Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 7: Thomas Sebesta

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Thomas Sebesta, leidenschaftlicher Sammler von Phantastischer Literatur. Er ist der Chefarchivar der Science Fiction und Phantastik, denn seit Jahrzehnten füttert er Datenbanken mit Informationen zum Thema, beispielsweise auch auf seinem Blog Treffpunkt Phantastik – Tummelplatz deutschsprachiger Sekundärliteratur. Er wohnt südlich von Wien und ist hauptberuflich Bestatter.

Ich bin hoffnungsloser Phantast. Gleich danach Hard-Core-SF-Liebhaber – unrettbar, unwiderruflich – Lebensschicksal. Zwar habe auch ich unbestritten zarten Saiten, die man zum Klingen bringen kann. Mit Liebesromanen habe ich jedoch eher nichts am Hut. Außer meine Frau zwingt mich, über die Wertigkeiten von Pilcher & Co Statements abzugeben, die sie eigentlich nicht hören will. Sie nennt mich dann, vermutlich zu Recht, einen Ignoranten. Natürlich gab und gibt es auch Liebesromane im phantastischen Setting – Biss und Blut geben reichlich Zeugnis darüber. Ich hab‘ probiert und als „Buchhalter der Phantastik“ bin ich gezwungen, dies zur Kenntnis zu nehmen. Solche Bücher fristen bei mir ein sehr kümmerliches Dasein, in der finstersten Ecke meiner Bibliothek. Nur die Tatsache, dass es sich um Bücher handelt, rettet sie vor dem Feuer. Die Feuerbowlenzange, um sie nach Erfordernis aus dem Regal zu nehmen, steht gleich daneben. Im Bereich der Science Fiction kommt man eher selten mit einem Setting als Liebesroman in Kontakt, ich würde sogar behaupten, nie. Hätte nicht 2003 Audrey Niffenegger ihren Debütroman Die Frau des Zeitreisenden veröffentlicht. NiffeneggerNun wird dieser Roman in viele Genreecken geschoben und von Chick-Lit (Tussiliteratur) über Fantasy bis Zeitreiseroman verortet. Alles stimmt. Mich persönlich hat er aber, als gefühlter SF-Roman, tief berührt. Abgesehen davon, dass Zeitreise auf Grund einer genetischen Abweichung eine Wahnsinnsidee ist, kommt die Schilderung der damit verbundenen Implikationen packend über einem. Es ist auch ein Stück Abenteuer, das in diesem Buch mitverpackt wurde. Entgegen der üblichen Auseinandersetzung des Zeitreisethemas, mit der metaphysischen Frage nach Zeit und Welt oder einer alternativen Betrachtung von meist vergangenen Zeiten, zeigt der Roman eine persönliche Love-Story. Der Gendefekt wird impliziert und nicht weiter hard-coded untermauert – das Buch fällt damit wohl unter Soft-SF und erfüllt damit auch gerade noch die Minimalerfordernisse für eine Einordnung in die Phantastik. Der Roman ist ein „persönlicher“ Roman. Es wird nicht versucht die Welt zu retten, zu verbessern oder zu verändern. Der Roman spielt in der zeitnahen, persönlichen, Welt der Protagonisten und Henry, der Zeitreisende, nutzt die Möglichkeiten, die sich aus seinen zeitlichen Verschiebungen ergeben, lediglich in allenfalls egoistischer Natur für sich. Einschübe von den Ereignissen des 11. September 2001 siedeln den Roman im Jetzt an. Die Liebesstory zwischen Henry und Clare ist geprägt von seiner Gen-Abnormität. Fast jeder Moment ihres Lebens wird bestimmt durch die nicht beeinflussbare Fähigkeit Henrys, in der Zeit zu reisen. Die Liebe scheint vorherbestimmt, und schon in sehr jungen Jahren lernt Clare Henry als älteren Mann kennen. Die Überschneidung der einzelnen Lebenssituationen bilden das Faszinosum der Geschichte. Clare heiratet unter anderen einen gerade erschienenen älteren Henry-Ersatz, weil der „Richtige“ auf Zeitreise ist. Die Zeugung einer Tochter wird durch ein jüngeres Henry-Äquivalent möglich, obwohl der aktuelle Henry eine Sterilisation vornehmen ließ. Krisen in der Beziehung werden durch das Erscheinen einer älteren „Version“ Henrys konterkariert. Auch die Episoden in denen es um den Kinderwunsch der beiden geht, gestalten sich emotional sehr packend. Zunächst gelingt es nicht, ein lebensfähiges Kind zu gebären, weil die Kinder Henrys Gen-Mutation erben und durch diese noch während der Schwangerschaft ums Leben kommen. Schließlich werden diese durch die Zeitreise aus dem Bauch der Mutter entfernt. Aber schlussendlich kommt doch ihre Tochter Alba zur Welt. Vater und Tochter begegnen sich des Öfteren in verschiedensten Lebensphasen, und bei einer Begegnung erfährt Henry, dass er sterben wird, wenn Alba 5 Jahre alt ist. Die Beziehung der beiden ist sehr plausibel dargestellt und die Beschreibung der Schwierigkeiten gehen von normalen Beziehungsproblemen bis in die Absurdität der erschaffenen Situation. Die Liebe aber schwingt immer in den Zeilen unverkennbar mit. Das Ende der Geschichte wurde sehr kontrovers diskutiert. Happy End oder tragisches Ende? Henry, der bei seinen Zeitreisen immer vollkommen nackt in der Zeit versetzt wird, zieht sich eines Tages so schwere Erfrierungen seiner Füße zu, dass ihm diese amputiert werden müssen. Dieser Umstand führt zu einem Unfall während einer weiteren Zeitreise, der ihn, tödlich verwundet zurückgekehrt, in den Armen Clares sterben lässt. Ein von ihm hinterlassener Brief hält Clare ab, sich das Leben zu nehmen und als 80-Jährige trifft sie den 43-jährigen Henry ein letztes Mal, als er ihr auf einer seiner Zeitreisen einen Besuch abstattet. Vierzig Jahre nach seinem Tod scheint es ein Happy End zu geben. Aber kann das Warten in Einsamkeit, über 40 Jahre, für einen kurzen Moment der Erinnerung an glückliche Zeiten als Happy End durchgehen? Die Geschichte ist sehr klug entwickelt und auch wenn einige lose Enden (meiner Meinung nach um Tochter Alba) übrig geblieben sind, überzeugt der Roman in seiner komplexen Geschlossenheit. Niffenegger ist es gelungen aufzuzeigen, dass Science Fiction durchaus ein Medium ist, in dem auch Emotionen Platz haben können. Die Gefühle funktionieren in dieser intelligenten Geschichte und erweitern das Genre um eine Komponente, die meiner Erfahrung nach bis jetzt gefehlt hat, ohne dabei auf die billige Trivialliteraturschiene aufzufahren. Niffenegger zeigt auf, dass das phantastische Element in der Science Fiction sehr gut neben dem romantischen Element des Liebesromans bestehen kann, ja, das beide sich wie Liebende ergänzen. Jedenfalls hat mich dieser Roman so berührt, dass ich ihn in einer Nacht ausgelesen habe und nach dem Ende es mir nicht möglich war, noch zwei, drei Stunden Schlaf für einen neuen Tagesbeginn zu finden. Traurig, aufgewühlt und doch erfüllt hat dieser Roman eine Saite in mir zum Schwingen gebracht, die heute noch nicht wirklich zur Ruhe gekommen ist.

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2 Kommentare zu “Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 7: Thomas Sebesta

  1. Großartig! Die wenigsten scheinen in diesem Roman die Komplexität der Geschichte zu erkennen. Oftmals wird diese herausragende Liebesgeschichte als kitschig verunglimpft. Aber ich finde, hier ist der Autorin etwas gelungen, was in der Welt der Bücher sehr schwierig ist: etwas Neues zu erschaffen. Entgegen der herkömmlichen Liebesromane, bei denen Ablauf und Ende von Anfang an sichtbar vor dem Leser liegen, kann Niffenegger überraschen.
    Allerdings könnte dieser Effekt mit diesem Artikel von Thomas Sebasta zunichte gemacht werden, da einiges vom Inhalt bis zum Schluss verraten wird. Der Fairness halber sollte man eine Spoilerwarnung aussprechen, für Leser, die das Buch nicht kennen und sich tatsächlich überraschen lassen wollen.

    Gefällt 1 Person

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