Gibt es noch Gentlemen unter den Profis?

Ich erinnere mich immer wieder gern an ein Ereignis zurück, dass meine Schreiberei von Rezensionen sehr geprägt hat.
1998 schickte ich Wolfgang Jeschke eine Rezension zu Shirley Jacksons Wir haben schon immer im Schloß gelebt. Jeschke war damals schon seit Urzeiten Redakteur des Science-Fiction- und Fantasy-Programms bei Heyne, und wenn es eine lebende Legende gab, dann war er es. Seine Besonderheit war, dass er seinen Einfluss sehr oft nutzte, genrefremde Texte, die wirklich nicht viel mit herkömmlicher Science Fiction oder Fantasy zu tun hatten, in das Programm zu schmuggeln. So jubelte er der Reihe literarische Romane unter, die nirgendwo richtig hinpassten: für den Mainstream zu abseitig und ungewöhnlich, für das Science-Fiction-Genre zu realistisch. Wir verdanken ihm zum Beispiel großartige Werke von Autoren wie Iain Banks, Christopher Priest und John Crowley. Auch Wir haben schon immer im Schloß gelebt war so ein Titel. Ein völlig realistischer Roman, der Science Fiction und Fantasy nicht ferner sein konnte.
Wolfgang Jeschke gab regelmäßig Das Science Fiction Jahr heraus, ein extrem fettes Jahrbuch mit ausschließlich Sekundärtexten, was es sonst nirgendwo gab und für das die besten Namen der Szene schrieben.
Meine Rezension hatte ich mit dem festen Willen geschrieben, in einem möglichst erkennbaren, leicht exzentrischen Stil daher zu kommen.
Ich bekam erstaunlich schnell Post vom Heyne Verlag. Wolfgang Jeschke persönlich schrieb mir, dass er die Rezension zu übertrieben künstlich fand und ich es doch bitte noch einmal versuchen solle. Ich schrieb meine Rezension komplett neu, diesmal ohne meinen natürlichen Schreibstil zu manipulieren, und Wolfgang Jeschke akzeptierte sie sofort. In den Folgejahren kaufte er kommentarlos jede meiner Rezensionen.

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2 Kommentare zu “Gibt es noch Gentlemen unter den Profis?

  1. Mir schrieb Jeschke auf eine Kurzgeschichteneinsendung als vielleicht Siebzehnjähriger mal zurück: „Ihr Anliegen in allen Ehren, aber die Geschichte muss erst noch erzählt werden.“
    Ich sage mir noch heute, wenn ich mich an die Überarbeitung einer Geschichte mache: „Dann mal gucken, ob du die Geschichte überhaupt schon erzählt hast!“
    Jeschke hat nie eine Geschichte von mir akzeptiert – für diese seine erste Ablehnung werde ich ihm ewig dankbar sein.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Katalysator, der: | litteratur.ch

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