[Rezension] Elizabeth Bowen – Die kleinen Mädchen

Originalveröffentlichung:
The Little Girls (1964)

Little_Girls

Es mag sich absurd anhören, aber es gibt Romane, die so gut sind, dass sie nur mit Hilfe von Fürsprechern wie z.B. wohlgesonnenen Literaturkritikern überhaupt eine Chance haben gelesen zu werden. Ein solches Buch ist The Little Girls von Elizabeth Bowen. Allein der Bekanntheitsgrad der Autorin und ein gewisses aufgrund Bowens Stellung in der Literaturgeschichte vorauszusetzendes Maß an Qualität ließen mich dieses Buch überhaupt bis zu Ende und danach tatsächlich noch ein zweites Mal lesen. Das Ergebnis ist verblüffend, denn man liest auf diese Weise zwei völlig unterschiedliche Romane.
Der erste ist ein quälend langweiliges Werk, besiedelt mit unsympathischen Charakteren, die sich scheinbar sinnlos durch ein reizloses Handlungsgerüst navigieren. Die drei Freundinnen, die dem Roman den Titel geben, werden so lange scheinbar wahllos mit ihren Vor-, Nach- und Spitznamen genannt, bis man nicht mehr weiß, um wen es gerade geht. Der zweite Roman, den man auf diese Weise liest, hat keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem ersten. Wie ein geheimnisvoller Fluss verfügt er jetzt über Untiefen, die zum Erkunden einladen. Die Charaktere kennt man jetzt so gut, dass der Namenssalat kein Problem mehr darstellt, und von Beginn an fallen einem nun die nötigen Andeutungen und Hinweise zu, die dem Leser die Lösungen in die Hand geben, worum es in diesem Buch unter der aalglatten Oberfläche eigentlich wirklich geht.
Dinah, um die Sechzig, steht offenbar an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Sie hat eine Beziehung mit dem ledigen Major Frank Wilkins. Sie wohnen jedoch nicht zusammen und gehen miteinander um, „[w]ie zwei alte Freunde.“ Obwohl Dinah schon in fortgeschrittenem Alter ist, werden ihre Schönheit und Junggebliebenheit ausdrücklich hervorgehoben. Sie wird als „schlank und hochbeinig“ beschrieben und hat „kurzgeschnittenes, lockeres Mädchenhaar […]“ von der „Farbe von Orangenmarmelade.“
Dinah überfällt auf einmal der Drang, ihre beiden Kindheitsfreundinnen Clare und Sheila, mit denen sie vor fünfzig Jahren eine eingeschworene Clique bildete, nach dieser langen Zeit wieder zu reaktivieren. Sie schaltet im ganzen Land Anzeigen, um an die beiden heranzukommen. Das Vorhaben funktioniert, allerdings mit zweifelhaftem Erfolg. Die drei feiern tatsächlich ihre Reunion, die aber deutlich anders ausfällt als die heitere Kaffeerunde, die man als Leser erwartet. Alte Verhaltensmuster schleichen sich wieder ein und lassen die drei Damen die Säbel für einen Untergrundkrieg rasseln.
Die Handlung wechselt dann in die Vergangenheit, in der die drei Damen elf Jahre alte Mädchen sind, die gemeinsam zur Schule gehen. Schon hier sind die Beziehungen zwischen den dreien kompliziert, durch die unterschiedlichen Rollen geleitet, die die Mädchen jeweils angenommen haben. Das Einzige, das sie gemeinsam hinkriegen, ist ihr Projekt, geheime Gegenstände in einer Truhe zu vergraben.
Höhepunkt der Vergangenheitshandlung ist das herzzerbrechend wehmütige Geburtstagspicknick am Strand. Obwohl kein Weltkrieg in dem Buch stattfindet, ist The Little Girls ein Kriegsroman, denn die Traumata, die die Frauen aus The Little Girls peinigen, sind direkt auf die Folgen des 1. Weltkriegs zurückzuführen. Die eindringlich geschilderte Geburtstagsfeier am Strand mit all ihren Trennungen und Verabschiedungen ist das Ende der schönen Welt. Anhand des Datums auf der Geburtstagstorte lässt sich fixieren, dass die Strandparty nur zwölf Tage vor Ausbruch der Apokalypse stattfindet.
Wieder in der Gegenwart strebt The Little Girls die Aufarbeitung der Kindheitstraumata und damit auch eine Neusortierung der zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den drei Frauen an. Hierbei setzt Bowen den Fokus auf Dinah und „Mumbo“ Clare, zwischen denen etwas steht, das ihrer beider Leben in all den Jahren in eine unglückliche und unerfüllte Gegenwart geführt hat. Was das ist, deutet bereits ein früher Dialog zwischen Clare und Sheila an, der wenig Zweifel über die sexuelle Neigung Mumbos/Clares zulässt:

„So bin ich geworden, was ich jetzt bin.“
„Was oder wie bist du also? Ich habe keine Ahnung.“
„Wirklich nicht?“ fragte Clare fast mit Ehrfurcht in der Stimme.
„Sei nicht so großspurig! Du hast es mir nie gesagt.“
„Ich glaubte nicht, dass es je nötig war.“

Offenbar wundert sich Clare darüber, dass bisher niemand gemerkt hat, dass sie lesbisch ist. Dass sie lesbisch ist, dafür gibt es in dem Buch mehrere Andeutungen, die aber nie wirklich darüber hinausgehen. Als die erwachsene Dinah sie direkt fragt, ob sie lesbisch sei, weicht sie aus.
Sein Finale erfährt The Little Girls, als deutlich wird, dass Dinah Clare immer geliebt hat. Aufgrund fehlender Kommunikationsfähigkeit wurde dies jedoch gegenseitig nie ausgesprochen. Dass sich endlich wirklich etwas im Leben der beiden Frauen ändert, wird in einer Schlüsselszene in der letzten Zeile des Romans deutlich, als Dinah Clare nicht mehr bei ihrem Spitznamen Mumbo anreden will und ihr somit zeigt, dass sie sie jetzt als erwachsene Frau wahrnimmt.
Überhaupt ist The Little Girls eher ein Roman der Schlüsselszenen und weniger ein Buch für reines Lesevergnügen. The Little Girls ist gut für Leser geeignet, denen es Freude bereitet, solche Szenen zu finden und zu entcodieren.
Die mir – neben der sexuellen Ausrichtung – wichtigsten Schlüsselszenen drehen sich um die Vaterschaften von Dinah und Clare, denn kurz vor Dinahs Geburt stürzte sich Dinahs Vater vor einen Zug. Warum? Hatte Mrs. Piggott (Dinahs Mutter) schon damals ein Verhältnis mit Major Burkin-Jones (Clares Vater), wovon ihr Mann wusste? Wenn dies zuträfe, könnte Major Burkin-Jones gar Dinahs leiblicher Vater und Dinah und Clare somit Halbschwestern sein. Im letzten Gespräch vor Dinahs Zusammenbruch, sagt Dinah:

„Ich bin auch – “
„Was?“ [fragt Mumbo]
„Ich bin auch meines Vaters Kind.“

Und an anderer Stelle zitiert Dinah aus Macbeth: „‚War mein Vater ein Verräter, Mutter‘ […].“

Deutsche Übersetzung: Die kleinen Mädchen, übersetzt (überarbeitete Übersetzung) von Helmut Winter (Frankfurt am Main und Leipzig: Insel, 1992)

Lektorat: Uwe Voehl

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2 Kommentare zu “[Rezension] Elizabeth Bowen – Die kleinen Mädchen

  1. Pardon. Ich verstehe zwar ansatzweise, warum man ein Buch, das einen mit Langeweile quält, trotz allem zu Ende liest (auch wenn ich das selbst nie tun würde), aber ich stehe vor einem Rätsel, wie man dazu kommt, es ein zweites Mal zu lesen. War es wirklich nur die Reputation der Autorin?
    Hm, wie bin ich überhaupt auf diese Seite gekommen? Ach ja, ich folgte einem Link. Stichwort phantastische Literatur. Also gut, schauen wir uns mal auf den anderen Seiten hier um.

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    • Die Reputation der Autorin hat mich lediglich dazu angetrieben, das Buch nicht schon nach 20 Seiten wegzulegen. Aber manchmal spürt man eben (ich zumindest), wann es sich lohnt, ein Buch zu besiegen, auch, wenn man erst etwas reininvestieren muss. Bei solchen Büchern hat man aber manchmal ein Leben was davon, im Gegensatz zu einem puren Spannungsroman, den man runterliest, weglegt und vergisst.

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