Interview mit Richard Lorenz

Mit Richard Lorenz hat ein Ausnahmetalent die Buchwelt betreten. Sein erster Roman Amerika-Plakate ist im Frühjahr bei kuk, einem Imprint der legendären Edition Phantasia, erschienen und zeigt einen Autor, dessen Phantasie keine Grenzen zu kennen scheint.

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Copyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Für mich bist du mit Amerika-Plakate wie aus dem Nichts auf der Literatur-Bildfläche erschienen. Wie sieht deine Schriftsteller-Vita bis zur Veröffentlichung dieses Romans aus?

RICHARD LORENZ

Eigentlich habe ich keine klassische Autoren-Vita. Zwar habe ich immer wieder veröffentlicht, jedoch ausschließlich Short-Storys. Angefangen vor zwanzig Jahren, zu Beginn stark geprägt von Stephen King. Vor zwanzig Jahren jedoch galt King noch als Schundliteratur, die in Bahnhofskiosken verkauft wurde.
Von Zeit zu Zeit habe ich bei Printmedien, also Tageszeitungen, publiziert. 1996 dann eine Short-Story-Sammlung bei einem Druckkostenzuschuss-Verlag, da man damals noch nicht wirklich gut informiert war und das Angebot verlockend war. Diese Sammlung ist heute nicht mehr erhältlich – verkauft haben sich davon vielleicht eine Handvoll Exemplare.
Verlage waren mir eigentlich immer relativ suspekt, gerade im Zeitalter vor dem Internet, mit der geringen Möglichkeit nach kleinen Verlagen zu suchen. Jahrelange Wartezeiten auf ein belangloses und unpersönliches Antwortschreiben. Deshalb wollte ich tatsächlich auch nicht publizieren. Die Branche war mir zu merkwürdig. Also habe ich weiterhin einfach nur geschrieben und zwei-, dreimal im Jahr Lesungen veranstaltet.
Vor Amerika-Plakate habe ich ausschließlich für mich geschrieben. Kurzgeschichten und Novellen. Und natürlich Lesungsprogramme. Das letzte war schließlich Amerika-Plakate. Aber das hat natürlich auch einen Vorteil. Man lernt die eigene Sprache besser kennen, und man findet schließlich auch die ganz eigenen Themen. Unabhängig vom Literaturmarkt. Meiner Meinung einer der größten Fehler der aktuellen Literatur-Szene: Die Anpassung.

FRAGE

Hast du denn keine Bedenken, dass auch dir diese Anpassung irgendwann droht? Gerade Amerika-Plakate strahlt für mich im besten Sinne diese positive Anarchie aus, die guten Erstlingsromanen manchmal zu eigen ist. Glaubst du, du wirst noch genauso frei schreiben können, wenn du erst einen festen Verlag und eine feste Leserschaft im Nacken hast?

RICHARD LORENZ

Das ist tatsächlich eine sehr interessante Frage, die ich natürlich auch von Amerika-Plakate her kenne. Die „Glättung“ des Romans. Einige größere und große Verlage haben durchaus Interesse an dem Roman bekundet – jedoch mit Einschränkungen. Zu phantastisch, zu merkwürdig, zu unnormal, zu sprunghaft. Alles das. Vermutlich hätte man sich mit einem dieser Verlage einigen können, denke ich mal. Aber nicht nur, dass ich das nicht wollte, vielmehr konnte ich es auch gar nicht. Die Grundstimmung des Romans ist phantastisch, magischer Realismus. Was auch immer. Daraus einen Günter-Grass-Roman zu machen, wäre durchaus schwierig gewesen.
Ich bin ja kein Genre-Schreiber. Ich erzähle Geschichten und bediene mich deren Elemente. Deshalb trifft auf Amerika-Plakate der Begriff Phantastik auch nur begrenzt zu – und wenn, dann im Sinne eines Ken Keseys.
Tatsächlich glaube ich, man sollte die Geschichten schreiben, die man in sich trägt, und nicht die Geschichten, die das Publikum hören möchte. Gerade durch den neuen Boom des Self-Publishing entsteht jener Eindruck: Schreibe, was sie lesen wollen, und du bist ein gemachter Mann. So etwas ängstigt mich. Denn dann wird es keine innovativen Bücher mehr geben. Nehmen wir zum Beispiel Forellenfischen in Amerika von Richard Brautigan. Diese Texte sind so abseitig und wundervoll gleichzeitig, dass sie überstehen. Weil sie wichtig waren und immer noch sind. Heute lese ich in Bücher-Foren, dass sie Bradburys Fahrenheit 451 für langweilig halten oder nicht verstehen. Aber Literatur muss nicht immer nur anspruchsvoll sein, sondern sie muss vor allem mutig sein.
Persönlich glaube ich, dass man meine Texte zwar glätten kann, aber sie von der Grundstruktur, von der Erzählung, immer abseitig bleiben. Diesen Anspruch habe ich. Abseitige Figuren in abseitigen Situationen. Magie, kein billiger Zauber.
Außerdem bin ich kein junger Autor mehr, was vermutlich ein Vorteil ist. Würde ich etwas schreiben sollen, was mir nicht gefällt, dann würde ich es lassen und wieder nur für mich schreiben. Was soll‘s? Denn wenn man eines bei der Arbeit mit Sterbenden lernt, dann wohl, dass man Dinge nicht mehr abändern kann. Und dass man gefälligst seinen Weg gehen soll.

FRAGE

Der Tod ist ja allgegenwärtig in Amerika-Plakate. Ich habe ihn aber in deinem Roman so verstanden, dass die Grenzen zwischen Leben und Tod fließend sind und die Toten auf die ein oder andere Art – z.B. durch Träume und Erinnerungen – trotzdem fortleben. Das hat etwas Tröstliches, was auch der Roman nach meinem Empfinden eindeutig an die Leser transportierst. Du hattest beruflich mit dem Tod zu tun?

RICHARD LORENZ

Ja, und ich denke, der Tod ist nichts Endgültiges. Damit meine ich jetzt nicht einmal das Himmelreich, sondern vielmehr, dass von jedem Menschen etwas zurückbleibt. Gedanken, Erinnerungen, Träume, Pläne. Eine Melange. Der Tod ist ein zentrales Thema, weil ich glaube, dass wir danach unser Leben ausrichten. Gewollt oder ungewollt. Wir haben Angst davor, und diese Angst treibt den Menschen an. Das Sterben ist der Motor des Lebens, würde ich sagen.
Beruflich hatte ich mit dem Sterben zu tun, natürlich. In der Krankenpflege, später dann im onkologischen Bereich, ist der Tod dein Schatten, in dem Gespenster tanzen. Das Leben verliert seine Konturen, wenn man Sterbende begleitet. Nichts mehr hat Bestand, und zu Recht sagt Thomas Bernhard diesbezüglich: Alles ist lächerlich.
Sämtliche Bemühungen, ein genormtes Leben zu leben, wirken bei der Zerbrechlichkeit des Seins merkwürdig und abseitig. Ich persönlich glaube nicht an Bücher wie: Wünsche von Sterbenden. Das ist billiger Budenzauber. Ihre Wünsche sind einfach: Keine Schmerzen und ein würdevolles Sterben.
Und manchmal erzählen sie von zu Hause. Und meistens sind das bessere Geschichten, als sie jemals in einem Buch zu finden sind.

FRAGE

Du hast bereits erwähnt, dass du mit Amerika-Plakate künstlerische Differenzen mit diversen Verlagen hattest. Wie bist du vorgegangen, als du fertig mit Schreiben warst, und wie bist du letztendlich bei kuk gelandet?

RICHARD LORENZ

Man muss vermutlich wissen, dass Amerika-Plakate grundsätzlich eine Kurzgeschichte ist. Ausgelöst durch ein Erlebnis in meiner Kindheit, als ein Nachbarsjunge und gleichzeitig Freund tatsächlich aus dem Fenster gesprungen und dabei irgendwie die Zeit stehen geblieben ist. Ein Sommertag mit hellblauen Sommerhimmel. Darüber wollte ich schreiben. Auch über die Affinität zu Amerika – aber eher dem Film-Amerika. Dem Amerika, wie man es sich als Kind vorstellt, wenn die Nächte lang sind.
Es entstand also die Kurzgeschichte, und eines Abends sah ich mir Bloch an, mit Dieter Pfaff. Eine der frühen Folgen mit Katharina Wackernagel als Tochter. Plötzlich hatte ich den Wunsch, sie zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, die Short-Story als Audio-Geschichte einzusprechen. So schrieb ich ihre Agentur an, und wir wurden uns relativ schnell einig. Daraus entstand ein wundervoll eingesprochenes Projekt.
Völlig naiv dachte ich 2012, eine Literaturagentur könnte sich darum kümmern, dass diese Audio-Geschichte im Radio laufen würde. Stattdessen waren sie an einem Roman interessiert, und so versuchte ich mich an meiner ersten längeren Geschichte, basierend auf der Kurzgeschichte. Nach vier Monaten war der Roman dann fertig, und es war von vornherein klar, dass es damit schwierig werden könnte. Zeitsprünge, phantastische Elemente, all diese Sachen. Zudem konnte man Amerika-Plakate nicht so einfach einem Genre zuordnen, was ja scheinbar das Wichtigste überhaupt ist.
Dennoch waren einige Verlage daran interessiert, machten es aber dann doch nicht. Zu verkopft, zu merkwürdig, zu eigenartig. Wer soll das kaufen, wer soll das lesen? Gleichzeitig jammerten jedoch diese Verlage immer wieder, dass es an innovativer Literatur fehlen würde. Und vom Untergang des literarischen Abendlandes.
Eine Zeitlang sah es tatsächlich so aus, als würde Amerika-Plakate nicht bei einem Verlag erscheinen können. Anfang 2013 schrieb ich dann die Edition Phantasia an, da ich diesen kleinen Verlag immer schon sehr gerne mochte. Joachim Körbers Publikationen sind großartig, wenngleich ich mir nicht ganz sicher war, ob er diese Art Literatur machen würde. Nachdem ich ihm das gesamte Manuskript via email geschickt hatte, dauerte es dann nicht mehr lange. Körber war tatsächlich der erste Verleger, der gesagt hat: Das will ich machen, genau so. Für diesen Mut sollte man ihm einen Orden verleihen, finde ich. Oder ihn zum Ritter schlagen.

FRAGE

Joachim Körbers Verlag hat ja eine Jahrzehnte lange Tradition als Verlag für ausgesuchte phantastische Literatur. Wie wurde Amerika-Plakate denn bisher aufgenommen? Ich könnte mir vorstellen, dass bisher eher Leser und Rezensenten phantastischer Genres auf dich aufmerksam geworden sind – obwohl ich die Erfahrung gemacht habe, dass gerade sie zu den tolerantesten Buchkonsumenten überhaupt zählen.

RICHARD LORENZ

Pressearbeit gestaltet sich ja, wie man weiß, als sehr schwierig. Das heißt, um an Kultur-Reaktionen zu kommen, bedarf es Geduld und Mühe. Ohne großen Verlag im Rücken mit Hunderten von Freiexemplaren wird es schwierig – vor allem, wenn es sich nicht um Genre-Romane handelt. Hier helfen auch kaum Leserunden oder Facebook-Werbung. Der Markt ist völlig überschwemmt, leider.
Die Reaktionen waren bisher sehr positiv, wenn auch noch nicht sehr zahlreich. Auch hier scheint es für die Leute schwierig, da sie den Roman nicht zuordnen können. Was ist es nun? Gegenwartsliteratur, phantastische Literatur, magischer Realismus? Wer kann das schon so genau sagen? Für mich ist es einfach eine gute Erzählung. Nicht mehr, nicht weniger.
Natürlich hoffe ich weiterhin, dass der Roman auffallen wird.

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Copyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Welche literarischen Vorbilder hast du? Nach Lektüre von Amerika-Plakate würde ich insbesondere auf Ray Bradbury und Paul Auster tippen. Was ich dabei aber bemerkenswert finde, ist, dass du eine völlig eigene Stimme hast. Ich behaupte, aus einem Stapel Neuerscheinungen würde ich dich ohne Probleme heraushören.

RICHARD LORENZ

Hier wird es schwierig, die Frage konkret zu beantworten, denn die Vorbilder sind eigentlich vielmehr Wegweiser dafür, wie eine gute Geschichte funktionieren kann, wenn sie das Zwielicht streift. Bradbury ist natürlich für mich ein zentraler Autor. Fahrenheit 451, Die Mars-Chroniken, auch seine Short-Stories. Wie Paul Austers Geschichten sind sie immer voller Liebe und Hoffnung. Das gefällt mir. Die New-York-Bücher von Auster – wundervoll. Vor allem „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“, eine kurze Episode, die mich beeindruckt hat und es immer noch tut.
Aber auch Autoren wie Truman Capote mit seinen Beschreibungen oder Friedrich Ani, der für mich einen der besten deutschen Autoren darstellt. Stephen King natürlich, vor allem mit seinen untypischen Erzählungen. Frühling, Sommer, Herbst und Tod – für mich eines seiner besten Bücher.
Michael Chabon mit seinen Wonderboys oder T. C. Boyle. Neil Gaiman, der immer noch viel zu wenig Beachtung findet.
Ich mag Autoren und Bücher, die anders sind. Im positiven Sinne abseitig. Die mein Herz oder meine Seele berühren, die einen ganz eigenen Soundtrack inne haben. Diese Eigenschaft sollte gute Literatur immer haben – wenngleich das natürlich nicht immer die breite Masse anspricht. Vom Gefühl her gibt es in Deutschland kaum diese Nischen-Literatur, obwohl sie alle davon sprechen. Ich sehe ausschließlich Mainstream-Varianten, stapelweise auf Büchertischen. Als wäre Literatur nur noch billige Lift-Musik. Deshalb stehe ich auch dieser „Demokratisierung der Literatur“-Bewegung eher skeptisch gegenüber.
Wer schreibt, sollte meiner Meinung nach viel gelesen haben und weiterhin viel lesen. Von Büchern habe ich gelernt. Heutzutage gibt es ja überall Schreibwerkstätten und Workshops, und ich weiß tatsächlich nicht, was ich davon halten soll. Natürlich ist Schreiben ein Handwerk, so wie das Zaubern ein Handwerk ist. Aber dahinter gibt es noch etwas, und das kann man nicht erlernen.

FRAGE

Insbesondere mit Paul Auster teilst du ja eindeutig eine herzliche Zuneigung zu den Gestrauchelten…

RICHARD LORENZ

Paul Auster hat in der Tat einen wundervollen Blick auf die Gefallenen. Jene, die meist im Schatten des Lebens stehen. Ebenso wie Billy Wilder in seinen Filmen. Anti-Helden und Verlorene als Kontrast für ein Leben, das wir nicht verstehen.
Leibrand ist so angelegt. Ein Mann, der sich im Leben nicht wirklich zurecht findet, jedoch vermutlich das Leben atmet. Solche Menschen sind weitgehend Einzelgänger. Suchende. Diese Suche impliziert natürlich eine ständige Auseinandersetzung mit dem Leben. Für einen gut verdienenden Bankangestellten stellt sich selten die Frage nach dem Sein. So brauchen wir Zerbrochene, um das Leben zu verstehen. Deshalb haben wir vermutlich auch Probleme mit Obdachlosen und Bettlern, mit all den Gestrandeten. Sie zeigen uns die andere Seite des Lebens, und dass es ein schmaler Grat ist. Ein Abgrund, an dem wir alle stehen.
Solche Menschen sind so nahe am Leben, dass sie mich stark beeindrucken. Krankheiten und Tod der ständige Begleiter. Was passiert, wenn man nichts mehr zu verlieren hat? Das ist eine zentrale Frage, die wir uns stellen sollten. Und: Was bleibt, wenn wir alles verlieren?

FRAGE

Sämtliche Schrecken, die die Protagonisten in Amerika-Plakate heimsuchen, haben ihren Ursprung in der Kindheit. Der kindliche Kuss zwischen Leibrand und Suzanne stellt die Weichen für mindestens zwei Leben. Bist du ein Mensch, der die Kindheit stets mit sich herumträgt? Viele Menschen scheinen diese Zeit als Erwachsene ja völlig vergessen bzw. verdrängt zu haben.

RICHARD LORENZ

Um das Leben zu verstehen, ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, jene Dinge in Gewahrsam zu halten, die uns als Kind geängstigt haben. Oder von denen wir geträumt haben. Nur so kann eine stetige Neu-Orientierung passieren. Ich glaube, als Kind sieht man das Leben wie eine riesige Landkarte mit unzähligen Straßen und Wegen, mit geheimnisvollen Plätzen und magischen Orten. Je älter man wird, desto kleiner wird diese Landkarte und die Magie verschwindet. Für Kinder zählen andere Werte als materielle Dinge – jedenfalls die meiste Zeit. Später scheinen wir die Hoffnungslosigkeit des Seins mit Wohlstand und Sicherheit abdecken zu wollen.
Tatsächlich entspringt der Schrecken in der Kindheit, prägt uns. Sämtliche Eindrücke sind als Kind hell, beinahe grell und nahe. Der Himmel ein Baldachin, zum Greifen nahe. Alles das verlieren wir auf eine Art und Weise, von einem Tag auf den anderen, wenn wir aufwachen und erwachsen sind. Eigene Kinder bringen dieses Gefühl zurück. Die Ängste vor der Dunkelheit, die Hoffnungen eines unendlichen Sommertages.
Ich selbst bin auf dem Land aufgewachsen, die RAF-Gespenster noch an jeder Ecke stehend. Der Vater dem Alkohol zugeneigt, die anderen Kinder oftmals bösartige Figuren. Es entstehen Geschichten, die man sich selbst erzählt. Die man sich vorbetet wie ein Vater-Unser, um nicht zu ersticken.
Dennoch: Die Sommer waren nie länger und die Grillen nie lauter. Wie sollte man das je vergessen können?

FRAGE

Genauso wie man die erste Liebe ein Leben lang wie eine für niemanden sichtbare Tätowierung in sich trägt?

RICHARD LORENZ

Jene Unsichtbarkeit von Wunden, Verletzungen sind ein interessantes Thema. Jeder von uns trägt diese Dinge in sich. Manchmal sind diese Schnittstellen wie ein Leuchtfeuer. Ob es nun die erste Liebe ist oder das Sterben eines Kindes – wir tragen es mit uns. Fabrizieren ein Traumgeäst darum.
Begegnungen sind allgemein ein starkes Thema eines jeden Geschichtenerzählers. Bindungen und Schwankungen. Aus Liebe entsteht Hass, solche Dinge.
Erzählungen wachsen aus diesen Leuchtfeuern, damit wir sie verstehen können. Oder damit wir sie niemals vergessen.
Leibrand erging es mit Suzanne so. Ein Kuss auf dem Jahrmarkt und eine lebenslange Suche nach dem Mädchen. Es hat etwas Zerbrechliches an sich, aber auch etwas Mutiges. Den Spuren weiter folgen, den Atem nach den Träumen ausrichten. Das sind große zentrale Themen, die einhergehen mit Schuld, Sühne und Erlösung.

FRAGE

Vier Monate für die Erweiterung von der Kurzgeschichte zum Roman Amerika-Plakate finde ich sehr schnell angesichts des sprachlich sehr anspruchsvollen Textes. Fällt dir das Schreiben in dieser Qualität generell leicht?

RICHARD LORENZ

Sobald ich den Sound einer Geschichte gefunden habe, fällt es mir relativ leicht, zügig zu schreiben. Wobei ich mich nur vage an ein Exposé halte, wenn überhaupt. Eine Geschichte zu „plotten“ stört mich persönlich ungemein, wird meiner Meinung nach auch überschätzt. Diesbezüglich gefällt mir auch das Absurde, wenn in Raymond Chandlers Romanen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, weil sie schlichtweg vergessen wurden. So etwas ist mir sehr sympathisch, denn es zeigt den Atem eines Buches.
Heutige Bücher könnten auch von Robotern geschrieben worden sein. Nicht alle, aber viele. Gerade im Genre-Bereich – sie sind so blank gescheuert wie ARD-Sonntagsfilme.

FRAGE

Obwohl ich bei Amerika-Plakate schon den Eindruck habe, dass du die Handlung bereits von Anfang an im Kopf hattest. Bereits auf den ersten Seiten finden sich Echos späterer Ereignisse.

RICHARD LORENZ

Das stimmt. Da ich Erzählungen oft überarbeite, achte ich auf diese Dinge. Kleinigkeiten, die sich dann letztendlich einfügen und eine Geschichte abrunden. Für mich ist es natürlich schon wichtig, dass ein Roman schlüssig bleibt – egal wie abseitig oder absurd er auch sein mag.
Bei Amerika-Plakate wusste ich natürlich bereits den Schluss, jedenfalls Leibrands Ende der Geschichte. Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn man bereits eine Vorahnung über den Schluss hat. Vieles in Amerika-Plakate wurde aber auch nur angerissen, vage gezeichnet. Phantastische Elemente können ganz schnell entzaubert werden, sobald man versucht sie zu erklären. Letztendlich gilt das vermutlich für die meisten Elemente eines Romans. Natürlich sollte man wissen, wovon man schreibt – aber man sollte nicht versuchen, alles zu erklären.
Vieles jedoch ist erst beim Schreiben entstanden, was ich eigentlich sehr gerne mag. Den Überraschungsmoment, wenn Dinge geschehen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ich denke, als Leser merkt man sehr schnell, was geplant wurde und was nicht. Bei Stephen King zum Beispiel merkt man es sehr stark.
Ich mag dieses Jazz-Gefühl, wenn eine Erzählung kurz aus dem Ruder läuft und sich dann aber wieder zusammenfindet. Sicherlich keine sehr einfache Angelegenheit, denn natürlich kann so eine Tagesarbeit in einer Sackgasse enden. Aber sie kann eben auch zurückführen zur Hauptstraße oder wenn man sehr viel Glück hat auf einen unbefahrenen Weg voller Löwenzahn.

FRAGE

Wie können wir uns einen typischen Tag im Leben des Schriftstellers Richard Lorenz vorstellen?

RICHARD LORENZ

Hoffen und beten, sozusagen.
Ich arbeite an neuen Projekten, also schreibe ich natürlich jeden Tag. Meistens am Nachmittag bis zum frühen Abend.
Letztendlich habe ich es mir zwar sehr beschwerlich vorgestellt, jedoch nicht so steinig. Nicht das Schreiben an sich, sondern vielmehr die Literatur-Welt. Nach wie vor ist diese Parallelwelt befremdlich für mich. Lesungen zu organisieren wird immer mehr zu einem Schattenboxen.
Wenn ich mir anschaue, welche Autoren heute bei großen Verlagen literarische Erzählungen publizieren, sehe ich kaum eine Möglichkeit für mich. Das soll kein Vorwurf sein, es sind bestimmt sehr gute Bücher. Aber ihre Biographien unterscheiden sich doch gewaltig von meiner eigenen. Die Zeiten eines Bukowskis, der aus der Gosse heraus wunderbare Gedichte publizierte, sind vorbei. Einen Überraschungs-Erfolg zu platzieren scheint fast unmöglich.
So sieht mein Tag aus: Nach einem Mausloch zu suchen, dahinter die Möglichkeit, bescheiden das tun zu dürfen, was man möchte. Aber wer kann das schon?

FRAGE

Was können wir neben Amerika-Plakate noch von dir lesen? Gibt es noch veröffentlichte Kurzgeschichten?

RICHARD LORENZ

Es gibt zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte. Versteckt in Telefonbüchern der Städte, vergraben auf Friedhöfen, mit Kreide an Häuserwänden geschrieben. Unter der Tapete meines Arbeitszimmers geklebt warten 47 Kurzgeschichten.
Die Gespenster kennen sie alle.

FRAGE

Es gibt da die elektronische Fortsetzungsgeschichte Kinderland. Kannst du uns bitte etwas darüber erzählen?

RICHARD LORENZ

Kinderland wurde als Serial-Novel konzipiert, die bei einem Münchner ebook-label herausgekommen ist. Fortsetzungs-Romane haben mir immer sehr imponiert.
Letztendlich ist Kinderland eine Erzählung um das Aufwachsen in einer kleinen Stadt, in der Kinder verloren gehen, vergessen werden. Es hat mich gereizt, etwas zu erzählen was im direkten Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Dachau steht. Und dem Vergessen von Träumen und Traum-Episoden.
Kinderland ist im Gegensatz zu Amerika-Plakate eher eine Weitwinkel-Aufnahme mit vielen Figuren mit Anleihen einer Tim-Burton- Erzählstruktur. Natürlich wird so etwas sofort kategorisiert, in diesem Fall: Mystery. Damit kann ich mich aber bis heute nicht wirklich anfreunden.

FRAGE

Du hast nach Amerika-Plakate bereits einen neuen Roman, Frost, Erna Piaf und der Heilige geschrieben. Wie ist der aktuelle Status dieses Werkes?

RICHARD LORENZ

Zum aktuellen Status kann ich mich nicht äußern, weil noch alles in der Schwebe ist. Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn das Buch seinen Weg finden würde. Denn ich glaube, es ist eine schöne Geschichte vom Leben und vom Sterben. Und von einer Suche, die in Paris endet.

FRAGE

Woran arbeitest du zur Zeit?

RICHARD LORENZ

Zur Zeit arbeite ich an einer weiteren literarischen Erzählung über einen Schriftsteller, der auch Salinger hätte sein können. Also verschroben, aus dem Leben gefallen. Salinger ist ja eine hochinteressante Persönlichkeit, und die Weigerung zu publizieren, finde ich äußerst sympathisch. Solche Figuren fehlen heute sehr, wie ich finde.
Wer weiß, vielleicht wird das sogar mein letzter Roman – also jedenfalls der letzte, der den Weg nach außen sucht. Weiß Gott, vielleicht tue ich es dann dem Protagonisten des aktuellen Romans gleich und schreibe nur noch für die Gespenster, die nachts an mein Bett kommen. Denn wir müssen alle unsere Wege gehen, und manche Wege sind mit der Zeit unpassierbar geworden.

Homepage von Richard Lorenz

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5 Kommentare zu “Interview mit Richard Lorenz

  1. In diesem Interview wurden viele Sätze gesagt, die mir aus der Seele gesprochen haben, eins von vielen Beispielen: Tatsächlich glaube ich, man sollte die Geschichten schreiben, die man in sich trägt und nicht die Geschichten, die das Publikum hören will …
    Danke für Inspiration und Ermutigung
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  2. Manchmal seh ich dich, weiss nicht was ich sagen soll, der Atem stockt, nicht Hass nur tausend FRAGEN oder doch nur eine, keine ,verschroben halt, hab mich im GRiff und doch dann und wann kommen die Geister in der Nacht.
    Ich wünsche DIR von Herzen alles Gute, möge all‘ das Gelingen das du dir vornimmst.

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