Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 6: Paul Hübscher

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Paul Hübscher, der das beeindruckende Blog litteratur.ch führt.

Frank Duwald hat mich netterweise eingeladen, zu diesem Thema, für das er in seinem Blog diverse andere Blogger eingeladen hat, etwas zu schreiben. Dabei bin ich so gar kein Leser von Liebesromanen – jedenfalls, wenn man darunter jene nachgerade „klassischen“ Trivialromane versteht, die tonnenweise in Heftchen namens Cora oder ähnlich an den Kiosken zum Verkauf ausliegen, und die schon mein Vater abwertend mit dem Begriff „O-Bein-Literatur“ bezeichnet hat, Geschichten also, die wie O-Beine damit beginnen, dass das Paar zusammen ist, sich trennt, um am Schluss wieder zusammen zu kommen.
Natürlich, kann man argumentieren, gibt es auch in der wirklich klassischen (oder Hoch-)Literatur Liebesromane – solche, die mehr als O-beinig sind. Madame Bovary wird man mir vorschlagen, den Glöckner von Notre-Dame oder Anna Karenina, aber auch Werke von Charlotte Brontë oder Jane Austen. Diese Romane enthalten alle Liebesgeschichten, das gebe ich zu. Da ich allerdings – zum Leidwesen meiner Frau – ein völlig unromantischer Mensch bin („romantisch“ hier im Alltagssinn genommen, nicht als literarische Epoche), habe ich die oben genannten Romane und auch weitere, die man mir vorschlagen will, nie als „Liebesromane“ gelesen. Bei Jane Austen zum Beispiel finde ich die Beschreibung der gut betuchten, aber nicht reichen oder adeligen Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts viel interessanter als die Romanzen um Mr. Darcy. Austens Witz und Ironie tragen ihre Romane erst ins 21. Jahrhundert.
Welche Geschichten würde ich denn als „Liebesroman“ empfinden und für interessant genug, einem Publikum vorgestellt zu werden? Da wollte ich zuerst Wilhelm Raabes Stopfkuchen vorschlagen, wo die Liebesgeschichte zwischen Heinrich Schaumann, genannt „Stopfkuchen“, und der Valentine Quakatz, eines aufgrund der Vernachlässigung durch den Vater verwilderten jungen Mädchens, breiten Raum einnimmt. Aber ich fürchtete, damit auf Widerstand zu stoßen – sowohl bei der Fraktion der Liebesroman-Leser wie bei der der Klassiker-Leser. Aus ähnlichen Gründen habe ich auch verworfen, die Beziehung zwischen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar zu nennen – aus heutiger Sicht eine klassische „Bromance“: tiefste (und asexuelle!) Freundschaft zweier Männer.
Nun sind „Lieblings-„Dinger immer problematisch, da stark vom jeweiligen Moment abhängig. Was ich hier und heute als meine „Lieblings-Liebesromane“ bezeichne, kann es eventuell morgen schon nicht mehr sein. Auch dies soll bedacht sein.

Also denn:

N° 1 meiner liebsten Liebesgeschichten (ich dehne das Wort „Roman“ mal sehr weit) ist zweifelsohne „Ligeia“ von Edgar Allen Poe. Die Liebe einer Frau, die über den eigenen Tod hinaus geht, der zweiten Frau des Geliebten ebenfalls den Tod bringt, um dann zu einer Auferstehung zu finden. Wenn das keine Liebesgeschichte ist!

Haggard+SieAls N° 2 gehört Sie von H. Rider Haggard dazu – „Sie-der-man-gehorchen-muss“, jene grausame Eingeborenen-Königin im Herzen Afrikas, der der bisher so gesittete und brave viktorianische Brite Leo zum Opfer fällt. „Sie“ ist Sinnbild dessen, was der Mann fürchtet und zugleich liebt, die Schwester im Geist jener Venus im Pelz, deren Beschreibung ihrem Autor Sacher-Masoch die von ihm keineswegs gesuchte oder geliebte Ehre eintrug, Namenspatron einer sexuellen Ausrichtung zu werden. C. G. Jung hatte an ihr seinen Freud; er erblickte in Ayesha (so ihr „bürgerlicher“ Name) die Verkörperung seines Prinzips der Anima, des Weiblichen-an-sich.

Last but not least dann jene wunderliche Verquickung von grosser Liebe und scholastisch-philosophischer Belehrung, die sich in Abealards Leidensgeschichte (Historia Calamitatum) und seinem Briefwechsel mit Heloisa demonstriert. Aber hier dehne ich das Wort „Roman“ wohl sehr weit, denn Abaelards Geschichte ist kein Roman, sondern war Realität, auch wenn Abaelard das eine oder andere in seinem autobiografischen Bericht ausgeschmückt oder geändert haben mag: Die Geschichte, des jungen Mönchs, der seine ihm anvertraute noch jüngere Schülerin verführt und schwängert, hat sich bekanntlich tatsächlich zugetragen, ebenso, dass der erzürnte Vater der jungen Frau den Schwängerer bestrafte, indem er ihn von gedungenen Highway-Men kastrieren liess. Dass der eigentliche Liebesroman erst danach einsetzt, hebt die Geschichte dann allerdings übers Langweilig-Gewöhnliche hinaus.

So, das wären drei. Gestern waren es zum Teil noch andere. Morgen werden es wohl wieder andere sein. So ist das Leben – und die Liebe. Jedenfalls die zu Büchern.

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Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 5: Joachim Feldmann

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Heute zu Gast: Joachim Feldmann, geboren 1958. Er hat Literaturgeschichte geschrieben mit dem Printmagazin Am Erker, das seit 1977 erscheint und es bis heute auf 67 Ausgaben gebracht hat. Für das Online-Magazin CULTurMAG bespricht er regelmäßig Krimis.

Von allen populären Literaturgenres hat es der Liebesroman am schwersten. Sich zur Lektüre von Krimis oder Science Fiction zu bekennen, hat nichts Ehrenrühriges mehr. Wer sich allerdings gerne von der Dramatik unerfüllter Beziehungen unterhalten lässt und mit Spannung darauf wartet, dass zwei, die sich schon lange kennen, endlich zueinander finden, behält seine Leidenschaft in der Regel lieber für sich. Andererseits lassen sich berühmte Werke der Weltliteratur durchaus als „Liebesroman“ klassifizieren, aber wohl eher in dem Sinne, wie man Dostojewskis Verbrechen und Strafe als Krimi einordnen kann. Sind Madame Bovary oder Anna Karenina Liebesromane? Zumal den außerehelichen Beziehungen der beiden Damen kein glückliches Ende beschieden ist.
Ich muss gestehen, dass mich Liebesgeschichten in der Literatur schon immer fasziniert haben. Und mein Bedürfnis als Leser ist dabei eher schlicht, wie man an den hier genannten Beispielen leicht erkennen kann.
KästnerMit acht las ich Karl Mays Winnetou 1 und fand Old Shatterhands leider nur sehr kurze romantische Beziehung zu Nschotschi weit weniger spannend als die Blutsbrüderschaft mit Winnetou. Wenig später bewunderte ich, wie der junge Tom Sawyer heldenhaft Schuld und Prügelstrafe auf sich nimmt, um das Herz der von ihm verehrten Becky Thatcher zu gewinnen. Und als Elfjähriger beunruhigte mich die magische Wirkung, welche die mysteriöse Milady in Alexandre Dumas‘ Die drei Musketiere auf die Männerwelt ausübt.
Heute, unzählige Bücher später, lassen sich Leseerfahrungen dieser Art kaum noch reproduzieren. Aber trotzdem bin ich immer wieder gerührt, wenn ich die Geschichte von „Lämmchen“ und Pinneberg in Hans Falladas Kleiner Mann, was nun? lese. Und dass sich Fabian in Der Gang vor die Hunde von seiner Freundin Cornelia trennt, weil sie ihm für eine Filmrolle untreu geworden ist, mag Erich Kästners latenter Misogynie geschuldet sein: Mir bricht das Ende dieser Liebe immer wieder das Leserherz.

Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 4: Birgit Böllinger

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Heute zu Gast: Birgit Böllinger, 48 Jahre, lebt und arbeitet als Journalistin in Augsburg. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie Betreiberin des Blogs Sätze&Schätze. Ihr Antrieb: „Einfach die Lust am Lesen weitergeben.“

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden – der Titel eines Bandes mit Erzählungen von Raymond Carver ist für mich immer wieder ein Denkanstoß, der im Bücherregal lauert.
LIEBE – eines der großen, wenn nicht das große Thema der Literatur. Aber wovon schreiben sie, die Tolstois, Flauberts, wovon handeln Romeo und Julia und der Werther? Meistens doch von der Liebe in ihrer unglücklichen Variation. „Wovon sie schreiben, wenn sie von Liebe schreiben“ endet tödlich oder mindestens mit einem bis zwei zerbrochenen Herzen.
Gefragt wurde von Frank Duwald jedoch nach drei der schönsten Liebesromane beziehungsweise Liebesgeschichten in der Literatur. Eine Frage, die Kopfzerbrechen und Herzschmerz bei mir auslöste. Denn: „Wovon ich lese, wenn ich von Liebe lese“, dann sind es meist doch jene Geschichten, deren Ausgang höchst tragisch sind. Die glückliche Liebe, für die große Literatur ist sie offensichtlich nicht geeignet als Stoff.
Hier scheidet sich die Literatur eindeutig vom Leben: Tatsächlich verzichtet man doch gerne auf Tragik, Eifersucht und Trennungsschmerz. Und manches Mal, muss ich gestehen, wünschte ich mir als Leserin, würde ich die großen Stoffe gerne umschreiben hin zu einem Ende, das da heißt „und sie lebten glücklich und zufrieden…“. Oder wünschte mir schlicht und einfach – außerhalb der Jane Austen-Welt – mehr Liebesglück, das in den Klassikern verborgen ist.
Langer Prolog zu einer scheinbar einfachen Frage: Der nach den drei schönsten Liebesgeschichten.
Aus purem Trotz gegen die geballte Tragik in der Weltliteratur sage ich: „Ich will ein Happy End“. Und nenne daher – unabhängig von allen literarischen und sonstigen Kriterien – drei Romane mit „gutem“ Ausgang.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera (1985)
garcia-marquez-gabriel-die-liebe-in-den-zeiten-der-cholera-buchtitelGabriel García Márquez beweist es – Geduld und Ausdauer lohnen sich, wenn es sich um die eine, die große Liebe handelt. Florentino Ariza wartet mehr als ein halbes Jahrhundert auf seine Jugendliebe Fermina Daza. Als Jugendliche können die beiden nicht zueinander kommen, Fermina heiratet letztlich einen anderen. Der Tod ihres Ehemanns beschert uns als Leser nicht nur ein Happy End, sondern auch ein wunderbares Romanende:

Der Kapitän sah Fermina Daza an und entdeckte auf ihren Wimpern das erste Glitzern winterlichen Reifs. Dann schaute er Florentino Ariza an, sah seine unbezwingbare Fertigkeit, seine unbeirrbare Liebe und erschrak bei dem späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.
“Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-Und-Zurück durchhalten können?”
Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet:
“Das ganze Leben”, sagte er.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984)
KunderaMilan Kundera lässt seine Romanfiguren Tomas und Teresa nicht ganz so lange warten wie GGM, bis sie zusammen kommen. Aber leicht machen sie es sich dennoch nicht – die politischen Umstände (Prager Frühling, Exil), die persönlichen Dispositionen (die Unerträglichkeit in einer Liebe, wenn einer der beiden, sprich Tomas, zu leicht und zu viele andere liebt), sie sind die Stolpersteine auf dem Weg zur Zweisamkeit. Hier ist Teresa die Wartende, die Duldende – bis sie selbst das Heft in die Hand nimmt und geht. Unabhängig von der politischen Dimension des Romans ist Kundera mit diesem Bestseller eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die den Kampf der Geschlechter in eine späte „Waffenruhe“ einmünden lässt. Teresa und Tomas kommen wieder zusammen und finden zur Ruhe. Auch hier ein schönes Ende:

Jetzt erlebte sie dasselbe sonderbare Glück, dieselbe sonderbare Trauer. Diese Trauer bedeutete: wir sind an der Endstation angelangt. Dieses Glück bedeutete: wir sind zusammen. Die Trauer war die Form und das Glück war der Inhalt. Das Glück füllte den Raum der Trauer aus. […].
Tomas drehte den Schlüssel im Schloss und zündete den Lüster an. Sie sah zwei aneinandergeschobene Betten, neben dem einen den Nachttisch mit einer Lampe. Ein großer Nachtfalter, vom Licht angezogen, flatterte vom Schirm empor und zog seine Kreise im Zimmer. Von unten erklangen gedämpft die Melodien von Geige und Klavier.

Sommerwogen
Twain1867 sieht der 32-jährige Samuel Langhorne Clemens bei einer Fahrt auf einem Schaufelraddampfer das erste Mal ein Bild von Olivia Langdon. Fortan ist es um den etwas windigen Journalisten geschehen: Liebe auf den ersten Blick, das erste und einzige Mal in seinem Leben. Clemens fackelt nicht lange, schaut sich die Frau zum Bild an, macht ihr nach wenigen Tagen den ersten Antrag, erobert erst ihr Herz, dann ihre Hand und schreibt ihr über 30 Jahre lang leidenschaftliche, liebenswerte, sehnsuchtsvolle Briefe. Eine der schönsten Liebesgeschichten – und eine, die das „echte“ Leben schrieb. Eine Auswahl der Briefe des verliebten Mark Twains an seine Ehefrau Livy erschienen unter dem Titel Sommerwogen in deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann im Aufbau Verlag. Es ist eine lebenslange Liebe, auch über den Tod hinaus: Olivia stirbt 1904, einige Wochen später schreibt Mark Twain in seinem Tagebuch:

In diesen vierunddreißig Jahren haben wir viele Reisen zusammen gemacht, liebe Livy – und nun machen wir unsere letzte; du unter Deck und einsam, ich oben unter den Menschen und einsam.

Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 3: Uwe Voehl

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Heute zu Gast: Uwe Voehl, geboren 1959. Es ist mir kaum möglich, Uwe Voehl ohne ein paar persönliche Worte vorzustellen, denn er begleitet meine schreibende Seite fast von Beginn an. Immer wieder, jetzt seit mehreren Jahrzehnten, kreuzen sich unsere Wege, damit wir jeweils wieder in irgendeiner Form zusammenzuarbeiten. So ist Uwe Voehl auch Lektor der Hauptkategorie  von dandelion | abseitige Literatur, was mir einige wohltuende Freiheiten beschert. In letzter Zeit ist er hauptsächlich als Herausgeber der E-Book-Reihe Horror Factory bei Bastei-Lübbe und beim selben Verlag als Autor einer Krimi-Serie hervorgetreten, die bisher die Bände Blut und Rüben (2011), Tod und Schinken (2012) und Dinner mit Mord (2014) umfasst. Uwe ist auch zu finden auf seiner Seite uwevoehl – Lieben, leiden, sterben

Liebe ist für mich etwas Vergängliches. Das Haltbarkeitsdatum ist schnell überschritten. Schneller, als es so manches Liebespaar in der Realität wahrhaben will.
Lieben kann ich nur im Hier und Jetzt. Nicht in der Schwärmerei verflossener Liebschaften mich verlieren. Daher glaube ich, dass sich Liebe nur in der Kunst konservieren lässt: Auf der Bühne, in Filmen und Büchern zum Beispiel: Angelique, Doktor Schiwago, Vom Winde verweht, Jenseits von Afrika, Romeo und Julia sind zeitlose Beispiele.
Bei mir kommt hinzu: Wie bei der Liebe, so ergeht es mir mit Büchern. Sie werden mir fremder, je länger es her ist, dass ich sie gelesen habe. Ein paar sind zu guten Freunden geworden, zu verlässlichen Partnern, aber Liebe? Selbst die ergreifendsten Liebesgeschichten verblassen in der zeitlichen Entfernung.
Daher habe ich drei Romane gewählt, in denen einerseits das Thema Liebe eine Rolle spielt und die mir andererseits noch gegenwärtig genug sind, dass ich sie mir zu eigen machen kann. Eines davon, lese ich gerade eben:

Die Frau auf der Treppe von Bernhard Schlink
buecher-schlink-hermannDas titelgebende Bild zeigt eine Frau, die eine Treppe herabkommt: „Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts. Nackt, blass und blond – vor einem graugrünen Hintergrund verschwommener Treppenstufen und –wände kommt die Frau dem Betrachter mit schwebender Leichtigkeit entgegen. Zugleich hat sie mit ihren langen Beinen, runden, vollen Hüften und festen Brüsten sinnliche Gewichtigkeit“.
Um dieses Bild streiten sich zunächst der Maler als auch der schwerreiche Ehemann. Hinzugezogen, diesen Streit zu schlichten, wird ein junger Rechtsanwalt. Spröde und wenig erfahren im Umgang mit Frauen, verliebt er sich zunächst in das Bild und dann in die Frau. Was zunächst als zarte Liebesgeschichte brüsk endet, findet vierzig Jahre später seine Fortsetzung: Der Rechtsanwalt ist längst im Herbst seines Lebens angekommen, erfolgreich und welterfahren stößt er zufällig in Sydney auf das verschollen geglaubte Bild.
Und augenblicklich erfassen ihn abermals die Leidenschaft und Tollkühnheit der Jugend: „… legte ich mich ins Gras. In meinem Anzug – die Vorstellung, später in einem knittrigen, vielleicht fleckigen Anzug herumzulaufen, die mich sonst geschreckt hätte, schreckte mich nicht … Bei allem, was vor mir lag, war ich ersetzbar. Nicht ersetzbar war ich nur bei dem, was hinter mir lag.“
Bevor er sich jedoch auf die Suche nach der Frau macht, die mittlerweile ebenfalls in Australien lebt, geschieht etwas mit ihm, was allein die Kraft der Liebe bewirken kann: Er verbummelt den Tag, gibt sich allein dem Augenblick hin: „… einfach sitzen und schauen und in die Sonne blinzeln und träumen, Stunde um Stunde … und wieder einen Platz zum Sitzen und Schauen und Blinzeln und Träumen finden – ich habe es damals gemacht und danach erst wieder in Sydney.“ Dazwischen liegen, wie gesagt, vierzig Jahre. Vierzig Jahre, in denen er ein normales bürgerliches Leben gelebt, eine Familie gegründet und als erfolgreicher Rechtsanwalt seine Pflicht, so sagt man wohl, erfüllt hat.
Der Umschwung, das zweimalige Erwachen bedingungsloser Leidenschaft, wirkt, wenngleich dazwischen besagte vierzig Jahren, nachvollziehbar und glaubwürdig.
Gibt es so etwas in Wirklichkeit? Ich glaube nicht. Und selbst der Autor, im wirklichen Leben ebenfalls Jurist, sagt, Die Frau auf der Treppe, die übrigens Irene heißt, zwar geschaffen zu haben, aber begegnet ist er ihr noch nicht. Obwohl er zugibt: „Irene könnte mir gefallen.“
Soll man das einem Autor abnehmen, der behauptet, keine Leidenschaften zu haben? Wo noch nicht einmal das Schreiben selbst ihm Leidenschaft abringt: „Ich mag die Schönheit der Klarheit. Im Schreiben, im Denken, im Raum, den ich um mich habe und der eher zu leer als zu voll sein muss.“
Nein, ich glaube ihm nicht, dem Herrn Autor. Wer Die Frau auf der Treppe liest, erkennt darin die Handschrift eines Träumenden, der die Liebe und die Leidenschaft perfekt zwischen zwei Buchdeckel zu bannen versteht.

Die Vollidioten von Eckhard Henscheid
g-Henscheid-Eckard-die-VollidiotenIm Untertitel als „ein historischer Roman aus dem Jahr 1972“ beschrieben, ist das Werk dieses Jahr in einer sehr schönen, von F. K. Wächter illustrierten Neuausgabe bei Schöffling & Co erschienen. Während bei Bernhard Schlink die unbedingte Liebe beschrieben wird, ist es bei Eckhard Henscheid eher die Schwärmerei für wechselnde Frauen, insbesondere für ein Frl. Czernatzke („eine kleine und sehr adrette Frauensperson, die stets zugleich kampflustig und hingebungsvoll dreinschaut und ihr reizendes Stupsnäschen keck und erwartungsvoll in die Luft hält, ganz so, als ob der Bräutigam schon im Anzug wäre“), die von den Männern eigentlich nur einem Ziel dient: „Flachlegen.“
Der Ich-Erzähler (dem man übrigens zu keiner Zeit Glauben schenken und auf den Leim gehen darf), bezeichnet sich in der hauptsächlichen Liebesaffaire als „eine Art Bote, Berater, ein Postillon d’amour“, ist aber genau wie all die anderen Kerle nur auf das eine aus (siehe oben). Zwar ist viel von „heftigem Flattern und Herzflimmern“, „Zuneigung“ und sogar „Liebe“ die Rede, aber das Ziel bleibt immer nur das eine: „Ich wollte die Czernatzke flachlegen. Ich habe gedacht, bis 8 Uhr wäre alles durchgezogen.“
Auf die verschwurbelte Sprache muss man sich einlassen: Sie ist dem Umstand geschuldet, dass der Autor zuvor mit Bernd Eilert mehrere Dostojewki-Essays verfasste und auf die Idee kam, einen Roman in diesem „komisch sehr ergiebigen halbnärrischen bzw. durchtrieben kunstvoll aufgeregten Dostojewskischen Plapperton von angetäuschter Désinvolture“ zu schreiben. Aber keine Angst, der Roman spielt ja nun in einem Jahr, das mit zu den politisch aufregendsten gehört. Von RAF und dergleichen ist zwar nicht die Rede, der Roman beschreibt, so des Autors Wille, eher die Alltagsbanalitäten in Frankfurter Kulturkrauterkreisen, und so begegnen uns nicht nur genannter F. K. Wächter, sondern viele andere auch heute noch bekannte Namen aus der damaligen Schreiber-, Künstler- und Publizistenszene. Und wann liest man heutzutage noch so schöne Worte wie „Schnauzbart“, „Pep“, „verknallt“ und „Flippergeräte“? Insofern ist der Roman voll und ganz seiner Zeit verhaftet, man trinkt Jasmin-Tee, besucht „Fußballplätze“ und verbringt ansonsten den Tag damit, zu überlegen, Frauen flachzulegen (wozu es jedoch so gut wie gar nicht kommt. Insofern ist es kein sexistisches Buch: Die Männer entlarven sich selbst, während es wie meistens die Frauen sind, die letztlich bestimmen, mit wem sie Herz und Bett teilen).

Joyland von Stephen King
melokhiderking100_v-TeaserAufmacherJoyland hat mich nach einem viertel Jahrhundert wieder mit Stephen King versöhnt. Ob es sich dabei um einen Horror- oder einen Serienkiller-Roman handelt, ist dabei unerheblich. Denn Joyland ist in erster Linie ein Liebesroman. Er spielt um das Jahr 1973, aber das Zeitkolorit spielt eine eher untergeordnete Rolle. Erzählt wird die Geschichte des 21-jährigen Collegestudenten Devin Jones, der sich in den Sommerferien im Vergnügungspark Joyland das Geld fürs Studium verdient. Soeben hat seine Freundin Wendy mit ihm Schluss gemacht. Da lernt er auf dem Weg zum täglichen Arbeitsplatz zunächst einen Jungen im Rollstuhl kennen und als Nächstes dessen Mutter. Ich will es kurz machen: Die Liebesnacht (die einzige) zwischen den beiden, die Stephen King auf knapp neun Seiten schildert, ist die großartigste, schönste und gänsehauterzeugenste Coming-of-Age-Szene, die ich kenne. Hier zeigt sich die gereifte Handschrift eines inzwischen begnadeten Meisters.
Bei mir hat er damit das alte Feuer wieder entfacht.

Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 2: Martin A. Völker

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesromane vor.
Heute zu Gast: Martin A. Völker, Dr. phil., geboren 1972 in Berlin. Er ist freier Publizist und Lektor, Dozent und Sciencecoach. Veröffentlichungen: zahlreiche Buchbeiträge und Herausgaben zur Kultur-, Kunst- und Li­teraturgeschichte, zudem Lyrik und Kurzprosa. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Dem Schriftsteller Moritz Gottlieb Saphir (1795–1858) verdanken wir die wohl treffendsten Bemerkungen über die Liebe: In einem Antwortschreiben an Johann Langer (1793–1858), einen Wiener Kollegen, das dieser 1838 im zweiten Band seiner Neuen Erzählungen und Humoresken wiedergibt, schreibt Saphir, die Liebe sei eine Versammlung von fünf Buchstaben, die sich zu folgendem Motto auflösen lassen: „Lange Irrung eines betrogenen Esels!“ Die Liebe, so Saphir, sei neben der Freundschaft die zweite Sphinx, die vor einem auftaucht mit lächelndem Antlitz, das die Klauen der Falschheit übersehen lässt. „Mich werden diese zwei indianischen Gaukler mit ihrem Herzens-Tiki-Taki nicht mehr berücken.“ Die Klugheit dieser Worte ist zwar unbestreitbar, aber sie fühlt sich meistens weniger gut an als ihr Gegenteil, was dazu führt, dass auch kluge Menschen oft gänzlich unklug handeln. Mit anderen Worten: Das „Herzens-Tiki-Taki“ lässt sich nicht gänzlich vermeiden. In der Vor- und Nachbereitung eigener Liebeshändel stellen Liebesromane nicht den schlechtesten Zeitvertreib dar. Die Liebesromane, die ich mit Anteilnahme und Genuss gelesen habe, lassen sich an einer Hand abzählen.

1 Werthers Leiden (bearbeitet)Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Goethe, und Goethe legte es Werther in den Mund. An Die Leiden des jungen Werthers (1774) erinnere ich mich noch ganz genau. Wie es der Titel nahelegt, habe ich diesen Roman als Krankenbericht gelesen. Ein bemitleidenswerter junger Mann, dieser Werther, der zu lieben glaubt, aber seinem Ich nicht entkommen kann. Werther scheitert nicht an den Verhältnissen, sondern an sich selbst. Wer lieben will, der muss vorher gelernt haben, von sich selbst abzusehen, ansonsten bleiben die Anderen für ihn unerreichbar. Die Mitmenschen bleiben Werther verschlossen, die Natur bleibt ihm verschlossen, obwohl Werther auch sie zu lieben vorgibt. Zwischen ihm und der Welt steht meistens ein Buch. Werther ist das Paradebeispiel eines pathologisch bibliophilen Menschen, der nicht auf tragische Weise umkommt, sondern theatralisch aus dem Leben scheidet. Insgeheim habe ich mir beim Lesen gewünscht, dass Albert, mein eigentlicher Held, Werther erschießt.

2.0 Wells, TitelH. G. Wells (1866–1946) ist heute leider nur noch als Science-Fiction-Autor bekannt. Wer sich im Krieg der Welten engagiert oder ständig in der Zeitmaschine sitzt, dem gerät leicht, vielleicht aus gutem Grund, die Liebe aus dem Blickfeld. Weniger eskapistisch ist sein Roman Marriage aus dem Jahr 1912, gelesen in der deutschen Übersetzung von Antonina Vallentin (Die Geschichte einer Ehe, Potsdam: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1925). Wie entsteht die Liebe? Was verhindert sie? Wie vergeht sie? Wie lässt sie sich wiederbeleben: Wer diese Fragen beantwortet haben möchte, und wer will das nicht, der ist mit Wells gut bedient. Es wäre durchaus an der Zeit, diesen soziologisch aufschlussreichen und dabei witzigen Roman in zeitgemäßer Aufbereitung neu zu verlegen.

3 Alsen, CoverGutti Alsen (1869–1929) ist eine heute völlig vergessene Königsberger Schriftstellerin. Ihre expressionistisch gefärbten Novellen haben mich sofort fasziniert, weshalb ich 2013 eine kleine Auswahl davon unter dem Titel Einsamkeitswandern im hochroth Verlag (Leipzig) veröffentlicht habe. Ihr Roman Requiem, 1929 erschienen im Horen-Verlag in Berlin-Grunewald, behandelt das Verhältnis zu ihrer verstorbenen Tochter. Ein großer Roman, ein der Liebe geweihtes Buch, in dem alle Facetten dieser tiefen Liebe lebendig und fühlbar werden. Nichts übersteigt die Liebe einer Mutter, und der Verlust der geliebten Tochter gebiert grenzenlosen Schmerz. Jede Liebe trägt ihr Ende in sich, sie ist ein Himmel und eine Hölle:

Niemand weiß es, niemand kann je es begreifen. Und doch bist du in mir, immer und allgegenwärtig und ich nur noch hohle Hülle um dich. Darum auch weißt du allein, daß meine Wege, meine Worte, mein hilfloses Lächeln und meine Taten nur bleiche Maske sind, dich zu verbergen. Daß in Frühling, in Sonne, unter Blätterfall, Winden und Schnee, in stillen Häusern und auf lauten Straßen, deine Freude golden wo aufblinken, deine Stimme jauchzend hervorbrechen kann, für einen kurzen, vergehenden Augenblick. Und daß wir dann beide wieder, unlösbar verbunden, der verhängnisvolle, nie endende Schrei sind, der über die nirgends beginnende, nirgends endende Straße anklagend und schauervoll hinzieht. (S. 208)

An einer Hand, schrieb ich oben, kann ich meine liebsten Liebesromane abzählen. Fehlen noch zwei. Aber es wäre zu schmerzhaft, über sie zu schreiben. Zu viel „Herzens-Tiki-Taki“.

Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 1: Marius Fränzel

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Dr. Marius Fränzel, geboren 1961. Seit 2005 pflegt er sein Blog Bonaventura – Lektüren eines Nachtwächters. Die Hitzahlen des Blogs rechnet er nur noch in Millionen.

BeisserbuchFrank Duwald fragt nach den drei schönsten Liebesgeschichten. Auf Anhieb würde ich mich für den denkbar Ungeeignetsten zur Beantwortung dieser Frage halten, und das aus gleich zwei Gründen: Zum einen ist der Liebesroman eines der klischeebehaftetsten Genres überhaupt. In meiner Zeit als Buchhändler nannten wir eine bestimmte Sorte von Romanen, die sich durch Variation des immer selben    Cover-Motivs auszeichneten, aus offensichtlichen Gründen „Beißerbücher“. Wenig lässt daran zweifeln, dass der Inhalt dieser Romane den Bildern auf den Umschlägen gleicht wie eine Boulevard-Komödie der anderen.
Zum anderen hege ich arge Zweifel daran, dass eine schöne Liebesgeschichte eine schöne Liebesgeschichte sein kann. Schon 1764 bemerkt Christoph Martin Wieland in seinem Don Sylvio von Rosalva:

Die Moralisten habens uns schon oft gesagt, und werdens noch oft genug sagen, daß es nur ein einziges bewährtes Mittel gegen die Liebe gebe; nehmlich, so bald man sich angeschossen fühle, so schnell davon zu laufen als nur immer möglich sey. Dieses Mittel ist ohne Zweifel vortrefflich; wir bedauern nur, daß es unsern moralischen Ärzten nicht auch gefallen hat, das Geheimnis zu entdecken, wie man es dem Pazienten beybringen solle. Denn man will bemerkt haben, daß ein Liebhaber natürlicher Weise eben so wenig fähig sey, vor dem Gegenstande seiner Leidenschaft davon zu laufen, als er es könnte, wenn er an Händen und Füßen gebunden oder an allen Nerven gelähmt wäre; ja man behauptet sogar, vermöge einer unendlichen Menge Erfahrungen worauf man sich beruft, daß es in solchen Umständen nicht einmal möglich sey, zu wünschen daß man möchte fliehen können.

Literarische Liebe ist daher wahrscheinlich dann am besten, wenn ihre Protagonisten sich als jene Patienten erweisen, von denen Wieland spricht. Aus diesen beiden Gründen fällt die Auswahl meiner „schönsten Liebesgeschichten“ für die eine oder den anderen vielleicht etwas zu defätistisch aus.

Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers (1774)
goethe-leiden-des-jungen-werther-wertherWäre der Protagonist nicht ein Mann, so ließe sich bei diesem Buch von der Mutter aller unglücklich Liebenden sprechen. Das Buch war nicht nur ein internationaler Erfolg, der Goethe binnen kurzem zu einer Berühmtheit machte, es löste auch eine Propaganda aus, die zum Teil bis heute nachwirkt, so etwa die immer wiederholte, aber gänzlich unbelegte Behauptung, das Buch habe eine Welle von Selbstmorden ausgelöst; ein Gerücht, dem offenbar sogar Goethe teilweise Glauben geschenkt hat. Erzählt wird die Geschichte des jungen Werther, der sich in die bereits anderweitig verlobte Lotte verliebt, sich loszureißen versucht, in die Welt flieht, trotz allem zurückkehrt und am Ende keinen besseren Ausweg findet, als sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen und es anderswo zu versuchen, da er in der sublunaren Welt seinen Platz nicht hat finden können. Goethe achtet schon in der ersten Fassung des Textes sorgfältig darauf, Werthers Leiden als eine Art sich steigernden Wahn der Leidenschaft darzustellen, als eine Art von Geisteskrankheit, gegen die sich der an ihr Leidende ab einem gewissen Punkt nicht mehr selbst entziehen kann. Noch Hunderte von unglücklich liebenden Romanfiguren des 19. Jahrhunderts sollten auf diesem Wege aus ihrem papiernen Leben scheiden.

Vladimir Nabokov: Lolita (1955)
nabokov lolita 1955Wohl seufzend hat Nabokov einmal festgestellt, nicht er sei berühmt, Lolita sei es. Und ebenso seufzend könnte man anmerken, dass diese Berühmtheit wie so viele andere auf einem Missverständnis beruht, nämlich auf dem, bei Lolita handele es sich um einen erotischen Roman. Dabei ist Lolita die Geschichte einer tiefen Wunde, die der Protagonist und Erzähler Humbert Humbert in seiner Jugend empfangen hat, als er sich zum ersten Mal und für immer unglücklich verliebte. Seit jenen frühen Jugendtagen wiederholt er das Muster dieser Liebe immer und immer wieder, um ebenso selbstverständlich wie notwendig zu scheitern. Jetzt, während er uns die Geschichte seiner letzten verzweifelten Liebe zu Lolita erzählt, sitzt er im Gefängnis und erwartet die Todesstrafe, nicht, weil er ein minderjähriges Mädchen verführt und missbraucht hat, sondern weil er einen seiner Rivalen um die Liebe Lolitas erschossen hat. Lolita ist ein in jeglicher Hinsicht tief trauriges Buch, das nur Verlierer und Unglück kennt und eine treffliche Antwort zu jener Frage bei E. T. A. Hoffmann ist: „Was ist der Mensch, und was kann aus ihm werden?“

Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas (1955)
Schmidt-Seelandschaft-HandzeichnungVielleicht in den Augen manch eines Lesers kein Roman, sondern nur eine Erzählung (Schmidt selbst nannte es einen Kurzroman), aber eben auch eine unglückliche Liebesgeschichte, vielleicht eine der schönsten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts: Erzählt wird von zwei Kriegskameraden, Erwin und Joachim, die sich in den 50er Jahren wiedertreffen und am Dümmer in Niedersachsen Urlaub machen. Erwin ist ein erfolgreicher Anstreicher, Joachim ein erfolgloser Schriftsteller, und so zahlt der Handwerker für das Kopftier. Und weil er zahlt, kann er sich, als die beiden am Urlaubsort auf ein sympathisierendes Pärchen von Damen treffen, seine aussuchen – Annemarie, rund und handfest – und Joachim muss sich um die andere kümmern – Selma, dürr, lang und hässlich wie eine UKW-Antenne (das Bild stammt von Schmidt, nicht von mir). Doch was als Verpflichtung beginnt, wird rasch zu einer Liebesgeschichte, einer, in der beide Liebenden nicht an eine Zukunft gemeinsame glauben: Selma ist schon einem groben Menschen versprochen, der sie wegen eines zu erwartenden Erbes genommen hat, und Joachim weiß nicht einmal von einer Gegenwart, geschweige denn könnte er eine Zukunft versprechen. Und so endet auch diese Liebe nach wenigen Tagen, als der Urlaub der Damen zu Ende geht:

Das Trauerkleid der letzten Nacht. / […] »Ach Du.« Kam inbrünstig und drückte sich an; seufzte galgenhumorig: »Na dann atterdag.«; zog auch die Füße an und gab schnelle Tritte auf einen unsichtbaren Hintern (des Schicksals?). / »Knips Du bitte aus.« Noch einmal sah ich so eine lange Indianerin. Am Schalter. Dann ging die Unsichtbare still um mich herum. (Gleich darauf Wadenkrampf, etwa auch souvenir d’amour, und ich ächzte und zischte und massierte: teuflischer Einfall: vielleicht hält sies für Schluchzen!). / Gleich darauf raste der Wecker schon; wir erhoben uns geduldig. Sie reichte sich stumm zum letzten Biß: – »In Beide«: »Schärfer!«; prägte auch ihre Zahnreihen mächtig ein. (Schon klopfte Annemie vorsichtshalber: ?: »Ja wir sind wach!«. Und hastende Stille). / »Sieh mich nich mehr an, damit ich abreisen kann!« / Erich, unverwüstlich, rühmte schon wieder die Autobusschaffnerin: »Haste die gesehn?!«: Kaffeebrauner Mantel, gelber Schal, die schräge schwarze Zahltasche, eine Talmiperle im rechten Ohr, blasses lustiges Gesicht; ich gab Alles zu. / Wolkenmaden, gelbbeuligen Leibes, krochen langsam auf die blutige Sonnenkirsche zu. Erich räusperte sich athletisch: »Na, da wolln wer erssma …..« und wir marschierten zurück, »weiter penn’: verdammte Fützen!«. Mein Kopf hing noch voll von ihren Kleidern und ich antwortete nicht.