Elizabeth Gaskell | Die Geschichte der alten Amme

Originalveröffentlichung:
The Old Nurse’s Story (1852)

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Unter der Oberfläche dieser stimmungsvollen, viele bekannte Topoi der Schauerliteratur bedienenden Geistergeschichte brodelt der wütende aber sehr gut unter den Worten versteckte Aufruhr einer großen viktorianischen Autorin gegen die fürchterlichen patriarchalischen Repressionen ihrer Zeit.

In “The Old Nurse’s Story“ [“Die Geschichte der alten Amme“] erzählt die alte Amme Hester den Kindern von Miss Rosamond, wie nah ihre Mutter als kleines Kind einmal dem Unheimlichen gekommen war. Hester wird als nicht einmal Achtzehnjährige zur persönlichen Amme der kleinen Rosamond erkoren, schon bevor diese geboren ist. Als Miss Rosamond vier oder fünf Jahre alt ist, wird sie Waise. Hester, die die kleine Rosamond über alles liebt, bleibt auch weiterhin ihre Amme und Mutterersatz. Die vermögende Verwandschaft von Miss Rosamond, die auch über die Vormundschaft verfügt, zitiert Rosamond und Hester in das alte Familienanwesen, dem Herrenhaus von Furnivall in Northumberland am Fuße der Cumberland Fells. Überraschenderweise hat die Familie bereits vor fünfzig Jahren das Herrenhaus verlassen. Nur noch eine alte Miss Furnivall und einige Bedienstete sollen dort noch leben.
Als Hester und Miss Rosamond in dem abgelegenen Herrenhaus ankommen, lernen sie die vermutlich um die achtzig Jahre alte Miss Furnivall kennen, die stets traurig und melancholisch dreinblickt. Ihr zur Seite steht die genauso alte, immer mürrisch und ernst aussehende Mrs. Stark, die offiziell zwar nur die Gesellschafterin von Miss Furnivall ist, in Wirklichkeit aber eher die Bedeutung einer engen Freundin für Miss Furnivall hat.
Was dann folgt, ist die Beschwörung einer ganzen Batterie von Geistergeschichten-Requisiten. Hester hört die riesige Orgel des Hauses wie wild spielen, obwohl niemand sie bedient, und Miss Rosamond wird von dem Geist eines um Hilfe rufenden kleinen Mädchens nach draußen in die im Schneefall versinkenden Berge gelockt und kann von Hester gerade noch vor dem Erfrieren gerettet werden. Ein großes Finale konfrontiert Sünder und Opfer sowohl in lebendem als auch geisterhaftem Zustand mit ihren tragischen Vergangenheiten.
Obwohl “The Old Nurse’s Story“ bei oberflächlicher Lektüre arg auf den Effekt der Geistergeschichte linsend wirkt, bedeutet sie doch mehr als das. Insbesondere im Hinblick auf ihre Entstehungszeit befindet sich Nachdenkenswertes darin, werden doch beispielsweise unmissverständliche sexuelle Andeutungen getroffen. So ist Miss Furnivall, die in ihrer Jugend die große Familientragödie letztendlich durch ihren Verrat erst angestoßen hat, ein Opfer sexueller Repression durch ihren übermächtigen Vater, der eigene Vorstellungen zur Verheiratung seiner Töchter hat. Daraus resultierend spricht Elizabeth Gaskell auch über das Tabuthema Geheime Hochzeit. “The Old Nurse’s Story“ ist aber auch ein bedeutungsvolles Statement zur Romantischen Freundschaft zwischen Frauen. Mrs. Stark hat ihr ganzes Leben ihrer Herrin gewidmet, und Hester kann sich dem Portrait der jungen schönen Miss Maude kaum entziehen: “Ich hätte es eine Stunde lang anschauen können […]“ Auch sie verschreibt zukünftig offenbar ihr Leben einer anderen Frau. Sämtliche erwähnten Männer hingegen werden bis in die letzte Nebenrolle mit mindestens einer negativen Charaktereigenschaft gezeichnet. Um es auf den Punkt zu bringen: “The Old Nurse’s Story“ ist eine sehr deutliche Stellungnahme, ja geradezu ein gepeinigter Aufschrei, gegen das Patriarchat. Bemerkenswert hier besonders, wie subtil der Protest gegen die patriarchale Herrschaft über die Frau zwischen den Zeilen versteckt wurde. “The Old Nurse’s Story“ ist ein wichtiges Dokument dafür, warum – was heute kaum noch bekannt ist – so viele Frauen im Viktorianischen Zeitalter Geistergeschichten schrieben. Das phantastische Element in den Geistergeschichten gab den schreibenden Frauen die Gelegenheit, sich kodiert über ihre Unterdrückung zu äußern, was Elizabeth Gaskell hier auf faszinierende Weise gelungen ist. “The Old Nurse’s Story“ ist ein wichtiger Beitrag zu einer vor dem männlichen Geschlecht verborgenen geheimen Historie der Frauen.

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Die Geschichte der alten Amme“, übersetzt von Anne Rademacher, in: Anne Rademacher (Hrsg.), Gespenstische Frauen (München: dtv, 2004)

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Sarah Orne Jewett | Marthas Dame

Originalveröffentlichung:
Martha’s Lady (1897)

Sarah Orne Jewett - Marthas Dame
In dieser leisen, melancholischen Geschichte einer romantischen Freundschaft widmet eine Bedienstete ihrer abwesenden Herrin aus Liebe ihr ganzes Leben mit absoluter Enthaltsamkeit.

Ein trauriges Juwel hat uns Sarah Orne Jewett da mit der Erzählung “Martha’s Lady“ [“Marthas Dame“] hinterlassen. Es ist eine stille Geschichte voller unausgesprochener Traurigkeit aus einer Zeit, “als man noch ausgedehnte Besuche machte.“ Im schönen Frühsommer im typischen Jewett’schen New England ist das Hausmädchen Martha bei ihrer wohlhabenden Herrin Miss Harriet Pyne vornehmlich als nichtsnutziger Tolpatsch bekannt. Dies ändert sich jedoch schlagartig, als Miss Pynes junge Kusine Helena Vernon aus Boston für längere Zeit zu Besuch kommt. Sie ist anders als Miss Pyne. Sie strahlt Lebensfreude und Optimismus aus und macht sich nicht viele Gedanken um die Etikette. Weil sie Martha voller Respekt und nicht nur als Dienstbotin behandelt, taut Martha zusehends auf und strengt sich fortan an, ihre Aufgaben zur Zufriedenheit von Helena zu erfüllen. Als Martha zufälligerweise mithört, wie Helena sie vor Miss Harriet in den besten Tönen lobt und voller Zuneigung über sie spricht, erfüllt sie das mit einer vorher nicht gekannten Glückseligkeit. Martha und Helena sind mit etwas über zwanzig Jahren ungefähr gleichaltrig. Helena zeigt Martha, wie sie bestimmte Aufgaben richtig zu erfüllen hat, aber für Martha ist dies längst keine Arbeit mehr im eigentlichen Sinne. Sie genießt die gemeinsamen Unternehmungen mit Helena eher, als seien sie Freunde.
Doch das Ende dieser Idylle ist nahe. Als Helena wieder zu ihrer Familie nach Boston zurückkehrt, können die Zurückgebliebenen “nichts weiter tun, als alt werden und sich auf den Winter vorbereiten.“ Sie hinterlässt mehr als ein gebrochenes Herz. Die Menschen, die ihr begegnet sind, sind nicht mehr dieselben.
Es vergehen vierzig Jahre. Martha ist dem Haushalt von Miss Pyne treu geblieben. Miss Pyne bleibt ihre einzige Verbindung zu Helena. So erfährt sie über die Jahre, dass Helena einen Engländer geheiratet hat, im Ausland lebt, Kinder bekommen und verloren hat.
Aber ohne Vorwarnung ist plötzlich nach über vierzig Jahren der Tag da, an dem Helena zu Miss Pyne und Martha zurückkehrt.
Sarah Orne Jewett, die ziemlich sicher Frauen liebte, spielt sehr geschickt mit den Rollen der beiden. Helena ist Martha zugeneigt, aber letztendlich verlässt sie sie für vier Jahrzehnte. Erst als gereifte über Sechzigjährige “war ihr alles klargeworden.“ Martha hingegen liebt Helena stumm und richtet ihr ganzes Leben nur noch nach dieser verborgenen und verlorenen Liebe aus. “Ohne es zu wissen, besaß sie die Schönheit einer Heiligen“, heißt es an einer Stelle dieser aufwühlenden Liebesgeschichte.

Übersetzung: “Marthas Dame“, übersetzt von Elisabeth Schnack, in: Sarah Orne Jewett, Der weiße Reiher und andere Erzählungen aus dem Land der Spitzen Tannen (Zürich: Manesse, 1966)