J. R. Salamanca | Lilith

Originaltitel: Lilith (1961)

Ein junger Pfleger in einer psychiatrischen Privatklinik verliebt sich in eine schizophrene Patientin, die ihn mehr und mehr mit ihrer wilden Schönheit und faszinierenden Abseitigkeit in ihre selbsterschaffene Wunderwelt zieht. Ein begnadeter Roman mit prachtvollen, luziden Beschreibungen der schönen und beängstigenden Korridore des Wahnsinns.

Ach, wie sehr kann man doch das Leid des armen Vincent verstehen, als ihm zum ersten Mal bewusst wird, dass mit einer Heilung der fremdartigen Lilith seine große Liebe zerfallen wird wie ein von Holzwürmern zerfressener Dachbalken. “Die normale Lilith wäre hübsch (nicht schön wie ein wildes Tier)“. Kann man ihm verdenken, dass er dies alles nicht verlieren will? Hängt doch seine gesamte Existenz daran:

O du meine Lilith, und wo ist dein zerfetzter Rock geblieben, wo deine bloßen weißen Füße, dein fliegendes Gelbhaar, wo ist das Leuchten deiner Augen, die zärtliche Grausamkeit deines Blicks? Wo sind sie hin, die glänzenden Landschaften deiner Seele, die Dörfer, wo ist dein Volk? [… W]o sind sie hin, ihre Lieder, Instrumente, Evangelien? Was wird aus mir, der ich in den Einöden des Gesundseins verschmachte nach deinem Antlitz und dem Laut deiner eilenden Füße?

J. R. Salamancas atemberaubender Roman Lilith [Lilith] – tatsächlich einer der faszinierendsten und reizvollsten, die ich je gelesen habe – lässt zu Beginn nicht im Geringsten erahnen, in welche traumverlorene Abzweige er sich noch öffnen wird. Lilith ist der begnadete Versuch, eine restlos überzeugende und ersehnenswerte Co-Realität zu erschaffen, deren sekundäre Wirklichkeit sich stetig mehr Raum erobert und in logischer Konsequenz die Tore öffnet für Schönheit und Weisheit – in dieser Konfiguration allerdings nur im Kopf der Protagonistin existent.
Lilith Arthur, die dem Roman seinen beziehungsreichen Titel gibt, ist eine schizophrene Patientin im Pappelheim, jener idyllischen mentalen Privatklinik, der sich der noch junge Vincent Bruce in dem achtzigseitigen Einstiegsteil des Romans zum ersten Mal während eines Auslieferungsjobs nähert. Als ihm ein Teil seiner Ware hinfällt, hört er ein Lachen, das “klang wie Glasstäbe, die im Wind aneinanderschlagen.“ Im Garten der Anstalt entdeckt er ein seltsam weltabgewandtes Mädchen. Mit einnehmender Grazie “hob sie eine Hand, die bleich war und zerbrechlich wie ein Korallenästchen.“ Dies und “die grausam-zärtliche Schönheit ihres Gesichtes“, haben, wie wir später sehen werden, einen dauerhaften Effekt auf Vincent, auch, wenn das Mädchen für ihn erst einmal wieder in den Hintergrund rückt.
Einige Jahre und einen Weltkrieg später kehrt Vincent als Kriegsveteran nach Hause zurück. Entgegen des Karrierewunsches seines Großvaters entschließt er sich zu einen einfachen, ausbildungslosen Job mit Gemeinnutz, ganz wie er es seiner viel zu früh verstorbenen Mutter schuldig zu sein glaubt.
Und so landet er, als sei sein Weg lange vorgezeichnet gewesen, im Pappelheim. Die Leiterin erkennt sein empathisches Potential, stellt ihn sofort als Beschäftigungstherapeut ein und überträgt ihm schon bald für einen Ungelernten außergewöhnlich verantwortungsvolle Tätigkeiten. Im Pappelheim lernt er zum ersten Mal, was Anerkennung heißt und lernt das Gefühl kennen wirklich gebraucht zu werden. Sein Eindringen in “die Sphäre des Heims“ ist, wie er sagt, der Beginn “der seltsamen Verwandlung meiner Welt und meines Herzens.“
Es gelingt ihm schnell, das Vertrauen der meisten Patienten zu gewinnen, und seine Wahrnehmung insbesondere der Frauen dort nimmt seine folgende Marschrichtung vorweg: “Diese Frauen hatten etwas Gespenstisches, Hexenhaftes, Übersinnliches an sich, und genau das fehlte den Männern.“
Eine dieser Frauen ist Lilith Arthur, von der Klinikleiterin so ankündigt: “Sie ist faszinierend – eine der interessantesten Patientinnen, die wir zur Zeit haben, und zweifellos die schwierigste. Niemand von uns kann auch nur das Geringste bei ihr erreichen. Unmöglich mit ihr zu arbeiten.“ Um noch prophetisch anzuhängen: “Wenn sich ein Mann in die verliebt, hat er nichts zu lachen.“
J. R. Salamancas Schreibstil ist in der Ausarbeitung mehr als nur ein reines Erzählmedium. Salamanca nutzt die Sprache eher wie ein Musikinstrument. Seine Prosa schmiegt sich wunderbar an die jeweiligen Plotmarken an. Im Grunde eher nüchtern-realistisch, flammt das Geschriebene poetisch und unterschwellig erotisierend auf, wenn Vincent Liliths Seelenlandschaftem betritt. Dann wird Salamancas Tonfall gleichzeitig zart aber auch kraftvoll und hymnisch. Diese sprachlichen Gegensätze spiegeln Vincents innere Verfassung wider: ohne Lilith ist seine Welt grau, ereignislos und unerfüllt – mit Lilith wird sie zu einem rauschhaften Erlebniszustand.
Aber bis es so weit ist, vergeht noch einige Zeit, in der Vincent sich der Patientin Miss Arthur zunächst ausschließlich dienstlich nähert. Salamanca geht dabei lobenswert behutsam vor, baut Liliths Komplexität dynamisch in aller Ruhe auf.
Das erste, was Vincent von Lilith wahrnimmt, ist ihr zauberhaftes Flötenspiel. Wie er bereits während der ersten Gespräche mit seiner Schutzbefohlenen realisiert, hat Lilith sich mit an Genialität grenzender Schöpfungsgabe eine lückenlose, völlig autarke Welt der Ekstasen konstruiert; mit eigenen betörenden Musikkompositionen, einer eigenständigen Philosophie und einer grundlegenden heidnischen Weltordnung. Eine Welt ohne Technisierung, jedoch in erdnaher Verbundenheit. Sogar eine eigene Sprache hat sie erschaffen, die auf einem selbstkonstruierten linguistischen Konzept der Gegensätzlichkeit basiert und in der sie lange Texte verfasst, die freilich niemand lesen kann.
Vincent gegenüber verhält sie sich erstaunlich kooperativ, so dass sich schnell ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden aufbaut. Je näher Lilith Vincent jedoch an sich heran und ihn an ihrer bemerkenswerten Klarheit und Strukturiertheit Anteil haben lässt, umso schwerer fällt es ihm, sie als Kranke anzusehen und weiterhin seinen Auftrag im Fokus zu halten, sie langsam in die reale Welt zurückzuführen,.
Die vielen Gegensätze Liliths tun ihr Übriges, Vincents Verantwortungsbewusstsein immer mehr zu zersetzen. Sie hat das Asketische einer barfüßigen Heiligen und die makellose Aura eines jungen, äußerst klugen Mädchens. Ihre archetypische Schönheit, ihre “verwilderte Anmut“ und “ihre unfassbare Fremdartigkeit“ erledigen den Rest.
Dass Lilith ihn von Anfang an manipuliert und korrumpiert, entgeht Vincent. Er ist der optimale Gegenpol zu Lilith, ist seine Seele doch ebenfalls beschädigt. Vom frühen Tod seiner Mutter traumatisiert, hat er – bei aller Sympathie, die er in uns weckt – einige sehr unangenehme Züge entwickelt, die von seinem nicht tolerierbaren Rassismus bis hin zu seinem erschreckenden Desinteresse an genau den Menschen, die ihn wirklich lieben, reicht. Seine tief verankerte Empfänglichkeit für die Verführung, zeigt sich bereits in einer frühen Schlüsselszene, als er mit seiner ersten, auf ihn reizlos wirkenden Freundin tanzt und plötzlich völlig überraschend in ihren Augen ein “zärtliches Wissen um ein Jenseitiges hinter dieser Wirklichkeit, nach dem ich mich immer gesehnt hatte“, sieht. Aber es reicht für diese kraftlose Beziehung nicht aus, denn ohne es zu begreifen, hat Vincent jenes Jenseitige bereits durch das schöne, goldblonde Mädchen im Garten des Pappelheims gekostet.
Seine zunehmende seelische Abhängigkeit von Lilith ist daher nur folgerichtig und durchaus nachvollziehbar. Lilith ist die Frau, die Vincent in seiner perspektivlosen Realität niemals finden wird; eine imaginäre Gestalt wie aus einem Zauberreich, bar jeglicher Einflussnahme eines gewöhnlichen Alltags. Lilith, mit all ihrer Widernatürlichkeit, ist Vincents Portal in den ultimativen Eskapismus, denn das, was Vincent (und er ist beileibe nicht der Einzige) wahrnimmt, ist, so unermesslich lockend es auch sein mag, leider nichts weiter als ein privater, wunderschön modellierter psychischer Schutzwall, den eine sehr viel jüngere Lilith gegen ihr eigenes Trauma aus einer anderen Zeit und Welt errichtet hat.
Das alles bildet Salamanca mit großer Sensibilität und Virtuosität in einem Roman ab, der sich geschmeidig in jede Kurve legt, die sein Autor anfährt. Um es ohne Schnörkel zu sagen: Lilith ist ein Meisterwerk!
Der Preis, den Vincent am Ende zahlen muss ist hoch, der Schaden, den er angerichtet hat, nicht wiedergutzumachen. “Warum nur liebe ich dieses Mädchen? Weil sie – so ist? Weil sie verrückt ist? Visionär? Besessen?“ wird Vincent sich wahrscheinlich gebetsmühlenhaft wie ein Mantra sein Leben lang aufsagen. Dem “Traum von einer edlen, götterähnlichen Menschrasse, von Gesang, Weisheit und nie endendem Entzücken“ wird er für den Rest seines Lebens hinterher trauern. Oder?

Deutsche Übersetzung: Lilith, übersetzt von Brigitte Kahr (Genf und Hamburg: Kossodo, 1964)

[Rezension] Elizabeth Hand – In der Nähe von Zennor

Originaltitel: Near Zennor (2011)

Hand-Zennor

Elizabeth Hand erinnert mich manchmal an diese sehr selten gewordenen Menschen, die noch die Fertigkeiten längst vergessener Berufe beherrschen. Mit Ihrer komplexen Novelle “Near Zennor“ [“In der Nähe von Zennor“] eifert sie den Meistern der Vergangenheit nicht nur nach, sondern stellt sich auch direkt neben sie. “Near Zennor“ lebt von Atmosphäre und Stimmungsaufbau, und Elizabeth Hand versteht es hier virtuos, sich insbesondere die Natur und die heidnische Vergangenheit Britanniens zu eigen und zum Hauptcharakter ihrer Geschichte zu machen. Algernon Blackwood praktizierte das Beschreiben einer berauschend schönen und doch feindseligen Natur in Formvollendung in seiner Novelle “The Willows“ [“Die Weiden“] (1907), aber, mehr noch zollt “Near Zennor“ Robert Aickman Tribut, dessen Erzählung “The Trains“ [“Die Züge“] (1951) mit ihrer rätselhaften Imagination einer trostlosen, vom Rest der Welt abgetrennten Natur, mir da als erstes in den Sinn kommt. Wie Aickman versteht Elizabeth Hand es, ein intensives metaphysisches Fluidum aufzubauen und mit einer realistischen Gegenwartskomponente zu verknüpfen, was in eine sehr reizvolle Synthese mündet.
Der Amerikaner Jeffrey Kearin, vermutlich Mittfünfziger und angesehener Architekt, trauert um seine Frau, der Engländerin Anthea, die völlig überraschend durch einen Gehirnschlag ums Leben kam. Bei der Auflösung des gemeinsamen Haushaltes findet Jeffrey in einer Blechdose fünf alte Briefe, die seine Frau als 13-jährige an den britischen Fantasy-Schriftsteller Robert Bennington schrieb. Alle Briefe waren ungelesen zurück an Anthea gegangen. Wie Jeffrey herausfindet, beendete ein Pädophilie-Skandal später Benningtons Karriere. Jeffrey ist umso beunruhigter, da aus den Briefen hervorgeht, dass Anthea und zwei Freundinnen damals Bennington tatsächlich zu Hause besucht hatten.
Da Jeffrey noch mit einer der Freundinnen, Evelyn, in Kontakt steht, fliegt er – in seiner Trauer sowieso zu nichts anderem in der Lage – auf der Stelle nach England und besucht Evelyn, von der er Hintergründe zu dem Besuch der Mädchen bei Bennington erfährt. Hintergründe, die einhergehen mit einem mysteriösen, rational nicht artikulierbaren Ereignis, das den Mädchen damals widerfuhr.
Interessant für Leserinnen und Leser, die sich auch für das weitere Werk Elizabeth Hands interessieren, ist, dass “Near Zennor“ nach dem Roman Generation Loss [Dem Tod so nah] (2007) ein weiteres Schlüsselwerk im Œuvre Hands ist. Wie die Autorin in Interviews preisgab, hatte sie als Mädchen zusammen mit zwei Freundinnen das gleiche unerklärliche Erlebnis wie Anthea und ihre Freundinnen. Mit “Near Zennor“ schrieb sie sich davon frei, denn bis heute hat Hand für das Erlebte keine schlüssige Auslegung.
Jeffrey setzt sich in den Zug und fährt nach Cornwall, in die Nähe der Küstenstadt Zennor, wo alles seinen Ursprung zu haben scheint.
Jetzt ist Elizabeth Hand da, wo sie hin wollte. In einer realen Welt, die so fremdartig wird, dass sie sich zu einer imaginären Landschaft voller Schönheit und Schrecken wandelt. Einer Landschaft aus Weiden und Mooren, mit einer manchmal krankhaft verdörrten Fauna, aber auch den Überbleibseln vorzeitlicher Kulturen. Uralte Steinmauern segmentieren die Landschaft in geometrisch scheinende Abschnitte, und Findlinge und Menhire weisen Jeffrey den Weg, der versucht, dieses unwirkliche Stück Land zu bezwingen. Sein Ziel ist die Golovenna-Farm, in der Robert Bennington vor vier Jahrzehnten die drei Mädchen empfangen hatte. Lebt Bennington noch? Niemand scheint es zu wissen, und als Jeffrey sein Ziel erreicht, ist er so einsam wie nur möglich und doch nicht allein.
Nicht viel passiert in “Near Zenna“, aber es wird ein Urinstinkt geweckt, dass da etwas ist, etwas, das nicht in diese Welt gehört. Die Stille und Langsamkeit, die Hands alternatives, magisches Cornwall ausstrahlt, schenkt uns ein traumartiges Empfinden, so als versinke man ganz langsam unter Wasser, wehre sich aber nicht hysterisch dagegen, sondern lasse sich mit aller Bereitschaft weiter sinken, um die Schönheit des Gesichteten und die absolute Lautlosigkeit zu genießen. Als wisse man gleichzeitig aber auch, dass man schnellstmöglich wieder auftauchen muss, um zu überleben.

Deutsche Übersetzung: In der Nähe von Zennor, übersetzt von Bernhard Reicher, in: Dr. Nachtstrom (Hrsg.) / Bernhard Reicher (Chefredakteur) / Rudolf Stark (Redaktion), Visionarium 7: Schlüssel und Tore (Graz: Edition Gwydion, 2016)

[Rezension] Frank Hebben – Der Algorithmus des Meeres

Originalveröffentlichung, 2015

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Über einen Witz, den man erklären muss, kann normalerweise niemand lachen. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs die Befürchtung, dass Frank Hebbens Novelle Der Algorithmus des Meeres das gleiche Problem haben könnte. Denn der auf Anhieb nicht ganz einfache Text wird ergänzt durch ein (brillantes) Nachwort von Karla Schmidt, das zahlreiche Interpretationsansätze anbietet und einem dabei beinahe einschüchternd das eigene Nichtverstehen vor die Nase zu halten scheint. Dann noch Seltsamkeiten wie ein Textzitat auf dem hinteren Buchdeckel, das im Buch gar nicht vorkommt … Aber, Entwarnung, würde ich sagen!
Ich glaube, Der Algorithmus des Meeres ist ein Buch, dass man gar nicht allgemeingültig verstehen kann. Zu vieles spielt sich plötzlich im Kopf des Lesers ab, und jeder hat da wohl seine eigenen Präferenzen.
In einem verlassenen Strandhotel lebt ein Grüppchen Menschen, unter ihnen der Jugendliche Maro. Sein Tagesablauf ist bestimmt durch die Auswirkungen des allumfassenden Meeres. Das allgegenwärtige Salz frisst alles an, und so kämpft Maro Tag für Tag gegen den Verfall, damit er und seine Freunde weiterhin über Luxus wie Strom verfügen können. Er wartet die Überreste der einstigen, jetzt verrottenden Technik – er scheint es nicht anders zu kennen, so vertraut geht es ihm von der Hand. Mit ihm wohnen dort einige Erwachsene, ein Kind und Kassandra, die er liebt.
Wo all die Menschen sind, die einst dieses nicht näher bestimmbare Meerbad überfluteten, weiß man nicht, aber die Älteste, die allwissende Lina, hat die Zeit vor der Stille offenbar noch erlebt, erwähnt sie dies doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Es ist das Paradies der Eskapisten: keine Autoritäten, Strandparties, Lagerfeuer, Ruhe, Stille. Die Türen der Hotelzimmer, in denen sie wohnen, sind unverschlossen.
Aber, dann fängt Maro an zu träumen. Träume von Destruktion. Und mit den Träumen kommt das Dunkel. Ein schwimmendes Fass verströmt Gift, Quallen verseuchen den Strand, und über Nacht wird ein havarierter Öltanker angeschwemmt, der nichts Gutes in seinem Bauch hat: “Sein Bug liegt frei, sein kolossaler Rumpf thront auf einer Sandbank […].“ Bilder von beeindruckender apokalyptischer Schönheit.
Was ich bemerkenswert, wenn nicht sogar sensationell an Der Algorithmus des Meeres finde, ist die Art und Weise, wie Frank Hebben Handlung und Stil ineinander verlaufen lässt lässt. Die alles beherrschende Ruhe und Geräuschlosigkeit entsteht nicht nur, weil die Geschichte eben keine lärmenden Elemente enthält, sondern weil Hebben geradezu leise schreibt. Seine Sprache ist poetisch aber auch sehr reduziert. Und das Fehlen jeglicher Anführungszeichen in den knappen, fast bruchstückhaften Dialogen drosselt die Lautstärke des Gesagten in ein fast unhörbares Wispern. Als würden sich Geister unterhalten.
Seit ich vor vielen Jahren das Wunderwerk Engine Summer [Maschinensommer] von John Crowley las, wünsche ich mir, noch einmal etwas so Unaufgeregtes, Leises zu lesen. Ich habe in der Zwischenzeit The Country of the Pointed Firs [Das Land der spitzen Tannen] von Sarah Orne Jewett gefunden und nun Der Algorithmus des Meeres. Kein Lärm, Bedächtigkeit, Zeit zum Nachdenken – wo findet man das schon?
Mir scheint, alles an diesem Buch entspringt einer Dualität aus wissenschaftlich Definierbarem und metaphorisch Ungreifbarem. Schon der Titel legt diese Überlegung nahe: Dem Algorithmus als wissenschaftlichem Lösungsschema steht die Metapher der Naturgewalt des Meeres entgegen. Auch die Sprache Frank Hebbens untermauert dies. Bei Beschreibungen stets realistisch detailliert, spricht sie aber auch etwas Tiefes in uns an, weckt Emotionen. Und gerade die Begabung, beides gleichzeitig anzuwenden, ist die Kunst, die Frank Hebben beherrscht wie kaum ein anderer und die die Novelle zu etwas Einzigartigem macht, sie praktisch konkurrenzlos in die Buchlandschaft platziert.
Als schließlich auch noch ein fremder Besucher voller Geheimnisse auftaucht, haben die Zeichen des Untergangs, welche unsere lieb gewonnene Kommune und ihren paradiesischen Mikrokosmos heimsuchen, Konsequenzen. Lina, die Weise, schickt Maro auf eine Reise. Eine Reise, die für Maro nicht nur eine Suche nach Wissen ist, sondern auch eine Reise aus Liebe.

Originalausgabe (Mülheim an der Ruhr: Begedia, 2015)

[Archiv-Rezension] Iain Banks – Barfuß über Glas

Originalveröffentlichung:
Walking on Glass (1985)

Banks-Barfuß

Die unsichtbare, komplexe Vielfalt des Alltags. Ein guter Schriftsteller erkennt sie – all die kleinen Begebenheiten, die wir in der Hektik unseres gewöhnlichen Lebens nicht mehr bewusst wahrnehmen. Und darin liegt auch schon das Paradoxon im Werke Iain Banks‘. Unserer unbewussten Wahrnehmung hilft er hellsichtig auf die Sprünge, negiert sein Vorgehen aber im selben Atemzug, indem er uns gleichzeitig die Wahrnehmung von Menschen infiltriert, die unser Weltbild vom Durchschnittsmenschen gehörig ins Wanken bringt. Das hat eine wahrlich beunruhigende Auswirkung. Damit du, liebe Leserin, lieber Leser, ahnst, was ich meine (mehr kann ich bei einem derart komplexen Buch hier wohl nicht erreichen), ein paar Fakten zur Handlung von Iain Banks‘ zweitem Roman Walking on Glass.
Da haben wir zunächst Graham Park. Er ist unser Mann, wenn es darum geht, die allbekannte Realität zu besichtigen. Er ist Kunststudent und frisch verliebt in Sara, einer unnahbaren Frau, die Graham trotzdem immer wieder einladend entgegentritt. Kennen wir, behaupte ich einmal. Wie Graham von Angst, Zweifeln und Liebe erfüllt Sara den Hof macht, das ist etwas, das jeder nachvollziehen kann. Auch stimmt Banks‘ Interieur. Er kennt seine Welt der 1980er Jahre. Leuchtfarbenjeans, Per Anhalter durch die Galaxis und Monty Python: Iain Banks ist uns sehr nah.
Die Romanze zwischen Graham und Sara nimmt ihren Lauf. Die beiden gehen am Kanal spazieren, kommen sich aber nicht so recht näher.
Und plötzlich der Schnitt. Die Handlung kippt, und der hektische Steven Grout beherrscht das Bild. Immer noch bewegen wir uns in der Szenerie, die wir kennen, aber es macht sich Unwohlsein breit, wenn Steven uns seine Sicht der Welt erläutert. Steven fühlt sich von Außerirdischen bedroht, weshalb er nie ohne einen Schutzhelm auf die Straße geht. In der Baustellenkolonne stößt seine Paranoia natürlich auf Spott. Trotzdem: Steven Grout legt sich mit jedem an. Als er sich nicht von seinem Standpunkt abbringen lässt, dass nur er weiß, wie man einen Pflasterstein richtig setzt, und er zudem die Katze eines rechtschaffenden Bürgers mit dem Spaten erschlägt, wird ihm gekündigt. Sein nun beginnendes Martyrium spricht uns aus der Seele. Stevens Ärger mit dem Beamten des Arbeitsamts, mit seiner neugierigen, despotischen Vermieterin und anderen Gestalten, die allesamt die traurige Essenz unseres Zeitalters reflektieren, zeigen erneut, dass wir es im Falle Banks‘ mit einem Schriftsteller von enormem Rang zu tun haben.
Wie auch die anderen Charaktere des Buches ist Steven auf der Suche nach Wissen. Die selbstironische Note Banks‘ besteht darin, dass Steven die Lösung in Science-Fiction-Romanen sucht: „Eines Tages würde er ein Buch öffnen – wahrscheinlich eine neue Trilogie des Schwert-und-Zauberei-Genres (sic!) – und beim Lesen irgendeiner Stelle würde etwas in seinem Gehirn ausgelöst, das dort verborgen war.“
Zweiter Bruch. Die Bank’sche Realität verliert nun endgültig ihren Boden. In einer aus Büchern statt Steinen errichteten Burg spielen Quiss und Ajayi ein Spiel, das ein Ende niemals zu finden scheint. Die Erlösung tritt erst ein mit der Lösung des Rätsels: „Was geschieht, wenn eine unaufhaltsame Kraft auf ein bewegliches Objekt trifft?“ Die Burg ist umgeben von einer unendlichen, leeren Ebene. Einziger Fixpunkt ist also die Burg und das unendliche (?) Spiel. Quiss und Ajayi büßen für ihre Sünden; die metaphorische Ebene unserer realen Welt ist also ausgemacht: Sünde und Unschuld sind die beiden entscheidenden Pole, die sich in Walking on Glass direkt gegenüberstehen.
Parallel verlaufende Handlungsstränge scheinen nur einen Sinn zu machen, wenn sie am Ende auf ein gemeinsames Ziel zusteuern. Iain Banks setzt sich jedoch ohne Hemmungen über dieses Gebot hinweg. Die Bindeglieder zwischen den drei Handlungsebenen sind zwar geblieben, bieten jedoch keinen gemeinsamen Höhepunkt an. So findet ein Austausch zwischen Steven Grouts und Quiss‘ Erlebnissen nur auf äußerst elusivem Weg statt. Wenn Steven in seinem Zimmer aus seinen Büchern in ziegelförmig versetzter Anordnung Mauern hochzieht, ahnen wir natürlich, dass ein Zusammenhang bestehen muss. Die Parallelen geraten noch dichter aneinander, wenn Steven in der Bibliothek seines neuen Domizils, der Klapsmühle, ein altes Paar beobachtet, das sich die Zeit mit Spielen vertreibt. Und auch Quiss gerät in einen indirekten Kontakt zu Steven; in der alptraumhaften Unterwelt der Bücherburg erblickt er Steven, für alle Zeiten der Verdammnis anheimgefallen.
Auch Grahams Leben gerät in den Einflussbereich Steven Grouts. Obwohl sich die beiden nie begegnen, ist es ausgerechnet Steven, der die Ereignisse auslöst, die Graham die Wahrheit seiner Beziehung zu Sara offenbart. Als ihm bewusst wird, dass er das Opfer sexueller Obsessionen geworden ist, raubt ihm das für immer seine naive Unschuld. In einer elegischen Coda-Sequenz wirft er symbolisch sein vergangenes Leben in den Kanal.
Obwohl Grahams romantischer Wunsch auf ein bisschen Glück und Liebe auf wahrhaft ausgedörrten Grund stößt, ist Walking on Glass jedoch nicht grundsätzlich pessimistisch angelegt. Das faszinierende As, das Banks im Ärmel hält, macht die Rätselhaftigkeit des Buches zwar perfekt, erlöst uns aber auch ein wenig von Grahams tiefer Niederlage.
Als Ajayi in der Klaustrophobie der Burg einige besonders aufbewahrte Bücher entdeckt, sind es bezeichnenderweise Werke von Mervyn Peake und Franz Kafka sowie auch ein Buch, das mit demselben Satz beginnt wie Walking on Glass. Ajayi wird also die Lösung ihres Rätsels finden, da zuvor schon Steven Grout sie als Antwort einer Preisfrage auf einer vergammelten Streichholzschachtel entdeckt hat.
Barfuß über Glas ist damit ein Buch, dessen Gedankenreichtum sich erst nach wiederholter Lektüre erschließt, da jede Handlung, jede Tat, neben ihrer offenkundigen Bedeutung eine zweite, tiefere Wahrheit enthält, welche die trügerische Oberfläche entschieden verneint.
Iain Banks ist ähnlich Philip K. Dick in seinen frühen realistischen Romanen jemand, der über das Leben einfacher Menschen mehr weiß als die meisten hochgepriesenen Luxusliteraten, die sich anmaßen, etwas über Angehörige der Arbeiterklasse zu wissen. Und da schließt sich der Kreis.

Deutsche Übersetzung: Barfuß über Glas, übersetzt von Irene Bonhorst (München: Heyne, 1991)

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Wolfgang Jeschke (Hrsg.), Das Heyne Science Fiction Jahr 1993 (München: Heyne, 1992). Die Rezension wurde für diese Veröffentlichung leicht überarbeitet

[Rezension] Antje Wagner – Schattengesicht

Originalveröffentlichung, 2010

Schattengesicht

Als Jugendlicher las ich die Erdsee-Trilogie von Ursula K. Le Guin und hakte sie nach dem letzten Band als erledigt ab. 18 Jahre später schrieb Le Guin dann überraschend eine Fortsetzung, Tehanu, und etwas Seltsames geschah mit mir. Tehanu setzte eine Jugendbuchserie mit einem Roman für Erwachsene fort und ließ die ursprüngliche Trilogie plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die Fortsetzung schaffte es, die Ursprungsromane größer und tiefer zu machen.
Warum ich das hier erwähne? Mit Antje Wagners Roman Schattengesicht geht es mir ähnlich, nur direkt schon innerhalb des Romans. Auslöser ist die Entscheidung der Autorin, das Buch chronologisch rückwärts zu erzählen. So etwas ist sicherlich experimentell, aber es ist auch nicht neu. Schattengesicht ist aber ein seltenes Beispiel dafür, dass so etwas auch funktionieren kann. Berühmtere Schriftsteller als Antje Wagner sind mit Derartigem gescheitert, wie uns beispielsweise Sarah Waters mit The Night Watch gezeigt hat.
Anders bei Schattengesicht. Es ist kein Buch, das sich anbiedert schnell gelesen zu werden, sondern eines, dass dich zum Zweikampf auffordert, eines, dass erst besiegt werden muss, wenn das überhaupt möglich ist. Die gesamte Handlungskonstruktion schnurrt wie ein Schweizer Uhrwerk, und wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass die Hauptprotagonistin Milana Helmholz, genannt Mila, uns von ihrer aktuellen Situation ausgehend rückwärts bis in ihre Kindheit mit nimmt, ist man als Leser auf Kurs.
Und um auf meine Eingangssätze zurück zu kommen: jedes tiefer in die Vergangenheit vorstoßende Kapitel von Schattengesicht gibt im persönlichen Rückblick den jeweils schon gelesenen Kapiteln im Nachhinein neue Tiefen und Bedeutungen. Eine ungewöhnliche Leseerfahrung, die dazu reizt, das Buch nach Beendigung direkt noch einmal zu lesen.
Über Schattengesicht schwebt von Anfang an eine nicht greifbare Aura des Seltsamen und Unbegreiflichen. Mila stellt sich uns als neue Insassin eines Frauengefängnisses vor. Ihr Vergehen: Mord. Im nächsten Kapitel geht sie zurück zu den Ereignissen unmittelbar vor ihrer Inhaftierung. Sie lebt zusammen mit ihrer Freundin Polly in einer trostlosen, von Schimmel überwucherten und an ein Endzeit-Szenario erinnernde Häuserblockruine und hält sich und Polly mit einem Job als Zimmermädchen über Wasser. Hier wird sie von einer sadistischen Vorgesetzten schikaniert, eine Situation, die Mila letztlich endgültig der Bestrafung durch die Justiz anheim führt.
Mila blättert weiter zurück in ihrem Lebensbuch. Stets mit Polly auf der Flucht durch Deutschland und eine Spur des Todes hinterlassend, gelangen wir schließlich zur Ur-Quelle, aus der Schattengesicht entspringt, der Kindheit Milas. Dieses längste Kapitel fokussiert in meisterhafter Kunstfertigkeit all die vorangegangenen Erzählstationen in die ländliche Miniaturwelt des Elternhauses Milas zurück. Dieses Kapitel, fast die Hälfte des Romans, ist von einer makellosen Qualität. Nicht nur zentriert es die gesamte Handlung, sondern es lässt uns jetzt auch ganz nah an die beiden Protagonistinnen, insbesondere Mila, heran, die in den vorangegangenen Kapiteln noch Abstand verlangten und uns Leser mit einer gewissen Sprödigkeit noch nicht an sich herankommen lassen wollten.
Das ist jetzt anders. Plötzlich zoomt Antje Wagner ganz nah an Mila heran und stellt sie uns als liebenswertes neunjähriges Mädchen vor, die ein unkonventionelles, freies Leben führt und in ein anderes Mädchen verliebt ist. Von ihrem verstorbenen Vater, dem Illustrator eines Erzählbandes von Edgar Allan Poe, hat sie eine phantasievolle Ader fürs Phantastische und Makabre, und von ihrer Mutter die volle Unterstützung, ihre Freizeit lieber allein mit seltsamen Kinderritualen, wie dem Vergraben kleiner Schätze, an dem geheimnisumwitterten Dorfweiher zu verbringen und ihre Phantasien auszuleben anstatt der Gesellschaft ein angemessenes Leben mit Gleichaltrigen vorzuführen. Wie wir Mila hier erleben, das wärmt uns das Herz, lässt alle unsere Sympathien diesem eigenwilligen ungezähmten Mädchen zufliegen. Und genauso leiden wir mit ihr, als sich die Situation für sie auf einmal arg verschlechtert.
Schon zu Anfang von Schattengesicht stellt man sich die Frage, ob der Handlungsablauf realistisch zu erklären ist oder ob uns die ganze Zeit etwas Übernatürliches streift. Wie in den besten Werken der unheimlichen Phantastik mit zwischenmenschlichen Ebenen, beispielsweise denen von Oliver Onions oder Robert Aickman, jongliert Antje Wagner mit großer Virtuosität und Sicherheit mit dem Stoff und widersteht zu jeder Zeit der Versuchung, die über das gesamte Buch angehaltene Luft zum Ende hin doch noch ausströmen zu lassen. Nein, sie weiß ganz genau, wie sich das Unheimliche am wirkungsvollsten einsetzen lässt, und damit ist sie den meisten modernen Autoren, die sich an ähnlichen Thematiken versuchen, weit voraus. Antje Wagners entsprechende literarische Vorbildung (sie schätzt unter anderem Shirley Jackson) macht sich bei Schattengesicht mehr als bezahlt.
Und so dürfen wir ein Buch beschließen, vor dem man sich verneigen möchte, so perfekt und meisterlich ist es. Auf nicht einmal 200 Seiten erschafft Antje Wagner ein beeindruckend komplexes Handlungswerk, das uns in einer ungemein kraftvollen Prosa mit Mila eine der unsterblichen liebenswerten Figuren der Literatur schenkt.

Originalausgabe (Berlin: Querverlag, 2010)

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Arthur Machen | Der Berg der Träume

Originalveröffentlichung:
The Hill of Dreams (1904, geschrieben 1897)
[früherer Titel: The Garden of Avallaunius]

Arthur Machen - Der Berg der Träume

In diesem Triumph der Imagination, einem majestätischen Meisterwerk von betörender Schönheit, hält sich ein introvertierter Träumer lieber in den prachtvollen Provinzen seiner Phantasiewelt auf als in der grauen Realität. Eine innere Pilgerreise, wie man sie noch nie gelesen hat, beginnt.  

Von Anfang an stand Arthur Machens Roman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume] unter keinem guten Stern. Bereits 1897 verfasst, lehnte Machens Verlag das Manuskript strikt ab, obwohl der Autor nach seiner furchterregenden Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der Große Pan“] wahrlich kein Unbekannter mehr war. Es dauerte bis 1904, dass das Manuskript als Fortsetzungsroman in einem Magazin gedruckt wurde. Erst 1907 erfolgte dann die Buchveröffentlichung.
In seinen bis dahin erschienen unheimlichen Geschichten (insbesondere dem Episodenroman The Three Impostors [Botschafter des Bösen]) erkundete Machen die hauchdünne Grenzlinie zwischen der Realität und einer okkulten, aus der fernen heidnischen Vergangenheit überdauerten Wirklichkeit. In The Hill of Dreams gelingt ihm der Transfer zwischen einer uralten, aus den walisischen Wäldern und Hügeln geborenen Privatmythologie und der reizlosen, jegliche magischen Elemente  unterschlagenden Gegenwart. Und gerade das macht den Roman so groß. Obwohl der Protagonist Lucian Taylor geographisch lediglich die Distanz zwischen seiner walisischen Heimat und London zurücklegt, beginnt er als 12-jähriger eine monumentale Odyssee des Geistes.
Lucian lebt mit seinen Eltern in einem Pfarrhaus im walisischen Umland der Stadt Caermaen. Sein Vater ist Pastor, seine Mutter stirbt schon bald. Lucian ist schon als Kind anders als die Gleichaltrigen. Er geht nicht gern in die Schule, durchstreift stattdessen lieber die umliegende, von gewaltigen Wetterumschwüngen begleitete unberührte Natur mit all ihren Wäldern, Quellen und Hügeln und bewundert die Artefakte der alten Römerlager, die noch aus der römischen Besatzung Britanniens stammen.
Die Schulzeit passiert Lucian als wunderlicher Einzelgänger, der sich lieber in das alte Britannien und den keltischen Zauber der noch “wilden Hügel“ und “schwarzen Tiefen des Waldes“ verliert. Der einzige Mensch, dem Lucian offenbar kein Misstrauen entgegenbringt, ist das drei Jahre ältere Landmädchen Annie Morgan. Ihm fällt auf, dass Annie “erschreckend groß geworden“ ist, ein Ausspruch, der erstmalig sein späteres angstbegleitetes sexuelle Erwachen andeutet.
Drei Jahre danach, als etwa 15-jähriger, kommt Lucian in den Schulferien nach Hause und ist sofort wieder gefangen von seiner geliebten Heimat. In einer Schlüsselszene erklettert Lucian den Berg der Träume, bei dem es sich um eine römische Festung handelt; ein wild bewachsener Wall rund um den Berggipfel, hinter dem sich, einer riesigen Schale gleich, eine unberührte grüne Grasfläche befindet. Hier, absolut abgeschottet von der Welt, schläft er ein und erwacht nach einiger Zeit nackt und ist wie paralysiert zwischen Irritation und Angst. Er hat geträumt, dass ihn im Schlaf eine Frau geküsst hat. Man kann hier nur spekulieren, ob er es wirklich nur geträumt hat. Machen lässt auch die Deutung zu, dass der Kuss real gewesen sein könnte, und es Annie war, die Lucian geküsst hat, denn Annies Lippen und Augen werden später exakt so beschrieben wie die der Frau im Traum.
Als 17-jähriger muss Lucian die verhasste Schule verlassen. Seine Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben, und sein Vater kann sich die Zusatzkosten nicht mehr leisten. Die kirchlich geprägte Gesellschaft schneidet Lucian und seinen Vater immer häufiger aufgrund ihres Freidenkertums und ihrer Armut und drängt Lucian tiefer in die Isolation, in der er sich sowieso am glücklichsten fühlt. Hier führt er seine Studien längst vergessenen Wissens durch: “Bücher, die Gedanken an Bücher, die ersten Regungen der Einbildungskraft, sie alle verschmolzen durch den Zauber der entlegenen Landschaft zu einer einzigen Phantasmagorie.“ Wie ein biblischer Gläubiger wird Lucian zum Asketen, magert zusehends ab und geißelt sich auf seinem Zimmer heimlich mit Dornenbüschen.
Nachdem er, inzwischen 23-jährig, seinen ersten Roman bei einem Londoner Verlag abgeliefert hat, erhält er die nächste Bestätigung, dass es besser ist, die Gesellschaft der “Barbaren“ zu meiden, denn das Manuskript wird abgelehnt, und Lucian muss feststellen, dass Teile daraus von einem Bestsellerautor aus eben jenem Verlag geklaut wurden.
Einen weiteren Wendepunkt bringt eine Begegnung mit Annie. Weinend bricht er an ihrer Brust zusammen und lässt sich von ihr – Mutterersatz und sexuelle Erweckerin in einem – trösten. Dieser eine Moment scheint Lucian zu genügen, um ihn für immer in Bernstein einzuschließen und bei sich zu tragen. Lucian, der notorische Eskapist, käme niemals auf die Idee, die Mühen einer Beziehung auf sich zu nehmen.
Er widmet Annie sein folgendes literarisches Werk und geht den nächsten endgültigen Schritt. Er entflieht der verhassten Realität so nachhaltig, dass es ihm schließlich gelingt, sich mental vollends in die “herrliche, goldene Stadt Siluriens“ zu versetzen, die einst an dieser Stelle gewesen sein mag. Er träumt sich in die prachtvolle römische Welt der Antike hinein, die er derart detailliert wahrnimmt, dass er jede freie Minute nutzt, um in den Garten des Avallaunius zurückzukehren, einer vollständig imaginierten Welt, in der er Gespräche mit lateinisch sprechenden Frauen der Antike führt und fasziniert der heidnischen Sagenwelt aus Nymphen, Faunen und Satyrn lauscht. Diese Welt der Mamorvillen, Tavernen, Tempel und Weinberge ist eine Welt von unermesslicher Pracht, aber auch maßloser Dekadenz.
Arthur Machen spielt hier mit allen Konsequenzen mit der Faszination, die die unerreichbar ferne Vergangenheit und die Landschaften unserer Imagination auf uns ausüben. Die Beschreibungen der altrömischen Phantasiewelt, aber auch der walisischen Landschaft gehören sicherlich zum Glanzvollsten, was bis heute zu Papier gebracht worden ist. Arthur Machen beschwört mit seiner Sprache eine Schönheit, die ihresgleichen im  Literaturkanon sucht. Einen vergleichbaren Roman von solcher Pracht noch einmal zu finden, dürfte schwer sein, denn Machen hat in The Hill of Dreams seine Fähigkeit, eine bizarre Traumlandschaft zu erschaffen, bis an die Grenzen des Machbaren getrieben.
Inzwischen ist Lucian als angehender Schriftsteller in London gelandet. Als er erfährt, dass Annie inzwischen einen anderen geheiratet hat, ist er der Realität bereits zu sehr entrückt, um davon noch gekränkt zu sein. Er richtet seine ganze Existenz auf das Leben als freier Schriftsteller aus – und ist zum Scheitern verurteilt. The Hill of Dreams ist auch das Statement des von Selbstzweifeln zerrissenen Schriftstellers.
Erstmals empfindet Lucian Einsamkeit und wird depressiv. Auch in London verliert er sich in imaginären Landschaften, jedoch vermischen sich diese jetzt mit der schmutzigen Gegenwart der verruchten Großstadt. Den Garten des Avallaunius hat er längst hinter sich gelassen. Im dunstigen, nebligen Gewirr der regennassen Straßen Londons verliert sich Lucians Lebensfaden.
Und genauso klanglos, wie Lucian vom Antlitz der Welt verschwindet, so vergessen ist heute der Roman The Hill of Dreams.

Deutsche Übersetzung: Der Berg der Träume, übersetzt von Joachim Kalka (München: Piper 1994)

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[Rezension] Oliver Onions – Die wirklichen Leute

Originalveröffentlichung:
The Real People (1924)

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Die Novelle „The Real People“ wirkt wie ein Negativ zu Oliver Onions’ berühmter Geschichte „The Beckoning Fair One“ [„Die lockende Schöne“]. Auch hier beschäftigt sich Onions mit der Thematik des schöpferischen Prozesses eines Schriftstellers. Verändert in „The Beckoning Fair One“ das Leben des Schriftstellers den kreativen Akt des Schreibens, ist es in „The Real People“ genau umgekehrt. Das Leben des Autors ändert sich radikal durch das plötzlich geweckte Phantasiepotenzial des Schreibprozesses. So behandeln beide Geschichten im Kern dieselbe Thematik, jedoch aus exakt gegensätzlichen Ausgangspunkten.
Der 24-jährige Aubrey Kneller kann sich nicht beklagen. Er schreibt immer wieder denselben massenkompatiblen Roman und hat es damit zu einem Autor von Ruf gebracht. Er liebt seinen luxuriösen Lebensstil und weiß sehr genau, dass er diesen nur halten kann, indem er mit jedem neuen Roman aufs Neue die Erwartungen seines Publikums erfüllt. Er ist verlobt mit der zwei Jahre älteren Helen Boyd, für die ebenfalls der Komfort, den Aubrey ihr bietet, an erster Stelle zu steht. Mit Beginn der Geschichte gibt Aubrey gerade mit gemischten Gefühlen das Manuskript seines neuen Romans Delia Vane in die Post. Im Rückblick informiert er uns über die seltsame Transformation seines Romans. Er startet mit den üblichen Charakterattrappen, wie es seine Leserschaft erwartet, doch plötzlich beginnen die Charaktere gegen ihren Schöpfer zu rebellieren. Die zweidimensionalen Stammfiguren, die lediglich andere Namen tragen als ihre Vorgänger, verschwinden zunehmend aus dem Buch, während eine Nebendarstellerin wider Erwarten größer und größer wird und schließlich gegen Aubreys Willen die Kontrolle über den Roman übernimmt.
Aubrey spürt zunehmend, dass sein Leben vor einem Wendepunkt steht. Ohne selbst zu wissen, dass er sich in einer Lebenskrise aus Verstellung und fehlender Tiefe befindet, nimmt ihn die neue Hauptfigur, die sich jetzt selbst in Delia Vane umbenannt hat, an die Hand und führt ihn raus aus dem Loch der Anpassung. Dies hat Konsequenzen auf Aubreys reales Leben.
Aubrey lernt eine junge Frau kennen, in der er seine Romanfigur Delia wiedererkennt und mit der er im Folgenden ein Verhältnis beginnt. Der Weg in seinen sozialen Abstieg wird eingeläutet. Aubrey verliert zunehmend die Kontrolle über die Wirklichkeit, kann Realität und Fiktion nicht mehr trennen. Seine Verlobung zur bürgerlichen Helen löst er, seine Ersparnisse schwinden infolge der ansteigenden Vergnügungssucht seiner neuen, inzwischen sehr launigen, Gefährtin.
Am Ende stellt sich, wie bei Onions üblich, die Frage nach Realität und Übernatürlichem. Hat sich alles, ausgelöst durch eine Lebenskrise, nur in Aubreys Kopf abgespielt oder ist er in die Fänge einer übersinnlichen femininen Wesenheit geraten? Die Antwort kann nur jeder Leser für sich finden. Eindeutige Hinweise dafür, dass Delia eine Geistererscheinung ist, gibt es nicht. Andererseits aber, hinterfragt man, ob die Novelle ohne übernatürlichen Hintergrund stimmig sei, könnte ich nicht beantworten, an wen Aubreys Vermögen gegangen ist.
Auch das Ende lässt zwei Deutungsvarianten zu. In Ton und Stimmung scheint es Aubreys Niedergang zu besiegeln, aber es kann auch als Startschuss für ein neues Leben entschlüsselt werden. Aubrey hat alles verloren – sein Geld, sein Ansehen als erfolgreicher Autor, seine Beziehung – aber er hat nun zu sich selbst gefunden und wird nie wieder eine durchscheinende Leinwand voll der Erwartungen seiner Umwelt sein.

Deutsche Übersetzung: „Die wirklichen Leute“, übersetzt von Unbekannt, in: Michael Görden (Hrsg.), Schrecksekunden – Gespensterbuch 4 (Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe, 1984)

Lektorat: Uwe Voehl