Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 11: Chris Popp

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Chris Popp, geboren 1974 und Dirigent der Seite booknerds.de, die seit 2012 existiert und inzwischen über einen 15-köpfigen Autorenstamm verfügt. Dort finden Rezensionen zu Literatur in Schrift und Ton statt, aber auch zu Filmen, Serien, Liveevents und mehr. Offenheit besteht nicht nur hinsichtlich der Medien, sondern auch hinsichtlich der Genres. Chris Popp ist gelernter Einzelhandelskaufmann und momentan als Verkäufer tätig. Er hat früher viel Musik gemacht und ist seit 2003 für diverse Online- und Print-Musikmagazine aktiv (namhafteste Stationen bei alldem: metal.de, Legacy, Multimania), seit Ende 2009 Redakteur bei Musikreviews.de und bei noisyNeighbours (bei letzterem inzwischen ausgestiegen, um booknerds.de zu gründen. Er ist in Heidelberg geboren und aufgewachsen und „2001 zu der besten Frau der Welt und ihren Töchtern in die nordhessische Pampa gezogen und nach wie vor glücklich und von Liebe erfüllt.“ Also bestens dafür geeignet, uns seine liebsten Liebesgeschichten vorzustellen.

Liebesgeschichten. Es klingt so trivial. Da fliegen vor dem inneren Auge schnell die rosa Herzchen umher, und im Hintergrund schnörkelt es unscharf. Ein Terminus eben, der durch seine Beschränktheit, die Worten nun mal innewohnt, im ungünstigen Fall klischeehafteste Assoziationen evoziert. Liebe kann man nicht in Worte fassen, denn dieses Etwas – ein Gefühl, ein chemischer Prozess, etwas Magisches, ein Weißnichtwas, was einfach da ist – ist so groß, so umfassend und vereinnahmend, dass man immer nur einen Teil davon beschreiben kann. Zeigen? Ja. Fühlen? Ja. Aber Geschichten zu schreiben, deren zentrales Thema Liebe ist, bedarf schon besonderer Begabung (wir reden von echten Büchern und keinen Standardschmökern). Man muss diese Liebe selbst erlebt, gegeben, gefühlt haben. Man muss ein unfassbares Maß an Empathie besitzen.
Meine genannten Werke sind eher aktuelleren Datums, also Titel aus den letzten paar Jahren – es sind die, die mir persönlich am besten und nachhaltigsten in Erninnerung geblieben sind. Mich berührt haben. Und wie immer bei Lieblingsdingen ist das, was folgt, nicht absolut und kann in einem Jahr schon wieder ganz anders aussehen.

Birbaek-Nele-Paul-orgEine wunderbare Liebesgeschichte hat der dänischstämmige, in Deutschland lebende Autor Michel Birbæk mit Nele & Paul erschaffen, aber auch eine unkonventionelle. Denn die namensgebenden Protagonisten lieben sich schon seit frühesten Jahren, doch irgendwann möchte Nele mehr als die traute Zweisamkeit im Dorf – Paul kümmert sich reizend um seine behinderte Mutter und entscheidet sich schweren Herzens gegen Nele. Also lässt er sie ziehen anstatt ihr zu folgen. Doch fast ein Jahrzehnt später taucht Nele wieder für ein paar Tage für die Haushaltsauflösung ihres Elternhauses auf und will woanders einen Neustart wagen. Paul möchte sie jedoch nicht ein weiteres Mal verschwinden sehen. Doch sie hat sich stark zum Negativen verändert. Er kann es nicht ertragen und möchte „seine“ Nele wieder glücklich erleben und tut alles Erdenkliche dafür, sie wieder lächeln zu sehen. Ihr das Gute im Leben schenken. Ihr seine Liebe geben und ihre empfangen – die Herzenswärme der Geschichte und die Schilderung der Gedankengänge Pauls entwickeln in ihrer Gesamtheit eine Kraft und Intensität, die verzaubert. Birbæk lässt seine Figuren hier nicht umherschmalzen und -schmachten, sondern schreibt simpel, roh, ehrlich und doch hochsensibel.

gregory-sherl-ab-morgen-ein-leben-langAuch Gregory Sherls Ab morgen ein Leben lang ist vom Schreibstil ähnlich gestrickt und weiß durch seine Unverfälschtheit zu überzeugen – Fernab von Standardromanzenstoff. Bibliothekarin Evelyn Shriner hat sich von ihrem Freund getrennt, und Godfrey Burkes, Mitarbeiter in einem Fundbüro, versucht seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Mit mäßigem Erfolg, denn sie möchte das erst „prüfen“. Sie geht ihrerseits in eine Praxis, um die Zukunft zu ergründen, und er soll in die Praxis von Dr. Chin gehen, wo eine Vergegenwärtigungs- apparatur ihm die Zukunft mit Wunschperson und Wunschjahr als Film vorspielt. Vorher, in der Schlange bei der Anmeldung, trifft er auf Evelyn und unterhält sich mit ihr. Und seitdem bekommen die beiden einander nicht aus dem Kopf. Und die Geschichte, die sich zwischen den zweien entwickelt (die Kapitel wechseln zwischen Evelyn und Godfrey hin und her), ist gleichermaßen skurril wie berührend, gleichermaßen verzaubernd wie verstörend. Man möchte die beiden schlichtweg aufeinanderschubsen und sich für sie freuen, wenn sie denn zusammenkommen. Die Ungeduld macht einen fast fertig, und man will unbedingt, dass sie ihre Liebe auch dem Leser zeigen.

super sadSuper Sad True Love Story von Gary Shteyngart ist ein ganz anderes Kaliber. Dieses Buch spielt ein Stück in der Zukunft – Smartphones und Tablets waren einmal, mittlerweile tragen alle ein Gerät namens „Äppärät“ mit sich, mit dem man in Echtzeit Bewertungen und Informationen über die in der Umgebung anwesenden Menschen abrufen kann. Der nerdige 39-jährige Lenny Abramov ist nicht unbedingt der Muster-Adonis unter der Sonne und ist zudem noch einer derer, die echte, papierne Bücher lieben. Generell fühlt er sich der Technik nicht ganz so verbunden und sucht nach der Menschlichkeit im prädystopischen Amerika. Doch dieses ist voller Reizoverkills, voller Konsumwahn, und diametral dazu entwickelt sich der Bildungsstand der Menschen – wo soll er da Gleichgesinnte, vor allem aber Liebe finden? Als er auf Eunice Park, 15 Jahre jünger als er, trifft, ist er hin und weg von ihr, dieser koreanischstämmigen Schönheit. Die jedoch ist in etwa so unverschämt abgebrüht wie eben gutaussehend, und Lenny, Sohn jüdisch-russischer Eltern, versucht verzweifelt und geduldig, ihr Herz zu erobern – und geht dabei beinahe selbst vor die Hunde, so wie das Land, in dem er wohnt. Es geht einem das Herz auf, wenn man sich zu Gemüte führt, wie hingabevoll er ihre Gunst und Zuneigung zu gewinnen versucht und leidet mit ihm, wenn Eunice ihm durch ihr Verhalten ein Rätsel nach dem anderen aufgibt. Diese Ungewissheit fühlt sich beinahe an wie Liebeskummer, und man wünscht beiden einfach das Positivste: Dass Eunice sich öffnet und Liebe zeigt – und dass Lenny irgenwo in ihrem Herzen Platz findet.

DanielewskiDoch das außergewöhnlichste Buch, dessen zentrales Thema die Liebe ist, ist Only Revolutions von Mark Z. Danielewski. Die Art und Weise, wie die Geschichte des Jungen Sam und des Mädchens Hailey erzählt wird, ist wohl eine der kreativsten. Alles in diesem Buch dreht sich. Das Buch hat 360 Seiten, und nach jeweils acht gelesenen Seiten eines Sam-Kapitels muss man das Buch einmal umdrehen und liest acht Seiten von Hailey (oder umgekehrt). Zum Anfang der Story ist die Schrift noch groß und verkleinert sich von Kapitel zu Kapitel, während die gegenüberliegende (auf dem Kopf stehende) Geschichte des/der Angebeteten in immer größerer Schrift gedruckt werden. Und während Sams Geschichte von 1863 bis 1963 reicht und Haileys von 1963 bis 2063 (und sich die Umgebung stets mit anpasst), bewegen sich die beiden gen Buchmitte aufeinander zu und ab Seite 180 wieder voneinander weg, und wenn man das Buch fertig gelesen hat, kann man wieder von vorn beginnen – wie eine Endlosschleife. Hailey und Sam (deren Initialen übrigens punktsymmetrisch sind), die jeweils 90 aktive Wörter pro Seite in höchst kreativ-poetischer und typographisch sonderbarer Form zugeteilt bekommen (was pro Doppelseite wieder 360 ergibt) befinden sich in ihrem Erlebten fürwahr in einem Rauschzustand. Es dreht und wirbelt, es verwirrt und lässt den Leser Achterbahn fahren, ihn rätseln und genießen. Und letztendlich spiegelt Only Revolutions somit ziemlich perfekt wider, was wahre, echte Liebe sein kann: Ein schwindelerregendes Etwas, das dem Menschen die Sinne (positiv wie negative) rauben kann. Und einen dabei ganz schön durchzurütteln in der Lage ist. Ein Etwas, das selbst für Liebende so schwierig zu beschreiben ist wie für den Leser dieses Buch.

Liebe muss zwar nicht in jeder Kunstform – ganz gleich, ob Literatur, Musik oder Film und Fernsehen -, präsent sein, doch sie bereichert unser Leben und es ist schön, dass sie eben auch dort zu finden ist. Ohne Liebe wären wir emotionslose, egoistische Tiere, die nur nach Instinkt handelten und ihrem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb nachgingen. Wir sollten uns glücklich schätzen, Liebe empfinden und geben zu können. Und, ganz wichtig: Auch die Liebe zu Büchern, zu Musik und generell zu Kunst ist eine Form der innigen Zuneigung. Hätten wir Liebe nicht, wären wir demnach nicht nur eine einfach nur „funktionierende“ Spezies, sondern auch eine ohne die wunderbare Vielfalt der Kultur.

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3 Kommentare zu “Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 11: Chris Popp

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