Interview mit Richard Lorenz – Teil 2

Im ersten Teil des Interviews ging es in erster Linie um Amerika-Plakate. Jetzt gilt es zu ergründen, was danach kommt.

RLCopyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Es ist jetzt gut ein halbes Jahr seit dem ersten Teil unseres Interviews und meiner Lektüre von Amerika-Plakate vergangen, und ich bin erstaunt, wie präsent einige der Charaktere in meinem Kopf immer noch sind. Für mich ist es insbesondere Suzanne, der ich nachtrauere. Wie ergeht es denn dir mit deinen Schöpfungen? Wendest du dich nach Beendigung eines Werkes wie Amerika-Plakate sofort neuen Charakteren zu oder begleiten dich die „alten“ auch noch länger?

RICHARD LORENZ

Die Figuren, über die ich schreibe, existieren weiter. In Traumgeästen, im Zwielicht. Amerika-Plakate verfügt über zahlreiche Menschen, die mich stets begleiten. Die mir stets neue Begebenheiten erzählen. Leibrand zum Beispiel hat ja nicht nur das erlebt, was in dem Roman beschrieben wurde – würde ich das alles schreiben, wäre es vermutlich ein Lebenswerk. Vor allem in neuen Projekten treffe ich Leute, die immer wieder Schnittstellen zu Leibrand, Brenner oder auch Suzanne aufweisen. Die sich kennen.
Vor allem geht ja das Leben für zum Beispiel Suzanne weiter. Was macht sie gerade? Das sind tatsächlich Fragen, die mich beschäftigen. So entstehen Erzählungen für mich alleine. Skizzen, aus denen ganz andere Dinge entstehen können.
Ich mag den Gedanken des Einflusses von Geschehnissen auf Menschen. Dass jeder Schritt, jedes Wort, etwas bewirkt, verändert. Vielleicht schreibe ich eines Tages Amerika-Plakate neu, aus der Sicht von Suzanne. Wer weiß, alles ist möglich.
Da ich mir bei Amerika-Plakate aus Naivität den Luxus geleistet habe, die Figuren nicht glattgestrichen oder das Setting nach möglichen Verkaufschancen ausgesucht zu haben, sind mir Ort und Personen der Erzählung sehr nahe, sehr sympathisch. So kann ich von ihnen weiter träumen. Und ob du es glaubst oder nicht, manchmal bekomme ich eine Postkarte von ihnen. Aus Amerika, Brooklyn. Letztes Haus links.

FRAGE

Heißt das konkret, dass die realistische Chance besteht, dass wir Leibrand oder Suzanne in näherer Zukunft wieder begegnen werden?

RICHARD LORENZ

Ich denke das könnte passieren. Aktuell taucht Leibrand am Rande ja auch in der Kurzgeschichte „Das Treffen der traurigen Menschen in Franks Tabakladen während eines Schneesturms“ auf. Wie eben auch jener Frank, der in dem Roman eine kleine Nebenrolle als Tabakladen-Besitzer erfüllt.
Im Grunde gibt es zahlreiche Schrankgeschichten, die als Skizzen existieren. Die ideale Vorstellung wäre eine erweiterte Ausgabe von Amerika-Plakate mit einem Extra-Band jener Nebengeschichten, sozusagen eine beiliegende Kurzgeschichten-Sammlung. Ja, das würde mir gefallen.

FRAGE

Seit unserem letzten Gespräch ist, so empfinde ich es zumindest, die allgemeine Aufmerksamkeit in der Facebook- und Literaturblogger-Szene dir gegenüber sehr stark gestiegen. Wie hast du die letzten Monate publicitymäßig empfunden?

RICHARD LORENZ

Natürlich empfinde ich es als sehr angenehm, dass der Roman Aufmerksamkeit bekommt. Es gab einige sehr nette Menschen, die das Wagnis dieses Romanes auf sich nahmen. Dafür, und das kann ich ehrlich sagen, bin ich ihnen unendlich dankbar. Solche mutigen Leser holen sich ein schwieriges Werk, und ich denke bei Amerika-Plakate kann man davon sprechen, aus dem Schatten der Merkwürdigkeit. Es folgten tatsächlich großartige wunderschöne Besprechungen.
Ich glaube auch, dass es eine Mär ist, an den dummen Leser zu glauben, der ausschließlich einfachen Handlungssträngen folgen kann. Der keine abseitigen Bücher mehr lesen kann oder will – jedenfalls keine deutschen Publikationen. Wir sehen das an dem aktuellen Erfolg von Neil Gaiman. Könnte ein deutscher unbekannter Autor so etwas publizieren? Ich persönlich habe da so meine Zweifel.

FRAGE

Amerika-Plakate wird ja immer als dein Erstlingsroman angesehen, aber Kinderland ist ja schon eher erschienen…

RICHARD LORENZ

Das ist richtig. Dennoch ist Amerika-Plakate tatsächlich der Debüt-Roman, der eigentlich ein wenig früher auf den Markt hätte kommen sollen. Kinderland war dann das Folgeprojekt, eine Fingerübung sozusagen. Ist Amerika-Plakate eher ein Kammerspiel, öffnete ich mit Kinderland die Linse auf Weitwinkel im Sinne der Absonderlichkeiten eines Tim Burton. Im Nachhinein denke ich, dass es nicht hundertprozentig funktioniert hat, weshalb ich auch eine Überarbeitung anstrebe. Erschienen ist es ja bei einem Münchner digital-first-Verlag in fünf Teilen, also nur als eBook.
Während der Arbeit an Kinderland arbeitete ich auch noch an einer kürzeren Geschichte – Charlie Parker und der letzte Schnee. Charlie Parker trifft Moondog und ein Gespenst – eine schöne Geschichte, wie ich finde.

FRAGE

Was ist aus der Geschichte geworden?

RICHARD LORENZ

Die Geschichte um Charlie Parker und seine letzten Tage liegt aktuell bei der Edition Phantasia. Wie man die kürzere Geschichte am besten umsetzt, ist noch nicht ganz geklärt. Eine angedachte Möglichkeit wäre eine limitierte illustrierte Ausgabe – was natürlich Joachim Körber entscheiden muss. Aber ich denke, es wäre eine schöne Art, der Erzählung gerecht zu werden.
Natürlich wäre es möglich, die Kurzgeschichte als eBook zu publizieren, was mir jedoch stark missfallen würde. Ich denke nach wie vor, dass sich manche Erzählungen besser im Print-Bereich gestalten lassen.

FRAGE

Dein neuer, noch nicht erschienener Roman Frost, Erna Piaf und der Heilige ist denkbar anders als Amerika-Plakate aber trotzdem sofort als ein Roman von Richard Lorenz erkennbar. War es eine bewusste Entscheidung von dir, diesen Roman direkter, weniger komplex und visionär zu schreiben?

RICHARD LORENZ

Nach Amerika-Plakate war es mir tatsächlich fast schon ein Bedürfnis, eine rasche klare Geschichte zu erzählen. Wenngleich die Erzählung vermutlich gar nicht so rasch und klar erzählt ist, wie sie mir erscheint – jedenfalls nicht im Vergleich zu anderen Autoren.
Frost, Erna Piaf und der Heilige kommt mir selbst vor wie ein Traumgebilde. Der Ansatz war ja der Umgang mit dem Tod und dem Glauben. Dem Verlust, an ein Himmelreich glauben zu können. Und letztendlich natürlich auch mit dem Thema Sterbehilfe.
Frost ist wie Leibrand eher ein zerbrochener Mensch. Ein Hoffender und Liebender. Mir gefallen vor allem die Randfiguren des Romans. Das Merkwürdige. Das Eigenartige und das Herausfallen aus einem Leben. Geschichten müssen so sein, denn Geschichten sollen ja das Leben spiegeln. Ich mag nach wie vor keine glattgeschliffenen Erzählungen, als wäre das Leben eine One-Man-Show. Das ist einfach nicht richtig. Denn das Leben ist fahrig, ungenau. Oft genug merkwürdig. Eigentlich müsste das Beschreiben einer Sterbeszene unlesbar, weil so verwirrend, sein – tausend Eindrücke. Aber oft genug habe ich solche Szenen gelesen, als hätte der Autor vom Kuchenbacken geschrieben.
Ich habe es sehr gemocht, diesen Roman zu schreiben.

FRAGE

Die erste Hälfte ist sehr dunkel. Doch dann kommt Amelie, der Engel, der die finsteren Herzen mit Licht erfüllt …

RICHARD LORENZ

Das ist richtig. Die erste Hälfte ist bewusst sehr dunkel gehalten, um den Kontrast besser darstellen zu können. Amelie entzündet Frost, könnte man sagen. In einer Zeit, in der Frost an sich selbst und der Welt zweifelt.
So stellt Frost das Sterben und Amelie das Leben dar. Gegenseitig können sie sich heilen.
Ich glaube, wir brauchen solche Menschen, die uns befreien. Uns lieben. Sterbende brauchen solche Menschen, natürlich. Aber es ist immer noch schwer, mit Sterbenden umzugehen, sie zu begleiten. Weil wir Angst vor diesem Anblick haben. Angst, den Tod am Krankenbett zu sehen, weil er uns an die eigene Sterblichkeit erinnert. Aber auch an das Glück, noch am Leben sein zu können, zu dürfen. Mit der Verdrängung des Sterbens verdrängen wir auch maßgeblich das Leben. Und damit verdrängen wir natürlich auch die Selbstbestimmung und die Frage nach aktiver Sterbehilfe.

FRAGE

Die Liebesgeschichte wird ja nur angerissen, und trotzdem überstrahlt sie alles andere. Auch die Liebesgeschichte zwischen Leibrand und Suzanne findet in Amerika-Plakate nicht statt, obwohl sie das ganze Buch zusammen hält. Ist es dir lieber, dass die Leserinnen und Leser sich selbst vorstellen, wie das Zusammensein ein Liebespaars aussehen könnte?

RICHARD LORENZ

Die Liebe entfaltet vor allem in der erste Phase zwischen zwei Menschen eine starke Magie, wie ich finde. Wenn Geheimnisse noch nicht ganz offen gelegt sind. Gerade das ist für mich als Autor interessant. Den Umstand zu beschreiben, dass alles mit einem Geheimnis kippen könnte. Oder anders gesagt, dass die Liebe beweisen muss, wie stark sie ist. Eine ausgereifte Liebesgeschichte bietet wenig Reibungspunkte. Das Unfertige reizt. Der Duft ihrer Haare, ihre Bewegungen. Sehnsüchte und Träume, der erste Kuss um Mitternacht. Alles das. Nichts ist stärker, nichts ist mächtiger. Und nichts prägt uns so sehr. Leibrand zehrte ein Leben lang davon. Und Frost? Frost wünschte sich nichts sehnlicher.

FRAGE

Leibrand beherrscht selbst noch nach seinem Tod, die Herzen und Gedanken vieler Menschen in deinen Werken. Er strahlt etwas Übermenschliches aus. Ist er eine Art Messias?

RICHARD LORENZ

Das ist eine schwierige Frage. Ich persönlich sehe ihn nicht als Messias, wenngleich natürlich Anleihen im Glauben, wie zum Beispiel die Erlösung, vorhanden sind. Ich würde mir wünschen, dass wir alle Menschen so behandeln nach ihrem Sterben. Dass niemand vergessen ist. Und die Erinnerungen und die begonnenen Taten weiterleben, zu Ende geführt werden. Lebendig gehalten werden.
Das Leben bietet eine Vielfalt an Geheimnissen. Aber auch das Sterben. Wir sollten uns an die Toten erinnern, aber nicht im Sinne von Friedhofs-Besuchen. Jeder Mensch hat eine Gabe in sich verankert, die Welt zu bewegen. Zu verändern. Leider nutzen wenige Menschen dieses Talent. Deshalb strahlen vielleicht auch Menschen, die aus der Welt fallen. Sie erschrecken und beeindrucken uns gleichzeitig, weil gerade diese Menschen uns zeigen, was ein Leben sein kann. Und ein Leben ist eben nicht nur Haus, Garten, Urlaub. Sondern vor allem die Herzschläge und die Träume. Leibrand fügt sich der Welt nicht ein, und doch ist in ihm mehr Leben als in vielen anderen Menschen. Weil er das Leben atmet und letztendlich daran zerbricht. Davor haben wir eine ausgeprägte Angst. Daran zu zerbrechen. Und deshalb sind wir meistens Gaukler des Lebens – die mit billigen Zauberkunststücken versuchen das Leben zu imitieren.

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