[Rezension] Fritz Leiber – Schwarze Schwingen

Originalveröffentlichung:
Dark Wings (1976)

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Die Erzählung „Dark Wings“ von Fritz Leiber geht äußerlich stark in die Richtung einer Horror-Geschichte, aber es ist wohl reine Interpretationssache, ob man die Vogelschwingen-Metaphorik als real ansehen möchte oder nicht. Tatsächlich ächzt die Geschichte ein wenig unter ihrer metaphorischen Last, ist aber gerade deswegen auch sehr nachdenkenswert.
Die junge Frau Rose hat in einer Lokalität in Greenwich Village offenbar ihre Zwillingsschwester Vi kennengelernt, die sie bis dahin nicht kannte. Sie gehen zusammen in Roses durch zahlreiche Schlösser und Riegel gesicherte Wohnung in Manhattan. Beide Frauen wurden adoptiert und wissen nichts über ihre leiblichen Eltern. Im Gespräch finden sie immer mehr Übereinstimmungen, auch körperlicher Art, die sie sicher machen, dass sie Zwillinge sind. Sie erzählen sich ihre Lebensgeschichten, und dabei kommt heraus, dass sie beide in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden: Die lesbische Rose durch ihre übermächtige Stiefmutter und Vi durch ihren Stiefvater.
Fritz Leiber hat mit „Schwarze Schwingen“ eine Geschichte geschrieben, deren alleiniger Antrieb Sex ist. Über den Zwillingsschwestern schwebt das Thema Sex wie ein großer dunkler Vogel. Vi kristallisiert sich in dem Gespräch als eher sadistisch veranlagt, während Rose masochistisch geprägt ist. Es entsteht eine knisternde Erotik zwischen den beiden. So küssen sie sich und genießen es, die spiegelverkehrte Gleichheit ihrer Körper zu betrachten. Die Konversation wird unterbrochen durch ein schreckliches Gekreische an Roses Fenster. Die mutige Vi öffnet das Fenster und berichtet der verängstigten Rose, dass sie einen großen dunklen Vogel befreit hat, dessen Schwingen sich am Sims verfangen hatten.
Die Empfindung von dunklen Schwingen hatte Rose schon in ihrer Vergangenheit, nämlich immer dann, wenn sie eine lesbische Beziehung hatte. Auch erinnerten sie früher die nackten Brüste ihrer allmächtigen Stiefmutter an Vogelschwingen. Beachtenswert ist aber auch, dass Rose eine sehr starke Form von Synästhesie hat und daher ihre Sinne zuweilen – besonders in Stresssituationen – visionäre Ausbrüche liefern.
Vi überredet Rose zu sado-masochistischem Sex. Rose stimmt ängstlich zu, die Rolle der Unterlegenen anzunehmen. In dem traumgleichen sexuellen Rausch nimmt Rose Vi zunehmend als schwingenbewehrte Vogelfrau wahr. Als Rose verzweifelt etwas Penisgleiches in sie eindringen spürt, wird dem Leser klar, dass Rose nicht nur die Partnerin eines sado-masochistischen Sexspiels ist, sondern in letzter Konsequenz das Opfer einer Vergewaltigung.
Was Fritz Leiber letztendlich mit dieser Erzählung wirklich ausdrücken will, lässt sich wahrscheinlich selbst mit größtem literaturwissenschaftlichen Aufwand nicht eindeutig ergründen, aber es wird schon sehr deutlich, dass Leiber uns in die Schattenregionen des Sex leiten will, wo Ängste und abgründige Neigungen die Menschen ihr Leben lang prägen. Die Metaphorik der Jung’schen Archetypen Animus und Anima geht ebenfalls in diese Richtung.
Und so ist es letztlich Aufgabe der Leser, zu entscheiden, was hier passiert ist. Für mich betreffen die wichtigsten Fragen Vi: Ist sie möglicherweise so wie die zuvor aus einem Fachbuch herangezogene Frau, die eine penislange Klitoris hat? Oder ist Vi einfach eine transsexuelle Kriminelle? Oder ist Vi möglicherweise eine übernatürliche Wesenheit?
Alles ist möglich. Du, Leser, musst selbst entscheiden.

Deutsche Übersetzung: „Schwarze Schwingen“, übersetzt von Karin Balfer, in: Michael Görden (Hrsg.), Der letzte Kuß (Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe, 1986)

Lektorat: Uwe Voehl

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