Vernon Lee | Amour dure

Originaltitel: Amour dure (1887)

Vernon Lee - Amour Dure

Ein junger Historiker entwickelt eine obsessive Liebe für eine seit Jahrhunderten tote femme fatale. Und er weiß sehr wohl, was er da tut, wenn er die zarte Spur ihres einstigen Lebens aufnimmt. In beeindruckend stimmunsvollen Bildern beschwört Vernon Lee in dieser Erzählung eine längst vergessene Epoche herauf.

Spiridon Trepkas Ausspruch “Ich habe mich der Geschichte verlobt, der Vergangenheit“ könnte wahrscheinlich stellvertretend für alle Texte Vernon Lees stehen, denn Zeit ihres Lebens war sie von der Vergangenheit fasziniert und erlaubte ihren Charakteren das, was ihr selbst im realen Leben (natürlich) versagt blieb: die Schemen der Vergangenheit mit ihnen in eine empathische Kommunikation treten zu lassen.
Wie fragil diese Kommunikation ausfallen kann, zeigt sich in Vernon Lees “Amour dure“ [“Amour dure“], einer ihrer gleichzeitig schön-schauerlichsten und folgenreichsten Erzählungen.
“Amour dure“, in Tagebuchform angelegt, belegt Spiridon Trepkas Reise in die italienische Gemeinde Urbania, jener von alten Kirchen, Steinpalästen und verwinkelten Gassen geprägter Region. Beginnend im Herbst 1885 stellt uns der Text einen mehr als galligen Erzähler vor. Gerade mal 24 Jahre alt und schon renommierter Geschichtsforscher, ist er seiner Wahlheimat Berlin, “diesem hassenswerten Babylon“, entflohen – einem Reisestipendium sei Dank. Seine Meinung über sich selbst ist nicht sehr hoch, sieht er sich doch als Pole, “der es dahin gebracht hat, einem pedantischen Deutschen zu gleichen, Doktor der Philosophie, ja sogar Professor, gekrönter Autor eines Essays über die Tyrannen des fünfzehnten Jahrhunderts“.
In der Folge konkretisiert sich das Objekt seiner Forschungen, denn schon “bevor ich hierher kam, fühlte ich mich durch eine sonderbare Frauengestalt angezogen, die mir in den ziemlich trockenen Blättern über diese Stadt […] begegnet war.“
Trepkas von giftendem Humor durchzogenes Tagebuch zentriert sich zunehmend auf Medea da Carpi, einer Dame höheren Standes, die vor rund 300 Jahren lebte und wegen ihrer “Schuld am Tod von fünfen ihrer Liebhaber“ im Dezember 1582 mit nur 27 Jahren unschädlich gemacht wurde.
Wie Trepka uns an Hand seiner Recherchen darlegt, war Medea eine Frau von gefährlicher Schönheit, deren Hinwendung keiner ihrer liebeskranken Anbeter überlebte. “Sie hat die magnetische Kraft, sich alle Männer dienstbar zu machen, die ihr in den Weg kommen“, schreibt Trepka.
Vernon Lee war ein viel zu unabhängiger Geist in einer Zeit, als Frauen praktisch entrechtet waren, dem modrigen Gesetzbuch des Patriarchats unterworfen, als dass sie Medea nur als eindimensionales femme fatale angelegt hätte. So ist Medea nicht nur abgrundtief verderbt; indem Vernon Lee die Geschlechterrollen vertauscht, ist sie auch Lees Medium einer kodierten feministischen Sprache. Medea folgt ihrer eigenen Gesetzgebung. Ihre Antwort auf Zwangsheirat und lebenslange Unterwerfung ist eine blutige Spur ihrer ausschließlich männlichen Opfer.
Wie schon Alice Okehurst aus “A Phantom Lover“ [“Oke von Okehurst“] dient auch Medea Vernon Lees leidenschaftlicher Anbetung des weiblichen Körpers. Wenn Trepka über Medea schreibt: “Der Teint ist blendend weiß, von der Durchsichtigkeit rosig angehauchter Lilien, wie er Rothaarigen eigen ist“, ist das vermutlich nicht nur die Beschreibung eines rein literarischen Charakters.
Es ist außerordentlich spannend mitzuverfolgen, wie Trepka sich an Medeas fast verblichenen Schatten heftet und sich immer tiefer in den Sog der Leidenschaft ziehen lässt. Verbunden mit den begnadeten Landschafts- und Gebäudebeschreibungen sowie traumhaften Stimmungsbildern einer antiken, unter der Stille fallenden Schnees geschmückten Landschaft, gehört Trepkas Fall in die obsessive Liebe zum Makellosesten, was die phantastische Literatur zu bieten hat.
Trepka, “ich melancholischer, armer Teufel, eine Figur wie Hamlet“, daran herrscht bald kein Zweifel mehr, verfällt Medea, die er bis dahin lediglich von gemalten Porträts kennt, zusehends. Seine Lebensbeichte macht ihn zu einer tragischen Figur: “Wo ist heutzutage eine zweite Medea da Carpi zu finden? (Denn ich bekenne, dass sie mich verfolgt.) Wenn es nur möglich wäre, einer Frau von dieser außerordentlichen, von dieser erhabenen Schönheit, zu begegnen, einer Frau mit dieser entsetzlichen Natur.“ Er verzweifelt daran, wegen seiner hohen Erwartungen sein Leben lang allein geblieben zu sein. Zunehmend seines Lebenswillens beraubt, ist er bereit, sich Medea als Opfer anzubieten, denn die “Dame meines Herzens“ materialisiert zunehmend für ihn. Erst sind es “Briefe von ihrer Hand“, denen “ein unbestimmter Duft wie von weiblichem Haar“ zu entströmen scheint, dann häufen sich die Zeichen, dass Medeas Epiphanie sehr bald bevorzustehen scheint.
Und dann ist endlich der Vorabend zu Heiligabend. Es schneit. Eisige Stille bedeckt das Land. Und Trepka schreibt in sein Tagebuch: “Die Liebe einer solchen Frau genügt, aber es ist eine verhängnisvolle Liebe. […] Auch ich werde sterben. Und warum auch nicht? Wäre es möglich, weiter zu leben, um eine andere Frau zu lieben? Wäre es möglich, ein elendes Dasein wie dieses länger zu ertragen, nach einem Glück, wie es der morgige Tag bringen wird?“

Deutsche Übersetzung: „Amour dure“, übersetzt von Susanne Tschirner auf Basis einer klassischen Übersetzung von M. von Berthoff, in: Vernon Lee, Amour dure (Köln: DuMont, 1990)

Anmerkung: Als Vernon Lees Inspirationsquelle für die äußerliche Beschreibung der Medea di Carpi wurde Agnolo Bronzinos Porträt der Lucrezia di Panciatichi ausgemacht. Man achte in vergrößerter Ansicht auf ihre Kette.

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Bram Stoker | Dracula

Originalveröffentlichung:
Dracula (1897)

Bram Stoker - Dracula

Dieser berühmteste aller Horror-Romane ist ein Dokument der sexuellen Verklemmtheit der Menschen des viktorianischen Zeitalters. Das übernatürliche Grauen, obgleich zuweilen ausgesprochen überzeugend dargestellt, ist nichts weiter als eine Schutzschicht, die den Blick auf die wahren sexuellen Gelüste und Traumata der gehemmten Viktorianer verschleiert.

Ich behaupte einmal, dass es für den modernen Leser unmöglich ist, Dracula von Bram Stoker zu begegnen, ohne ein Grundwissen dessen mitzubringen, worum es in dem Roman geht. Die Figur des Grafen Dracula gehört zur Weltkultur, und sie ist nicht nur ein literarischer Charakter, sondern ein Archetyp. Man beginnt hier also ein Buch zu lesen, über das man wohl oder übel mehr weiß, als einem lieb sein kann.
Doch dafür kann das Buch nichts!
Als es 1897 erstmals erschien, war es etwas Neues. Ein gewaltiges Update von J. Sheridan Le Fanus großartiger Vampir-Novelle „Carmilla“ [“Carmilla“] zwar, aber nichtsdestotrotz für den Großteil der damaligen Leserschaft etwas, das bis dahin in dieser Form niemand zuvor gelesen hatte.
Pirscht man sich als moderner Leser aus dieser Warte an das Buch heran, zieht man den größten Gewinn daraus – und erkennt, dass das verstreute Wissen über Dracula, dass man leider unweigerlich mit sich herum schleppt, einschließlich des Aussehens von Christopher Lee, lediglich Second-Hand-Wissen ist. Daher empfiehlt es sich, sich vor Lektüre des gedruckten originalen Dracula erst einmal dahingehend einzutackten. Dann ist man bereit für Dracula.
Als erzählerisches Mittel von Dracula wählte Bram Stoker eine bunte Ansammlung von Tagebucheinträgen, Briefen, Zeitungsartikeln und Dokumenten. Den Anfang macht das Reisetagebuch des Engländers Jonathan Harker, der als frisch gebackener Rechtsanwalt von seiner Kanzlei nach Transsilvanien geschickt wird, um für den Grafen Dracula den Kauf eines Hauses in London abzuwickeln.
Dieser Auftakt ist spektakulär. Die Reise Harkers, die ihn über Wien und Budapest bis tief in die Karpaten führt, ist grandios beschrieben. Der Wandel der Landschaften und der Menschen, die mit zunehmend östlicher Richtung fremdartiger und unheimlicher werden, setzt einen virtuosen Stimmungsrahmen für das, was folgen wird. In bester Schauergeschichten-Manier erreicht Harker – natürlich nachts und unter Wolfsgeheul – die düstere Burg des Grafen. Der stellt sich von Anfang an als geistreich, gebildet und zuvorkommend dar, kann aber auch etwas Zwielichtiges nicht verbergen. Die Merkwürdigkeiten mehren sich. Dracula ist nur nachts anzutreffen, isst niemals etwas und hat kein Spiegelbild. Schon bald wird Harker klar: er ist Gefangener in der Burg des Grafen.
Als Harker eines Nachts Draculas Warnung missachtet und sein Zimmer verlässt, wird er von drei jungen Damen überrascht, die nicht lange fackeln und mit “unverhohlener Wollust“ über ihn herfallen.
Die Szene öffnet eine Tür in die tieferen Gewölbe des Romans. Beschreitet man als Leser den Weg durch diese Tür, verlässt man den handlungsreichen Unterhaltungsroman, den Dracula zu sein vorgibt und gelangt in die Untiefen sexueller Phantasien, die im viktorianischen England freilich moralisches Sperrgebiet waren, denn eine autarke weibliche Sexualität war unerwünscht, und Frauen hatten bis zur Hochzeit Jungfrau und danach möglichst asexuell zu sein. Das Gebären von Kindern galt als einziger sinnvoller Zweck des Geschlechtsverkehrs.
Ausgerechnet der Roman, der ein ganzes Unterhaltungsgenre begründete, reißt die viktorianischen Wunden an jeder nur möglichen Stelle auf. Von männlichen und weiblichen Sexphantasien über sexuelle Dominanz, Homosexualität und Sex mit mehreren Partnern, bis hin zu Vergewaltigung ist alles da, über das Viktorianer beileibe nicht reden wollte.
Die Lust der drei Damen nach Blut ist der Lust nach Sex gleichzusetzen. Harker, den zu Hause die liebliche Vorzeigefrau Mina erwartet, setzt der aggressiven Sexualität der drei Schwestern nicht das Geringste entgegen. Wenn er in sein Tagebuch schreibt: “Irgendetwas an ihnen erregte mein Unbehagen, es war einerseits Verlangen, andererseits Todesangst“, dann scheint er in dem Moment lieber mit dem Tod für den orgiastischen Sex, der ihm bevorsteht, bezahlen zu wollen, als zurück in sein unaufgeregtes viktorianisches Leben zurückzukehren. Dass er später, jetzt wieder bei klarem Verstand, immer noch so zu denken scheint, belegt die Tatsache, dass er den Vorfall in sein Tagebuch niederschreibt, wohl wissend, dass Mina es irgendwann lesen könnte (was auch tatsächlich geschieht). Es ist ihm bewusst, dass dies Mina “Schmerz bereiten“ wird, aber das ist ihm in dem Moment völlig egal, denn “es ist die Wahrheit“. Harkers sexuelle Erregung wischt jegliche Vernunft derart heftig beiseite, dass er den Moment unbedingt für immer in seinem Tagebuch  festhalten möchte. Das zeigt, wie sehr Harker die anerzogene viktorianische Steifheit abwerfen und die Verklemmtheit seiner Verlobten gegen die nymphomanische Aggression der drei Damen austauschen würde. Wie weit die viktorianische Unterdrückung sexueller Lust geht, wird deutlich, wenn man als Leserin und Leser in dieser Schlüsselszene gedanklich die Lust nach Blut gegen die Lust nach Sex austauscht.
Die Handlung verlagert sich anschließend nach England und führt uns direkt zu Minas Freundin Lucy Westenra, dem für mich interessantesten Charakter in Dracula. Die Briefe, die sie sich mit Mina schreibt, wirken wie ein geschwätziger mädchenhafter Gedankenaustausch, aber bei näherem Hinsehen sind sie alles andere als unschuldig. Lucy, die sehnsüchtig auf einen Heiratsantrag wartet, erhält plötzlich gleich drei Anträge an einem Tag. Da sie offenbar in keinen der drei Männer wirklich verliebt ist, kann sie sich nicht sofort entscheiden. An Mina schreibt sie: “Warum darf ein Mädchen nicht drei Männer heiraten […?]“, was dem Wunsch entspricht, mit drei verschiedenen Männern Sex zu haben. Ironischerweise wird ihr der Wunsch im übertragenen Sinne erfüllt, als sie ein Opfer des Grafen Dracula wird. Nachdem er ihr Nacht für Nacht das Blut aussaugt, bleibt sie nur durch die Bluttransfusionen eben der drei Männer (plus Van Helsing) am Leben, die um ihre Hand angehalten haben. Obwohl das Übertragen von Blut ein rein medizinischer Vorgang sein sollte, ist er in Dracula ein Akt der Intimität, der den Spendenden eine Nähe zu Lucy gibt, die exakt der des Geschlechtsakts entspricht. Über Arthur, dem Mann, den Lucy inzwischen geheiratet hat, wird später zum Besten gegeben, dass er seit der Bluttransfusion das Gefühl habe, “Lucy und er seien wirklich verheiratet und damit vor Gott Mann und Frau.“ Aus Angst vor der Eifersucht Arthurs beschließen die drei anderen Männer, ihre Blutspenden geheim zu halten, was ebenfalls auf eine starke sexuelle Kodierung hindeutet, denn warum sonst würde bei einer lebensrettenden Bluttransfusion eine Veranlassung zur Geheimhaltung bestehen?
Dies sind aber alles Dinge, die sich unter der trügerischen Oberfläche des Buches ereignen. Die eigentliche Handlung geht unterdessen zielstrebig weiter, denn Dracula nutzt die Vorbereitungen, die Harker für ihn getroffen hat, dazu, in England eine neue Basis zu errichten, die einer möglichen Invasion dienen könnte.
Wirklich furchteinflößend ist das Logbuch des Schiffes, das Dracula unerkannt nach England transportiert. Das Einlaufen des Schiffes in den britischen Hafen ringt Bram Stoker die stimmungsvollsten und düstersten Momente ab, die das Buch zu bieten hat. Die spürbare Beunruhigung der Menschen und die einhergehende atmosphärische Verfinsterung, die die Landung dieses Totenschiffes begleiten, erschaffen eine Vision der Apokalypse. Großes Unbehagen macht sich breit.
Um die Heimsuchung Lucys herum baut sich die Opposition zu Dracula auf, eine tapfere Männergruppe unter der fachlichen Leitung des holländischen Professors Van Helsing. Neben ihm besteht die Gruppe noch aus Lucys frischem Ehemann Arthur und den beiden anderen Verehrern Lucys sowie Jonathan Harker. Die Charakterisierungen der Männer sind dabei so oberflächlich und klischeehaft, dass man sie teilweise ohne Namensnennung nicht auseinanderhalten könnte. Alles Weitere an der Oberfläche ist lediglich purer Plot über den Kampf zwischen Mensch und Vampir.
Aber darunter …
Dracula kann in viele Richtungen interpretiert werden: Fremdenhass, Angst vor einer ausländischen Invasion, technischer Fortschritt gegen das Archaische etc. Aber mehr noch als all diese Deutungsvariationen scheint mir allein der Blick auf die Sexualität zum Fundament des Romans zu führen.
Etwas, worüber man in der Entstehungszeit von Dracula besser nicht redete, war Homosexualität. Dracula bietet viele Hinweise auf eine vorherrschende männliche Homosexualität. Beispiele dafür sind die Rasierszene zwischen dem Grafen und Harker sowie auch der Überfall der drei Vampirdamen auf Harker, den Dracula mit den Worten beendet: “Dieser Mann gehört mir!“ Aber nicht nur Dracula, auch die anderen männlichen Charaktere wirken eher schwul als heterosexuell. Je näher sie sich im Laufe der Handlung zu einer Art schwuler Bruderschaft zusammenschließen, umso salbungsvoller und leidenschaftlicher werden die gegenseitigen Bewunderungen geäußert. Die Biographen sind sich darüber hinaus ziemlich einig, dass Bram Stoker wahrscheinlich selbst schwul war.
Stoker gibt sich aber nicht nur mit einem Tabubruch zufrieden, der offen geschildert bereits bei Erscheinen für einen Skandal gesorgt hätte. Er lotet daneben sehr deutlich auch die Macht des Mannes über die weibliche Sexualität aus und zeigt die Hysterie der Männer, sobald sie feststellen, dass sie nicht mehr im Besitz dieser Macht sind. Die sexuelle Machtausübung gegenüber Frauen ist in Dracula sehr ausgeprägt. Wirklich abscheulich wird diese zentriert in Draculas Erniedrigung Minas, indem er sie zwingt, sein Blut zu trinken. In Wirklichkeit ist das eine Vergewaltigung, in der Dracula Mina zum Oralverkehr zwingt. In ihrer Qual sagt sie: “[Dracula] presste meinen Mund auf die Wunde, sodass ich entweder ersticken oder etwas davon schlucken musste […].“
Eine ebenso denkwürdige Szene ist die Pfählung Lucys durch ihren Ehemann Arthur. Dieser ist von Lucys plötzlichem aggressiven Sextrieb völlig eingeschüchtert und verängstigt: “Ihr Blick funkelte ruchlos, und über ihre Gesichtszüge glitt ein wollüstiges Lächeln.“ Angst jagt ihm insbesondere die drastische Veränderung von Lucys Libido ein, denn “[…] die ganze fleischeslüsterne und seelenlose Erscheinung wirkte wie eine teuflische Verhöhnung von Lucys lieblicher Reinheit.“ Wieder die Kontrolle über Lucy gewinnt Arthur, als er ihr den Holzpflock, das Phallussymbol schlechthin, “immer tiefer“ ins Herz rammt: “Der Körper zitterte und schüttelte und wand sich in wilden Verrenkungen.“ Als er sein Werk vollendet hat, kommt Arthurs Atem “in keuchenden Stößen“.
Mina ist letztlich der stille Kristallisationspunkt für jegliche Diskussionen über die Rolle der Frau im viktorianischen England. Sie wirkt asexuell, ganz so wie die Männer die Frauen gern haben wollten. Mina ist auch diejenige, an der sich die zu dieser Zeit alltäglichen patriarchalischen Repressalien am deutlichsten messen lassen, denn sie selbst erkennt schon früh im Buch ihre Rolle in der männlich dominierten Gesellschaft: “[…] und wenn mir nach Weinen zumute ist, so soll er es nicht sehen. Das ist wohl eine der Lektionen, die wir armen Frauen lernen müssen…“

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: Dracula, übersetzt von Andreas Nohl (Göttingen: Steidl, 2012)

Anmerkung: Es existieren alte Übersetzungen von Dracula, die man lieber meiden sollte, will man nicht auf all die zum Teil subtil verborgenen sexuellen Anspielungen verzichten. Die hier gewählte moderne Neuübersetzung von Andreas Nohl ist nicht unproblematisch, da Nohl (und dafür ist er inzwischen in der Branche bekannt) dazu neigt, den Originaltext zu glätten, sperrige Sätze zu begradigen und damit die Leseerfahrung zu vereinfachen.
Beinahe zeitgleich mit der Nohl-Übersetzung erschien die Neuübersetzung von Ulrich Bossier (Stuttgart: Reclam, 2012), von der ich dringend abraten möchte. Bossier erlaubt sich darin schlichtweg inakzeptable, das Original völlig verfälschende Freiheiten. So ist beispielsweise das letzte – sehr wichtige –  Zitat meiner Besprechung in der Bossier-Übersetzung deratig schlampig und falsch übersetzt, dass es in dieser Version restlos unbrauchbar ist und von mir überhaupt nicht als bedeutsam erkannt worden wäre.
So hat man als Leser leider lediglich die Wahl, aus zwei Übeln das Geringere zu wählen.

Arthur Machen | Der Berg der Träume

Originalveröffentlichung:
The Hill of Dreams (1904, geschrieben 1897)
[früherer Titel: The Garden of Avallaunius]

Arthur Machen - Der Berg der Träume

In diesem Triumph der Imagination, einem majestätischen Meisterwerk von betörender Schönheit, hält sich ein introvertierter Träumer lieber in den prachtvollen Provinzen seiner Phantasiewelt auf als in der grauen Realität. Eine innere Pilgerreise, wie man sie noch nie gelesen hat, beginnt.  

Von Anfang an stand Arthur Machens Roman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume] unter keinem guten Stern. Bereits 1897 verfasst, lehnte Machens Verlag das Manuskript strikt ab, obwohl der Autor nach seiner furchterregenden Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der Große Pan“] wahrlich kein Unbekannter mehr war. Es dauerte bis 1904, dass das Manuskript als Fortsetzungsroman in einem Magazin gedruckt wurde. Erst 1907 erfolgte dann die Buchveröffentlichung.
In seinen bis dahin erschienen unheimlichen Geschichten (insbesondere dem Episodenroman The Three Impostors [Botschafter des Bösen]) erkundete Machen die hauchdünne Grenzlinie zwischen der Realität und einer okkulten, aus der fernen heidnischen Vergangenheit überdauerten Wirklichkeit. In The Hill of Dreams gelingt ihm der Transfer zwischen einer uralten, aus den walisischen Wäldern und Hügeln geborenen Privatmythologie und der reizlosen, jegliche magischen Elemente  unterschlagenden Gegenwart. Und gerade das macht den Roman so groß. Obwohl der Protagonist Lucian Taylor geographisch lediglich die Distanz zwischen seiner walisischen Heimat und London zurücklegt, beginnt er als 12-jähriger eine monumentale Odyssee des Geistes.
Lucian lebt mit seinen Eltern in einem Pfarrhaus im walisischen Umland der Stadt Caermaen. Sein Vater ist Pastor, seine Mutter stirbt schon bald. Lucian ist schon als Kind anders als die Gleichaltrigen. Er geht nicht gern in die Schule, durchstreift stattdessen lieber die umliegende, von gewaltigen Wetterumschwüngen begleitete unberührte Natur mit all ihren Wäldern, Quellen und Hügeln und bewundert die Artefakte der alten Römerlager, die noch aus der römischen Besatzung Britanniens stammen.
Die Schulzeit passiert Lucian als wunderlicher Einzelgänger, der sich lieber in das alte Britannien und den keltischen Zauber der noch “wilden Hügel“ und “schwarzen Tiefen des Waldes“ verliert. Der einzige Mensch, dem Lucian offenbar kein Misstrauen entgegenbringt, ist das drei Jahre ältere Landmädchen Annie Morgan. Ihm fällt auf, dass Annie “erschreckend groß geworden“ ist, ein Ausspruch, der erstmalig sein späteres angstbegleitetes sexuelle Erwachen andeutet.
Drei Jahre danach, als etwa 15-jähriger, kommt Lucian in den Schulferien nach Hause und ist sofort wieder gefangen von seiner geliebten Heimat. In einer Schlüsselszene erklettert Lucian den Berg der Träume, bei dem es sich um eine römische Festung handelt; ein wild bewachsener Wall rund um den Berggipfel, hinter dem sich, einer riesigen Schale gleich, eine unberührte grüne Grasfläche befindet. Hier, absolut abgeschottet von der Welt, schläft er ein und erwacht nach einiger Zeit nackt und ist wie paralysiert zwischen Irritation und Angst. Er hat geträumt, dass ihn im Schlaf eine Frau geküsst hat. Man kann hier nur spekulieren, ob er es wirklich nur geträumt hat. Machen lässt auch die Deutung zu, dass der Kuss real gewesen sein könnte, und es Annie war, die Lucian geküsst hat, denn Annies Lippen und Augen werden später exakt so beschrieben wie die der Frau im Traum.
Als 17-jähriger muss Lucian die verhasste Schule verlassen. Seine Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben, und sein Vater kann sich die Zusatzkosten nicht mehr leisten. Die kirchlich geprägte Gesellschaft schneidet Lucian und seinen Vater immer häufiger aufgrund ihres Freidenkertums und ihrer Armut und drängt Lucian tiefer in die Isolation, in der er sich sowieso am glücklichsten fühlt. Hier führt er seine Studien längst vergessenen Wissens durch: “Bücher, die Gedanken an Bücher, die ersten Regungen der Einbildungskraft, sie alle verschmolzen durch den Zauber der entlegenen Landschaft zu einer einzigen Phantasmagorie.“ Wie ein biblischer Gläubiger wird Lucian zum Asketen, magert zusehends ab und geißelt sich auf seinem Zimmer heimlich mit Dornenbüschen.
Nachdem er, inzwischen 23-jährig, seinen ersten Roman bei einem Londoner Verlag abgeliefert hat, erhält er die nächste Bestätigung, dass es besser ist, die Gesellschaft der “Barbaren“ zu meiden, denn das Manuskript wird abgelehnt, und Lucian muss feststellen, dass Teile daraus von einem Bestsellerautor aus eben jenem Verlag geklaut wurden.
Einen weiteren Wendepunkt bringt eine Begegnung mit Annie. Weinend bricht er an ihrer Brust zusammen und lässt sich von ihr – Mutterersatz und sexuelle Erweckerin in einem – trösten. Dieser eine Moment scheint Lucian zu genügen, um ihn für immer in Bernstein einzuschließen und bei sich zu tragen. Lucian, der notorische Eskapist, käme niemals auf die Idee, die Mühen einer Beziehung auf sich zu nehmen.
Er widmet Annie sein folgendes literarisches Werk und geht den nächsten endgültigen Schritt. Er entflieht der verhassten Realität so nachhaltig, dass es ihm schließlich gelingt, sich mental vollends in die “herrliche, goldene Stadt Siluriens“ zu versetzen, die einst an dieser Stelle gewesen sein mag. Er träumt sich in die prachtvolle römische Welt der Antike hinein, die er derart detailliert wahrnimmt, dass er jede freie Minute nutzt, um in den Garten des Avallaunius zurückzukehren, einer vollständig imaginierten Welt, in der er Gespräche mit lateinisch sprechenden Frauen der Antike führt und fasziniert der heidnischen Sagenwelt aus Nymphen, Faunen und Satyrn lauscht. Diese Welt der Mamorvillen, Tavernen, Tempel und Weinberge ist eine Welt von unermesslicher Pracht, aber auch maßloser Dekadenz.
Arthur Machen spielt hier mit allen Konsequenzen mit der Faszination, die die unerreichbar ferne Vergangenheit und die Landschaften unserer Imagination auf uns ausüben. Die Beschreibungen der altrömischen Phantasiewelt, aber auch der walisischen Landschaft gehören sicherlich zum Glanzvollsten, was bis heute zu Papier gebracht worden ist. Arthur Machen beschwört mit seiner Sprache eine Schönheit, die ihresgleichen im  Literaturkanon sucht. Einen vergleichbaren Roman von solcher Pracht noch einmal zu finden, dürfte schwer sein, denn Machen hat in The Hill of Dreams seine Fähigkeit, eine bizarre Traumlandschaft zu erschaffen, bis an die Grenzen des Machbaren getrieben.
Inzwischen ist Lucian als angehender Schriftsteller in London gelandet. Als er erfährt, dass Annie inzwischen einen anderen geheiratet hat, ist er der Realität bereits zu sehr entrückt, um davon noch gekränkt zu sein. Er richtet seine ganze Existenz auf das Leben als freier Schriftsteller aus – und ist zum Scheitern verurteilt. The Hill of Dreams ist auch das Statement des von Selbstzweifeln zerrissenen Schriftstellers.
Erstmals empfindet Lucian Einsamkeit und wird depressiv. Auch in London verliert er sich in imaginären Landschaften, jedoch vermischen sich diese jetzt mit der schmutzigen Gegenwart der verruchten Großstadt. Den Garten des Avallaunius hat er längst hinter sich gelassen. Im dunstigen, nebligen Gewirr der regennassen Straßen Londons verliert sich Lucians Lebensfaden.
Und genauso klanglos, wie Lucian vom Antlitz der Welt verschwindet, so vergessen ist heute der Roman The Hill of Dreams.

Deutsche Übersetzung: Der Berg der Träume, übersetzt von Joachim Kalka (München: Piper 1994)

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Sarah Orne Jewett | Marthas Dame

Originalveröffentlichung:
Martha’s Lady (1897)

Sarah Orne Jewett - Marthas Dame
In dieser leisen, melancholischen Geschichte einer romantischen Freundschaft widmet eine Bedienstete ihrer abwesenden Herrin aus Liebe ihr ganzes Leben mit absoluter Enthaltsamkeit.

Ein trauriges Juwel hat uns Sarah Orne Jewett da mit der Erzählung “Martha’s Lady“ [“Marthas Dame“] hinterlassen. Es ist eine stille Geschichte voller unausgesprochener Traurigkeit aus einer Zeit, “als man noch ausgedehnte Besuche machte.“ Im schönen Frühsommer im typischen Jewett’schen New England ist das Hausmädchen Martha bei ihrer wohlhabenden Herrin Miss Harriet Pyne vornehmlich als nichtsnutziger Tolpatsch bekannt. Dies ändert sich jedoch schlagartig, als Miss Pynes junge Kusine Helena Vernon aus Boston für längere Zeit zu Besuch kommt. Sie ist anders als Miss Pyne. Sie strahlt Lebensfreude und Optimismus aus und macht sich nicht viele Gedanken um die Etikette. Weil sie Martha voller Respekt und nicht nur als Dienstbotin behandelt, taut Martha zusehends auf und strengt sich fortan an, ihre Aufgaben zur Zufriedenheit von Helena zu erfüllen. Als Martha zufälligerweise mithört, wie Helena sie vor Miss Harriet in den besten Tönen lobt und voller Zuneigung über sie spricht, erfüllt sie das mit einer vorher nicht gekannten Glückseligkeit. Martha und Helena sind mit etwas über zwanzig Jahren ungefähr gleichaltrig. Helena zeigt Martha, wie sie bestimmte Aufgaben richtig zu erfüllen hat, aber für Martha ist dies längst keine Arbeit mehr im eigentlichen Sinne. Sie genießt die gemeinsamen Unternehmungen mit Helena eher, als seien sie Freunde.
Doch das Ende dieser Idylle ist nahe. Als Helena wieder zu ihrer Familie nach Boston zurückkehrt, können die Zurückgebliebenen “nichts weiter tun, als alt werden und sich auf den Winter vorbereiten.“ Sie hinterlässt mehr als ein gebrochenes Herz. Die Menschen, die ihr begegnet sind, sind nicht mehr dieselben.
Es vergehen vierzig Jahre. Martha ist dem Haushalt von Miss Pyne treu geblieben. Miss Pyne bleibt ihre einzige Verbindung zu Helena. So erfährt sie über die Jahre, dass Helena einen Engländer geheiratet hat, im Ausland lebt, Kinder bekommen und verloren hat.
Aber ohne Vorwarnung ist plötzlich nach über vierzig Jahren der Tag da, an dem Helena zu Miss Pyne und Martha zurückkehrt.
Sarah Orne Jewett, die ziemlich sicher Frauen liebte, spielt sehr geschickt mit den Rollen der beiden. Helena ist Martha zugeneigt, aber letztendlich verlässt sie sie für vier Jahrzehnte. Erst als gereifte über Sechzigjährige “war ihr alles klargeworden.“ Martha hingegen liebt Helena stumm und richtet ihr ganzes Leben nur noch nach dieser verborgenen und verlorenen Liebe aus. “Ohne es zu wissen, besaß sie die Schönheit einer Heiligen“, heißt es an einer Stelle dieser aufwühlenden Liebesgeschichte.

Übersetzung: “Marthas Dame“, übersetzt von Elisabeth Schnack, in: Sarah Orne Jewett, Der weiße Reiher und andere Erzählungen aus dem Land der Spitzen Tannen (Zürich: Manesse, 1966)