Vernon Lee | Die Puppe

Originalveröffentlichung:
The Image (1896)
[späterer Titel: The Doll]

Vernon Lee - Die Puppe

Das Puppenabbild einer bereits lange verstorbenen unglücklichen aristokratischen Frau löst das feministische und sexuelle Erwachen einer desillusionierten Antiquitätensammlerin und Ehefrau aus.

Vernon Lees Kurzgeschichte “The Image“ [“Die Puppe“] ist ein früher, bei genauem Hinschauen recht deutlicher Beitrag zum Feminismus und lesbischen Begehren. In einer Zeit entstanden, die derartige Gedanken einer Frau nur verschlüsselt auf Papier zuließ, hatte die renommierte Kunstkoryphäe Vernon Lee, die im wirklichen Leben Violet Paget hieß, eigene Wege gefunden, ihre Dämonen in die literarische Öffentlichkeit zu tragen. Sie schrieb eine Reihe von sogenannten “übernatürlichen“ Erzählungen, deren Genre-Rahmen ihr die Freiheit gab, ihre dringlichsten persönlichen Präferenzen einem öffentlichen Publikum als Beigabe zu ihren auch so schon ausgesprochen faszinierenden Texten zu überlassen. Ihre Geschichten zeichnen sich aus durch einen eleganten, feinsinnigen Schreibstil, dessen erstaunliches Nebenergebnis es ist, dass sie sich auch heute noch wie moderne Prosa lesen lassen. Bestes Beispiel dafür ist auch ihre meisterhafte Novelle “A Phantom Lover“ [“Oke von Okehurst“].
“The Image“ erschien zuerst 1896 in der Zeitschrift The Cornhill Magazine und blieb unbeachtet (und wahrscheinlich unverstanden). Erst drei Jahrzehnte später erfuhr die Geschichte ihre erste Buchveröffentlichung in einem Erzählungsband der Autorin.
Die namenlose Ich-Erzählerin berichtet uns von ihrem Abstecher in ein kleines Städtchen in Umbrien, wo sie ihrer Leidenschaft, dem Sammeln von Antiquitäten, frönen will. Das Angebot eines verschuldeten Adligen führt sie in einen leicht heruntergewirtschafteten Palast, wo sie antikes Tafelgeschirr erwirbt.
Alles ändert sich aber urplötzlich für sie, als sie durch Zufall der lebensgroßen Puppe einer Frau begegnet. Es handelt sich dabei um die Nachbildung einer schon seit vielen Jahren toten Ahnin des jetzigen Palastbesitzers, einer Gräfin, von der bekannt ist, dass sie noch sehr jung im Kindbett starb, nachdem sie jahrelang im Schatten ihres sie vergötternden aber sie nicht als Frau mit eigenen Wünschen und Begierden wahrnehmenden Ehemannes verkümmerte.
Vom ersten Moment an solidarisiert sich die Erzählerin mit der Puppe, die für sie in ihrer Wirkung identisch mit der einstigen lebenden Gräfin ist. Die Beziehung zu dem Abbild, das für sie keinen Unterschied zu der “Frau, der sie nachgebildet war“ macht, wird ihr kleines Geheimnis. Welchen Stellenwert die Puppe für sie einnimmt, zeigt sich schon damit: “Glauben Sie etwa, ich hätte meinem Mann jemals von der Puppe erzählen können? Dabei erzähle ich ihm sonst alles von mir […].“
Warum das so ist, erklärt sich aus der begründeten Vermutung, dass sie vermutlich lesbisch ist. Ihr Mann, der lieber durch Abwesenheit glänzt und “Besseres zu tun“ hat als sie auf ihren “Nippes-Exkursionen“ zu begleiten, ist sicherlich nicht der richtige Gesprächspartner für ein derartiges Thema.
Von Beginn an besteht eine spürbare Intimität zwischen der Erzählerin und der Gräfin. Zum einen sorgt bereits die Erkenntnis dafür, dass die Kleidung der Puppe die originale Kleidung der Gräfin ist. Es gibt weiterhin versteckte Symbole wie etwa die Perücke mit dem echten Haar der Gräfin. Trug eine Dame im frühen 19. Jahrhundert in der Öffentlichkeit ihr Haar stets hoch gesteckt, wirkt das offene Haar der Perücke wie eine Einladung in einen privaten Bereich, zu dem gewöhnlich nur Dienstmädchen und Ehemann Zutritt hatten.
Diese Symbolik weitet sich zunehmend aus in eine sehnsuchtsvolle, erotisierte Sprache. So löst die Puppe zutiefst etwas in ihr aus, so “dass ich den ganzen Tag an sie dachte.“ Weiter schreibt sie: “Es war, als wüsste ich bereits alles über sie“ und “Immer wieder sah ich sie vor mir […].“
Das alles sind Formulierungen, die von Leidenschaft zeugen, ja, die einer romantisch verehrten Person vorbehalten sind und gewöhnlich in keinem anderen Kontext gebraucht werden als dem Verliebtsein.
Am Ende steht die Erzählerin allein mit dem Ehering der Puppe da, dem Symbol ihrer erweckten Leidenschaft und ihrer neu erlangten geistigen Freiheit. Die kraftvolle Metaphorik dieser Schlussszene symbolisiert die tiefe feminine Verbundenheit der beiden Frauen. Über ein Jahrhundert hinweg.

Deutsche Übersetzung: “Die Puppe“, übersetzt von Oliver Plaschka, in: Frank R. Scheck & Erik Hauser (Hrsg.), Als ich tot war – Dunkle Phantastik der britischen Dekadenz, Band 2 (Windeck: Blitz, 2008)

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Vernon Lee | Oke von Okehurst

Originalveröffentlichung:
A Phantom Lover (1886)
[späterer Titel: Oke of Okehurst]

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Auf einem alten englischen Landsitz stellt sich für einen Auftragsportätmaler sein Modell als eine außergewöhnlich faszinierende aber auch abgründig gespenstische Frau heraus.

Nicht oft hat mich ein literarisches Werk gleichzeitig so fasziniert und so ratlos zurückgelassen wie dieses. Es provoziert Fragen über Fragen, die sich nicht zufriedenstellend beantworten lassen; mögliche Lösungsansätze, die nur noch mehr Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu geben. Und immer dieses schreckliche Gefühl, der Lösung so nah zu sein.
Vernon Lee, die renommierte Kunstkennerin, die eigentlich Violet Paget hieß, ist in ihren phantastischen Erzählungen stets ein Garant für exquisite Prosa, stilistisch immer elegant und geschliffen. Die Novelle “A Phantom Lover“ [“Oke von Okehurst“] – zuerst als eigenes Buch erschienen, später in Sammelbänden und Anthologien nachgedruckt – gehört zum Beeindruckendsten, was sie geschrieben hat. Mit der Sicherheit eines Messerwerfers wirft sie die Elemente des klassischen Schauerromans ins Ziel und dehnt das Genre dank Psychologie erstaunlich weit auf.
Liebhaber der gothic novel werden auf ihre Kosten kommen, denn alles ist da: ein alter englischer Landsitz, ein finsteres Schlüsselereignis in der Vergangenheit, das unheimliche Gemälde einer doppelgängerischen Ahnin, Andeutungen eines Geistes und eines Familienfluchs. Und doch ist es bei Vernon Lee viel, viel mehr oder viel, viel weniger als das.
“A Phantom Lover“ lässt sich auf sehr verschiedene Arten lesen, denn Lee bietet gleich mehrere Interpretationsansätze an. Mir jedoch scheint die Nabe, um die die Geschichte kreist, in erster Linie die seltsame Beziehung des männlichen namenlosen Ich-Erzählers zu seinem Modell zu sein.
Unzuverlässige Erzähler gibt es zuhauf in der Literatur, aber unser Erzähler ist so geschickt, dass man ihm kaum etwas bezüglich seiner Unseriosität anlasten kann. Ich habe nur zwei Stellen gefunden, in denen er nicht ganz sauber berichtet. So wird Oke von Okehurst bei seinem Besuch beim Erzähler von “seinem Freund“ (Italics, auch in den nächsten beiden Zitaten, von mir) begleitet. Im gesamten späteren Text hat er aber keinen solchen Freund. Wenige Sätze später spricht der Erzähler bezüglich des Begleiters von “meinem Freund“. Dies und die vage Beschreibung lassen vermuten, dass Mr. Oke bei diesem ersten Zusammentreffen von seiner Frau in Männerkleidung begleitet wird. Auch in der zweiten etwas zweifelhaften Szene verschweigt uns der Erzähler etwas bezüglich seines Verhältnisses zu Mr. Oke: “[…] er stellte mir keine Fragen mehr bis auf eine.“ Dann lenkt er ab. Wie die Frage lautete, sagt er uns nicht. Lautete sie vielleicht: “Kann es sein, dass Sie meine Frau lieben?“ Spekulation, ich weiß.
Der schüchterne Mr. Oke erteilt dem Erzähler den Auftrag, den Sommer 1880 über, ihn und seine Frau zu porträtieren. Da sich der Erzähler gerade in einer Phase des Misserfolgs befindet (er hatte eine einflussreiche korpulente Dame “alt und vulgär“ gemalt, “was sie ja auch war.“), sagt er sofort zu.
Er reist nach Kent zu den Landedelleuten und ist vom ersten Moment an gebannt von Mr. Okes Frau Alice. Den gesamten folgenden Text reichert er mit Beschreibungen Alices an, die von einer grundsätzlichen, leidenschaftlichen Huldigungen der weiblichen Schönheit zeugen. Die Addition dieser Beschreibungen macht Alice zu einem Idealbild, ähnlich Edgar Allan Poes “Ligeia“ [“Ligeia“]. So feiert der Erzähler Alice etwa als “die anmutigste und vollkommenste Frau“, die er je gesehen habe. “Sie war sehr groß“ und “gertenschlank“ und “[w]ahrscheinlich das wunderbarste Wesen, das ich je getroffen habe“. Immer wieder hebt er “ihr schönes, blasses, durchscheinendes Gesicht“ und “die erlesene Geschmeidigkeit ihrer großgewachsenen Gestalt“ hervor.
Als der Erzähler darangeht, Mr. und Mrs. Oke zu malen, wird schnell deutlich, wem von beiden seine Prioritäten gelten. Während er Mr. Oke ohne vorherige Skizzen malt, fertigt er von Mrs. Oke wochenlang Entwurf um Entwurf an und rechtfertigt das damit, dass er noch nicht die richtige Position seiner Muse gefunden habe: “Sie hob ihre wunderschön großen, blassen Augen, wobei sie die erlesene Neigung von Schultern und Nacken und ihres delikaten bleichen Kopfes zeigte, die ich vergeblich einzufangen suchte.“ Auch eine Methode, möglichst viel Zeit mit Mrs. Oke zu verbringen.
Da er wohl selbst merkt, dass sein Verhalten ihn irgendwann verdächtig machen könnte, setzt er auf die Devise “Angriff ist die beste Verteidigung“: “Ich interessierte mich für Mrs. Oke, als wäre ich in sie verliebt, und doch war ich nicht im Geringsten in sie verliebt.“
Bedenkt man, dass er eigentlich nur ein neutraler Erzähler ist, der offiziell an den Ereignissen auf Okehurst selbst nicht aktiv Anteil hat, findet hier doch erstaunlich viel persönliche Interaktion mit den Personen statt, über die er eigentlich nur wertfrei erzählen soll.
Nach und nach ist es jedoch nicht nur die Schönheit Mrs. Okes, die den Erzähler so anzieht: “Diese Frau versetzte mich entschieden in Schrecken.“ Er findet etwas “beinahe Abstoßendes an dieser wunderschönen Frau. Plötzlich wirkte sie pervers und gefährlich auf mich.“
Was an Mrs. Oke ist pervers? In der Novelle kann ich nach heutiger Sicht nichts finden, was diese Wortwahl rechtfertigen würde. Gewinnbringend könnte es daher an dieser Stelle sein, das private Leben der Autorin heranzuzuziehen. Ja, ein literarisches Werk sollte für sich selbst stehen, auch ohne nähere Informationen zur Autorin oder zum Autor zur Verfügung zu haben. Im Fall von Vernon Lee ist es aber nicht unvorteilhaft zu wissen, dass sie ziemlich sicher lesbisch war. In vielen ihrer Erzählungen wählt sie einen männlichen Erzähler als Medium, um eine abgründige, meist unheilbringende Frau darzustellen. Natürlich kann man auch hier nur spekulieren, aber diese Erzählperspektive bot Vernon Lee grundsätzlich die Möglichkeit, leidenschaftlich über andere Frauen zu schreiben, ohne im prüden neunzehnten Jahrhundert von ihrer Leserschaft als frauenliebende Frau wahrgenommen und geächtet zu werden. Die Beschreibungen Mrs. Okes sind, wie wir gesehen haben, geprägt von der erregenden Faszination, die diese außergewöhnliche Frau auf den Erzähler ausübt. Im viktorianischen England galten lesbische Frauen als pervers. Es mag ja irregeleitet sein, hier die Erklärung zu suchen, aber Vernon Lee bietet uns zusätzlich mit dem Cross-Dressing der beiden Alice Okes einen weiteren Wink für einen solcherart möglichen Hintergrund.
Aber wie auch immer: In der vorliegenden Novelle ist alles möglich, bei weitem nicht nur meine Lesart. Vielleicht dreht sich ja wirklich alles nur um den vergeblichen Eifersuchtskampf gegen einen Phantomliebhaber. Oder, vielleicht hat die Lesart für alle die, die es sich einfach machen wollen, Vorrang: Die Okes sind schlicht und einfach wahnsinnig.

Deutsche Übersetzung: “Oke von Okehurst“, übersetzt von Josef Ehold, in: Franz Rottensteiner (Hrsg.), Viktorianische Gespenstergeschichten (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987)

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Nathaniel Hawthorne | Das Haus mit den sieben Giebeln

Originalveröffentlichung:
The House of the Seven Gables (1851)

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Im Gewand einer stimmungsvollen, sehr leisen Schauergeschichte umarmt Nathaniel Hawthorne voller Wärme die Ehrbaren, feiert die Liebe und verdammt mit abgründigem Abscheu die eigennützigen Blender.

Warum neigen wir eigentlich so oft dazu, das lange Vergangene als überholt und das Aktuelle als das Definitive anzusehen? Ist es die Überheblichkeit der Moderne oder schlicht eine Art multiples Vergessen?
Nathaniel Hawthornes dritten Roman The House of the Seven Gables [Das Haus mit den sieben Giebeln] aus dem Jahre 1851 zu lesen, ist ein wenig so, wie sich an etwas lange Vergessenes wieder zu erinnern. The House of the Seven Gables ist ein verblüffendes Beispiel dafür, wie ein alter Meister uns die beinahe ausgestorbene Kunst des stimmungskeimenden Erzählens vorführt. Er ist dabei aber nicht etwa einer, der ein großes Feuerwerk abbrennt, sondern eher ein empfindsamer Magier, der nahezu unsichtbar seine Zauberfunken  ins Publikum versprüht.
Das Fundament, auf dem The House of the Seven Gables errichtet wurde, ist denkbar schwergewichtig, denn Hawthorne leuchtet kein geringeres Thema als die Erbsünde aus. Diese findet im historischen ersten Kapitel statt, dass uns nach Hawthornes Vorgängerroman The Scarlett Letter [Der scharlachrote Buchstabe] erneut ins 17. Jahrhundert, dem puritanischen Zeitalter der amerikanischen Hexenprozesse führt. Der angesehene Oberst Pyncheon bringt den unbedeutenden Matthew Maule wegen Hexerei an den Galgen, weil er scharf auf Maules Land ist. Mit seinem letzten Atemzug sagt Maule über Pyncheon: “Gott wird ihm Blut zu trinken geben!“ Oberst Pyncheon lässt auf dem neugewonnenen Stück Erde das Haus des Titels erbauen. Er und seine Nachkommen sollen nicht viel Freude daran haben.
Nachdem Hawthorne also sein Buch mit Hilfe dieser Legende mit Pauken und Trompeten eingeläutet hat, lässt er sich in einer Zeit nieder, die in etwa seiner eigenen Gegenwart entspricht und schrumpft den Rahmen auf ein Minimum zusammen, um mit der eigentlichen Geschichte zu beginnen, die denkbar leise daherkommt.
Zum Entstehungszeitpunkt von The House of the Seven Gables war der klassische Schauerroman schon seit Dekaden totgeritten. Trotzdem grast Hawthorne den Kramladen der gothic novel ab und nimmt alles an Topoi mit, was er gebrauchen kann: ein von Verfall gezeichnetes gotisches Haus, das von einer großen Ulme verfinstert wird; einen Familienfluch; einen geheimen Raum; ein düsteres Gemälde; die Machtausübung des Mannes über die Frau. Das kennen wir alles. Aber nicht, was Hawthorne daraus macht.
Viel von dem Glanz des einstigen Hauses mit den sieben Giebeln ist nicht mehr übrig geblieben. Im Haus ist alles von Verfall und Moder gekennzeichnet, und nur noch die alte Jungfer Hebzibah Pyncheon lebt hier, sofern man ihr Dahinvegetieren Leben nennen kann. Als Lady erzogen, kann sie längst nicht mehr aus ihrer steifen Rolle heraus. Obwohl sie nicht mehr tiefer sinken kann, hält sie sich mit imaginären Adelsparolen aufrecht. Von dem immer noch an der Wand hängenden unangenehmen Gemälde des Obersten Pnycheon lässt sie sich Tag für Tag an ihre wohlhabende Herkunft erinnern. Ihr äußeres Erscheinen wird als heruntergekommen und verbiestert beschrieben. Kontakt zur Außenwelt hat sie nur noch zu dem ihr wohlgesonnenen “Lumpenphilosophen“ Onkel Venner, der die Häuser der Stadt nach Essensresten für sein Schwein abgrast und von einem Lebensabend ohne Arbeiten träumt.
Dass Hepzibah aber noch tiefer sinken kann, stellt sie fest, als sie, um sich ernähren zu können, einen Tante-Emma-Laden eröffnet. Der Kontakt zu den wenigen Kunden ist ein Gräuel für sie, und dementsprechend schlecht läuft der Laden dann auch. Trostloser kann man ein Leben wohl nicht fristen.
Das ändert sich aber schlagartig, als eines Tages Hepzibahs junge Cousine Phoebe  auftaucht und einen Schwall Sonne mit ins Haus bringt. Hawthorne liebt es, mit den Gegensätzen Licht und Dunkelheit zu spielen und setzt hier sehr bewusst auf kraftvolle Metaphern. Phoebe ist die unverdorbene Eva, die offensichtlich nicht ohne Grund in diesem heruntergekommenen Eden wie aus dem Nichts auftaucht. Ihr Erscheinen bewirkt eine erste Wende im Haus mit den sieben Giebeln. Die Misanthropin Hepzibah muss sich eingestehen, dass ihr das lebensfrohe Wesen Phoebes guttut, und das nicht nur, weil Phoebe Hepzibahs Hausladen zum Erfolg führt.
Neue Dunkelheit kehrt jedoch mit dem Erscheinen von Hepzibahs Bruder Clifford ein, den ein jahrzehntelanges Trauma heimsucht, das ihn zu einem gebrochenen alten Mann mit dem zeitweiligen Verstand eines Kindes gemacht hat. Auch ihn verzaubert Phoebe mit ihrer lebensbejahenden Art. Zusammen mit einem Untermieter, dem Protestkünstler Holgrave, bildet der bunte Haufen eine Kommune der Verlierer, dessen zaghaftes Zusammenwachsen in der Not Hawthorne mit unglaublicher Intensität zeichnet. Obwohl diese Menschen, mit Ausnahme Phoebes, derart tiefe Wunden davongetragen haben, dass sie eigentlich nie mehr menschlicher Nähe trauen dürften, führt Phoebe unbewusst alles zusammen. So sagt Onkel Venner nicht grundlos: “Es ist unbegreiflich, wie manche Leute einem so selbstverständlich werden können wie der eigene Atem […]“.
In einer Schlüsselszene zwischen Phoebe und Holgrave wirft Hawthorne alles in die allegorische Waagschale und lässt stark romantisierende Bilder deutlicher sprechen als es die beiden tun. Die Zeit scheint angehalten, und in einem stillen Mikroversum treffen Adam und Eva aufeinander. In diesem spirituellen Szenario gewinnt Holgrave die absolute Kontrolle über die Frau, die er liebt – und widersteht im zerbrechlichsten Augenblick des Buches zugunsten dieser Liebe der Verführung, Phoebe für immer zu unterjochen.
Diese Momente voller Harmonie gehören in all dem Odem der sündenverseuchten Vergangenheit zu den bewegendsten Szenen des Buches, die zudem sehr deutlich zeigen, dass Hawthornes Herz für die Gestrauchelten schlägt. Hawthorne hält zu den kleinen Leuten und hat nur Abscheu übrig für eine “erbärmliche Seele“ wie dem Richter Pyncheon.
Denn dieser Verwandte Hepzibahs, Cliffords und Phoebes, dieses Prachtexemplar von einem Manipulator, stolziert jetzt ins Haus der sieben Giebel, um den dunklen Schlund der Vergangenheit erneut aufzureißen und Clifford und Hepzibah endgültig zu vernichten.
Nathaniel Hawthorne prangt wie ein Steinriese über seinem schwierigen Stoff, den er jedoch zu jeder Zeit fest im Griff hat. Virtuos lenkt er seine in einer wunderschönen Sprache erzählte Geschichte sowohl durch die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele als auch die paradiesischen Momente, die Menschen durchaus zu erschaffen in der Lage sind. Man kann die subtile, eher angedeutete Art und Weise, wie er die Geheimnisse des Romans lüftet, nur vorbildlich und The House of the Seven Gables ohne Zweifel ein Meisterwerk nennen.
Und hoch darüber breitet Hawthorne seine tröstenden Arme aus und outet sich als großer  Humanist, der den Ehrlichen ihre Menschenwürde zurück gibt.

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: Das Haus mit den sieben Giebeln, übersetzt von Irma Wehrli (Zürich: Manesse, 2014)

Bram Stoker | Dracula

Originalveröffentlichung:
Dracula (1897)

Bram Stoker - Dracula

Dieser berühmteste aller Horror-Romane ist ein Dokument der sexuellen Verklemmtheit der Menschen des viktorianischen Zeitalters. Das übernatürliche Grauen, obgleich zuweilen ausgesprochen überzeugend dargestellt, ist nichts weiter als eine Schutzschicht, die den Blick auf die wahren sexuellen Gelüste und Traumata der gehemmten Viktorianer verschleiert.

Ich behaupte einmal, dass es für den modernen Leser unmöglich ist, Dracula von Bram Stoker zu begegnen, ohne ein Grundwissen dessen mitzubringen, worum es in dem Roman geht. Die Figur des Grafen Dracula gehört zur Weltkultur, und sie ist nicht nur ein literarischer Charakter, sondern ein Archetyp. Man beginnt hier also ein Buch zu lesen, über das man wohl oder übel mehr weiß, als einem lieb sein kann.
Doch dafür kann das Buch nichts!
Als es 1897 erstmals erschien, war es etwas Neues. Ein gewaltiges Update von J. Sheridan Le Fanus großartiger Vampir-Novelle „Carmilla“ [“Carmilla“] zwar, aber nichtsdestotrotz für den Großteil der damaligen Leserschaft etwas, das bis dahin in dieser Form niemand zuvor gelesen hatte.
Pirscht man sich als moderner Leser aus dieser Warte an das Buch heran, zieht man den größten Gewinn daraus – und erkennt, dass das verstreute Wissen über Dracula, dass man leider unweigerlich mit sich herum schleppt, einschließlich des Aussehens von Christopher Lee, lediglich Second-Hand-Wissen ist. Daher empfiehlt es sich, sich vor Lektüre des gedruckten originalen Dracula erst einmal dahingehend einzutackten. Dann ist man bereit für Dracula.
Als erzählerisches Mittel von Dracula wählte Bram Stoker eine bunte Ansammlung von Tagebucheinträgen, Briefen, Zeitungsartikeln und Dokumenten. Den Anfang macht das Reisetagebuch des Engländers Jonathan Harker, der als frisch gebackener Rechtsanwalt von seiner Kanzlei nach Transsilvanien geschickt wird, um für den Grafen Dracula den Kauf eines Hauses in London abzuwickeln.
Dieser Auftakt ist spektakulär. Die Reise Harkers, die ihn über Wien und Budapest bis tief in die Karpaten führt, ist grandios beschrieben. Der Wandel der Landschaften und der Menschen, die mit zunehmend östlicher Richtung fremdartiger und unheimlicher werden, setzt einen virtuosen Stimmungsrahmen für das, was folgen wird. In bester Schauergeschichten-Manier erreicht Harker – natürlich nachts und unter Wolfsgeheul – die düstere Burg des Grafen. Der stellt sich von Anfang an als geistreich, gebildet und zuvorkommend dar, kann aber auch etwas Zwielichtiges nicht verbergen. Die Merkwürdigkeiten mehren sich. Dracula ist nur nachts anzutreffen, isst niemals etwas und hat kein Spiegelbild. Schon bald wird Harker klar: er ist Gefangener in der Burg des Grafen.
Als Harker eines Nachts Draculas Warnung missachtet und sein Zimmer verlässt, wird er von drei jungen Damen überrascht, die nicht lange fackeln und mit “unverhohlener Wollust“ über ihn herfallen.
Die Szene öffnet eine Tür in die tieferen Gewölbe des Romans. Beschreitet man als Leser den Weg durch diese Tür, verlässt man den handlungsreichen Unterhaltungsroman, den Dracula zu sein vorgibt und gelangt in die Untiefen sexueller Phantasien, die im viktorianischen England freilich moralisches Sperrgebiet waren, denn eine autarke weibliche Sexualität war unerwünscht, und Frauen hatten bis zur Hochzeit Jungfrau und danach möglichst asexuell zu sein. Das Gebären von Kindern galt als einziger sinnvoller Zweck des Geschlechtsverkehrs.
Ausgerechnet der Roman, der ein ganzes Unterhaltungsgenre begründete, reißt die viktorianischen Wunden an jeder nur möglichen Stelle auf. Von männlichen und weiblichen Sexphantasien über sexuelle Dominanz, Homosexualität und Sex mit mehreren Partnern, bis hin zu Vergewaltigung ist alles da, über das Viktorianer beileibe nicht reden wollte.
Die Lust der drei Damen nach Blut ist der Lust nach Sex gleichzusetzen. Harker, den zu Hause die liebliche Vorzeigefrau Mina erwartet, setzt der aggressiven Sexualität der drei Schwestern nicht das Geringste entgegen. Wenn er in sein Tagebuch schreibt: “Irgendetwas an ihnen erregte mein Unbehagen, es war einerseits Verlangen, andererseits Todesangst“, dann scheint er in dem Moment lieber mit dem Tod für den orgiastischen Sex, der ihm bevorsteht, bezahlen zu wollen, als zurück in sein unaufgeregtes viktorianisches Leben zurückzukehren. Dass er später, jetzt wieder bei klarem Verstand, immer noch so zu denken scheint, belegt die Tatsache, dass er den Vorfall in sein Tagebuch niederschreibt, wohl wissend, dass Mina es irgendwann lesen könnte (was auch tatsächlich geschieht). Es ist ihm bewusst, dass dies Mina “Schmerz bereiten“ wird, aber das ist ihm in dem Moment völlig egal, denn “es ist die Wahrheit“. Harkers sexuelle Erregung wischt jegliche Vernunft derart heftig beiseite, dass er den Moment unbedingt für immer in seinem Tagebuch  festhalten möchte. Das zeigt, wie sehr Harker die anerzogene viktorianische Steifheit abwerfen und die Verklemmtheit seiner Verlobten gegen die nymphomanische Aggression der drei Damen austauschen würde. Wie weit die viktorianische Unterdrückung sexueller Lust geht, wird deutlich, wenn man als Leserin und Leser in dieser Schlüsselszene gedanklich die Lust nach Blut gegen die Lust nach Sex austauscht.
Die Handlung verlagert sich anschließend nach England und führt uns direkt zu Minas Freundin Lucy Westenra, dem für mich interessantesten Charakter in Dracula. Die Briefe, die sie sich mit Mina schreibt, wirken wie ein geschwätziger mädchenhafter Gedankenaustausch, aber bei näherem Hinsehen sind sie alles andere als unschuldig. Lucy, die sehnsüchtig auf einen Heiratsantrag wartet, erhält plötzlich gleich drei Anträge an einem Tag. Da sie offenbar in keinen der drei Männer wirklich verliebt ist, kann sie sich nicht sofort entscheiden. An Mina schreibt sie: “Warum darf ein Mädchen nicht drei Männer heiraten […?]“, was dem Wunsch entspricht, mit drei verschiedenen Männern Sex zu haben. Ironischerweise wird ihr der Wunsch im übertragenen Sinne erfüllt, als sie ein Opfer des Grafen Dracula wird. Nachdem er ihr Nacht für Nacht das Blut aussaugt, bleibt sie nur durch die Bluttransfusionen eben der drei Männer (plus Van Helsing) am Leben, die um ihre Hand angehalten haben. Obwohl das Übertragen von Blut ein rein medizinischer Vorgang sein sollte, ist er in Dracula ein Akt der Intimität, der den Spendenden eine Nähe zu Lucy gibt, die exakt der des Geschlechtsakts entspricht. Über Arthur, dem Mann, den Lucy inzwischen geheiratet hat, wird später zum Besten gegeben, dass er seit der Bluttransfusion das Gefühl habe, “Lucy und er seien wirklich verheiratet und damit vor Gott Mann und Frau.“ Aus Angst vor der Eifersucht Arthurs beschließen die drei anderen Männer, ihre Blutspenden geheim zu halten, was ebenfalls auf eine starke sexuelle Kodierung hindeutet, denn warum sonst würde bei einer lebensrettenden Bluttransfusion eine Veranlassung zur Geheimhaltung bestehen?
Dies sind aber alles Dinge, die sich unter der trügerischen Oberfläche des Buches ereignen. Die eigentliche Handlung geht unterdessen zielstrebig weiter, denn Dracula nutzt die Vorbereitungen, die Harker für ihn getroffen hat, dazu, in England eine neue Basis zu errichten, die einer möglichen Invasion dienen könnte.
Wirklich furchteinflößend ist das Logbuch des Schiffes, das Dracula unerkannt nach England transportiert. Das Einlaufen des Schiffes in den britischen Hafen ringt Bram Stoker die stimmungsvollsten und düstersten Momente ab, die das Buch zu bieten hat. Die spürbare Beunruhigung der Menschen und die einhergehende atmosphärische Verfinsterung, die die Landung dieses Totenschiffes begleiten, erschaffen eine Vision der Apokalypse. Großes Unbehagen macht sich breit.
Um die Heimsuchung Lucys herum baut sich die Opposition zu Dracula auf, eine tapfere Männergruppe unter der fachlichen Leitung des holländischen Professors Van Helsing. Neben ihm besteht die Gruppe noch aus Lucys frischem Ehemann Arthur und den beiden anderen Verehrern Lucys sowie Jonathan Harker. Die Charakterisierungen der Männer sind dabei so oberflächlich und klischeehaft, dass man sie teilweise ohne Namensnennung nicht auseinanderhalten könnte. Alles Weitere an der Oberfläche ist lediglich purer Plot über den Kampf zwischen Mensch und Vampir.
Aber darunter …
Dracula kann in viele Richtungen interpretiert werden: Fremdenhass, Angst vor einer ausländischen Invasion, technischer Fortschritt gegen das Archaische etc. Aber mehr noch als all diese Deutungsvariationen scheint mir allein der Blick auf die Sexualität zum Fundament des Romans zu führen.
Etwas, worüber man in der Entstehungszeit von Dracula besser nicht redete, war Homosexualität. Dracula bietet viele Hinweise auf eine vorherrschende männliche Homosexualität. Beispiele dafür sind die Rasierszene zwischen dem Grafen und Harker sowie auch der Überfall der drei Vampirdamen auf Harker, den Dracula mit den Worten beendet: “Dieser Mann gehört mir!“ Aber nicht nur Dracula, auch die anderen männlichen Charaktere wirken eher schwul als heterosexuell. Je näher sie sich im Laufe der Handlung zu einer Art schwuler Bruderschaft zusammenschließen, umso salbungsvoller und leidenschaftlicher werden die gegenseitigen Bewunderungen geäußert. Die Biographen sind sich darüber hinaus ziemlich einig, dass Bram Stoker wahrscheinlich selbst schwul war.
Stoker gibt sich aber nicht nur mit einem Tabubruch zufrieden, der offen geschildert bereits bei Erscheinen für einen Skandal gesorgt hätte. Er lotet daneben sehr deutlich auch die Macht des Mannes über die weibliche Sexualität aus und zeigt die Hysterie der Männer, sobald sie feststellen, dass sie nicht mehr im Besitz dieser Macht sind. Die sexuelle Machtausübung gegenüber Frauen ist in Dracula sehr ausgeprägt. Wirklich abscheulich wird diese zentriert in Draculas Erniedrigung Minas, indem er sie zwingt, sein Blut zu trinken. In Wirklichkeit ist das eine Vergewaltigung, in der Dracula Mina zum Oralverkehr zwingt. In ihrer Qual sagt sie: “[Dracula] presste meinen Mund auf die Wunde, sodass ich entweder ersticken oder etwas davon schlucken musste […].“
Eine ebenso denkwürdige Szene ist die Pfählung Lucys durch ihren Ehemann Arthur. Dieser ist von Lucys plötzlichem aggressiven Sextrieb völlig eingeschüchtert und verängstigt: “Ihr Blick funkelte ruchlos, und über ihre Gesichtszüge glitt ein wollüstiges Lächeln.“ Angst jagt ihm insbesondere die drastische Veränderung von Lucys Libido ein, denn “[…] die ganze fleischeslüsterne und seelenlose Erscheinung wirkte wie eine teuflische Verhöhnung von Lucys lieblicher Reinheit.“ Wieder die Kontrolle über Lucy gewinnt Arthur, als er ihr den Holzpflock, das Phallussymbol schlechthin, “immer tiefer“ ins Herz rammt: “Der Körper zitterte und schüttelte und wand sich in wilden Verrenkungen.“ Als er sein Werk vollendet hat, kommt Arthurs Atem “in keuchenden Stößen“.
Mina ist letztlich der stille Kristallisationspunkt für jegliche Diskussionen über die Rolle der Frau im viktorianischen England. Sie wirkt asexuell, ganz so wie die Männer die Frauen gern haben wollten. Mina ist auch diejenige, an der sich die zu dieser Zeit alltäglichen patriarchalischen Repressalien am deutlichsten messen lassen, denn sie selbst erkennt schon früh im Buch ihre Rolle in der männlich dominierten Gesellschaft: “[…] und wenn mir nach Weinen zumute ist, so soll er es nicht sehen. Das ist wohl eine der Lektionen, die wir armen Frauen lernen müssen…“

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: Dracula, übersetzt von Andreas Nohl (Göttingen: Steidl, 2012)

Anmerkung: Es existieren alte Übersetzungen von Dracula, die man lieber meiden sollte, will man nicht auf all die zum Teil subtil verborgenen sexuellen Anspielungen verzichten. Die hier gewählte moderne Neuübersetzung von Andreas Nohl ist nicht unproblematisch, da Nohl (und dafür ist er inzwischen in der Branche bekannt) dazu neigt, den Originaltext zu glätten, sperrige Sätze zu begradigen und damit die Leseerfahrung zu vereinfachen.
Beinahe zeitgleich mit der Nohl-Übersetzung erschien die Neuübersetzung von Ulrich Bossier (Stuttgart: Reclam, 2012), von der ich dringend abraten möchte. Bossier erlaubt sich darin schlichtweg inakzeptable, das Original völlig verfälschende Freiheiten. So ist beispielsweise das letzte – sehr wichtige –  Zitat meiner Besprechung in der Bossier-Übersetzung deratig schlampig und falsch übersetzt, dass es in dieser Version restlos unbrauchbar ist und von mir überhaupt nicht als bedeutsam erkannt worden wäre.
So hat man als Leser leider lediglich die Wahl, aus zwei Übeln das Geringere zu wählen.

Edgar Allan Poe | Ligeia

Originalveröffentlichung:
Ligeia (1838)

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Eine Frau von der man nicht weiß, ob man sie fürchten oder anbeten muss. Mensch oder Göttin? Ein Mann, obsessiv und im Opium-Delirium. Und dann der Horror, in Wellen, wie eine Flut des Grauens. Was für eine Geschichte!

Wie nah man mit einer Geschichte des Grauens der Formvollendung kommen kann, zeigt sehr schön Edgar Allan Poes Erzählung “Ligeia“, die 1838 zunächst in Magazinform erschien und nach einigen nicht unerheblichen Überarbeitungen schließlich 1845 in ihrer endgültigen Fassung glänzen durfte.
“Ligeia“ zeigt überwältigend, wie nah Schönheit und Horror nebeneinander stehen, wenn ein wahrer Meister diesen Gegensatz bis zum überhaupt Möglichen ausreizt.
Erzählt wird “Ligeia“ in erster Person in Rückschau. Für den namenlosen Erzähler bietet das Gelegenheit, uns an seiner großen Liebe zu der geheimnisvollen Ligeia teilhaben zu lassen. Wie viel wir diesem opiumisierten Erzähler überhaupt glauben dürfen, bleibt uns überlassen, aber Hinweise wie der fünfeckige Turm, in den später Lady Rowena einquartiert wird, fachen den Glauben an etwas Übernatürlichem durchaus an.
Obwohl er Jahre mit ihr zusammengelebt hat, nennt der Erzähler sie “Geliebte“. Er hat sie “in einer großen, alten, heruntergekommenen Stadt am Rhein getroffen“ und ihren Familiennamen “niemals erfahren“. Das Einzige, was er über sie weiß, ist, dass sie einer “sehr alte[n] Familie“ entstammt, “mit einer in fernste Jahrhunderte zurückgehenden Ahnenreihe“. Geheimnisvolle Stimmung im Konzentrat durch Auslassungen an den richtigen Stellen.
Mit aller Inbrunst zelebriert er Ligeias Schönheit, ihre mamorweiße Haut, ihre schimmernden rabenschwarzen Haare. “Hochgewachsen, sehr schlank“ und mit einer tiefen, melodiösen Stimme sprechend. Alle Gedanken des Erzählers kleben an der Erinnerung an sie, und die Beschreibung ihrer Erscheinung ist eine große literarische Hymne auf die Schönheit einer Frau, einer Göttin. Dabei ist ihre Schönheit nicht auf die reine Anmut reduzierbar, sondern gebunden an Mysterien und etwas undeutlich Furchteinflößendem. Sie strömt vage spürbar eine unterschwellig aggressive Sexualität aus, und wenn der Erzähler ihre Augen als “um vieles größer […] als die […] unserer eigenen Rasse“ beschreibt, verstärkt er den Eindruck, dass Ligeia nicht ganz menschlich sein könnte. Vielleicht ist sie wirklich eine Göttin.
Sie ist aber auch intellektuell deutlich mehr als nur die schöne Geliebte. Der Erzähler nennt sie seine Gelehrte, der er alles wichtige Wissen verdankt. Die wohl zentrale Erkenntnis, die er so gewinnt, ist ihre Aussage, dass Menschen nur sterben, weil sie nicht die Kraft haben, sich gegen den Tod aufzulehnen.
Trotzdem stirbt sie – einfach so –, und man denkt unwillkürlich, dass eine solche Frau nicht derart grundlos dahinsterben kann. Man ist fassungslos über die Gewöhnlichkeit ihres Todes, den man in der konsequenten Schlichtheit so nicht von ihr erwartet hätte.
Durch die Hinterlassenschaft Ligeias vermögend geworden, zieht der Erzähler von Deutschland aus nach England in eine alte Abtei. Jetzt völlig allein und permanent unter Opiumeinfluss, richtet er sich, um sich abzulenken, in ägyptisch-königlichem Stil ein, und plötzlich ist er verheiratet mit der blonden, blauäugigen Lady Rowena.
Aber die neue, aus finanziellen Gründen eingegangene Ehe steht unter dem Gestirn der Verdammnis. Rowena hat Angst vor der düsteren Aura des Erzählers und ist weit davon entfernt, ihn zu lieben. Im Gegenzug beginnt er sie abgrundtief zu hassen. Gegen das übermächtige Andenken der Ligeia kann Rowena nur verlieren.
Dann setzt das Grauen ein. Aber ist es für den Erzähler überhaupt schrecklich, was da passiert oder ist es die Erfüllung seines einzigen Herzenswunsches?

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Ligeia“, übersetzt von Michael Görden, in: Michael Görden (Hrsg.), Das große Buch der erotischen Phantastik (Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe, 1984)

Arthur Machen | Der Berg der Träume

Originalveröffentlichung:
The Hill of Dreams (1904, geschrieben 1897)
[früherer Titel: The Garden of Avallaunius]

Arthur Machen - Der Berg der Träume

In diesem Triumph der Imagination, einem majestätischen Meisterwerk von betörender Schönheit, hält sich ein introvertierter Träumer lieber in den prachtvollen Provinzen seiner Phantasiewelt auf als in der grauen Realität. Eine innere Pilgerreise, wie man sie noch nie gelesen hat, beginnt.  

Von Anfang an stand Arthur Machens Roman The Hill of Dreams [Der Berg der Träume] unter keinem guten Stern. Bereits 1897 verfasst, lehnte Machens Verlag das Manuskript strikt ab, obwohl der Autor nach seiner furchterregenden Horror-Novelle “The Great God Pan“ [“Der Große Pan“] wahrlich kein Unbekannter mehr war. Es dauerte bis 1904, dass das Manuskript als Fortsetzungsroman in einem Magazin gedruckt wurde. Erst 1907 erfolgte dann die Buchveröffentlichung.
In seinen bis dahin erschienen unheimlichen Geschichten (insbesondere dem Episodenroman The Three Impostors [Botschafter des Bösen]) erkundete Machen die hauchdünne Grenzlinie zwischen der Realität und einer okkulten, aus der fernen heidnischen Vergangenheit überdauerten Wirklichkeit. In The Hill of Dreams gelingt ihm der Transfer zwischen einer uralten, aus den walisischen Wäldern und Hügeln geborenen Privatmythologie und der reizlosen, jegliche magischen Elemente  unterschlagenden Gegenwart. Und gerade das macht den Roman so groß. Obwohl der Protagonist Lucian Taylor geographisch lediglich die Distanz zwischen seiner walisischen Heimat und London zurücklegt, beginnt er als 12-jähriger eine monumentale Odyssee des Geistes.
Lucian lebt mit seinen Eltern in einem Pfarrhaus im walisischen Umland der Stadt Caermaen. Sein Vater ist Pastor, seine Mutter stirbt schon bald. Lucian ist schon als Kind anders als die Gleichaltrigen. Er geht nicht gern in die Schule, durchstreift stattdessen lieber die umliegende, von gewaltigen Wetterumschwüngen begleitete unberührte Natur mit all ihren Wäldern, Quellen und Hügeln und bewundert die Artefakte der alten Römerlager, die noch aus der römischen Besatzung Britanniens stammen.
Die Schulzeit passiert Lucian als wunderlicher Einzelgänger, der sich lieber in das alte Britannien und den keltischen Zauber der noch “wilden Hügel“ und “schwarzen Tiefen des Waldes“ verliert. Der einzige Mensch, dem Lucian offenbar kein Misstrauen entgegenbringt, ist das drei Jahre ältere Landmädchen Annie Morgan. Ihm fällt auf, dass Annie “erschreckend groß geworden“ ist, ein Ausspruch, der erstmalig sein späteres angstbegleitetes sexuelle Erwachen andeutet.
Drei Jahre danach, als etwa 15-jähriger, kommt Lucian in den Schulferien nach Hause und ist sofort wieder gefangen von seiner geliebten Heimat. In einer Schlüsselszene erklettert Lucian den Berg der Träume, bei dem es sich um eine römische Festung handelt; ein wild bewachsener Wall rund um den Berggipfel, hinter dem sich, einer riesigen Schale gleich, eine unberührte grüne Grasfläche befindet. Hier, absolut abgeschottet von der Welt, schläft er ein und erwacht nach einiger Zeit nackt und ist wie paralysiert zwischen Irritation und Angst. Er hat geträumt, dass ihn im Schlaf eine Frau geküsst hat. Man kann hier nur spekulieren, ob er es wirklich nur geträumt hat. Machen lässt auch die Deutung zu, dass der Kuss real gewesen sein könnte, und es Annie war, die Lucian geküsst hat, denn Annies Lippen und Augen werden später exakt so beschrieben wie die der Frau im Traum.
Als 17-jähriger muss Lucian die verhasste Schule verlassen. Seine Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben, und sein Vater kann sich die Zusatzkosten nicht mehr leisten. Die kirchlich geprägte Gesellschaft schneidet Lucian und seinen Vater immer häufiger aufgrund ihres Freidenkertums und ihrer Armut und drängt Lucian tiefer in die Isolation, in der er sich sowieso am glücklichsten fühlt. Hier führt er seine Studien längst vergessenen Wissens durch: “Bücher, die Gedanken an Bücher, die ersten Regungen der Einbildungskraft, sie alle verschmolzen durch den Zauber der entlegenen Landschaft zu einer einzigen Phantasmagorie.“ Wie ein biblischer Gläubiger wird Lucian zum Asketen, magert zusehends ab und geißelt sich auf seinem Zimmer heimlich mit Dornenbüschen.
Nachdem er, inzwischen 23-jährig, seinen ersten Roman bei einem Londoner Verlag abgeliefert hat, erhält er die nächste Bestätigung, dass es besser ist, die Gesellschaft der “Barbaren“ zu meiden, denn das Manuskript wird abgelehnt, und Lucian muss feststellen, dass Teile daraus von einem Bestsellerautor aus eben jenem Verlag geklaut wurden.
Einen weiteren Wendepunkt bringt eine Begegnung mit Annie. Weinend bricht er an ihrer Brust zusammen und lässt sich von ihr – Mutterersatz und sexuelle Erweckerin in einem – trösten. Dieser eine Moment scheint Lucian zu genügen, um ihn für immer in Bernstein einzuschließen und bei sich zu tragen. Lucian, der notorische Eskapist, käme niemals auf die Idee, die Mühen einer Beziehung auf sich zu nehmen.
Er widmet Annie sein folgendes literarisches Werk und geht den nächsten endgültigen Schritt. Er entflieht der verhassten Realität so nachhaltig, dass es ihm schließlich gelingt, sich mental vollends in die “herrliche, goldene Stadt Siluriens“ zu versetzen, die einst an dieser Stelle gewesen sein mag. Er träumt sich in die prachtvolle römische Welt der Antike hinein, die er derart detailliert wahrnimmt, dass er jede freie Minute nutzt, um in den Garten des Avallaunius zurückzukehren, einer vollständig imaginierten Welt, in der er Gespräche mit lateinisch sprechenden Frauen der Antike führt und fasziniert der heidnischen Sagenwelt aus Nymphen, Faunen und Satyrn lauscht. Diese Welt der Mamorvillen, Tavernen, Tempel und Weinberge ist eine Welt von unermesslicher Pracht, aber auch maßloser Dekadenz.
Arthur Machen spielt hier mit allen Konsequenzen mit der Faszination, die die unerreichbar ferne Vergangenheit und die Landschaften unserer Imagination auf uns ausüben. Die Beschreibungen der altrömischen Phantasiewelt, aber auch der walisischen Landschaft gehören sicherlich zum Glanzvollsten, was bis heute zu Papier gebracht worden ist. Arthur Machen beschwört mit seiner Sprache eine Schönheit, die ihresgleichen im  Literaturkanon sucht. Einen vergleichbaren Roman von solcher Pracht noch einmal zu finden, dürfte schwer sein, denn Machen hat in The Hill of Dreams seine Fähigkeit, eine bizarre Traumlandschaft zu erschaffen, bis an die Grenzen des Machbaren getrieben.
Inzwischen ist Lucian als angehender Schriftsteller in London gelandet. Als er erfährt, dass Annie inzwischen einen anderen geheiratet hat, ist er der Realität bereits zu sehr entrückt, um davon noch gekränkt zu sein. Er richtet seine ganze Existenz auf das Leben als freier Schriftsteller aus – und ist zum Scheitern verurteilt. The Hill of Dreams ist auch das Statement des von Selbstzweifeln zerrissenen Schriftstellers.
Erstmals empfindet Lucian Einsamkeit und wird depressiv. Auch in London verliert er sich in imaginären Landschaften, jedoch vermischen sich diese jetzt mit der schmutzigen Gegenwart der verruchten Großstadt. Den Garten des Avallaunius hat er längst hinter sich gelassen. Im dunstigen, nebligen Gewirr der regennassen Straßen Londons verliert sich Lucians Lebensfaden.
Und genauso klanglos, wie Lucian vom Antlitz der Welt verschwindet, so vergessen ist heute der Roman The Hill of Dreams.

Deutsche Übersetzung: Der Berg der Träume, übersetzt von Joachim Kalka (München: Piper 1994)

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[Rezension] Sarah Waters – Der Besucher

Originalveröffentlichung:
The Little Stranger (2009)

Besucher

Sarah Waters ist schon eine mutige Autorin. Nachdem sie sich mit vier preisgekrönten und in den Bestsellerlisten ansässigen Romanen mit hauptsächlich lesbischen Charakteren in die Herzen ihrer Leser geschrieben hat, wagt sie es, mit ihrem fünften Roman The Little Stranger Neuland zu betreten. Denn zum einen wird The Little Stranger in erster Person aus der Perspektive eines Mannes erzählt, zum anderen wählt Waters, nachdem sie in ihrem zweiten Roman Affinity [Selinas Geister] noch davor gekniffen hat, die Abzweigung, die das Übernatürliche in ihre Zeilen einlässt. In der Form einer postmodernen epischen Geistergeschichte zieht sich Waters insbesondere die Auswirkungen des 2. Weltkriegs auf das britische Standessystem in den Fokus.
Der umfangreiche Roman beginnt mit Glanz und Gloria im Jahr 1919, als der 10-jährige Erzähler Faraday (sein Vorname bleibt Geheimnis), einer der bürgerlichen Schaulustigen anlässlich eines großen Festes der Ayres‘, zum ersten Mal dem prunkvollen georgianischen Herrenhaus Hundreds Hall nahe kommt. In einer Szene, die die Saat des nachfolgenden Romans legt, gelingt es Faraday durch seine Mutter, die in Hundreds Hall beim Hauspersonal gearbeitet hat, ins Innere des Herrenhauses zu gelangen. Als er in einem Raum ein Stuckfries sieht, bricht er aus einem Relief aus Eicheln eine Eichel heraus und steckt sie ein. Seine Begründung dafür lautet: „Ich wollte mir einen Teil der Schönheit sichern, gerade so, wie ein Mann sich eine Locke von dem Haar des Mädchens bewahren möchte, in das er sich unsterblich verliebt hat.“
Fast dreißig Jahre später, 1947, führt ein Zufall Faraday erneut nach Hundreds Hall. Er ist inzwischen der Landarzt Dr. Faraday, und in Vertretung für den eigentlichen Hausarzt der Ayres‘ betritt er erneut Hundreds Hall. Die Ayres‘, einst eine der einflussreichsten Familien der Gegend, bestehen aus der über 50-jährigen Mrs. Ayres und ihren beiden Kindern, dem Kriegsverletzten Roderick und der Tochter Caroline, die, obwohl erst etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt, bereits den Ruf einer altjungferlichen, leicht verschrobenen Frau hat. Dr. Faraday fällt insbesondere ins Auge, in welchem Ausmaß der Krieg den Status der Ayres‘ nach unten korrigiert hat. Zwar besitzen sie noch das riesige Herrenhaus und das umliegende Land, aber ansonsten sind sie verarmt und leben von der Hand im Mund. Hundreds Hall glänzt nicht mehr, wie Faraday es vor vielen Jahren zuletzt gesehen hat. Die Gärten sind verwildert, das Haus ist vom Zahn der Zeit angefressen, und ganze Hausflügel sind abgesperrt.
Die nächsten zwei- bis dreihundert Seiten widmet sich Sarah Waters in aller Ruhe dem Aufbau ihrer Charaktere. Die Charaktere wachsen mit jeder Seite unauffällig, und Dr. Faraday wird zunehmend ein Freund des Hauses. Er besucht die Ayres‘ jetzt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, behandelt den Kriegsversehrten Roderick mit einer Elektrotherapie, gewinnt das Vertrauen der immer noch ihrem Erbe verhafteten Mrs. Ayres und freundet sich mit der unkonventionellen Caroline an.
Und immer wieder Hundreds Hall, das Waters mit einem unglaublichen Detailreichtum beschreibt. Aber auch, wenn Hundreds Hall kontinuierlich an Charakter gewinnt, scheint es auf dem absteigenden Ast. Wie ein Organismus beginnt das Gebäude ein Gliedmaß nach dem nächsten zu verlieren. Der Verfall scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein.
Dass Sarah Waters mehrere hundert, beinahe ereignislose, Seiten voranstellt, mag manchem Leser nicht gefallen, jedoch ist The Little Stranger stets außerordentlich fesselnd zu lesen. Der behäbige Handlungsaufbau ist eine lohnende Investition, denn sowohl die Ayres‘ als auch Hundreds Hall gewinnen eine derartige Dreidimensionalität, dass man als Leser emotional immer tiefer in das einsame, unaufhaltsam sterbende Herrenhaus gesogen wird und dem dunklen Schicksal der Ayres‘ mit wachsender Zuneigung folgt. Der unaufhörliche Stimmungsaufbau muss Sarah Waters sehr viel abverlangt haben, aber das lohnenswerte Ergebnis ist, dass man der Welt von Hundreds Hall so nah kommt wie nur wenigen imaginären literarischen Landschaften.
In die Erzählung des bis dahin schemenhaften und neutralen Dr. Faraday mischen sich jetzt zunehmend seltsame Begebenheiten und immer unheimlichere Ereignisse. Dr. Faraday, stets der Rationalist in Person, muss hilflos dem Fall des Hauses Ayres beiwohnen. Der schleichende Tod von Hundreds Hall greift jetzt auch nach den Familienmitgliedern. Obwohl den Ayres‘ längst klar ist, dass etwas Übernatürliches – „Der kleine Fremdling“ des Originaltitels – in den Mauern von Hundreds Hall zu angsteinflößender Größe anwächst, wird Dr. Faraday nicht müde, rationale Erklärungen zu suchen. Ausgerechnet der im menschlichen Umgang leicht primitive Kollege von Dr. Faraday, Dr. Seeley, kommt der Sache wohl am nächsten, wenn er Dr. Faraday die esoterisch klingende Erklärung verkaufen will, dass die unheimliche Präsenz in Hundreds Hall ein von einem lebenden Menschen abgespaltetes Schatten-Ich ist, entstanden aus einem dunklen Keim, „um zu wachsen wie, wie ein Kind im Mutterleib.“
The Little Strangerlässt seine Leser verwirrt zurück, denn das Ende wirft Fragen auf, die sich zunächst nicht ohne weiteres beantworten lassen. Wer sich aber darauf einlässt, kann sich mit dem Roman auch noch lange nach der Lektüre beschäftigen, denn die mögliche Lösung der Rätsel kann erst im Kopf des Lesers gefunden werden. Dabei stellt sich als wichtigste Frage: Was terrorisiert Hundreds Hall? Weitere grundlegende Detailfragen sind: Warum beginnt der Fall des Hauses Ayres erst, seit Dr. Faraday dort verkehrt? Warum geschieht niemals etwas Unheimliches, während Dr. Faraday in Hundreds Hall anwesend ist?
Sarah Waters hat mit der finsteren, übernatürlichen Tragödie The Little Stranger ihr reifstes Buch geschrieben. Im Gegensatz zum konstruiert wirkenden Vorgängerroman The Night Watch [Die Frauen von London] fließt The Little Stranger mit einer eigenen inneren Logik. Mit Caroline Ayres hat Waters ihre wohl nuancierteste und liebenswerteste weibliche Handlungsfigur geschaffen. Obwohl sie von Dr. Faraday immer wieder als hässlich dargestellt wird, lassen seine sachlichen Beschreibungen Carolines sie paradoxerweise als außerordentlich attraktiv vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Sie ist die wahre Feministin in Waters Gesamtwerk, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, was Feminismus ist. Sie rasiert sich nicht die Beine, stiefelt am liebsten mit ihrem Hund Gyp durch die Wälder, legt nicht den geringsten Wert auf standesgemäße Kleidung und weigert sich beharrlich zu heiraten. Und das ohne die geringste aggressive Attitüde. Es ist einfach ihre Natur.
Die übernatürlichen Eingriffe in die Handlung sind subtil und schaurig. Mit großem Respekt vor den Klassikern der unheimlichen Literatur bedient Sarah Water sich traditioneller Topoi wie „Poltergeist“ und „Rache aus dem Reich der Toten“ und gliedert diese in ihre großen Themen ein, als hätten sie schon immer dazugehört.
Sarah Waters hat einen großen, zu Herzen gehenden Gesellschaftsroman und einen gänsehauterzeugenden Horror-Roman geschrieben.

Deutsche Übersetzung: Der Besucher, übersetzt von Ute Leibmann (Köln: Lübbe Ehrenwirth, 2011)

Lektorat: Uwe Voehl

[Rezension] Kingsley Amis – Zum Grünen Mann

Originalveröffentlichung:
The Green Man (1969)

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Fritz Leiber hat einmal in einem Interview gesagt, dass es sehr schwierig sei, die Stimmung von übernatürlichem Horror über die Länge eines Romans aufrecht zu erhalten. Ihm selbst ist diese Königsdisziplin mit Our Lady of Darkness [Herrin der Dunkelheit] vorbildlich gelungen, aber weitere geglückte Beispiele sind rar.
Einem, den man gar nicht mit übernatürlicher Literatur assoziiert, ist es auch gelungen. The Green Man von Kingsley Amis atmet quasi die reinste Luft aus zwei Welten. Sein Treibstoff ist das Beste aus dem psychologischen Gesellschaftsroman und der klassischen Geistergeschichte. Beides funktioniert einzeln betrachtet schon vorzüglich, aber erst in der von Amis wie von einem Alchimisten verschmolzenen Legierung kann man von wahrhaft meisterhaftem Handwerk sprechen.
Maurice Allington, 53, könnte einem der „amerikanischen“ Romane von Vladimir Nabokov entsprungen sein, so zynisch und ich-bezogen, aber auch gebildet und tragikomisch ist er. Zusammen mit seiner 13-jährigen, fernsehsüchtigen Tochter Amy aus erster Ehe, seiner neuen Frau Joyce und seinem Vater, den er sehr verehrt (ohne es freilich jemals zuzugeben) lebt er auf dem Lande, nicht weit entfernt von Cambridge und führt einen Landgasthof namens „Zum Grünen Mann“, dessen bauliche Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen und der laut dem ironischen Restaurantführer, der den Roman einleitet, „mindestens ein Gespenst“ beherbergt. Über der zusammengewürfelten Familie schwebt immer noch der plötzliche Unfalltod von Maurices erster Frau vor eineinhalb Jahren, der Amy desillusioniert und ziellos zurückließ und Joyce die undankbare Rolle der zum Scheitern verurteilten Stiefmutter aufbürdete.
Maurice lässt sich nicht gern in die Karten gucken und kommt und geht, wann er will. So etwas wie Familienpflichten sind ihm fremd. Fester Bestandteil seiner Welt ist auch der Whisky, von dem er problemlos eine Flasche am Tag vertilgt.
Die erste Hälfte des Romans nutzt Maurice als Ich-Erzähler dazu, das zwischenmenschliche Netz, das den Gefühls-Mikrokosmos im „Grünen Mann“ darstellt, zu ent- bzw. zu verwirren. Maurices Prioritätsthema hierbei ist eindeutig die Befriedigung seiner Lüste. So gehört zum ersten Teil seines großen Beischlaf-Plans, dass er Sex mit der schönen Diana hat, einer Freundin der Familie und Ehefrau seines Hausarztes, was ihm auch erstaunlich schnell gelingt. Skrupel gegenüber seiner Frau scheint er keine zu haben, und überhaupt ist der sexuelle Akt für ihn nur kurze Befreiung von seiner Geilheit. Er selbst gibt sich in seinen Gedanken alle Mühe, die Bedeutung des Orgasmus und alles was darum herum geschieht, zu entmystifizieren und als eine rein zweckdienliche Angelegenheit anzusehen. Das Wort „Liebe“ kommt ihm nicht über die Lippen, und entsprechend verhält er sich auch gegenüber seiner Tochter. Amy schreit förmlich nach der Zuneigung ihres Vaters, aber Maurice hat Wichtigeres zu tun.
Kaum hat er sein erstes Kopulationsziel erreicht, arbeitet er schon an einer Steigerung. So wächst in ihm der ehrgeizige Plan, zusammen mit Diana und seiner Frau Joyce einen Dreier zu organisieren, den er hochromantisch „Orgien-Projekt“ nennt.
Zunehmend schleichen sich nun seltsame Begebenheiten unter den Allington-Alltag. So sieht Maurice eine rothaarige Frau in der Kleidung des 17. Jahrhundert, die genauso geisterhaft wieder verschwindet wie sie aufgetaucht ist. Daneben tut Maurices Alkoholismus sein Übriges. Maurice leidet verstärkt an Schmerzattacken und Halluzinationen.
Die Historie des „Grünen Mannes“ ist so weit überliefert, dass bekannt ist, dass Ende des 17. Jahrhunderts der ehemalige Fellower des Cambridger All Saints‘ College, Dr. Thomas Underhill, dort gelebt hat. Sein Ruf war denkbar schlecht, denn man bezichtigte ihn, sich der Schwarzen Kunst verschrieben zu haben und verantwortlich für zwei denkbar grausame Morde, darunter auch an seine Frau, zu sein. Intuitiv erkennt Maurice, dass es sich bei der Rothaarigen um den Geist von Underhills Frau handelt.
Die zweite Hälfte des Romans rückt das Unheimliche immer stärker in den Vordergrund. Amis holt einige der beeindruckendsten Requisiten der unheimlichen Literatur auf die Bühne: Underhills Grab wird geöffnet; Maurice führt ein philosophisches Gespräch mit einem blonden jungen Mann, der aussieht wie einem Modekatalog entstiegen, möglicherweise aber der Teufel ist – wer weiß das schon so genau; und ein aus Ästen und Gestrüpp geformter Golem, einst von Underhill erschaffen, ihm die unermessliche Macht zu geben, nach der er strebte, trampelt in der Nähe des Hauses herum und weckt Urängste.
In einem Buch über „Aberglauben und Geistergeschichten der Briten“ findet Maurice im All Saints‘ College von Cambridge die Spur zu einem Fragment des Tagebuchs Underhills, welches bestürzende Fakten zu Underhills Leben liefert. So war Underhill nicht nur ein Gelehrter sondern auch Nekromant, Schänder und charakterlich so verkommen, dass einem unwohl wird, wenn man diese Tagebuchzeilen liest.
Gewinnt Maurice in der mysteriösen Ursprungsgeschichte seines Hauses immer mehr den Durchblick, verliert er ihn in persönlicher Hinsicht immer mehr. Nacheinander erhält er erst von Diana und dann von Joyce das Okay für die geplante ménage à trois, doch das „Orgien-Projekt“ verläuft nicht ganz so wie geplant. Maurice meint noch die Kontrolle zu haben, als er Diana und Joyce anweist, dass sich zunächst alle drei ausziehen sollten. Als aber dann die beiden Frauen nur Augen füreinander haben und lieber den Lehren Sapphos folgen, ergreift Maurice die Flucht aus dem Schlafzimmer, weil er weiß, dass er raus ist.
In dem Maße, in dem es für Maurice privat bergab geht, wird seine Rolle in der bereits seit Jahrhunderten währenden finsteren Geistergeschichte um Dr. Underhill immer mehr zu einer Hauptrolle. Im großen, magische Funken sprühenden Finale ist Maurice so klar im Kopf wie schon lange nicht mehr. Er wächst über sich hinaus und agiert selbst wie ein Magier, was ihn aber nicht vor privatem Verlust schützt. Das Ende ist jedoch nichtsdestotrotz von Hoffnung geprägt. Maurice zieht genug Nutzen aus den Ereignissen und ist stark genug für einen Neubeginn zusammen mit seiner Tochter Amy.
Fritz Leiber hat The Green Man offenbar nicht gelesen, sonst wäre ihm in besagtem Interview mindestens ein Roman eingefallen, der die unheimliche Atmosphäre über Buchlänge durchhält. The Green Man ist ein psychologischer Sandkasten, der Menschen zeigt, die sich weiter entwickeln. Er hat große schaurige Momente, ist humorvoll und sprachlich auf überaus hohem Niveau. Dieser Roman verdient es, neben Shirley Jacksons The Haunting of Hill House [Spuk in Hill House], T. E. D. Kleins, The Ceremonies [MorgenGrauen], Richard Adams‘ The Girl in a Swing [Das Mädchen auf der Schaukel] und zu guter Letzt Fritz Leibers Our Lady of Darkness zu stehen.

Deutsche Übersetzung: Zum Grünen Mann, übersetzt von Herbert Schlüter (Hamburg: Hoffmann und Campe, 1971)

Lektorat: Uwe Voehl

Elizabeth Gaskell | Die Geschichte der alten Amme

Originalveröffentlichung:
The Old Nurse’s Story (1852)

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Unter der Oberfläche dieser stimmungsvollen, viele bekannte Topoi der Schauerliteratur bedienenden Geistergeschichte brodelt der wütende aber sehr gut unter den Worten versteckte Aufruhr einer großen viktorianischen Autorin gegen die fürchterlichen patriarchalischen Repressionen ihrer Zeit.

In “The Old Nurse’s Story“ [“Die Geschichte der alten Amme“] erzählt die alte Amme Hester den Kindern von Miss Rosamond, wie nah ihre Mutter als kleines Kind einmal dem Unheimlichen gekommen war. Hester wird als nicht einmal Achtzehnjährige zur persönlichen Amme der kleinen Rosamond erkoren, schon bevor diese geboren ist. Als Miss Rosamond vier oder fünf Jahre alt ist, wird sie Waise. Hester, die die kleine Rosamond über alles liebt, bleibt auch weiterhin ihre Amme und Mutterersatz. Die vermögende Verwandschaft von Miss Rosamond, die auch über die Vormundschaft verfügt, zitiert Rosamond und Hester in das alte Familienanwesen, dem Herrenhaus von Furnivall in Northumberland am Fuße der Cumberland Fells. Überraschenderweise hat die Familie bereits vor fünfzig Jahren das Herrenhaus verlassen. Nur noch eine alte Miss Furnivall und einige Bedienstete sollen dort noch leben.
Als Hester und Miss Rosamond in dem abgelegenen Herrenhaus ankommen, lernen sie die vermutlich um die achtzig Jahre alte Miss Furnivall kennen, die stets traurig und melancholisch dreinblickt. Ihr zur Seite steht die genauso alte, immer mürrisch und ernst aussehende Mrs. Stark, die offiziell zwar nur die Gesellschafterin von Miss Furnivall ist, in Wirklichkeit aber eher die Bedeutung einer engen Freundin für Miss Furnivall hat.
Was dann folgt, ist die Beschwörung einer ganzen Batterie von Geistergeschichten-Requisiten. Hester hört die riesige Orgel des Hauses wie wild spielen, obwohl niemand sie bedient, und Miss Rosamond wird von dem Geist eines um Hilfe rufenden kleinen Mädchens nach draußen in die im Schneefall versinkenden Berge gelockt und kann von Hester gerade noch vor dem Erfrieren gerettet werden. Ein großes Finale konfrontiert Sünder und Opfer sowohl in lebendem als auch geisterhaftem Zustand mit ihren tragischen Vergangenheiten.
Obwohl “The Old Nurse’s Story“ bei oberflächlicher Lektüre arg auf den Effekt der Geistergeschichte linsend wirkt, bedeutet sie doch mehr als das. Insbesondere im Hinblick auf ihre Entstehungszeit befindet sich Nachdenkenswertes darin, werden doch beispielsweise unmissverständliche sexuelle Andeutungen getroffen. So ist Miss Furnivall, die in ihrer Jugend die große Familientragödie letztendlich durch ihren Verrat erst angestoßen hat, ein Opfer sexueller Repression durch ihren übermächtigen Vater, der eigene Vorstellungen zur Verheiratung seiner Töchter hat. Daraus resultierend spricht Elizabeth Gaskell auch über das Tabuthema Geheime Hochzeit. “The Old Nurse’s Story“ ist aber auch ein bedeutungsvolles Statement zur Romantischen Freundschaft zwischen Frauen. Mrs. Stark hat ihr ganzes Leben ihrer Herrin gewidmet, und Hester kann sich dem Portrait der jungen schönen Miss Maude kaum entziehen: “Ich hätte es eine Stunde lang anschauen können […]“ Auch sie verschreibt zukünftig offenbar ihr Leben einer anderen Frau. Sämtliche erwähnten Männer hingegen werden bis in die letzte Nebenrolle mit mindestens einer negativen Charaktereigenschaft gezeichnet. Um es auf den Punkt zu bringen: “The Old Nurse’s Story“ ist eine sehr deutliche Stellungnahme, ja geradezu ein gepeinigter Aufschrei, gegen das Patriarchat. Bemerkenswert hier besonders, wie subtil der Protest gegen die patriarchale Herrschaft über die Frau zwischen den Zeilen versteckt wurde. “The Old Nurse’s Story“ ist ein wichtiges Dokument dafür, warum – was heute kaum noch bekannt ist – so viele Frauen im Viktorianischen Zeitalter Geistergeschichten schrieben. Das phantastische Element in den Geistergeschichten gab den schreibenden Frauen die Gelegenheit, sich kodiert über ihre Unterdrückung zu äußern, was Elizabeth Gaskell hier auf faszinierende Weise gelungen ist. “The Old Nurse’s Story“ ist ein wichtiger Beitrag zu einer vor dem männlichen Geschlecht verborgenen geheimen Historie der Frauen.

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Die Geschichte der alten Amme“, übersetzt von Anne Rademacher, in: Anne Rademacher (Hrsg.), Gespenstische Frauen (München: dtv, 2004)

Oliver Onions | Die lockende Schöne

Originalveröffentlichung:
The Beckoning Fair One (1911)

Oliver Onions - Die lockende Schöne

In dieser makellosen Schauernovelle verbindet sich in Formvollendung die Zusammenführung subtil vernichtender Verführung, Psychologie und Liebe.

Wie weitsichtig war doch dieser Autor. Mit leichter Hand vermischt er die klassische Spukhausgeschichte mit Psychologie und emotionalen Untiefen zu einer unheimlichen Novelle, die mit an der Spitze des Genres steht und die Möglichkeiten anzeigt, wie weit man ein genre-typisches Thema expandieren kann.
“The Beckoning Fair One“ [“Die lockende Schöne“] lässt, wie viele herausragende phantastische Geschichten, mindestens zwei Lesarten zu. Dabei scheint mir die eine, nämlich der psychologische Verfall eines Menschen, nicht so überzeugend zu sein wie die andere, denn ein plausibler Grund für das plötzliche geistige Abdriften des Protagonisten Paul Oleron, zeitgleich mit Bezug des alten Hauses, erschließt sich mir nicht. Da erscheint mir die andere Lesart, die einer Geistergeschichte nämlich, sehr viel stimmiger und zugegebener Weise auch faszinierender.
Der 44-jährige Paul Oleron hält sich als Schriftsteller über Wasser, hat es aber satt, ständig zwischen seinem Arbeitszimmer und seiner Wohnung in London hin- und her zu pendeln. Da kommt ihm ein altes, leer stehendes Backsteinhaus recht, das er durch Zufall entdeckt. Ohne Zeit zu verlieren, mietet er eine Wohnung in dem Haus an. Er befindet sich gerade in der Mitte des Romans Romilly, einer Liebesgeschichte, die laut Olerons platonischer Freundin Elsie Bengough seinen Durchbruch als Schriftsteller bewirken wird. Oleron setzt alles daran, möglichst schnell seinen Hausstand zusammenzuraffen und in seine neue Heimstatt einzuziehen. Sein vorrangiges Ziel ist es, hier konzentriert seinen Roman zu vollenden, allein schon, weil ihn bald wirtschaftliche Probleme belasten werden. Romilly besteht bis dahin aus fünfzehn Kapiteln. Dabei ist Romilly Bishop eine Romanfigur, die bereits nach kurzer Zeit begonnen hat, “aus sich heraus zu sprechen und zu handeln“. Aber bereits am ersten Tag in seiner renovierten neuen Wohnung, gelingt es ihm vor lauter Ablenkungen nicht, das Buch weiterzuschreiben, was sich in den nächsten Tagen kontinuierlich fortsetzt. Schon nach kurzer Zeit ist klar, dass etwas mit diesem Haus nicht stimmt. Elsie fällt kurz hintereinander im Haus zwei seltsamen Unfällen zum Opfer, bei denen sie leicht verletzt wird. Während Oleron das zwar merkwürdig erscheint, ist Elsie (dank weiblicher Intuition?) bereits so weit zu wissen, dass sie in diesem Haus unerwünscht ist.
Mit Oleron geht es unterdessen rapide bergab. Er wird gegenüber Elsie, mit der ihn eine zehnjährige Freundschaft verbindet, immer unzugänglicher und denkt zunehmend darüber nach, die fünfzehn Kapitel von Romilly zu verwerfen und neu zu schreiben, da er der Figur der Romilly immer weniger abgewinnen kann. Weil Elsie spürt, dass sie Oleron verliert, gelingt es ihr nicht mehr, während einer verzweifelten Aussprache vor Oleron ihre wahren Gefühle zu verheimlichen. Selbst Oleron, dem Weltfremden, wird jetzt bewusst, dass Elsie ihn in Wirklichkeit seit all den Jahren liebt. Dass Oleron unter seinem Staubpanzer aber auch nicht ganz ohne Gefühle für Elsie war, untermauert schon die Tatsache, dass er kurz davor war, ihr mit Romilly ein Denkmal zu setzen.
Aber Oleron ist schon zu tief in den Bann des Hauses geraten, um noch zurückrudern zu können. Es häufen sich für Oleron die Anzeichen, dass das Haus eine starke feminine Präsenz beherbergt. Die Melodie eines topfenden Wasserhahns entpuppt sich als eine uralte Weise namens “Die lockende Schöne“, und als Oleron nachts dann auch noch das streichende, knisternde Geräusch einer sich das Haar kämmenden Frau hört, ist er restlos dieser nicht-humanen Entität verfallen.
Oliver Onions hat die große psychologische Aufgabe, die er sich gestellt hat, über die gesamte Länge dieser herausragenden Novelle durchgehalten und bewältigt. Indem er es den Lesern überlässt, sowohl die emotionalen als auch die übernatürlichen Andeutungen selbst zusammenzufügen, bleibt die Geschichte immer glaubhaft. Die rätselhafte Stimmung, die von Anfang an vorherrscht, wird durch keinerlei rationale Erklärung geschändet. Am Ende bleiben dem Leser ambivalente Gefühle übrig. Olerons törichtes Verhalten weckt in uns eher Wut als unser Mitgefühl. Elsie jedoch, diese große, hübsche und sehr weibliche Frau ist die heimliche Hauptfigur der Novelle. Ihr Schicksal bricht uns das Herz.

Empfehlenswerte deutsche Übersetzung: “Die lockende Schöne“, übersetzt von Waltraud Götting, in: Oliver Onions, Die lockende Schöne (Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe, 1984)

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