Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 13: Tilman Winterling

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Tilman Winterling, der Schöpfer des Literaturblogs 54books. Er ist Jahrgang 1987 und Jurist.

„Sorry, ich lese keine Liebesromane, und ich kenne auch keine außer dem Werther.“ So hätte meine unbedachte Antwort auf Frank Duwalds Frage lauten können, als er mich bat, bei seiner Reihe Die liebsten Liebesgeschichten mitzumachen. Wohlüberlegt, wie meist, habe ich mir aber keine Gedanken gemacht und zugesagt, über Werther kann man ja immer mal zwei, drei Zeilen schreiben. Nun schlich ich an meinen Regalen vorbei und belud mir die Arme mit zu erwähnenden Büchern: alles Liebesgeschichten.
Aber was ist schon eine Liebesgeschichte? Geht es nicht sowieso in jeder Form von Literatur immer nur um Liebe: Liebe zwischen Graf und Gräfin, Graf und Bauernmädchen, Eheleuten, Dahergelaufenen, Vampiren und Mondscheinmädchen, Monstern und Burgfräulein usw. usf. Die Bücher, welche ich mir auf den Arm lud, könnten unterschiedlicher nicht sein, und da sie bereits zweistellig sind, nur wenige Worte zu jedem.

Lehrjahre des Gefühls – Gustave Flaubert
In Flauberts L’Éducation sentimentale (Übersetzungen u.a. auch als Die Schule der Empfindsamkeit, Die Erziehung des Herzens, Die Erziehung des Gefühls) verliebt sich Frédéric Moreau in eine verheiratete Frau. Aufgrund dieser unerfüllt bleibenden Liebe verliert sich Moreau in Affären und versucht sich als Weltmann, um am Ende in Liebe und Leben zu scheitern.

Die Wahlverwandtschaften – Johann Wolfgang von Goethe
Ein überaus unterhaltsamer Roman aus der Feder des Dichterfürsten. Zwei Paare verlieben sich „über Kreuz“ und sind hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Pflichtgefühl. Der Versuch, der Liebe zu entsagen, misslingt, und tragische Ereignisse nehmen ihren Lauf.

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Oblomow – Iwan Gontscharow
Ilja Iljitsch Oblomow ist ein russischer Adliger, der, auf seinen Reichtum gebettet, die eigene Faulheit zur Lebensmaxime kultiviert hat. Die Überwindung der Lethargie bahnt sich an, als Oblomow sich in Olga verliebt. Doch die Trägheit ist stärker als die aufkeimende Liebe.

Tante Julia und der Kunstschreiber – Mario Vargas Llosa
Ein inzestuöses Verhältnis des Neffen zu seiner (nur) vierzehn Jahre älteren Tante im Lima der 50er, eine Militärdiktatur und der ewige Kampf von Autoren um Anerkennung, zwischen dem eigenen Anspruch, Unterhaltung und der Notwendigkeit des Geldverdienens. Große, nobelpreisgekrönte Unterhaltung aus Südamerika – Anspruch und Unterhaltung in symbiotischer Liebe.

High Fidelity – Nick Hornby
Rob wird von seiner Freundin verlassen und nimmt dies zum Anlass, über die verflossenen Lieben seines Lebens zu sinnieren, sortiert in einer Top 5. Nick Hornby lässt den Trennungsschmerz mit Popmusik verschmelzen, ein Genuss für alle, die schon mal versucht haben, im Plattenladen um die Ecke ihre Sorgen abzugeben.

Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque
Eine große Liebe in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, ein Buch über Verlust, Treue und die Kraft zweier Menschen, sich trotz des ihnen widerfahrenden Unrechts einander zu begleiten. Wen dieses Buch nicht berührt, der hat kein Herz.

Ansichten eines Clowns – Heinrich Böll
Eines meiner ersten Lieblingsbücher, welches ich trotz aller Leidenschaft immer nur schlecht an andere vermitteln kann (entweder die Leute mögen keine Clowns oder sie mögen Böll nicht, meist sogar beides). Hans Schniers Leben und Karriere als Komiker zerbricht, nachdem ihn seine Freundin Marie nach einer Diskussion über die religiösen Voraussetzungen einer möglichen Ehe verlassen hat. Verlogene Moral in Nachkriegsdeutschland zwischen nationalsozialistischen und katholischen Werten.

Brand’s Haide – Arno Schmidt
Ein Kurzroman zum Herantasten an das Werk Schmidts. Der Kriegsheimkehrer Schmidt freundet sich mit zwei Flüchtlingsfrauen an und verliebt sich in eine. Im Deutschland 1946 stehen diese zarten Bande aber vor erheblichen materiellen Schwierigkeiten.

Mitten ins Gesicht – Kluun
Stijn begleitet seine krebskranke Frau beim Sterben. Selten so viel geweint und einer der Gründe, warum ich keine Krebsbücher mehr lese.

Eine blaßblaue Frauenschrift – Franz Werfel
Leonidas ist ein höchst erfolgreicher, weil aalglatter, Beamter im Wien der 30er Jahre. Sein Leben und seine Karriere geraten ins Wanken, als eine verflossene Jugendliebe mit der Bitte an ihn herantritt, sich für ihren Sohn einzusetzen. Nachgerechnet vermutet er, dass es sich um den gemeinsamen handelt und er denkt darüber nach, sein Leben zu ändern. Aber …

Die Leiden des jungen Werther – Johann Wolfgang von Goethe
Mein absolutes Liebeshighlight. Man hasst oder liebt den empfindsamen Werther in seiner Liebe zu Lotte, hält ihn für ein Weichei oder den Helden seiner Leidenschaft. Gleich, wie man sich entscheidet, dieses Buch muss man gelesen haben!

Ach, um das jetzt klarzustellen: ich lese keine Liebesromane!

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Ein Kommentar zu “Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 13: Tilman Winterling

  1. Nö, er liest keine Liebesromane 🙂 Und dann kommt eine ellenlange Liste. Wegen des Remarques – Die Nacht von Lissabon hat mich auch gerührt, obwohl ein wenig kitschig (aber im positiven Sinne von Kitsch). Und die trinken da ständig ein französisches Getränk – irgendwas auf Apfel-Schnapsbasis, glaube ich, genau fällt mir der Name nicht mehr ein. Ich war so versessen jedenfalls damals, dass ich mir das sofort kaufen musste und für eine Zeit in Gedenken an das Buch zu meinem „Ausgeh-Getränk“ machte. Auch das sind die Folgen von Literatur 🙂

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