mit nimmt, ist man als Leser auf Kurs.
Und um auf meine Eingangssätze zurück zu kommen: jedes tiefer in die Vergangenheit vorstoßende Kapitel von Schattengesicht gibt im persönlichen Rückblick den jeweils schon gelesenen Kapiteln im Nachhinein neue Tiefen und Bedeutungen. Eine ungewöhnliche Leseerfahrung, die dazu reizt, das Buch nach Beendigung direkt noch einmal zu lesen.
Über Schattengesicht schwebt von Anfang an eine nicht greifbare Aura des Seltsamen und Unbegreiflichen. Mila stellt sich uns als neue Insassin eines Frauengefängnisses vor. Ihr Vergehen: Mord. Im nächsten Kapitel geht sie zurück zu den Ereignissen unmittelbar vor ihrer Inhaftierung. Sie lebt zusammen mit ihrer Freundin Polly in einer trostlosen, von Schimmel überwucherten und an ein Endzeit-Szenario erinnernde Häuserblockruine und hält sich und Polly mit einem Job als Zimmermädchen über Wasser. Hier wird sie von einer sadistischen Vorgesetzten schikaniert, eine Situation, die Mila letztlich endgültig der Bestrafung durch die Justiz anheim führt.
Mila blättert weiter zurück in ihrem Lebensbuch. Stets mit Polly auf der Flucht durch Deutschland und eine Spur des Todes hinterlassend, gelangen wir schließlich zur Ur-Quelle, aus der Schattengesicht entspringt, der Kindheit Milas. Dieses längste Kapitel fokussiert in meisterhafter Kunstfertigkeit all die vorangegangenen Erzählstationen in die ländliche Miniaturwelt des Elternhauses Milas zurück. Dieses Kapitel, fast die Hälfte des Romans, ist von einer makellosen Qualität. Nicht nur zentriert es die gesamte Handlung, sondern es lässt uns jetzt auch ganz nah an die beiden Protagonistinnen, insbesondere Mila, heran, die in den vorangegangenen Kapiteln noch Abstand verlangten und uns Leser mit einer gewissen Sprödigkeit noch nicht an sich herankommen lassen wollten.
Das ist jetzt anders. Plötzlich zoomt Antje Wagner ganz nah an Mila heran und stellt sie uns als liebenswertes neunjähriges Mädchen vor, die ein unkonventionelles, freies Leben führt und in ein anderes Mädchen verliebt ist. Von ihrem verstorbenen Vater, dem Illustrator eines Erzählbandes von Edgar Allan Poe, hat sie eine phantasievolle Ader fürs Phantastische und Makabre, und von ihrer Mutter die volle Unterstützung, ihre Freizeit lieber allein mit seltsamen Kinderritualen, wie dem Vergraben kleiner Schätze, an dem geheimnisumwitterten Dorfweiher zu verbringen und ihre Phantasien auszuleben anstatt der Gesellschaft ein angemessenes Leben mit Gleichaltrigen vorzuführen. Wie wir Mila hier erleben, das wärmt uns das Herz, lässt alle unsere Sympathien diesem eigenwilligen ungezähmten Mädchen zufliegen. Und genauso leiden wir mit ihr, als sich die Situation für sie auf einmal arg verschlechtert.
Schon zu Anfang von Schattengesicht stellt man sich die Frage, ob der Handlungsablauf realistisch zu erklären ist oder ob uns die ganze Zeit etwas Übernatürliches streift. Wie in den besten Werken der unheimlichen Phantastik mit zwischenmenschlichen Ebenen, beispielsweise denen von Oliver Onions oder Robert Aickman, jongliert Antje Wagner mit großer Virtuosität und Sicherheit mit dem Stoff und widersteht zu jeder Zeit der Versuchung, die über das gesamte Buch angehaltene Luft zum Ende hin doch noch ausströmen zu lassen. Nein, sie weiß ganz genau, wie sich das Unheimliche am wirkungsvollsten einsetzen lässt, und damit ist sie den meisten modernen Autoren, die sich an ähnlichen Thematiken versuchen, weit voraus. Antje Wagners entsprechende literarische Vorbildung (sie schätzt unter anderem Shirley Jackson) macht sich bei Schattengesicht mehr als bezahlt.
Und so dürfen wir ein Buch beschließen, vor dem man sich verneigen möchte, so perfekt und meisterlich ist es. Auf nicht einmal 200 Seiten erschafft Antje Wagner ein beeindruckend komplexes Handlungswerk, das uns in einer ungemein kraftvollen Prosa mit Mila eine der unsterblichen liebenswerten Figuren der Literatur schenkt.

Originalausgabe (Berlin: Querverlag, 2010)

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