George Eliot | Der Schleier hebt sich

Originaltitel: The Lifted Veil (1859)

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In geradezu modern zu lesender Wortgewalt zerschmettert die große George Eliot in dieser kaum bekannten metaphysischen und psycholgischen Schauergeschichte die Obsession eines hochsensiblen Mannes für eine begehrenswerte, dämonische Frau.

Ihrem Verleger passte es überhaupt nicht, dass George Eliot (Pseudonym von Mary Ann Evans auf Lebenszeit) ihm nach Veröffentlichung ihres ersten Romans Adam Bede [Adam Bede] das Manuskript der finsteren Schauernovelle “The Lifted Veil“ [“Der Vorhang hebt sich“] auf den Tisch legte, ist der Text doch eher in der Nähe Edgar Allan Poes angesiedelt als in der ihrer bisherigen realistischen Prosa. Er lehnte die Geschichte ab und verfrachtete sie in ein Literaturmagazin – anonym, damit ja nichts den guten Ruf seiner erfolgsversprechenden Autorin befleckte.
Es ist eigentlich müßig zu spekulieren, was passiert wäre, hätte Eliots Verleger die Autorenschaft ausgewiesen. Aber solche Fragen sind faszinierend und stellen sich immer wieder in der Literaturgeschichte. Wäre Patricia Highsmith anstatt einer Thriller-Autorin eine Autorin sensibler lesbischer Beziehungsromane geworden, hätte ihr zweiter Roman The Price of Salt [Salz und sein Preis] seine Erstveröffentlichung nicht unter Pseudonym erfahren? Hätte George Eliot anstatt ihrer späteren großen Gesellschaftsromane vielleicht eher metaphysische, philosophische Phantastik geschrieben, wäre “The Lifted Veil“ unter ihrem Autorenpseudonym erschienen? Das entsprechende Umfeld einer am Okkultismus interessierten Literaturgemeinde und eine wahre Modewelle Geistergeschichten schreibender, vom Patriarchat in den Haushalt verbannter Frauen hätten die optimale Umrahmung dafür sein können.
Aber, wie auch immer, “The Lifted Veil“ blieb Eliots einzige phantastische Prosa. Ein Bastard in ihrem realistischen Gesamtwerk einerseits und andererseits selbst von ausgewiesenen Kennern der phantastischen Literatur übersehen.*
Im September 1850 eröffnet uns Latimer in erster Person, dass er bald an seiner Angina pectoris sterben werde. Das ist an sich noch nichts Außergewöhnliches, wäre da nicht die erstaunliche Ruhe, mit der er diese als Faktum dastehende Aussage äußert und die Tatsache, dass er offenbar sogar die Uhrzeit seines bevorstehenden Todes kennt.
Rückblende. Latimer erzählt uns von seiner ersten Lebenstragödie, dem frühen Tod seiner liebevollen Mutter. In der Kommerzwelt seines Vaters, des erfolgreichen Bankers, ist er ein Versager. Er ist einer, der sich “nach Mondstrahlen sehnte“, der blasse Künstler, der nicht in die Gesellschaft passt. Dass er kein ganzer Kerl ist, wie es ihm sein Vater und sein Bruder ständig vor Augen führen, denkt er bald selbst: “Ich glaube, man fand mich damals auf weibisch-geisterhafte Art schön.“ Er ist der weltabgewandte Grübler, “kaum empfänglich […] für Vergnügungen.“
Mit Anfang zwanzig stellt er fest, dass er extrem sensible, geradezu empathische Fühler hat, durch die er spürt, was die Menschen in seiner Nähe denken und empfinden. Daneben hat er von einer Minute auf die andere, Visionen, die ihm kurze Einblicke in die Zukunft gewähren. So überfällt ihn eine Szene, in der sein Vater und sein Bruder mit einer auffallend schönen Frau bei ihm auftauchen. Die Szene wird Realität. Latimer lernt Bertha kennen.
Bertha Grant ist eine dieser literarischen Frauengestalten, die nicht erklärbar sind. Flüchtig wie ein angsteinflößender Geist und doch das gesamte Denken und Fühlen im männlichen Protagonisten überlagernd. Solche, nicht ganz realistisch charakterisierten, sehr idealisierten Frauen sagt man gern männlichen Autoren nach, aber George Eliot beweist hier mit größer Könnerschaft, dass diese Aussage kein Axiom ist.
Latimer verfällt Bertha auf der Stelle. Seine gesamte geistige Existenz wird überflutet von dieser Frau, die ihm als Erstes durch “eine große, gertenschlanke Figur mit herrlichem blonden Haar“ auffällt. Alles an ihr verhext ihn. Gerade ihr furchteinjagendes Wesen verstärkt seine Obsession noch: “Die Züge waren scharf, der Blick der blassgrauen Augen stechend, ruhelos und sarkastisch zugleich.“
Latimer merkt selbst, was mit ihm geschieht, weiß, dass “diese blasse Frauengestalt mit dem unheimlichen Blick“ sein Schicksal sein wird. Und gerade ihre Widersprüchlichkeit aus Ablehnung aber auch durch Zeichen der Zustimmung, machen ihn “mehr und mehr von ihrem Lächeln abhängig.“ Er sieht sie, “gewisse Blicke […] – ein Nichts an femininer Gestik“, die ihn durchhalten lassen. Bertha ist zudem der einzige Mensch, dessen Gedanken- und Emotionswelt ihm verschlossen bleiben.
Aber, was geschieht mit einer derartigen Idealisierung, wenn sie realer Alltag wird? Nach sieben Jahren Ehe mit Bertha weiß Latimer: “Vor der Heirat hatte sie ganz und gar meine Phantasie beschäftigt, da sie mir ein Geheimnis war.“
George Eliot lenkt nun ihre Novelle in einen lichtlosen Abzweig. Latimer verliert seine empathischen Fähigkeiten, und seine Visionen werden zunehmend fremdartiger, “Visionen fremder Städte, sandiger Ebenen, gigantischer Ruinen, mitternachtsblauer Himmel mit eigenartig hellen Sternbildern, von Bergpässen und grasbewachsenen Lichtungen.“ (Man könnte fast denken, dass Eliot mit diesem Satz die Saat für die Werke späterer Autoren wie Lord Dunsany, H. P. Lovecraft und Arthur Machen gelegt hat)
In virtuosen Satzserpentinen lässt sie jetzt “The Lifted Veil“ um das Mensch- und Totsein kreisen und um die Einfachheit, mit der das Leben in ausweglose Bereiche treibt. Hier entblättert sich die Größe der Autorin. Jeder Satz ist ein Genuss an Formvollendung, kein Wort verschwendet. Eliots Gedanken über die Mechanismen, die sich in uns Menschen in bestimmten Situationen in Gang setzen, sind weise und tiefgehend. Schon so frühzeitig in ihrem erzählenden Werk glänzt sie durch ihre klaren, psychologischen Einsichten.
“Es gibt […] keine vollkommenere Tyrannei als jene einer negativen, selbstsüchtigen Person über eine morbid-sensible, die sich ständig nach Sympathie und Unterstützung sehnt.“ Obwohl Latimer das weiß, empfängt er die Tyrannei des Geistes und des Herzens mit offenen Armen.

Deutsche Übersetzung: “Der Schleier hebt sich“, übersetzt von Inge Wiskott, in: Peter Haining (Hrsg.), Die Damen des Bösen (Stuttgart: Goverts, 1969)

* Beispielsweise findet die Novelle weder in H. P. Lovecrafts Standard-Essay zum Thema, The Supernatural Horror in Literature [Das übernatürliche Grauen in der Literatur], noch Rein A. Zondergelds Lexikon der phantastischen Literatur sowie John Clutes und John Grants The Encyclopedia of Fantasy Erwähnung.

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