Interview mit Andrea Krug zu Sarah Waters (und anderem)

Andrea Krug ist eine Hälfte des Verlags Krug & Schadenberg, der sich ausschließlich der Literatur für Frauen, insbesondere lesbischer Literatur widmet. Im Programm des Verlags enthalten sind die beiden Romane Die Muschelöffnerin und Solange du lügst von Sarah Waters, einer britischen Autorin, die es aufgrund der Qualität ihrer Romane in ihrer englischen Heimat geschafft hat, aus dem eingezäunten Gebiet der lesbischen Literatur herauszutreten und von einem großen Publikum als ernstzunehmende Autorin wahrgenommen zu werden. Die Nominierungen für den renommierten Man Booker Prize sind sicherlich ein Signal in die richtige Richtung.
Andrea Krug, die sich in ihrer Verlagstätigkeit weitgehend auf das Lektorat und die Übersetzungen konzentriert, hat sich sofort bereit erklärt, einige Fragen zu Krug & Schadenberg und Sarah Waters zu beantworten.

Krug_Schadenberg

v.l.n.r. Andrea Krug und Dagmar Schadenberg
Copyright © by Chr. Böder

FRAGE

Zwei Romane von Sarah Waters sind bei Krug & Schadenberg erschienen. Was hat dich insbesondere dazu bewegt, sie in eurem Verlag zu veröffentlichen?

ANDREA KRUG

Kurz gesagt: die literarische Qualität. Sarah Waters gelingt es in beiden Romanen, eine dichte, teils sehr sinnenfreudige Atmosphäre zu erzeugen, atemberaubend dramatische Szenen und Wendungen zu entwickeln und Heldinnen zu schaffen, die keineswegs durchweg sympathisch, aber in jedem Fall faszinierend und fesselnd sind, so dass wir bei der Entwicklung ihrer Geschichte(n) mitfiebern und uns nicht von ihnen lösen können. Wobei der Roman Die Muschelöffnerin, Sarah Waters’ Debüt, erst auf Umwegen zu uns gelangt ist. Er wurde zunächst von unserer inzwischen leider verstorbenen Kollegin Susanne Amrain im Daphne Verlag verlegt, und wir haben sie immer ein wenig um dieses wundervolle Buch beneidet. Der Daphne Verlag ist damals ökonomisch in der Lage gewesen, dieses für einen kleinen Verlag sehr große Übersetzungsprojekt zu stemmen. Wir hingegen hatten um die Zeit mit Leslie Feinbergs ebenfalls recht umfangreichem Roman Stone Butch Blues zu tun – inzwischen auch ein Klassiker, der damals die Genderdebatte angestoßen hat. Letztlich wunderbar, dass beide so wichtigen Bücher dann sozusagen in gemeinsamer Anstrengung veröffentlicht werden konnten.
Als wir einige Jahre nach dem Tod der Verlegerin die Bestände des Daphne Verlags übernommen haben, um die Bücher weiterhin zugänglich zu halten, war Die Muschelöffnerin vergriffen, und wir haben beschlossen, den Roman erneut zu verlegen. Die Nachfrage hat uns recht gegeben, und auch wenn sich das Buch heute eher maßvoll, dafür aber stetig verkauft, freuen wir uns doch, diesen Klassiker im Programm zu haben.
Der Roman Solange du lügst, der ja vieles ist, unter anderem einer der faszinierendsten, atemberaubendsten historischen Kriminalromane, die ich je gelesen habe, war ebenfalls lange Zeit vergriffen, und da der ursprüngliche Verlag keine Anstalten machte, ihn neu aufzulegen, haben wir uns darum gekümmert. Es gibt einfach Bücher, die zugänglich sein müssen. Diese beiden Romane von Sarah Waters gehören für uns dazu.

FRAGE

Sarah Waters ist so ziemlich der einzige wirkliche big name in eurem Programm. Macht das für dich persönlich einen Unterschied bei der Einschätzung eurer Autorinnen?

ANDREA KRUG

Was ein big name ist, müssten wir erst mal definieren. Wenn wir vom literarischen Establishment reden, stimmt das vielleicht. Obwohl mir daneben auch sofort die Irin Emma Donoghue einfällt, die mit Raum hierzulande großen Erfolg hatte und deren Roman Zarte Landung wir kürzlich veröffentlich haben – eine zauberhafte transatlantische Liebesgeschichte. Doch was die Resonanz in der lesbischen Lesegemeinschaft angeht, gibt es noch einige andere Namen, die very big sind: Leslie Feinberg habe ich schon genannt; dann war Manuela Kuck über viele Jahre ein großer Name bei uns, ehe sie sich ganz dem Krimigenre zugewandt hat. Sie besaß eine riesige Fangemeinde, weil sie das bundesdeutsche Lesbenleben – gerade auch in der Provinz – so schön lebendig beschrieben hat – ähnlich wie Karin Kallmaker, die „Queen of Lesbian Romance“ in den USA, von der wir im kommenden Herbst wieder einen Roman veröffentlichen.
Zu den literarisch herausragenden Autorinnen bei uns im Programm, die es von der breiteren Öffentlichkeit noch zu entdecken gilt, würde ich auf jeden Fall Claudia Breitsprecher zählen, eine feine Stilistin und kluge Beobachterin, oder auch die Britin Shamim Sarif, deren Romane mit großem Erfolg verfilmt werden – genau wie die von Sarah Waters.

FRAGE

Sarah Waters ist wohl ohne Zweifel eine Autorin, die man eine große Erzählerin im Sinne von beispielsweise Charles Dickens oder Charlotte Brontë nennen könnte. Meiner Meinung nach sind nicht viele moderne Autoren dazu in der Lage, so liebenswerte und verletzliche Charaktere zu erschaffen und eine derartige, schon fast klassisch anmutende Dramatik aufzubauen wie Waters. Kennst du Autorinnen, die ihr in diesen Punkten das Wasser reichen können?

ANDREA KRUG

Ich finde ja, wie gesagt, die Charaktere von Sarah Waters keineswegs uneingeschränkt liebenswert und oftmals auch gar nicht so verletzlich. Für beide Eigenschaften fielen mir aus unserem Programm ganz andere Autorinnen ein, z.B. Ann Wadsworth, in deren Roman Mrs. Medina – mittlerweile der Late-Bloomer-Roman schlechthin – die gleichnamige Protagonistin mit dem Abschied von ihrem langjährigen Ehemann umgehen muss, dessen Leben sich dem Ende neigt, und gleichzeitig der Faszination nachgibt, die eine junge Blumenverkäuferin auf sie ausübt. Oder auch der Roman Die verborgene Welt von Shamim Sarif, in der sich zwei Protagonistinnen mit sehr verschiedenen Lebensentwürfen begegnen und sich eine zarte Annäherung anbahnt – das alles vor dem Hintergrund des Apartheid-Regimes in den sechziger Jahren in Südafrika. In punkto dramatische Spannung können diese beiden Romane problemlos mit denen von Sarah Waters mithalten, meine ich.

FRAGE

Sarah Waters hat sich in England ja einen riesigen Markt aufgebaut und erreicht, dass sie auch von Heteros und Männern gelesen und geschätzt wird. Glaubst du, dass sie die Sache der lesbischen Frauen sowohl im literarischen als auch gesellschaftlichen Sinne voran gebracht hat?

ANDREA KRUG

Ich denke schon. Leserinnen und Leser, die ihre Bücher entdecken und sie als Literatin zu schätzen wissen, werden ja quasi en passant mit lesbischen Inhalten konfrontiert – zumindest wenn sie sich auch mit den ersten Romanen der Autorin befassen. Schade, dass der lesbische Gehalt im Laufe der Zeit immer geringer zu werden scheint.

FRAGE

Hast du eine Ahnung, ob Sarah Waters‘ Publikum in Deutschland inzwischen ähnlich gemischt ist wie in England? Oder ist sie hierzulande immer noch eher eine Nischenautorin?

ANDREA KRUG

Als Nischenautorin würde ich sie keinesfalls bezeichnen – dazu wurde und wird sie viel zu breit rezipiert. Doch dass sie in England bei einem breiteren gemischten Publikum ankommt, hängt sicher auch damit zusammen, dass sie sich dort besser für ihre Bücher einsetzen kann, z.B. indem sie öffentlich auftritt. Das ist ja für sie ein Heimspiel; sie nach Deutschland zu holen ist sehr viel aufwändiger und kostenintensiver. Da müsste sich der Verlag, der ihre neueren Bücher herausbringt, stärker engagieren.

FRAGE

Die Cover der beiden Bücher mit sexy Fotos aus den jeweiligen Verfilmungen scheinen mir nicht unbedingt mit den Zielen lesbischer Frauen zu korrespondieren, nämlich dem Kampf nach Anerkennung und Gleichstellung sowie der Eindämmung von Homophobie und Diskriminierung. Ist das der Preis, den man als unabhängiger Verlag zu zahlen hat, wenn man auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen muss?

ANDREA KRUG

Die Sichtweise, dass die Cover kontraproduktiv in dem von dir genanntem Sinn sein könnten, finde ich ein wenig befremdlich und gar nicht nachvollziehbar. Vielleicht sollten wir das an anderer Stelle diskutieren? Wir wollten mit den Fotos an die erfolgreichen Verfilmungen anknüpfen und damit eine breitere Aufmerksamkeit gewinnen, und zwar vor allem aus inhaltlichen Gründen: Für uns kommt nämlich in beiden Fotos sehr schön das lesbische Begehren in vergangenen Zeiten – 19. Jahrhundert – zum Ausdruck. Das gefällt uns, wurde lesbisches Begehren doch sehr lange Zeit verschwiegen, geleugnet, unterdrückt, unsichtbar gemacht – und für andere gar nicht so ferne Gegenden der Welt gilt das ja bis heute. Also von daher: gar kein Kompromiss nötig.

FRAGE

Wie ich von dir weiß, hast du die Übersetzungen von Die Muschelöffnerin und Solange du lügst, die ja beide zuvor schon in anderen Verlagen erschienen sind, anhand des englischen Originaltextes revidiert. Musstest du viel an den Übersetzungen überarbeiten?

ANDREA KRUG

Die Übersetzung von Susanne Amrain, die Die Muschelöffnerin ins Deutsche übertragen hat, war sehr gelungen. Da gab es letztlich wenig Überarbeitungsbedarf, und dennoch war die genaue Durchsicht allein schon wegen des Umfangs natürlich aufwändig. Bei Solange du lügst sah das anders aus – das hatte möglicherweise mit divergierenden Vorstellungen seitens der Übersetzerin und des deutschen Originalverlags zu tun. Doch ich denke, dass die nun vorliegende deutsche Fassung Sarah Waters gerecht wird.

FRAGE

In England erscheint dieses Jahr Sarah Waters‘ sechster Roman The Paying Guests. Gibt es eine Chance, dass der Titel bei euch erscheint?

ANDREA KRUG

Wenn wir uns im Wettbewerb mit einem Konzernverlag oder überhaupt einem großen deutschen Verlag befinden, haben wir naturgemäß geringe Chancen, vorausgesetzt der Roman gefiele uns (ich kenne ihn noch nicht) und käme für eine Veröffentlichung bei uns in Frage. Letzteres erfordert doch immer auch einen gewissen lesbischen Inhalt, wobei die Grenzen da jedes Mal neu gefunden werden müssen. Das kann verlagsintern, also bei Programmdiskussionen zu durchaus kontroversen Einschätzungen führen. Sehr spannend!

FRAGE

Hast du in der 21-jährigen Geschichte von Krug & Schadenberg schon einmal diesen magischen Moment gehabt, dass du ein Manuskript zu lesen begonnen hast und sofort wusstest, dass du dieses Buch ankaufen musst?

ANDREA KRUG

Ja! Auf jeden Fall. Mehr als einmal. Und gerade eben war es wieder soweit. Wir haben einen hinreißenden Roman entdeckt, in dem es um einen Jungen von 16 Jahren geht, Chris heißt er, der sich als Emily fühlt. Ich muss gestehen, dass ich anfangs skeptisch war, aber kaum hatte ich 15, 20 Seiten gelesen, wusste ich, das Buch will ich! Und da Dagmar genauso enthusiastisch war, war schnell klar: Das Buch machen wir! Das müssen wir machen! Erscheint im nächsten Frühjahr.

FRAGE

Welche Romane aus eurem Programm würdest du am ehesten heterosexuellen Leserinnen und Lesern ans Herz legen?

ANDREA KRUG

Oh, da gibt es ein sehr breites Spektrum. Zum Beispiel Claudia Breitsprechers Roman Auszeit, in dem eine Politikerin in den besten Jahren nach einem einschneidenden Erlebnis innehält und ihr Leben reflektiert. Gern auch Ivan E. Coyotes Roman Als das Cello vom Himmel fiel, in dem der Protagonist Joey versucht, damit klarzukommen, dass seine Frau ihn wegen einer anderen Frau verlassen hat. Oder den eben erschienenen Debütroman der Schwedin Sara Lövestam, der allerlei Denkmuster in Schwingungen versetzt – übrigens ähnlich wie Sarah Waters mit ProtagonistInnen, die keineswegs durchweg „liebenswert“ sind, aber nichtsdestotrotz oder gerade deswegen faszinieren.
Und ganz sicher rate ich auch zu den Büchern von Astrid Wenke, die sich immer um ein Politikum drehen: In Eine Milliarde für Süderlenau geht es um das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen, in dem in Kürze erscheinenden Roman Windmühlen auf dem Wedding um die brisante Entwicklung in Sachen Gentrifizierung.
Und schließlich empfehle ich gern noch einen persönlichen Liebling von mir, einen sogenannten Spannungsroman, der vielen Leserinnen leider nicht lesbisch genug ist und der deswegen auch schon heftige Debatten ausgelöst hat: Turbulenzen von Leslie Larson. Eine grandiose Autorin! Turbulenzen ist eines der Bücher, die inzwischen ausschließlich als E-Book verfügbar sind – wie momentan auch Die verborgene Welt und Mrs. Medina, die ich ebenfalls einem gemischten Publikum ans Herz legen möchte. All unsere E-Books kann man sich seit einiger Zeit übrigens direkt aus unserem Webshop herunterladen, der auf unserer Website zu finden ist.

FRAGE

Andrea, ich danke dir für das Gespräch.

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4 Kommentare zu “Interview mit Andrea Krug zu Sarah Waters (und anderem)

  1. Ich danke Dir, lieber Frank! Hat mir Spaß gemacht. Deine Fragen waren sehr anregend für mich, und ich stehe Dir bei Gelegenheit gern mal wieder Rede und Antwort. – Von Deinem Blog inspirieren lasse ich mich ja sowieso und immer wieder gern.

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    • Liebe Andrea, ich danke dir für die netten Worte. Das war ein Beitrag mit für mich wenig Arbeit 🙂 aber sehr großem Ertrag. Meine größte Befüchtung war, dass meine Fragen länger sein würden als deine Antworten, was sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet hat.

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  2. Was für ein gelungenes und informatives Interview über die Bücher, die Andrea und Dagmar verlegen, und was sie dabei alles bedenken (müssen). Und dass Krug & Schadenberg Gendergeschichte geschrieben hat, war mir ja schon immer bewusst 🙂

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