Die liebsten Liebesgeschichten – Folge 9: Julia Beyer

Für dandelion öffnen Blogger, Autoren, Verleger, Herausgeber, Lektoren und andere Verrückte ihre Herzen und stellen uns ihre persönlichen Lieblings-Liebesgeschichten vor.
Heute zu Gast: Julia Beyer, geboren 1979 in Berlin. Sie ist ausgebildete Keramikerin und Autorin des Literaturblogs Wortumdrehungen.

Die Ratlosigkeit, mit der ich spontan auf Frank Duwalds Frage nach den liebsten Liebesgeschichten reagiert habe und die mich bis jetzt noch nicht ganz losgelassen hat, wunderte mich zunächst selbst ein wenig. Schließlich bewege ich mich literarisch ausgiebig im 18. und früheren 19. Jahrhundert und da kommt man am „courtship plot“ eigentlich kaum vorbei – vor allem nicht in der von mir so geschätzten englischen Literatur dieser Zeit. Dieser Widerspruch lässt sich vielleicht damit erklären, dass man die dort teilweise minutiös ausgebreiteten und eher klischeehaft formulierten Gefühlsregungen und Gefühlsverwirrungen aus heutiger Sicht kaum noch ernsthaft nachfühlen kann. Vielmehr sind sie (für mich als Kulturwissenschaftlerin) unter dem Gesichtspunkt interessant, was eine bestimmte Gesellschaftsschicht – nämlich die bürgerlich-lesende – als authentisch, bewegend, didaktisch wertvoll oder persönlichkeitsbildend verstand. So weit, so akademisch. Die „Liebesgeschichten“ dieser Literaturepoche sind also nur sehr marginal als solche heute noch mitreißend. Vielmehr stellen sie einen äußeren, meist konventionell geprägten Rahmen dar, in dem sich dann die eigentlich spannenden, progressiven oder sonstwie „wegweisenden“ Aspekte des frühen Romans entfalten, die mich so interessieren. Wohl deshalb fiel mir die Auswahl schwer, zumindest wenn ich mein Bücherregal durchgehe – lauter „Liebesgeschichten“, aber nur sehr wenige, die mich als solche bewegt haben. Was die Wahl wiederum auch ganz leicht macht.

Austen ÜberredungZunächst ganz vorhersehbar und gerade deshalb wichtig, weil noch immer zu oft als Autorin bloßer „Frauenliteratur“ oder – noch schlimmer? – von „Liebesromanen“ (also per se schon „trivial“) gehandelt wird, und man dem nicht oft genug widersprechen kann: Jane Austen. Tatsächlich steht in allen ihren Romanen mindestens eine Liebesheirat am Ende der erzählten Geschichte. Die überragt allerdings in so scharfem Kontrast all die fast ausnahmslos deprimierten, resignierten oder ähnlich unglücklich Verheirateten, die dem Leser auf dem Weg dahin begegnen, dass das „Happy End“ einen durchaus zwiespältigen Beigeschmack bekommen kann. Nicht mein liebster Austen-Roman, aber bestimmt die liebste Liebesgeschichte, ist die in Persuasion (deutsch als Überredung) – Austens letzter, erst posthum veröffentlichter Roman, der 1816 entstand. Ein Roman über die zweite Chance, die sich wohl jeder schon einmal vergeblich gewünscht hat, und die dieses „Happy End“ so besonders befriedigend macht. Hier wird die sonst so distanzierte oder kühl-satirische Autorin zur Romantikerin im Sinne von Byron, Shelley oder Wordsworth. Die Natur, die Jahreszeiten, die ländliche Umgebung dient als emotionale Reflektionsfläche, die immer wieder – schließlich sind wir hier bei Austen – ironisch gebrochen wird. Trotzdem kommt der tragische Kern voll zum Tragen. Nicht auf sturmumtosten Heidelandschaften wie bei den Brontës, oder in exotisch-gotischer Umgebung wie bei ihren Zeitgenossen. Es sind vermeintlich kleine, alltägliche und „häusliche“ Situationen in denen sich die inneren, so treffend beobachteten und beschriebenen Dramen abspielen, und die gerade deshalb umso bewegender und nachfühlbarer erscheinen – und das auch noch 200 Jahre später. So in der finalen, wunderbar konstruierten Aussprache zwischen Anne Elliot und Frederick Wentworth, die eigentlich gar nicht als solche stattfindet – so wie bei Austen interessanterweise kaum eine der zentralen „Liebesszenen“ wirklich direkt und ausformuliert „auf dem Papier“ stattfindet. Wie so viele wirklich gute Autoren vertraut sie darauf, dass das Unausgesprochene lauter und deutlicher zum Leser und zum Herzen spricht als das Ausgesprochene.

„I do not think I ever opened a book in my life which had not something to say upon woman’s inconstancy. Songs and proverbs, all talk of woman’s fickleness. But perhaps you will say, these were all written by men.“ „Perhaps I shall. Yes, yes, if you please, no reference to examples in books. Men have had every advantage of us in telling their own story. Education has been theirs in so much higher a degree; the pen has been in their hands. I will not allow books to prove anything.“

Brontë+SturmhöheAls Gegenprogramm zu derartig kontrolliertem, psychologischem Realismus kommt man an Emily Brontës Wuthering Heights (deutsch als Sturmhöhe) nicht vorbei. Ein Roman von 1847 der bis heute als „klassische Liebesgeschichte“ missverstanden wird. (Romeo und Julia bzw. Goethes Werther wären hier vielleicht auch gut aufgehoben.) Als ich den Roman vor vielen Jahren – mit genau dieser Erwartung – zum ersten Mal gelesen habe, war ich entsetzt. Ich kann mich erinnern, dass ich mich beim Lesen gefühlt habe, als würde ich durch einen endlosen Sumpf waten. Kein Wunder: Es regnet oder schneit ständig und man blickt bei all den Figuren, Erzählern und Zeitsprüngen schnell kaum noch durch. Wirklich aufwühlend finde ich aber bis heute, mit welcher Direktheit hier von einer jungen Autorin von all der Eigennützigkeit, Grausamkeit und Selbstbezogenheit erzählt wird, die sich als Liebe tarnt. Hier hasst in Wirklichkeit jeder jeden, und wenn man sich nicht hasst, verachtet man sich oder bringt zumindest das Schoßhündchen um. Ziemlich düster also, aber auch ziemlich großartige Literatur. Einen Lichtblick in diesem Elend gibt es gegen Ende des Romans, und vielleicht ist es die zarte, freundschaftliche Annäherung zwischen Hareton Earnshaw und Catherine Linton, die am ehesten den Titel „Liebesgeschichte“ in unserem modernen, positiven und hoffnungsvollen Sinn verdient.

I have dreamt in my life, dreams that have stayed with me ever after, and changed my ideas; they have gone through and through me, like wine through water, and altered the color of my mind. And this is one: I’m going to tell it – but take care not to smile at any part of it.

Forster+MauriceAbseits dieser vielbegangenen Wege zumindest noch eine weniger offensichtliche Wahl. E. M. Forster kann man auch zu den vielen großartigen, klassischen englischen Autoren zählen, bei denen sich Liebe und Leidenschaft unter zugehaltenem Deckel (oder zumindest nach Ende des Romans) abspielt. Sein 1913 entstandener und erst 1971 posthum veröffentlichter Roman Maurice lässt den Deckel fliegen – zumindest den Deckel, den Forster zeitlebens über seine mehr oder weniger heimlichen homosexuellen Neigungen gehalten hat. Das als literarischer Stoff so ewig attraktive insgeheime Sehnen, Zweifeln und Begehren hat in Maurice also noch eine zweite, gesellschaftlich sehr brisante Ebene, die umso brisanter wird, als dass zumindest einem der liebenden Männerpaare ein handfestes und vielversprechendes Happy End vergönnt wird. Forster ist wie Austen ein Meister der Reduktion, des Weglassens und des Schweigens – was die emotionale Intensität der zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Figuren für mich nur umso bewegender, und die gelegentlichen Ausbrüche umso mitreißender macht.

“I knew you read the Symposium in the vacation,“ he said in a low voice. Maurice felt uneasy. „Then you understand – without me saying more – “ „How do you mean?“ Durham could not wait. People were all around them, but with eyes that had gone intensely blue he whispered, „I love you.”

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