Interview mit dem Verleger Joachim Körber zu „Amerika-Plakate“ von Richard Lorenz

Joachim Körber ist eine echte Institution in der Verlagswelt. Sein Verlag Edition Phantasia existiert seit dreißig Jahren und startete zunächst ausschließlich mit wohlfeilen streng limitierten Ausgaben prominenter Autoren. Das Verlagsprogramm umfasst inzwischen aber auch zahlreiche nicht-limitierte Bücher, darunter z.B. in deutschen Erstausgaben neuere Titel von Ray Bradbury, die nicht mehr bei Diogenes erscheinen sind. Relativ neu ist der Hardcover-Imprint kuk, der uns mit Amerika-Plakate von Richard Lorenz dieses Jahr einen herausragenden Roman beschert hat.

Körber
Foto: Hannelore Körber

FRAGE

Wenn ich mir vorstelle, Verleger zu sein und eines Tages ein Manuskript wie Amerika-Plakate im Briefkasten hätte … Wie war deine erste Reaktion auf den Roman?

JOACHIM KÖRBER

Also, zuerst einmal muss ich natürlich sagen, dass ich eine Menge Manuskripte bekomme, und die meisten davon sind leider wirklich schlecht. Fairerweise lese ich meist die erste Seite, das gibt einem schon einen Überblick, ob das eingereichte Manuskript was taugt. Wenn es stilistische und grammatikalische Mindestanforderungen erfüllt, lese ich noch etwas weiter, aber bei den meisten höre ich dann doch auf Seite zwei oder drei auf. Bei Amerika-Plakate habe ich schon auf der ersten Seite gemerkt, dass ich hier etwas auf dem Tisch habe, das es wert ist, genauer in Augenschein genommen zu werden, habe also weitergelesen und irgendwann festgestellt, dass ich schon auf Seite vierzig war! Ein Manuskript wie dieses bekommt man wirklich selten. Mich hat von Anfang an die sehr zarte, melancholische Grundstimmung angesprochen, natürlich auch die Tatsache, dass viel Popmusik drin vorkommt – die ja neben der Phantastik mein zweites großes Steckenpferd ist.
Es gibt eine Menge deutschsprachige Autoren, die – so sehe ich das jedenfalls – haben gute Ideen, sind aber keine überragenden Stilisten. Und es gibt einige wirklich herausragende Stilisten, die aber in manchen Fällen einfach nichts zu sagen haben. Amerika-Plakate vereinigt beides in sich, einen guten, durchdachten Schreibstil und eine schöne Geschichte. Ich bin froh, dass ich dieses erstaunliche Debüt veröffentlichen durfte und wünsche Richard Lorenz von Herzen Erfolg. Verdient hätte er ihn.

FRAGE

Glaubst du denn, dass Richard Lorenz eine realistische Chance auf Erfolg hat? Das, was er schreibt, ist nun wirklich sehr weit vom bestsellertauglichen Mainstream entfernt. Was würdest du ihm als erfahrener Verleger und Szene-Kenner raten, um das Größtmögliche an Erfolg für das Buch herauszuholen?

JOACHIM KÖRBER

Das ist eine gute Frage. Wenn ich recht informiert bin, hat Amerika-Plakate ja eine lange Odyssee durch verschiedene literarische Verlage hinter sich, deren Lektoren das Buch zwar allen sehr gefallen hat … aber keiner wollte es publizieren, da ihm niemand das Verkaufspotenzial zugetraut hat. Da habe ich es mit der Edition Phantasia natürlich sehr viel leichter. Ich muss zwar auch versuchen, mit meinen Büchern Geld zu verdienen, aber was meine Verkaufserwartungen angeht, liegt die Messlatte längst nicht so hoch wie in den großen Literaturverlagen oder gar den großen Publikumsverlagen, wo ja heutzutage, hat man manchmal den Eindruck, nichts mehr zählt als der Mammon. Ich muss kein Büro und kein Lager finanzieren, das mich jeden Monat Zehntausende kostet, und insofern bin ich schon mit deutlich geringeren Absatzzahlen zufrieden.
Dennoch muss ich natürlich sagen, dass das Buch tatsächlich „weit vom bestsellertauglichen Mainstream entfernt“ ist. Trotzdem war und bin ich der Meinung, dass man Literatur – und Kunst allgemein – nicht unbedingt ausschließlich nach kommerziellen Kriterien bemessen sollte. Ich entsinne mich, dass im Spiegel einmal jemand – ich meine, es war Hendryk Broder, bin aber nicht mehr sicher – schrecklich gegen die großen deutschen Theater und die Milliarden an Steuersubventionen gewettert hat, die sie verschlingen. Als Gegen- und Musterbeispiel führte er eine Aufführung des Weißen Rössl am Wolfgangsee auf, die irgendwo seit Jahrzehnten läuft und sich durch die Einnahmen trägt. Ich fand das einen ausgesprochen törichten Essay, denn ohne die Theatersubventionen würden wir dann irgendwann nur noch das Weiße Rössel oder Peter Steiners Theaterstadl zu sehen bekommen … und das kann ja wohl niemand ernsthaft wollen.
Mit der Literatur verhält es sich nicht anders. Darum bemühe ich mich, Bücher zuerst einmal nach literarischen Kriterien zu bewerten, und wenn mich ein Buch so packt wie Amerika-Plakate, dann mache ich es. Und wenn, dies als abschließende Bemerkung, ein kleiner Verlag wie meiner sagen kann, dass er ein Buch macht, auch wenn er am Ende vielleicht ein wenig draufzahlt, weil sich das angesichts stabiler Backlistumsätze dennoch irgendwie rechnet, dann sollte das einem großen Verlag, der Millionen umsetzt, an sich zweimal möglich sein.

FRAGE

Wie lief die Zusammenarbeit mit Lorenz ab? Hast du einfach sein Manuskript lektoriert und veröffentlicht oder gab es Gespräche und Diskussionen bezüglich des Textes?

JOACHIM KÖRBER

Da muss ich den Autor zuerst einmal loben … das Manuskript war nahezu perfekt, wie ich es bekommen habe. Das Lektorat hat sich hier tatsächlich mehr oder weniger darauf beschränkt, ein paar Tippfehler auszubügeln und einige Wortwiederholungen und dergleichen auszumerzen. Aber natürlich habe ich alle Änderungen mit dem Autor entweder per E-Mail oder am Telefon diskutiert.

FRAGE

Habt ihr euch persönlich kennengelernt oder ist Amerika-Plakate ein reiner E-Mail-Deal?

JOACHIM KÖRBER

Persönlich kennengelernt haben wir uns bisher leider noch nicht … es war tatsächlich zuerst einmal ein reiner E-Mail-Deal. Als ich dann gesagt habe, dass ich das Buch definitiv herausbringen werde, haben Richard Lorenz und ich gelegentlich telefoniert, was wir bis heute machen – und natürlich stehen wir über Facebook in Kontakt. Persönlich kennenlernen werde ich ihn hoffentlich im Dezember, wenn er mit dem Schauspieler und Autor Gregor Weber eine Lesung in München veranstaltet, die ich besuchen möchte.

FRAGE

Können wir unter dem kuk-Imprint zukünftig mit weiteren derartigen Entdeckungen rechnen?

JOACHIM KÖRBER

Das kommt darauf an – wenn ich wieder ein ähnlich gutes Manuskript bekomme, warum nicht? Ich bekomme ja schon eine ganze Menge Manuskripte angeboten, aber das meiste davon, muss ich leider sagen, taugt herzlich wenig. Und man muss auch weiter bedenken, dass ein winziger Ein-Mann-Verlag wie ich natürlich kaum finanziellen Spielraum für Werbung usw. hat, wodurch es einigermaßen schwer ist, neue, unbekannte Autoren am Markt zu etablieren. Dennoch, wie gesagt: Wenn mich wieder einmal ein Text so packt, warum nicht?

FRAGE

Was das Etablieren unbekannter Autoren am Markt anbelangt, widerspricht das merkwürdigerweise den Erfahrungen, die ich mit meinem Blog dandelion gemacht habe. Meine Rezension zu Amerika-Plakate hatte am ersten Online-Tag ca. die vierfache Klickrate als z.B. meine Besprechung zu Das Haus mit den sieben Giebeln von Nathaniel Hawthorne, das bei Manesse erschienen ist. Wenn man das als Maßstab nimmt, müsste ja Manesse deutlich weniger verkaufen als du. Kannst du dir das erklären?

JOACHIM KÖRBER

Das rührt jetzt an eine ganz grundsätzliche Diskussion, die ich ständig mit Autoren und Kollegen führe. Meiner Meinung nach ist das mit den Internet eine zwiespältige Sache. Grundsätzlich sagt die Anzahl von Klicks natürlich nichts über den kommerziellen Erfolg von etwas aus. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen: Wenn ich für ein Buch eine Besprechung in einem großen, meinungsbildenden Printmedium bekomme, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ usw., dann gehen in den Tagen danach die Verkaufszahlen durch die Decke. Bei Besprechungen im Internet passiert meistens rein gar nichts … jedenfalls nicht unmittelbar. Manesse wird mit Sicherheit mehr Bücher verkaufen als ich, aber wir haben es hier auch mit zwei verschiedenen Dingen zu tun: Das Haus mit den sieben Giebeln ist ein Klassiker, und die ernten – das ist eine Branchenerfahrung – meist nicht dasselbe Interesse wie Neuerscheinungen. Amerika-Plakate ist natürlich im Moment durch die für mich erstaunlich große Zahl sehr überschwänglicher Rezensionen sehr viel präsenter als ein Autor wie Hawthorne. Das geht aber – wiederum aus meiner Erfahrung – vorüber … leider. Klassiker wie Hawthorne, Lovecraft usw. sind etabliert und werden immer irgendwie präsent sein, während neue Autoren, auch wenn sie vorübergehend ein hohes Maß an Aufmerksamkeit generieren, doch leider oft auch wieder verschwinden. Ich hoffe, dieses Schicksal bleibt Richard Lorenz erspart.

FRAGE

Welche Bücher aus dem Gesamtprogramm der Edition Phantasia kannst du den Lesern empfehlen, denen Amerika-Plakate gefallen hat?

JOACHIM KÖRBER

ALLE! Nein, das war natürlich ein Scherz. Aber ich würde sagen, wer Ray Bradbury schätzt, der dürfte Amerika-Plakate mögen, also kann ich die Bücher von Bradbury in meinem Programm durchaus empfehlen. Und mit den literarisch ebenfalls recht anspruchs- und gehaltvollen Titeln von Stefan Blankertz wäre man wohl auch nicht schlecht beraten, obwohl Dein Name sei Menschenfischer natürlich keine Phantastik ist.

FRAGE

Könntest du dir vorstellen, bei passenden Randbedingungen ein weiteres Buch von Richard Lorenz zu publizieren?

JOACHIM KÖRBER

Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Sein Kinderland ist ja bisher „nur“ als E-Book-Serie erschienen … und wie man weiß, sind E-Books ja keine richtigen Bücher. [lacht] Nein … ehe jetzt ein Sturm der Entrüstung losbricht, auch das war ein Scherz! Trotzdem … davon eine schöne Print-Ausgabe wäre denkbar.
So paradox es vielleicht erscheinen mag, aber an sich wünsche ich Richard Lorenz natürlich, dass er es bald gar nicht mehr nötig hat, in einem Verlag wie meinem zu veröffentlichen, sondern einen großen Verlag findet, der mehr finanzielle Power im Rücken hat und ihm und seinen zukünftigen Büchern die Publikumsaufmerksamkeit sichern kann, die sie verdient hätten!

FRAGE

In diesem Fall bestünde aber die Möglichkeit, dass Richard Lorenz von genau so einem Verlag versaut, sprich kommerzialisiert wird.

JOACHIM KÖRBER

Die Gefahr besteht natürlich. Letztendlich kommt es dabei aber in erster Linie auf den Autor an und in welchem Maße er sich kommerzialisieren lässt. Ich habe vor Jahren einmal einen Werkstattbericht gelesen, wie ein Lektor eines großen, angesehenen Literaturverlages sich das Manuskript eines deutschen Autors (ich will hier keine Namen nennen, aber er ist durchaus ein „Darling“ des Feuilletons und im Literaturbetrieb sicher kein ganz Unbekannter) vorgenommen und dem Autor diktiert hat, was er wie zu ändern und umzuschreiben hätte. Am Ende kam ein Buch heraus, das kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Manuskript zu tun hatte. Ich fand das ziemlich grässlich; es wurde unter dem Motto veröffentlicht, „wie Literatur entsteht“, und es kam so rüber, als wären die Literaten ja ohne ihre Lektoren gar nichts. Ich hätte mir so gravierende Eingriffe in meinen Text jedenfalls nicht gefallen lassen … und dann auch noch stolz Auskunft darüber gegeben. Ich weiß aus Gesprächen mit Richard Lorenz, dass er Angebote einiger Literaturverlage hatte, das Buch zu veröffentlichen … wenn er dies oder das umschreiben, das ganz rausnehmen und dafür mehr von dem da einfügen würde. Er ist stur geblieben und hat diesen Versuchungen widerstanden, und ich denke, das wird ihm auch weiterhin gelingen – hoffe ich. Natürlich muss man ab und an Kompromisse machen, und es ist sicherlich so, dass Lektoren, die einem Text distanzierter gegenüberstehen als man selbst, einem wertvolle Tipps geben können … aber ein Buch, das der ursprünglichen Absicht mehr oder weniger diametral entgegengesetzt ist, sollte dabei nicht rauskommen. [grinst]

Homepage der Edition Phantasia

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3 Kommentare zu “Interview mit dem Verleger Joachim Körber zu „Amerika-Plakate“ von Richard Lorenz

  1. Hallo Frank,
    an dieser Stelle vielen Dank für die Mühe, die du dir um den Roman Amerika-Plakate mit Buchvorstellung und zwei Interviews gemacht hast. Da mir Joachim Körber durch seine Übersetzungen von früheren Stephen King- Werken kein Unbekannter ist, habe ich vor allem dieses Interview mit großem Interesse gelesen und bin nun wieder auf seinen Verlag gestoßen, dessen Programm ich mir mal genauer anschauen werde.
    Den Roman von Richard Lorenz werde ich mir wohl auch mal zu Gemüte führen. Es klingt auf jeden Fall nach einem ansprechenden und interessanten Werk.
    Viele Grüße,
    Marc

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Marc,
      meine Möglichkeiten mit „dandelion“ sind zwar sehr begrenzt, aber es war mir ein Herzenswunsch, alles dafür zu tun, dass dieser bemerkenswerte Roman etwas mehr Aufmerksamkeit erfährt.
      Viele Grüße
      Frank

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