[Rezension] Peter S. Beagle – Komm, Lady Tod (1963)

Originalveröffentlichung:
Come Lady Death (1963)

Beagle Nashorn

Irgendwann im London des Georgianischen Zeitalters vertreibt sich das weibliche Pendant zum Großen Gatsby, die alte Witwe Lady Neville, ihre Zeit damit, Ballnächte von solchem Prunk zu veranstalten, dass sie schon zu Lebzeiten Legende ist. Zu ihrem Bekanntenkreis gehören die Prominentesten Englands, darunter sogar der englische König. Doch dann kommt der unweigerliche Zeitpunkt, da Lady Neville dem Ganzen nichts mehr abgewinnen kann und von ihren eigenen Bällen gelangweilt ist. Im Kreise ihrer engsten Vertrauten entwickelt sie die ultimative Ballnacht, deren Ehrengast der Tod selbst sein soll.
Und so findet der wohl denkwürdigste Ball statt, den Lady Neville je ausgerichtet hat. Mit wohligen Gänsehautgefühlen will ihre prominente Gemeinde den schaurigen Gast begrüßen, ganz in Erwartung seiner äußeren Erscheinung. Standesgemäß hat es Mitternacht geschlagen, als der Tod den Ballsaal betritt – in Gestalt eines wunderschönen Mädchens, das alle Gäste mit ihrer Schönheit verzaubert, aber auch zutiefst ängstigt.
Gedanken über den Tod, wie Peter S. Beagle sie hier in persona materialisieren lässt, können in einer Kurzgeschichte wie „Come Lady Death“ natürlich das Thema nur ankratzen. Nichtsdestotrotz gelingt es Beagle, auch dank seiner wunderschönen Sprache, die in wenigen Sätzen die lange vergangene Dekadenz solcher Ballnächte in unserer Phantasie auferstehen lässt, viel mehr zu erschaffen als nur einen rhetorischen Gedankenaustausch über das Thema Tod. Beagle schafft es, auf engstem Raum eine Atmosphäre entstehen zu lassen, die ambivalent sowohl zwischen Pracht und Schönheit als auch eisigster Urangst pendelt. Wenn Rittmeister Compson, der auf den Schlachtfeldern dem Tod mehr als einmal begegnet ist, als Erster den Mut findet, Lady Tod zum Tanz aufzufordern, und Lady Neville beobachtet, mit welcher abgrundtiefen Furcht der vom Leben abgeklärte Compson dem wunderschönen Mädchen seine Hand anbietet, dann gibt uns Peter S. Beagle subtile Schauermomente höchster Güte.

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: „Komm, Lady Tod“, übersetzt von Hans J. Schütz, in: Peter S. Beagle, Das Indische Nashorn (Stuttgart: Klett-Cotta, 1997)

Lektorat: Uwe Voehl

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