[Rezension] Frank Hebben – Der Algorithmus des Meeres

Originalveröffentlichung, 2015

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Über einen Witz, den man erklären muss, kann normalerweise niemand lachen. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs die Befürchtung, dass Frank Hebbens Novelle Der Algorithmus des Meeres das gleiche Problem haben könnte. Denn der auf Anhieb nicht ganz einfache Text wird ergänzt durch ein (brillantes) Nachwort von Karla Schmidt, das zahlreiche Interpretationsansätze anbietet und einem dabei beinahe einschüchternd das eigene Nichtverstehen vor die Nase zu halten scheint. Dann noch Seltsamkeiten wie ein Textzitat auf dem hinteren Buchdeckel, das im Buch gar nicht vorkommt … Aber, Entwarnung, würde ich sagen!
Ich glaube, Der Algorithmus des Meeres ist ein Buch, dass man gar nicht allgemeingültig verstehen kann. Zu vieles spielt sich plötzlich im Kopf des Lesers ab, und jeder hat da wohl seine eigenen Präferenzen.
In einem verlassenen Strandhotel lebt ein Grüppchen Menschen, unter ihnen der Jugendliche Maro. Sein Tagesablauf ist bestimmt durch die Auswirkungen des allumfassenden Meeres. Das allgegenwärtige Salz frisst alles an, und so kämpft Maro Tag für Tag gegen den Verfall, damit er und seine Freunde weiterhin über Luxus wie Strom verfügen können. Er wartet die Überreste der einstigen, jetzt verrottenden Technik – er scheint es nicht anders zu kennen, so vertraut geht es ihm von der Hand. Mit ihm wohnen dort einige Erwachsene, ein Kind und Kassandra, die er liebt.
Wo all die Menschen sind, die einst dieses nicht näher bestimmbare Meerbad überfluteten, weiß man nicht, aber die Älteste, die allwissende Lina, hat die Zeit vor der Stille offenbar noch erlebt, erwähnt sie dies doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Es ist das Paradies der Eskapisten: keine Autoritäten, Strandparties, Lagerfeuer, Ruhe, Stille. Die Türen der Hotelzimmer, in denen sie wohnen, sind unverschlossen.
Aber, dann fängt Maro an zu träumen. Träume von Destruktion. Und mit den Träumen kommt das Dunkel. Ein schwimmendes Fass verströmt Gift, Quallen verseuchen den Strand, und über Nacht wird ein havarierter Öltanker angeschwemmt, der nichts Gutes in seinem Bauch hat: “Sein Bug liegt frei, sein kolossaler Rumpf thront auf einer Sandbank […].“ Bilder von beeindruckender apokalyptischer Schönheit.
Was ich bemerkenswert, wenn nicht sogar sensationell an Der Algorithmus des Meeres finde, ist die Art und Weise, wie Frank Hebben Handlung und Stil ineinander verlaufen lässt lässt. Die alles beherrschende Ruhe und Geräuschlosigkeit entsteht nicht nur, weil die Geschichte eben keine lärmenden Elemente enthält, sondern weil Hebben geradezu leise schreibt. Seine Sprache ist poetisch aber auch sehr reduziert. Und das Fehlen jeglicher Anführungszeichen in den knappen, fast bruchstückhaften Dialogen drosselt die Lautstärke des Gesagten in ein fast unhörbares Wispern. Als würden sich Geister unterhalten.
Seit ich vor vielen Jahren das Wunderwerk Engine Summer [Maschinensommer] von John Crowley las, wünsche ich mir, noch einmal etwas so Unaufgeregtes, Leises zu lesen. Ich habe in der Zwischenzeit The Country of the Pointed Firs [Das Land der spitzen Tannen] von Sarah Orne Jewett gefunden und nun Der Algorithmus des Meeres. Kein Lärm, Bedächtigkeit, Zeit zum Nachdenken – wo findet man das schon?
Mir scheint, alles an diesem Buch entspringt einer Dualität aus wissenschaftlich Definierbarem und metaphorisch Ungreifbarem. Schon der Titel legt diese Überlegung nahe: Dem Algorithmus als wissenschaftlichem Lösungsschema steht die Metapher der Naturgewalt des Meeres entgegen. Auch die Sprache Frank Hebbens untermauert dies. Bei Beschreibungen stets realistisch detailliert, spricht sie aber auch etwas Tiefes in uns an, weckt Emotionen. Und gerade die Begabung, beides gleichzeitig anzuwenden, ist die Kunst, die Frank Hebben beherrscht wie kaum ein anderer und die die Novelle zu etwas Einzigartigem macht, sie praktisch konkurrenzlos in die Buchlandschaft platziert.
Als schließlich auch noch ein fremder Besucher voller Geheimnisse auftaucht, haben die Zeichen des Untergangs, welche unsere lieb gewonnene Kommune und ihren paradiesischen Mikrokosmos heimsuchen, Konsequenzen. Lina, die Weise, schickt Maro auf eine Reise. Eine Reise, die für Maro nicht nur eine Suche nach Wissen ist, sondern auch eine Reise aus Liebe.

Originalausgabe (Mülheim an der Ruhr: Begedia, 2015)

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13 Kommentare zu “[Rezension] Frank Hebben – Der Algorithmus des Meeres

  1. Pingback: [Sonntagsleserei]: Januar 2016 – Lesen macht glücklich

  2. Ich habe Der Algorithmus des Meeres neulich spontan gekauft, scheinbar ein guter Griff. Aber ich kenne ja bereits Maschinenkinder und Prothesengötter von Frank Hebben und weiss daher, worauf ich mich einlasse. Die Geschichten ‚leben‘ wirklich durch die minimalistische Sprache und die damit erzeugten Bilder, die man selbst im Kopf zu den Geschichten zeichnet. Ich kenne keinen zweiten Autor, der so schreibt und derartige Gedanken und Fantasien zu einer Story auslöst. Daher fühlt man sich in seinen Geschichten anfangs oft wie im falschen Film, bis man merkt, dass die Bilder genau so sein müssen und ein faszinierendes Ganzes ergeben. DANKE für die treffliche Besprechung.

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    • So wie du es beschreibst, habe ich es auch empfunden. Das ist eine unglaublich suggestive Prosa. Ich wünschte mir, Frank Hebben würde einmal etwas Realistisches oder leicht phantastisch Angehauchtes in diesem Stil schreiben. Könnte ein aufregendes Ergebnis werden.

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