Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 10: Gerd aka flattersatz

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Gerd aka flattersatz, „mittlerweile grauhaarig, also nicht mehr ganz jung.“ Sein Bücherblog aus.gelesen besteht jetzt seit Anfang 2008 und ist mit den Jahren sehr umfangreich geworden. Beruflich hat er nichts mit Literatur oder Büchern zu tun, „ich lese einfach gerne und damit ich nicht so viel vergesse (bzw. ich mich wieder erinnern kann), schreibe ich halt ein bisschen was auf, was mir zu meinem Lesestoff so einfällt…“

Ein spontanes „Ja – aber“ bekam Frank zu hören von mir, nachdem er mich gefragt hatte, ob ich bei seinem Projekt mitmachen wollte. Ja: klar, immer. Aber: Liebesgeschichten sind nicht gerade ein Schwerpunkt auf aus.gelesen… aber andererseits, ist es nicht vielmehr so, dass irgendwo die allermeisten Geschichten, die von Menschen handeln, auch von der Liebe handeln? Ist nicht die Liebe in allem, was der Mensch macht oder nicht macht, verborgen? Und seltsamerweise (wobei das falsch ist, es ist eigentlich gar nicht so seltsam) kommen in meinen Bücherregal viele dieser Art von Liebesgeschichten zwischen Menschen vor, die am Ende ihres Lebens stehen, die von anderen begleitet werden auf dieser letzten Etappe, in der die Liebe sich so ganz anders äußert als wir unwillkürlich denken, wenn wir von ihr reden.
Aber keine Sorge, ich habe dann doch andere Geschichten ausgewählt. Mark Twains fiktives Tagebuch von Adam und Eva, das uns – Männern wie Frauen – einen Spiegel vorhält, in dem wir uns wieder erkennen können und das das Entstehen eines Gefühls verfolgt, einer Liebe, die nicht dem Einschlag eines Blitzes gleicht….
Chimos Liebesgeschichte dagegen ist tragisch, sie endet ohne happy end, hatte im Grunde nie eine Chance…. Lila war alles… sie werden sie verbrennen…“
Tja, und dann ein Gedicht, ein Liebesgedicht der anderen, der nüchternen, melancholischen, abgeklärten Art. Keine Romantik, kein Zuckerguss und doch viel Gefühl, vllt sogar ein Wiedererkennen… Mascha Kaléko.

Mark Twain: Das Tagebuch von Adam und Eva.
twain-cover-2Die allererste Geschichte von Mann und Frau, zumindest für unseren Kulturkreis, ist die von Adam und Eva. Twain erzählt sie hier auf seine ganz besondere, ironische Art und Weise, wobei es seine Kunst ist, dass niemand sich ob seiner Schwächen und Fehler verletzt fühlen muss, im Gegenteil, man erkennt sich mit einen Lächeln wieder in Adam oder auch Eva.
Nein, sie können sich nicht verknusen, die beiden. Adam war der Erste, zweifelsohne. Es war Ruhe um ihn, er konnte dies alles genießen, fragen war nicht sein Ding, außerdem, wen hätte er fragen sollen? Selbst ist dagegen die Frau, dieses auf einmal plötzlich erscheinende langhaarige Wesen, das dieses seltsame Wort „Wir“ in die Welt setzt. Wo er Genießen und Schauen wollte, testete sie, probierte sie, benannte sie. Sie gab allem, was ihr unter die Augen kam, ehe er sich’s versehen konnte, einen Namen. Und Schilder gab’s auf einmal, so wie “Rasen betreten verboten“: Es war ungemütlich geworden. … und dann diese Sache mit dem Baum und dem Apfel, weswegen sie weglaufen mussten und jetzt hungerten sie, aber andererseits hatte sich seit diesem Tag sein Blick geändert, denn manchmal , wenn er sie anschaute, empfand er, wie schön sie war und daß das Leben mit ihr besser war als ohne sie. Und sie? Sie liebte ihn einfach nur, weil er da war, weil er ein Mann war, weil er ihr Mann war… Eva hatte mit dem Apfel den Tod in die Welt gebracht, sie hatte Leben in die Welt gebracht und sie verließ diese Welt, ließ Adam zurück. Und nichts war Adam deutlicher als diese Erkenntnis: Wo sie war, dort war Eden”.

Chimo: Sagt Lila
chimoVor Jahren besuchte ich eine Lesung erotischer Geschichten durch die Schauspielerin Nina Petry , die unter anderem aus dem Roman Sagt Lila las, in dem – so die Geschichte hinter dem Buch –  Aufzeichnungen eines jungen Franzosen arabischer Herkunft wieder gegeben werden:
„Sagt Lila“ ist keine Wohlfühlgeschichte. Wie könnte sie! Chimo wächst als „Araber“ in einem der Pariser Banlieus auf, er trifft auf die etwas jüngere Lila, die so blond ist, als hätten „Seidenraupen golden Fäden gekackt“. Lila plappert auf Chimo ein wie noch nie ein Mensch. Schon bei ihrer ersten Begegnung hebt sie den Rock für ihn und läßt ihn schauen… sie treffen sich öfters und Lila redet mit ihm und er merkt sich die Worte und nachts schleicht er in sein Büro, das er sich eingerichtet hat in irgendeinem der Häuser, von denen man nicht weiß, ob sie nie fertiggestellt wurden oder schon wieder zerstört sind, richtet es sich ein mit einer Bank und einem Tisch aus Steinen mit einer Kerze drauf, die er einer blinden Frau geklaut hat, die sie eh nicht braucht und er hat sich jedes Wort, das Lila gesagt hat…
Es ist eine zutiefst traurige, deprimierende, anrührende Geschichte, die dieser Chimo erzählt, eine Geschichte voller Hoffnungslosigkeit, Verrohung, Gewalt, die Geschichte von Menschen, die keine Zukunft haben, die sich aufgegeben haben. Die von der Hand in den Mund leben an Orten, an denen man nicht an der Häuserwand gehen sollte, weil der Müll nur noch aus dem Fenster geschmissen wird, weil es stinkt und dreckig ist und kaputt und keiner sich darüber mehr aufregt – außer Chimo, der dies sieht und der von Lila angesprochen wird und sich immer mehr in dieses seltsame Mädchen verliebt, die ihm die Kraft gibt, zu schreiben, seine Gefühle in Worte zu fassen.

Als letztes something completely different. Ich bin als Schüler leider nie mit Gedichten sozialisiert worden. Seinerzeit konnte ich zwar noch gut auswendig lernen, wollte aber nicht. Heute sind die Verhältnisse genau anders herum, das eine oder andere Gedicht würde ich gerne auswendig können, aber… Etwas besonderes für mich sind immer die Verse von Mascha Kalékoich weiß nicht, warum. Sie berühren etwas sehr tief in mir, im Gegensatz zu vielem, dem meisten, was ich lese und (mehr oder weniger) verstehe, fühle ich hier… stellvertretend will ich ein kurzes Gedicht hier wiedergeben, melancholisch-nüchtern, wie ihre Gedichte eben oft so sind:

Ich und Du wir waren ein Paar
Jeder ein seliger Singular
Liebten einander als Ich und als Du
Jeglicher Morgen ein Rendezvous.
Ich und du wir waren ein Paar
Glaubt man es wohl an die vierzig Jahr
Liebten einander in Wohl und in Wehe
Führten die einzig mögliche Ehe
Waren so selig wie Wolke und Wind
Weil zwei Singulare kein Plural sind

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s